{"id":97868,"date":"2020-12-01T12:43:33","date_gmt":"2020-12-01T11:43:33","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=97868"},"modified":"2021-01-06T09:58:01","modified_gmt":"2021-01-06T08:58:01","slug":"hiv-im-jahr-2020-die-bevoelkerung-braucht-dringend-ein-update","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/hiv-im-jahr-2020-die-bevoelkerung-braucht-dringend-ein-update\/","title":{"rendered":"HIV im Jahr 2020: Die Bev\u00f6lkerung braucht dringend ein Update"},"content":{"rendered":"<h3>Abgemagerte K\u00f6rper, Lungenentz\u00fcndungen, Hautkrebs: Trotz Pr\u00e4vention und medizinischen Fortschritts sind diese dramatischen Bilder der 80er Jahre noch nicht aus allen K\u00f6pfen verschwunden. Darum braucht die Gesellschaft dringend ein Update in Sachen HIV, wie Caroline Suter, stellvertretende Gesch\u00e4ftsleiterin der Aids-Hilfe Schweiz, erkl\u00e4rt.<\/h3>\n<p>Trotz wirksamer Therapie erleben HIV-Positive beruflich wie privat Diskriminierungen: von sexueller Ablehnung \u00fcber das Gesundheitswesen bis hin zum Ausschluss bei Privatversicherungen. Hundert Diskriminierungsmeldungen gehen j\u00e4hrlich bei der Aids-Hilfe Schweiz ein. Doch die Dunkelziffer liegt laut der Organisation um ein Zehnfaches h\u00f6her. Es wird Zeit, aufzukl\u00e4ren und Diskriminierungen zu stoppen. Wie? Das hat die Fachstelle f\u00fcr Aids- und Sexualfragen (AHSGA) bei Caroline Suter nachgefragt.<\/p>\n<p><strong>AHSGA: Dank medizinischer Fortschritte sind HIV-positive Menschen bei einer wirksamen Therapie nicht mehr ansteckend und k\u00f6nnen ein ganz normales Leben f\u00fchren. Welche Entwicklungen beobachten Sie bez\u00fcglich Stigmatisierung und Diskriminierung von HIV-positiven Menschen?<br \/>\n<\/strong>Caroline Suter: Die HIV-Therapie ist eine grosse Erleichterung f\u00fcr HIV-Betroffene: Dank der Therapie stecken sie niemanden mehr an. Das ist zwar bereits seit 2008 bekannt, aber wenige Menschen wissen das \u2013 sogar im medizinischen Umfeld.\u00a0Zudem hat die Therapie im strafrechtlichen Bereich zu \u00c4nderungen gef\u00fchrt: Wer unter der Nachweisgrenze ist, braucht niemanden mehr \u00fcber die eigene HIV-Infektion zu informieren \u2013 auch beim Sex nicht: Denn unter der Nachweisgrenze ist eine HIV-positive Person nicht mehr ansteckend.<\/p>\n<p><strong>Trotz dieser positiven Ver\u00e4nderungen sind Diskriminierungen nach wie vor an der Tagesordnung. Warum?<br \/>\n<\/strong>Dies liegt an den Bildern aus den 80ern, als eine HIV-Diagnose einem Todesurteil gleichkam. Und diese Bilder halten sich hartn\u00e4ckig in den K\u00f6pfen. Darum ist es wichtig, die Allgemeinbev\u00f6lkerung weiterhin zu sensibilisieren und aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Sie leiten die Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz und bieten HIV-Betroffenen Rechtshilfe im Falle von Diskriminierungen. Welcher Art von Diskriminierungen begegnen Sie dabei?<br \/>\n<\/strong>Das reicht von einem Versicherungsausschluss bis hin zu Zahnarztpraxen, die HIV-positiven Menschen nur Randtermine geben, weil sie nach der Behandlung die Instrumente besonders gut desinfizieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Reicht denn eine medizinisch korrekte Desinfektion nicht, um alle Keime und Viren abzut\u00f6ten?<br \/>\n<\/strong>Klar, diese Begr\u00fcndung l\u00e4sst sich durch nichts rechtfertigen. Allgemein haben gerade Diskriminierungen im Gesundheitswesen zugenommen: Dem medizinischen Personal fehlen die Kenntnisse zum Thema #undetectable \u2026<\/p>\n<p><strong>Undetectable?