{"id":95011,"date":"2020-10-28T09:34:54","date_gmt":"2020-10-28T08:34:54","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=95011"},"modified":"2021-01-09T11:47:55","modified_gmt":"2021-01-09T10:47:55","slug":"sexuelle-identitaet-es-geht-um-akzeptanz-so-sein-zu-duerfen-wie-man-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/sexuelle-identitaet-es-geht-um-akzeptanz-so-sein-zu-duerfen-wie-man-ist\/","title":{"rendered":"\u00abAlle Menschen d\u00fcrfen so sein, wie sie sind\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Sexuelle Identit\u00e4t und Kritik an klassischen Rollenstereotypen \u2013 das sind zentrale Bestandteile vieler Diskussionen und Diskursen in der LGBTIQ-Community. Mit der Wiener <a href=\"https:\/\/www.psychotherapie-hofer.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Psychotherapeutin Katrin Hofer<\/a> haben wir das Ganze aus therapeutischer Perspektive beleuchtet.<\/h3>\n<p><strong>Katrin, wir schlagen ein Kinderbuch auf, sehen Vater, Mutter und Kind. Die Mutter kocht, der Vater geht arbeiten. Ist das ein Rollenstereotyp? Was macht das mit uns?<\/strong><br \/>\nDas ist sicher ein Beispiel f\u00fcr eine Rollenzuschreibung, wie wir sie h\u00e4ufig erleben. Rollen per se sind nicht immer schlecht, aber sind sie zu festgefahren und werden zu wenig kritisch hinterfragt, k\u00f6nnen \u00c4ngste entstehen. Das hemmt uns wiederum in unserer individuellen Weiterentwicklung.<\/p>\n<p><strong>Warum besch\u00e4ftigt das Thema \u00abSexuelle Identit\u00e4t\u00bb Menschen?<\/strong><br \/>\nWer bin ich? Was macht mich aus? Wie nehme ich mich selbst wahr? Wie f\u00fchle ich mich in meinem K\u00f6rper? Zu wem f\u00fchle ich mich hingezogen? Das sind Grundfragen der menschlichen Identit\u00e4t. Die Formung der sexuellen Identit\u00e4t beginnt schon mit dem zweiten Lebensjahr, besch\u00e4ftigt dann aber vor allem Jugendliche, wenn sie erste intime Erfahrungen mit anderen Menschen erleben und sie merken, wie es ihnen dabei geht. Aber auch bei erwachsenen Menschen bleibt die sexuelle Identit\u00e4t oft ein Thema, das besch\u00e4ftigt. H\u00e4ufig, wenn Menschen selbst Eltern werden und das Geschlecht ihres Kindes erfahren. Dann kommen oft pers\u00f6nliche Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen auf.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern beeinflusst die Frage nach sexueller Identit\u00e4t das Selbstbild sowie den Selbstwert eines Menschen?<\/strong><br \/>\nDas h\u00e4ngt unweigerlich zusammen, denn je bewusster ich mir meiner eigenen sexuellen Identit\u00e4t bin, desto ausgepr\u00e4gter ist auch mein Selbstwert. Oder umgekehrt: Je weniger ich im Reinen mit meiner sexuellen Identit\u00e4t bin, desto geringer mein Selbstwertgef\u00fchl. Das bewusste F\u00fchlen und Auseinandersetzen mit der eigenen sexuellen Identit\u00e4t tr\u00e4gt zu einem st\u00e4rkeren Selbstwert bei.<\/p>\n<p><strong>Welche \u00c4ngste stecken hinter dem Akzeptieren der eigenen sexuellen Identit\u00e4t?<\/strong><br \/>\nEin Urbed\u00fcrfnis aller Menschen ist die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozialen Gruppe, das Gef\u00fchl akzeptiert, anerkannt und geliebt zu werden. Insofern definiert sich jeder Mensch, ob bewusst oder unbewusst, ob gewollt oder ungewollt, teilweise \u00fcber die Gesellschaft. Und genau darin liegt der Ursprung der Angst seine eigene sexuelle Identit\u00e4t zu akzeptieren und zu leben.<\/p>\n<p><strong>Bringt uns das zur\u00fcck zu den Rollenstereotypen, die uns in unserer sexuellen Identit\u00e4t hindern?<\/strong><br \/>\nGewissermassen ja, denn die erste soziale Gruppe, die wir als Menschen kennenlernen ist die Familie, die wiederum von der Gesellschaft gepr\u00e4gt ist. Abh\u00e4ngig davon, wie festgefahren Rollenstereotypen in einer Familie sind, kann Angst entstehen. Die Angst nicht akzeptiert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Aus einer psychotherapeutischen Perspektive \u2013 sind Rollenstereotype gut, schlecht oder beides?