{"id":99348,"date":"2020-12-11T19:21:17","date_gmt":"2020-12-11T18:21:17","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=99348"},"modified":"2020-12-11T19:24:55","modified_gmt":"2020-12-11T18:24:55","slug":"weihnachten-ohne-familie-haette-nicht-gedacht-dass-mir-das-wehtut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/weihnachten-ohne-familie-haette-nicht-gedacht-dass-mir-das-wehtut\/","title":{"rendered":"Fest ohne Familie \u2013 \u00abH\u00e4tte nicht gedacht, dass mir das wehtut\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Ja, dieses Weihnachten wird anders als sonst. Keine oder weniger Familie, keine oder weniger Freund*innen. Da geht auch unserem Autor* so. Er hofft trotzdem, dass sich alle Queers geliebt f\u00fchlen.<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, ist das noch nicht so recht klar: ob (und wenn ja: wie) das mit dem Lockdown kommt. Dieses Jahr an Weihnachten. Unklar wie \u00abWhite Christmas\u00bb-Schneegest\u00f6ber ist das eher. Was ich weiss: F\u00fcr mich f\u00e4llt Weihnachten, wie ich es bislang kannte, ohnehin aus. Meine Mama hat Weihnachten gecancelt. F\u00fcr uns. Sie geh\u00f6rt zur Corona-Risikogruppe, und ihr steht ein nicht ganz ungef\u00e4hrlicher Eingriff im Januar bevor \u2013 der nicht hinausgez\u00f6gert werden sollte. Meine Schwester und ich wohnen beide in Corona-Hotspots. Zwar hatte ich schon Covid-19 im Herbst, aber so richtig sicher ist das mit der Immunit\u00e4t ja nicht und wie lang sie anh\u00e4lt. Ergo bleibt jede*r dieses Jahr bei sich zu Hause. Ein Familien-Weihnachtsfest wird es nicht geben. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass mir das mal wehtut.<\/p>\n<p>Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Und Weihnachten, dieses Familienfest, war f\u00fcr mich einige Male auch sehr niederschmetternd \u2013 seit ich weiss, dass ich schwul bin. Vielleicht ist das ja eine Erfahrung, die ich mit anderen Queers teile? Mit 15 hatte ich meinen ersten Freund und mit 16 dann mein Coming-out. Meine Eltern waren \u00fcberfordert, und ich war mit ihrer \u00dcberforderung \u00fcberfordert. Ich war jung und wollte gl\u00fccklich sein. Mit meinem Freund. Aber die ersten Jahre \u00fcber durfte ich ihn an Weihnachten nicht mitbringen. Selbst in Jahren, in denen es ganz normal war, dass meine Schwester ihren Freund mitbrachte, wurde bei mir gekontert, \u00e0 la: \u00abMuss das sein? Das Haus ist doch schon so voll.\u00bb Ich hab das nie geglaubt, dass das der Grund ist.<\/p>\n<p>Als Kind war f\u00fcr mich Weihnachten nat\u00fcrlich magisch. Sp\u00e4ter hab ich mich manchmal beim Tanzen im Disco-Licht erinnert, wie toll Weihnachten einst war, als ich klein war. Dann hat mich auf dem Dancefloor die silberne Disco-Kugel an den Christbaumspitzenstern erinnert und an die s\u00fcndhaften Mengen Lametta \u2013 und das regenbogenspektrale Disco-Licht an die Lichterkette am Tannenbaum, die meine Eltern vor einigen Jahren leider gegen eine viel \u00abnat\u00fcrlichere\u00bb, also dezentere getauscht haben. Ich habe mich dann beim Tanzen im queeren Club manchmal zur\u00fcckerinnert an diese magische Lichterketten-Zeit, als ich geliebt wurde, ohne Wenn und Aber. Und manchmal ist das dann auch auf dem Tanzboden wieder geschehen. Oder vielleicht wollte ich das auch bloss glauben.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"ccqukV8Ubw\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/hotelzimmerromantik-mit-richard-renaldi\/\">Hotelzimmerromantik \u2013 intime Einblicke in das Leben zweier M\u00e4nner<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Hotelzimmerromantik \u2013 intime Einblicke in das Leben zweier M\u00e4nner&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/hotelzimmerromantik-mit-richard-renaldi\/embed\/#?secret=ccqukV8Ubw\" data-secret=\"ccqukV8Ubw\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Im Lauf der Jahre ist dann zweierlei passiert: Einerseits bin ich ausgezogen, zwei Wochen nach dem Abi, und hab mich sicher in Vielem von meiner Familie entfernt, r\u00e4umlich und mental. Andererseits haben meine Eltern mit der Zeit verstanden: Mein Freund durfte an Weihnachten dabei sein \u2013 bei meinen Eltern, meiner Schwester und auch meiner Grossfamilie. Manchmal bin ich daf\u00fcr dankbar, manchmal denke ich: \u00abNormal, so sollte es ja einfach sein.\u00bb Und auch wenn diese Feiern, n\u00fcchtern betrachtet, nie sonderlich spektakul\u00e4r waren, so sind sie f\u00fcr mich doch zu einem grossen Symbol geworden: dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin, mit meinem Freund gemeinsam. An keinem anderen Tag wird mir das so klar. Das bringt mich in Frieden mit mir selbst, mit meiner Vergangenheit, mit meinem schwierigen Coming-out auch mit dem Kind, das ich war und das das Lametta im Regenbogenlicht geliebt hat.<\/p>\n<p>Ich muss an \u00c9douard Louis denken: \u00abIm Herzen der Gewalt\u00bb. Der autobiographische Roman beginnt, chronologisch betrachtet, damit, dass \u00c9douard, etwas angetrunken und mit Buch-Geschenken beladen, von seinen beiden besten schwulen Freunden aus, mit denen er Weihnachten gefeiert hat (nicht mit der Familie), den Heimweg antritt. Er denkt dabei dar\u00fcber nach, wie weit er sich von seiner Familie entfernt hat.