<br \/>\n<\/strong>\u2026 dass HIV-Patient*innen unter der Nachweisgrenze nicht ansteckend sind. Denn eine wirksame HIV-Therapie senkt die Virenlast im Blut so stark, dass sich HI-Viren nicht mehr entdecken bzw. nachweisen lassen. Deswegen der Begriff #undetectable \u2013 nicht nachweisbar. Weil dieses Wissen fehlt, gibt es immer noch Zahnarztpraxen, die auf ihren Fragebogen nachfragen, ob jemand HIV-positiv ist. Dies wiederum ist aus datenschutzrechtlichen Gr\u00fcnden nicht erlaubt.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen weiteren Diskriminierungsformen haben HIV-Betroffene zu k\u00e4mpfen?<br \/>\n<\/strong>Da gibt es viele Beispiele: Spit\u00e4ler, die Zimmer mit Punkten versehen, in denen sich HIV-Patient*innen befinden. Oder \u00c4rzte, Dentalhygieniker*innen und Physiotherapeut*innen, die im Laufe einer Behandlung erfahren, dass jemand HIV-positiv ist und die Behandlung dann abbrechen. Oder Einzeltaggeldversicherungen, die selbstst\u00e4ndig Erwerbenden einen Versicherungsschutz verwehren, weil diese HIV-positiv sind.<\/p>\n<p><strong>Warum ist das noch so? Schliesslich haben HIV-positive Menschen heutzutage eine ganz normale Lebenserwartung.<br \/>\n<\/strong>Genau. Es gibt f\u00fcr Privatversicherungen heute keinen Grund mehr, HIV-positive Menschen von Leistungen auszuschliessen, die in den letzten zehn bis f\u00fcnfzehn Jahren HIV-positiv diagnostiziert wurden. Denn die heutige Therapie erm\u00f6glicht ein Leben ohne Einschr\u00e4nkungen. Im Gegenteil: HIV-positive Menschen sind medizinisch besser begleitet als HIV-negative Menschen, woraus sich schlussfolgern l\u00e4sst, dass HIV-Positive nicht h\u00e4ufiger krank sind als HIV-Negative.<\/p>\n<p><strong>Halten solche Ausschl\u00fcsse oder Vorbehalte \u00fcberhaupt dem Gesetz stand?<br \/>\n<\/strong>Eigentlich nicht. Allerdings ist es schwierig, eine Aufnahme in eine Privatversicherung rechtlich zu erstreiten. Denn private oder Zusatzversicherungen haben als fakultative Versicherungen schlicht das Recht, Personen abzulehnen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"xvJxlY14gD\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/peter-plate-und-marcella-rockefeller-ich-hab-genauso-angst-wie-du\/\">Marcella Rockefeller &#038; Peter Plate: Benefizsong zum Welt-AIDS-Tag<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Marcella Rockefeller &#038; Peter Plate: Benefizsong zum Welt-AIDS-Tag&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/peter-plate-und-marcella-rockefeller-ich-hab-genauso-angst-wie-du\/embed\/#?secret=xvJxlY14gD\" data-secret=\"xvJxlY14gD\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>In welchen Bereichen beobachten Sie Verbesserungen, was das HIV-Stigma angeht?<br \/>\n<\/strong>Im Arbeitsumfeld m\u00fcssen sich die Betroffenen nicht mehr outen. Fr\u00fcher war das wegen der Medikamenteneinnahme unter Umst\u00e4nden n\u00f6tig, weil diese zu einer bestimmten Tageszeit zu erfolgen hatte. Auch beim Reisen hat sich in den letzten zehn Jahren einiges verbessert: Viele L\u00e4nder haben ihre Einreisebeschr\u00e4nkungen aufgehoben. Jedoch gibt es immer noch 48 L\u00e4nder, die eine Einreise- bzw. Aufenthaltsbeschr\u00e4nkung kennen.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen solche Reisebeschr\u00e4nkungen aus?<br \/>\n<\/strong>Es gibt Abstufungen \u2013 von Beschr\u00e4nkungen bei Arbeitsvisa oder l\u00e4ngeren Aufenthalten wie in Australien bis hin zum totalen Einreiseverbot: Wer zum Beispiel beruflich in die Vereinigten Arabischen Emirate einreisen m\u00f6chte, kann dies nur mit einem negativen HIV-Test tun und muss diesen bei einem l\u00e4ngeren Aufenthalt j\u00e4hrlich wiederholen.