<\/strong><br \/>\nPsychotherapie ist ein wertfreier Raum. Wir beurteilen hier nichts als gut oder schlecht. Es geht darum, Menschen zu unterst\u00fctzen ihre individuellen Bed\u00fcrfnisse neutral zu sehen und auszuleben. Problematisch sind Rollenstereotype, in die Menschen geschoben werden, obwohl sie sich selbst in dieser Rolle nicht sehen. Andererseits profitieren wir alle auch von Rollenaufteilungen, beispielsweise in einer Wohngemeinschaft, in der manche kochen und andere b\u00fcgeln. Der Begriff Rollenstereotypen ist h\u00e4ufig negativ behaftet, allerdings bedienen wir uns alle vieler Rollen und profitieren auch davon.<\/p>\n<p><strong>Gibt es \u00fcberhaupt eine Gesellschaft ohne Rollenstereotype?<\/strong><br \/>\nDas ist idealistisch. Jedes Individuum hat eine Herkunft und ist Teil einer Gesellschaft. Ich lerne viele Menschen kennen, die sich intensiv mit sich sowie ihrem Umfeld auseinandersetzen und reflektieren. Und doch hat jeder blinde Flecken und verf\u00e4llt in stereotypische Denkmuster. Rollenbilder wird es immer geben, es geht aber vielmehr um die Frage, wie wir damit umgehen und wie offen wir anderen gegen\u00fcber sind. Das ist entscheidend.<\/p>\n<p><strong>In deiner Arbeit begleitest du auch LGBTIQ-Personen. Spielen Rollenstereotype hier h\u00e4ufig eine Rolle?<\/strong><br \/>\nDer Wunsch von den traditionellen weiblichen und m\u00e4nnlichen Eigenschaften und Rollen wegzugehen ist sicher vorhanden. Und dennoch bleibt auch bei LGBTIQ-Personen der Wunsch zu einer Gruppe dazuzugeh\u00f6ren. Auch das ist eine Rollenzuschreibung, die zu hinterfragen ist. Wenn wir Klischees aufweichen m\u00f6chten, m\u00fcssen wir uns vor allem die Frage stellen, welchen Nutzen Rollen haben und wo wir uns dieser selbst bedienen.<\/p>\n<p><strong>Ganz allgemein: Haben LGBTIQ-Personen in der Therapie bestimmte Anliegen?<\/strong><br \/>\nIm Grunde geht es um \u00e4hnliche Ur\u00e4ngste und Grundbed\u00fcrfnisse. Es geht h\u00e4ufig um Akzeptanz und so sein zu d\u00fcrfen, wie man ist. Aber das betrifft alle Menschen und ist nicht spezifisch f\u00fcr LGBTIQ-Personen.<\/p>\n<p><strong>Was r\u00e4tst du Mitgliedern der LGBTIQ-Community, die Probleme mit ihrer sexuellen Identit\u00e4t oder Rollenstereotypen haben?<\/strong><br \/>\nEinerseits den Kontakt zu Gleichgesinnten und zur eigenen Community zu suchen. Dort wird man gest\u00e4rkt und diese St\u00e4rke kann man in andere Lebenssituationen einbringen. Andererseits kann Psychotherapie helfen in einem wertfreien Raum ein unbeschwertes und auf die eigenen Bed\u00fcrfnisse abgestimmtes Lebensmodell zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Stichwort Konversionstherapien <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/deutschland-verbietet-konversionsbehandlungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(die in \u00d6sterreich nicht ausdr\u00fccklich verboten sind, in Deutschland dagegen schon \u2013 MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Sind schon Menschen zu dir gekommen mit dem Ziel ihre geschlechtliche oder sexuelle Identit\u00e4t zu \u00e4ndern?<\/strong><br \/>\nMit dem direkten Ziel einer Konversionstherapie nicht. Es sind vielmehr Menschen, die Angst haben nicht normal zu sein. Menschen, die versucht haben ein Leben zu leben, welches nicht ihren Bed\u00fcrfnissen entspricht. Ich w\u00fcrde das als Therapeutin auch nie machen, denn Konversionstherapie bedeutet: Ich ver\u00e4ndere mich, um in ein Schema reinzupassen. Dadurch werden Bed\u00fcrfnisse unterdr\u00fcckt und die eigene Identit\u00e4t wird verleumdet. Insofern f\u00f6rdert eine Konversionstherapie St\u00f6rungen und \u00c4ngste. Mein Ansatz ist immer, dass Menschen ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse wahrnehmen und akzeptieren d\u00fcrfen. Sie d\u00fcrfen so sein, wie sie sind.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"i7O8uNn8BY\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/schutz-vor-hass-im-netz-ein-laengst-ueberfaelliger-schritt\/\">Schutz vor Hass im Netz \u2013 \u00abein l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Schritt!\u00bb<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Schutz vor Hass im Netz \u2013 \u00abein l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Schritt!