<\/p>\n<p>Wenn ich noch d\u00fcsterer drauf bin, denke ich an <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/xavier-dolan-ich-muss-mich-nicht-mehr-ueber-die-meinung-anderer-definieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Xavier Dolan<\/a>: \u00abEinfach das Ende der Welt\u00bb: Der Protagonist, ein schwuler Schriftsteller, kehrt nach 12 Jahren Distanz zu seiner Familie zur\u00fcck. In der Literaturvorlage des Films hat der Schriftsteller Aids, aber im Film bleibt das offen, was f\u00fcr eine Krankheit er hat. Jedenfalls wird er seine Familie zum letzten Mal gesehen haben, das weiss er auch, doch er bringt es nicht \u00fcbers Herz, von seiner Krankheit zu erz\u00e4hlen. Oder: Die Familie schafft nicht das Vertrauen, damit er das k\u00f6nnte. Nicht wenige queere Geschichten erz\u00e4hlen von der Entfremdung von der Familie.<\/p>\n<p>Ich hab geheult, als der Abspann lief. Und ich weine eigentlich fast nie im Kino. Warum hat das so viel in mir ausgel\u00f6st? Ich glaube, weil ich Angst davor, dass auch ich mich so weit von meine Familie entfernt haben k\u00f6nnte. Oder: dass meine Queerness und alles, was sie mit sich brachte, das bewirkt hat. Weihnachten, gemeinsames Weihnachten, ist der beste Gegenbeweis. Ich merke das gerade sehr, obwohl es mir vor einigen Jahren auch eher wie eine l\u00e4stige Pflicht vorkam, Jahr f\u00fcr Jahr von Berlin in die Provinz zu fahren \u2013 und auch dass das f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich genommen wurde, so kam es mir jedenfalls vor.<\/p>\n<p>Dieses Jahr also erstmals Weihnachten nicht bei meinen Eltern, sondern in Berlin, der Beton-Stadt, die an Weihnachten angeblich immer leer ist, aber diesmal ja vielleicht auch nicht. Ein paar Freund*innen werden wohl da sein, vielleicht sehe ich einige noch auf einen Gl\u00fchwein vorab. Bei manchen w\u00fcnsch ich mir das sehr. Ich w\u00fcrde auch gerne die lesbische Weihnachtskom\u00f6die \u00abHappiest Season\u201c mit Kristen Stewart sehen, aber leider l\u00e4uft die im deutschen Streaming nirgendwo, Skandal! Daf\u00fcr guck ich heute Abend die queere Weihnachtssause von Taylor Mac, die noch bis Anfang Januar online abrufbar ist.<\/p>\n<p>Ich denke an Timoth\u00e9e Chalamet als Elio am Kamin, ganz am Ende von <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/oscar-fuer-call-me-by-your-name\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abCall Me By Your Name\u00bb<\/a>, w\u00e4hrend Sufjan Stevens herzzerreissend \u00abVisions of Gideon\u00bb singt. Es ist Chanukka, Oliver ist in der Ferne, sie haben telefoniert, irgendwann m\u00fcssen sie auflegen, und Elio sp\u00fcrt bitterlich die Distanz, in seiner Heimisolation am Kamin.<\/p>\n<p>Einen Adventskranz hab ich schon, dieses Jahr zum ersten Mal. Ob ich mir und meinem Freund auch einen Tannenbaum zum ersten Mal aufstelle? Man wird wirklich erwachsen. Wer h\u00e4tte das gedacht? Ich nicht. Ich denke, meine Schwester und meine Eltern und ich und mein Freund, wir werden uns am 24. Dezember irgendwie online zusammenschalten. Dann werde ich sie im digitalen Fenster sehen und irgendwo im Hintergrund den Weihnachtsbaum dort, wo ich ihn schon als Kind kannte, magischer als jedes Disco-Licht. Ich hoffe, ich bekomme es hin, ihnen zu sagen, dass ich sie lieb habe. \u00dcber meine Gef\u00fchle zu sprechen ist immer noch nicht meine St\u00e4rke. Ich hoffe, dass auch die anderen Queers da draussen sich geliebt f\u00fchlen, auch von ihrer Familie, und dass sie es vielleicht merken oder, besser noch, sp\u00fcren \u2013 dadurch, wie man einander fehlt dieses Jahr.<\/p>\n<p><em>*Die Meinung der Autor*innen von\u00a0<\/em><em>Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeitr\u00e4gen\u00a0<\/em><em>spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses #Weihnachten wird anders als sonst. Keine oder weniger #Familie, keine oder weniger Freund*innen. Da geht auch unserem Autor so. Er hofft trotzdem, dass sich alle #Queers geliebt f\u00fchlen. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/weihnachten-ohne-familie-haette-nicht-gedacht-dass-mir-das-wehtut\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1835,"featured_media":99353,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3270],"tags":[5442,5539,5478,5532],"wps_subtitle":"Unser Autor wird Weihnachten zum ersten Mal ohne seine Familie sein ","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/99348"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1835"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=99348"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/99348\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=99348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=99348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=99348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}