{"id":93485,"date":"2020-10-09T11:46:46","date_gmt":"2020-10-09T09:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=93485"},"modified":"2024-09-23T15:23:10","modified_gmt":"2024-09-23T13:23:10","slug":"mit-facetuning-auf-dem-weg-zur-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/mit-facetuning-auf-dem-weg-zur-frau\/","title":{"rendered":"Mit Facetuning auf dem Weg zur Frau"},"content":{"rendered":"<h3>Unsere Autorin \u00fcberlegt sich vor dem Verlassen des Hauses manchmal genau, ob und wie stark sie geschminkt sein muss, um bloss nicht aufzufallen. Im Internet hat sie es als trans Frau leichter: Mit Hilfe diverser Apps kann sie ihre \u00c4ngste f\u00fcr einen Moment lang ablegen und Bilder von sich hochladen. Ein Erfahrungsbericht \u00fcber das <em>Facetuning<\/em>.<\/h3>\n<p>Text: Stephenie Vee<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich wurden viele neue Photo-Apps dazu geschaffen, Portraits so zu retouchieren, dass das Motiv \u00e4sthetischer wirkt. Von trans Frauen kann heute eine ganze Reihe verschiedener Smartphone-Apps dazu verwendet werden, das eigene wahre Selbst zu entdecken. Quasi, die innere Weiblichkeit erforschen. Sie heissen Facetune, Looksery, Photo Makeover, Beautymirror oder auch Facebook Kamera. Facetuning mit diesen Programmen ist f\u00fcr eine trans Frau wie mich, deren Antlitz von Natur aus leider sehr maskulin wirkt, mehr als nur ein entspannender Zeitvertreib.<\/p>\n<p>Seit ich als Transgender damit begonnen habe, mich mit meiner ureigenste femininen Seite zu besch\u00e4ftigen, habe ich viel Positives an mir entdeckt. Doch trotz allem bin ich w\u00e4hrend dieser Transition, gleichsam fast t\u00e4glich Wellen von dysphorischen* Gef\u00fchlen ausgesetzt, die \u00fcber dem zarten Pfl\u00e4nzchen meines neu wachsenden Selbstbewusstseins zusammenklatschen, wie die gigantischen Wellen des Ozeans \u00fcber einem Ruderboot.<\/p>\n<p><strong>Die Bef\u00fcrchtung, erkannt zu werden<\/strong><br \/>\nNoch immer f\u00fchle ich mich, rein k\u00f6rperlich gesehen, insgesamt nicht weiblich genug. Und das liegt aber haupts\u00e4chlich an meinem Gesicht.\u2028\u2028 T\u00e4glich begegne ich Menschen. Ich reise viel und bin sehr neugierig. Ich spreche eigentlich gerne mit Fremden. Doch seit kurzem ist da diese Angst. Meine Bef\u00fcrchtung, dass eine Person erkennt, dass ich einmal ein Mann war. Und dass sie so etwas sagt wie: \u00abWas ist denn mit deinem Gesicht los! Wen willst du verarschen, du Schwuchtel?\u00bb Setzt man sich lange genug solchen Gef\u00fchlen aus, beginnen diese sich ins Denken einzuschleifen und hinterlassen Spuren, die manchmal f\u00fcr immer bleiben.<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/trans-kommunalpolitikerin-wird-online-transphob-beleidigt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> (Diese trans Kommunalpolitikerin aus NRW wird beleidigt und beschimpft \u2013 MANNSCHAFT berichtete).<\/a><\/p>\n<p>Intuitiv begann ich damit, unn\u00f6tige Begegnungen zu vermeiden. Mehrfach \u00fcberlege ich mir genau, bevor ich das Haus verlasse, ob und wie stark geschminkt ich sein muss, um bloss nicht aufzufallen. Um ein gutes <em>Passing<\/em> zu haben! Passing ist englisch f\u00fcr \u00abdurchgehen\u00bb oder \u00abakzeptiert werden\u00bb. Mit einem guten Passing werde ich als Frau problemlos akzeptiert. Mit einem schlechten erkennt eine Person leicht, dass ich fr\u00fcher als Mann gelebt habe. Vor allem trans Frauen, die ihre Transition erst sp\u00e4ter im Leben durchlaufen, haben zu Beginn ein sehr schlechtes Passing.<\/p>\n<p>Umso wichtiger w\u00e4re es, dass die Gesellschaft freundlich, sensibel und wohlwollend reagiert, und nicht mit Ablehnung, H\u00e4me und Spott. \u2028\u2028Die gesichtsfeminisierende Operation kurz FFS (Englisch f\u00fcr\u00a0 <em>Facial Feminisation Surgery<\/em>) leistet einen der wichtigsten Beitr\u00e4ge \u00fcberhaupt, um diese Form der Geschlechtsdysphorie in Bezug auf das Passing zu heilen. Um \u00fcber die Zuzahlung zur FFS zu bescheiden, bat mich meine Krankenkasse k\u00fcrzlich, ihr Fotos von mir zu senden, auf denen ich geschminkt bin. \u2028Das ist auf so vielen Ebenen zutiefst dem\u00fctigend, denn eine Frau sollte doch als Frau wahrgenommen werden, auch wenn sie nicht geschminkt ist. Die Anfrage der Krankenkasse impliziert, dass sie dar\u00fcber befinden ob eine FFS notwendig ist, oder ob es auch mit Schminken reicht.