<\/p>\n<p><strong>Was passiert, wenn ein HIV-Test in einem restriktiveren Land positiv ausf\u00e4llt?<br \/>\n<\/strong>Wir hatten einmal einen solchen Fall in Dubai: Die betroffene Person wurde nach dem positiven Testresultat direkt vom Arbeitsplatz abgef\u00fchrt, kam f\u00fcr neun Monate ins Gef\u00e4ngnis und verlor dabei alles, inklusive Wohnung.\u00a0Darum raten wir HIV-Betroffenen, sich vor einer Reise auf der Plattform <strong>hivtravel.org<\/strong> zu informieren. Dort sind alle L\u00e4nder und Restriktionsarten aufgef\u00fchrt, und man kann sich \u00fcber das Kontaktformular die aktuellen Informationen zum jeweiligen Land holen.<\/p>\n<p><strong>Haben solche drastischen Restriktionen auch etwas mit der Schuldfrage zu tun? Oft sehen sich HIV-Positive mit dem Vorwurf konfrontiert, an ihrem Schicksal selbst schuld zu sein.<br \/>\n<\/strong>Mit Sicherheit. Die Schuldfrage ist immer noch da \u2013 auch in der Schweiz. Das Strafrecht hat dies bis vor wenigen Jahren stark untermauert: So war es f\u00fcr HIV-Positive strafbar, ungesch\u00fctzten Sex mit jemandem zu haben; unabh\u00e4ngig davon, ob sie unter der Nachweisgrenze waren oder nicht und ob sie ihren Status offengelegt haben oder nicht.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren anerkennen die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Gerichte, dass HIV-positive Menschen unter der Nachweisgrenze nicht ansteckend und somit nicht strafbar sind, auch wenn sie Sex ohne Kondom praktizieren und ihre*n Partner*in nicht \u00fcber die HIV-Infektion informieren.<\/p>\n<p>Seit 2016 hat sich die Strafbarkeit durch Revision des Epidemiengesetzes zus\u00e4tzlich abgeschw\u00e4cht: Informiert eine HIV-positive Person mit nachweisbarer Viruslast ihre*n Sexualpartner*in vor dem ungesch\u00fctzten Sex, macht sie sich nicht mehr strafbar. Allerdings ist die strafrechtliche Situation immer noch fraglich: Letztlich liegen die pers\u00f6nlichen Schutzstrategien in der individuellen Verantwortung. Strafrechtlich dagegen liegt diese Verantwortung ausschliesslich bei HIV-positiven Menschen.<\/p>\n<p><strong>Auf Dating-Portalen erfahren HIV-Positive zus\u00e4tzlich eine sexuelle Zur\u00fcckweisung, auch wenn sie unter der Nachweisgrenze sind. Stecken dahinter Unwissen oder \u00c4ngste?<br \/>\n<\/strong>Unwissen nicht unbedingt, wenn HIV-Positive ihrem Gegen\u00fcber ihren Status offenlegen und den Begriff #undetectable erkl\u00e4ren. Viel eher sind es die dramatischen Bilder der 80er Jahre, als Aids sichtbare Spuren auf dem K\u00f6rper der Erkrankten hinterliess. Oder aber das Vertrauen in die Wissenschaft fehlt. Auf jeden Fall kommen die Leute immer noch nicht klar damit. Hilfreich kann sein, wenn eine HIV-positive Person ihre*n Partner*in zu einer Fachperson der Infektiologie mitnimmt, um \u00fcber Vorbehalte und \u00c4ngste zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Was gilt es, auf den Dating-Portalen sonst noch zu beachten?<br \/>\n<\/strong>Ein grosses Problem auf Dating-Portalen, aber auch in den sozialen Medien, sind die Datenschutzverletzungen. Diese nehmen zu \u2013 gerade auch in diesem Jahr. Vermutlich liegt das an der isolierten Situation wegen der Pandemie. Jedenfalls lassen sich sensible Daten wie der HIV-Status \u00fcber solche Netzwerke nicht nur leicht verbreiten, sondern rechtlich auch gar nicht mehr kontrollieren. Die Verbreitung muss nicht einmal b\u00f6sartig erfolgen. Vielen Menschen ist jedoch nicht bewusst, dass der HIV-Status nur mit der Einwilligung der betroffenen Person kommuniziert werden darf.