\u00bb&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/schutz-vor-hass-im-netz-ein-laengst-ueberfaelliger-schritt\/embed\/#?secret=i7O8uNn8BY\" data-secret=\"i7O8uNn8BY\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Inwiefern f\u00f6rdert die Kirche Rollenstereotypen?<\/strong><br \/>\nDie Religion ist eine von vielen Communities in unserer Gesellschaft. Genauso, wie Sportvereine, Familien oder auch die queere Community, gibt es bewusste und\/oder unbewusste Gebote und Verbote. \u00dcberall dort, wo eine Community ist, zu der ein Mensch dazugeh\u00f6ren m\u00f6chte, kann auch die Angst vor Ausschluss entstehen.<\/p>\n<p><strong>Als Psychotherapeutin bist du in Wien und Nieder\u00f6sterreich t\u00e4tig. Wie sehr wird die \u00f6sterreichische Gesellschaft von Rollenstereotypen gepr\u00e4gt?<\/strong><br \/>\n\u00d6sterreich ist auf einem guten Weg. Vieles wird hinterfragt, das Gesellschaftsbild wird vielf\u00e4ltiger. Ich merke allerdings einen Unterschied zwischen Stadt und Land. In Wien ist die Akzeptanz h\u00f6her, weil auch die Anonymit\u00e4t h\u00f6her ist. Communities haben mehr M\u00f6glichkeiten und Plattformen sich zusammenschliessen. Auf dem Land ist die Anonymit\u00e4t geringer, es wird mehr geredet. Das ist nicht immer f\u00f6rderlich f\u00fcr individuelle Bed\u00fcrfnisse und Wege. Sowohl in der Stadt als auch am Land sehe ich viele aufgeschlossene Menschen, allerdings k\u00f6nnen Rollenstereotype, die sich \u00fcber Jahrhunderte hinweg etabliert haben, nicht von heute auf morgen aufgebrochen werden. Das braucht Zeit.<\/p>\n<p><strong>Nun erleben wir aber immer noch Diskriminierung von LGBTIQ-Menschen und nicht-heteronormativen Lebensformen (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/in-wien-zerreissen-corona-demonstrantinnen-die-regenbogenfahne\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in Wien zerrissen Corona-Demonstrant*innen im Sommer die Regenbogenfahne \u2013 MANNSCHAFT berichete)<\/a>. Warum?<\/strong><br \/>\nWenn es eine Bewegung gibt, gibt es auch eine Gegenbewegung. Der Grund daf\u00fcr liegt in der Angst vieler Menschen vor Unbekanntem. Das Gewohnte gibt Sicherheit und um diese Sicherheit nicht ins Wanken zu bringen, wird alles abseits von Stereotypen verurteilt. H\u00e4ufig wird die Diskriminierung anderer auch durch Neid motiviert, dass andere Menschen sich trauen offen nach ihren Bed\u00fcrfnissen zu leben und diese aktiv auszuleben.<\/p>\n<p><strong>Bedeutet das: Je bewusster ich mir meiner selbst und demzufolge auch meiner sexuellen Identit\u00e4t bin, umso toleranter bin ich?<\/strong><br \/>\nDas kann man so sagen. Wenn ich mir meiner sexuellen Identit\u00e4t und meiner Pers\u00f6nlichkeit bewusst bin und diese auch hinterfragen kann, dann ist die Akzeptanz gegen\u00fcber anderen Lebensformen h\u00f6her. Je unsicherer mein eigenes Selbstbild ist, umso weniger Toleranz kann ich gegen\u00fcber anderen aufbringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(MANNSCHAFT+) Fragen der sexuellen Identit\u00e4t und Kritik an Rollenstereotypen sind zentraler Bestandteil vieler Diskussionen in der #LGBTIQ-Community. Dar\u00fcber sprachen wir mit der Wiener Psychotherapeutin Katrin Hofer <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/sexuelle-identitaet-es-geht-um-akzeptanz-so-sein-zu-duerfen-wie-man-ist\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1802,"featured_media":95012,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4371,2527],"tags":[5467,5461,567],"wps_subtitle":"Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Rollenstereotype, Selbstwert und Konversionstherapien","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95011"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1802"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95011"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95011\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/95012"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95011"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95011"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95011"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}