<\/p>\n<p><strong>Wie eine \u00fcberspannte Gitarrensaite vor dem Zerreissen<\/strong><br \/>\nAn diesem Beispiel wird deutlich, wie steinig und langwierig der Weg ist den eine trans Frau, egal in welchem Alter, zur\u00fcckzulegen hat. Zun\u00e4chst psychiatrische Gutachten, scheinbar endlose Gespr\u00e4che, Antrag, Warten, Ablehnung, erneuter Antrag, Warten, Kostengutsprache bzw. Kosten\u00fcbernahme und wieder monatelanges Warten. Dieser ganze Prozess bringt die geplagte Seele in den Zustand einer \u00fcberspannten Gitarrensaite, kurz bevor sie reisst. <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/40-jahre-transsexuellengesetz-gruene-fordern-entschaedigung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(In Deutschland feierte jetzt das\u00a0Transsexuellengesetz sein 40-j\u00e4hriges Bestehen. Und noch immer verursacht das Gesetz unn\u00f6tiges Leid und beeintr\u00e4chtigt das Selbstbestimmungsrecht \u2013 MANNSCHAFT berichtete)<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die technikaffine trans Frau gibt es Abhilfe in Form dieser famosen Apps, die es erm\u00f6glichen, das Gesicht feminisierend zu ver\u00e4ndern. Facetune beispielsweise (laut <em>Chip<\/em> f\u00fcr die Bearbeitung von Gesichtern in Fotos Smartphone die Nummer 1) ist eine Bildbearbeitungsapplikation, die offensichtlich dazu gedacht war, Selfies effektiv und maximal zu retouchieren. F\u00fcr trans Frauen bietet diese Software die einmalige M\u00f6glichkeit, nicht nur die Haut zu gl\u00e4tten und Flecken zu entfernen, sondern auch das Gesicht und den K\u00f6rper neu zu formen und jede Spur der Reste jener M\u00e4nnlichkeit zu eliminieren, die f\u00fcr uns so deprimierend sind.<\/p>\n<p>Ein weiteres geniales Tool sind diverse Filter, die in der Facebook Camera App integriert sind. Diese sind praktisch so vorkonfiguriert, dass jedes Gesicht so ver\u00e4ndert wird, dass es automatisch femininer wirkt. So ist es mir m\u00f6glich, zu sehen, wie ich aussehen w\u00fcrde, w\u00e4re ich vom Testosteron verschont geblieben. Dadurch kann ich meine \u00c4ngste f\u00fcr einen Moment lang ablegen und tun, was viele Frauen gerne tun: n\u00e4mlich ein Bild von sich ins Internet stellen.<\/p>\n<p>Mir geht es beim Retuschieren nicht unbedingt darum, sch\u00f6ner zu sein \u2013 es geht darum, schon jetzt den K\u00f6rper, das Gesicht zu sehen, das ich vielleicht erst in einem Monat oder in zwei Monaten haben werde. Ein unglaublich lang erscheinender Zeitraum, wenn man t\u00e4glich unter diesen Anf\u00e4llen von Depression und seelischen Schmerzen in Bezug auf den eigenen K\u00f6rper leidet.<\/p>\n<p>Das erste Mal bekannt gemacht, mit dieser Art der Anwendung von Apps, die eigentlich zur Retusche gedacht sind, hat mich ein Video der US-amerikanischen Video Essayistin Contrapoints. B\u00fcrgerlich auch Nathalie Wynn. Ich war sofort begeistert von den M\u00f6glichkeiten, die diese Apps bieten und verwendete sie fortan fleissig. Ich lernte damit umzugehen und fand heraus, wie ich mein Gesicht nach der Operation gerne h\u00e4tte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/EdvM_pRfuFM\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Dies ver\u00e4nderte mein Leben, denn es \u00f6ffnete mir die Augen f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten meines eigenen Gesichts und welche Ergebnisse ich mir von der Operation w\u00fcnschte. M\u00f6glichkeiten, die ich anders vielleicht nie h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trans Frauen berichten oft von einer Dissoziation ihres K\u00f6rpers und dem Gef\u00fchl, nicht \u00abecht\u00bb oder \u00abFrau\u00bb genug zu sein. Tats\u00e4chlich f\u00fchle ich mich schon recht weiblich. Die Fettumverteilung hat meinen Bauch schrumpfen, meine Br\u00fcste und den Hintern wachsen lassen. Ich habe sogenannte Reiterhosen bekommen und ja, auch Cellulite. Aber sind wir doch mal ehrlich, welche Frau ab 40 hat das nicht?<em> So what<\/em>. \u2028\u2028Und genau weil mein K\u00f6rper schon so weit ist, bereitet es mir grosse Probleme, dass in meinem Gesicht scheinbar kaum etwas passiert.<\/p>\n<p>Ich habe seit Monaten das Gef\u00fchl, dass sich einfach nichts tut. Ich bin frustriert. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da das Gesicht eines Mannes, der mich aus dem Spiegel ansieht! Hier hilft es mir, diesen Abstand in der Entwicklung zwischen meinem K\u00f6rper und meinem Gesicht kleiner erscheinen zu lassen.