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"TxaDCAALnc\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-winter-ist-da-die-neue-mannschaft-auch\/\">Mit MANNSCHAFT \u00fcberwintern \u2013 Das bringt die aktuelle Ausgabe<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Mit MANNSCHAFT \u00fcberwintern \u2013 Das bringt die aktuelle Ausgabe&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-winter-ist-da-die-neue-mannschaft-auch\/embed\/#?secret=TxaDCAALnc\" data-secret=\"TxaDCAALnc\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Wenn sich heute jemand als HIV-positiv in seinem beruflichen oder privaten Umfeld outen m\u00f6chte, aber Angst hat, Freunde oder Job zu verlieren: Was raten Sie in einer solchen Situation?<br \/>\n<\/strong>Jede Person muss das selbst entscheiden, ob sie sich outet. Grunds\u00e4tzlich w\u00e4re ein Outing ein guter Schritt, weil mehr Sichtbarkeit auch zu mehr Akzeptanz und weniger Diskriminierungen f\u00fchrt. Es gilt, auf ein paar Sachen zu achten \u2013 besonders auf die rechtliche Komponente: Weisen Sie Ihr Gegen\u00fcber darauf hin, dass der HIV-Status eine besonders sch\u00fctzenswerte Information ist und ohne Ihr Einverst\u00e4ndnis nicht weitergegeben werden darf.<\/p>\n<p><strong>Welche Folgen haben Diskriminierungen auf HIV-positive Menschen?<br \/>\n<\/strong>Es sind dies vor allem psychische Folgen, die wir nicht untersch\u00e4tzen d\u00fcrfen: Oft ziehen sich HIV-Betroffene wegen des Stigmas zur\u00fcck. Dieser R\u00fcckzug f\u00fchrt zu Depressionen oder zu anderen psychischen Erkrankungen. Nat\u00fcrlich kommt es immer auch darauf an, wie gut jemand im eigenen Umfeld eingebettet ist.<\/p>\n<p>Des Weiteren behindern Diskriminierungen auch die Pr\u00e4vention und den Therapieerfolg. Erstens, weil sich HIV-Betroffene entmutigt f\u00fchlen und ihre Medikamente nicht mehr regelm\u00e4ssig einnehmen. Dies wiederum verursacht Resistenzen und Komplikationen. Zweitens, weil das HIV-Stigma andere Menschen davon abh\u00e4lt, sich regelm\u00e4ssig testen zu lassen: Sie verdr\u00e4ngen stattdessen lieber eine m\u00f6gliche Infektion und stecken unter Umst\u00e4nden weitere Menschen an. Dabei w\u00e4re es wichtig, sich testen zu lassen, um im Falle einer Infektion schnell mit einer Therapie zu beginnen.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie die HIV-bezogene Stigmatisierung in zehn oder zwanzig Jahren?<br \/>\n<\/strong>Mein Wunsch ist es, dass es bis dahin gar keine Diskriminierungen mehr gibt. Ich arbeite nun seit neunzehn Jahren bei der Aids-Hilfe im Rechtsdienst. Schon damals hoffte ich darauf, wurde aber eines Besseren belehrt. Dennoch bin ich \u00fcberzeugt, dass wir in zehn Jahren an einem anderen Punkt sein werden: Irgendwann wird die Botschaft in den K\u00f6pfen ankommen, dass es keinen Grund mehr gibt, Angst vor HIV zu haben. Auch Versicherungen werden einsehen, dass es f\u00fcr HIV-Positive keinen Ausschlussgrund mehr gibt. Ebenso werden weitere L\u00e4nder ihre Reisebeschr\u00e4nkungen aufheben, damit HIV-positive Menschen wieder frei und sorglos reisen d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abgemagerte K\u00f6rper, Lungenentz\u00fcndungen, Hautkrebs: Trotz medizinischen Fortschritts sind die dramatischen Bilder der 80er Jahre nicht aus allen K\u00f6pfen verschwunden. 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