<\/p>\n<p>Obwohl die auf allen bekannten Smartphone Betriebssystemen erh\u00e4ltliche Applikationen nur auf die digitale Welt und die sozialen Medien beschr\u00e4nkt sind, sagten doch einige Menschen, mit denen ich f\u00fcr diesen Text gesprochen habe, dass sie dabei helfen, die Zeit bis zu den notwendigen medizinischen Eingriffen zu \u00fcberbr\u00fccken. Und ich kann das selbst auch best\u00e4tigen.<\/p>\n<p><strong>Ein neues Selbstvertrauen<\/strong><br \/>\nIch bin davon \u00fcberzeugt, dass diese Apps uns femininen Seelen den Zugang zu einer neuen Art von Selbstvertrauen erm\u00f6glicht. Ein Selbstbewusstsein, das wir sonst nicht erlangen k\u00f6nnten. Die M\u00f6glichkeit zumindest ein Selfie von uns, nach unseren Vorstellungen anpassen zu k\u00f6nnen, hilft uns, zumindest f\u00fcr den Moment die Dysphorie zu vergessen und neue Hoffnung zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen ist jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass die dysphorischen Gef\u00fchle zeitweise sogar noch st\u00e4rker werden, und zwar wegen dem, was es mit mir macht, wenn ich die App verwende. Weil ich gleichwohl daran erinnert werde, dass ich eigentlich (noch lange) nicht so aussehe, wie ich mir das w\u00fcnsche. Dennoch w\u00fcrde ich niemals wieder ein Selfie ver\u00f6ffentlichen, ohne es vorher so bearbeitet zu haben, dass mir das Ergebnis gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Bei einem eben erstellten Bild von mir bearbeite ich Stirn, Augen, Lippen, den Teint und einige andere Dinge, die mein Gesicht leider noch immer als eher m\u00e4nnlich erscheinen lassen. Bei diesen Optimierungen handelt es sich nicht um auff\u00e4llige \u00dcberarbeitungen meines Gesichts oder meines K\u00f6rpers, aber sie machen den Unterschied in der Wahrnehmung aus. Mit Hilfe dieser Ver\u00e4nderungen kann ich mich wirklich wohl dabei f\u00fchlen, mich selbst auf Facebook oder Instagram zu ver\u00f6ffentlichen und mein Leben mit der Welt zu teilen.<\/p>\n<p>Das hat nichts mit b\u00f6swilliger T\u00e4uschung zu tun, sondern es ist f\u00fcr mich ein Hilfsmittel dabei, ein Gef\u00fchl des Wohlbefindens zu erlangen. Wohlbefinden, auch deshalb, weil ich guter Hoffnung bin, dass ich irgendwann keine App mehr dazu ben\u00f6tigen werde, um solche Fotos von mir ins Internet zu stellen.<\/p>\n<p>*<em>Dysphorie<\/em>, hier gemeint Geschlechtsdysphorie oder auch Gender Dysphoria \u2013<br \/>\ngr\u00fcndet h\u00e4ufig dem Wunsch, als ein anderes Geschlecht als das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht zu leben und ist erkennbar an starker, anhaltender geschlechts\u00fcbergreifender Identifikation, die mit Angst, Depression, Reizbarkeit verbunden sein kann. Menschen mit <em>Gender Dysphorie<\/em> k\u00f6nnen mitunter davon \u00fcberzeugt sein, dass sie in einen K\u00f6rper haben, der mit der subjektiv empfundenen Geschlechtsidentit\u00e4t nicht vereinbar ist. Die extreme Form der Geschlechterdysphorie wird medizinisch als <em>Transsexualismus<\/em> bezeichnet. Ich bevorzuge den Namen Transidentit\u00e4t oder Transgender.<\/p>\n<p><strong>Wie ist es bei trans M\u00e4nnern? Einige machen eine Aufbau-Operation, andere leben mit Epithesen. Dazwischen liegen Welten. Das ist eins der Themen in der Herbst-Ausgabe der MANNSCHAFT <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/product-category\/abo-print-digital\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(zum Shop)<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Autorin \u00fcberlegt sich vor dem Verlassen des Hauses manchmal genau, wie stark sie geschminkt sein muss, um nicht aufzufallen. Im Internet hat sie es als trans Frau leichter. Ein Erfahrungsbericht \u00fcber das Facetuning. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/mit-facetuning-auf-dem-weg-zur-frau\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":94008,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,262],"tags":[5515],"wps_subtitle":"Wenn eine App trans Frauen eine neue Art von Selbstvertrauen erm\u00f6glicht","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93485"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93485"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93485\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":206930,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93485\/revisions\/206930"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/94008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}