{"id":88564,"date":"2020-08-08T08:48:37","date_gmt":"2020-08-08T06:48:37","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=88564"},"modified":"2024-09-18T15:53:37","modified_gmt":"2024-09-18T13:53:37","slug":"vorbild-und-vorurteil-wir-wollen-mit-den-klischees-in-den-koepfen-aufraeumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/vorbild-und-vorurteil-wir-wollen-mit-den-klischees-in-den-koepfen-aufraeumen\/","title":{"rendered":"\u00abWir wollen mit den Klischees in den K\u00f6pfen aufr\u00e4umen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Die Historikerin und Amateur-Fussballerin Corinne Rufli ist eine der\u00a0\u00abVorbild und Vorurteil\u00bb-Autorinnen <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/08\/07\/lesbische-sportlerinnen-sind-praktisch-unsichtbar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a> \u2013\u00a0das\u00a0Buch portr\u00e4\u00adtiert 28 lesbische Spitzensportle\u00adrinnen.<\/h3>\n<p><em>Interview: Kristin T. Schnider<\/em><\/p>\n<p>Corinne Rufli sagt: Homophobie kann Sportkarrieren beenden. Und \u00fcbrigens schade es Heteros nicht, Fan einer frauenliebenden Sportlerin zu sein. Doch daf\u00fcr brauche es mutige Athletinnen, die sich outen.<br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p><b>Corinne, warum sind Vorurteile gegen lesbische Frauen im Jahr 2020 \u00fcberhaupt noch Thema?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><br \/>\nWie oft wurden wir schon gefragt: Braucht es so ein Buch noch? Viele denken, dass heute alles in Ordnung ist: Lesben sind sichtbar und f\u00fchren ein tolles Leben. Die wenigen, die in den Medien zu sehen sind, werden eben so dargestellt. Was es wirklich heisst, auch heute noch, als Lesbe in der Schweiz zu leben, das wird klar, wenn man in das Buch reinschaut, und erf\u00e4hrt, was diese unterschiedlichen Frauen aus ihrem Leben erz\u00e4hlen. Das hat viele erstaunt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Warum erstaunt?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><br \/>\nWenn wir genau hinsehen, merken wir, dass Sexismus und Homophobie feste Bestandteile unserer nach wie vor patriarchal konstruierten Gesellschaft sind. Die Kernfamilie, Mann, Frau und Kind, wird als Optimum f\u00fcr Gesellschaft, Staat und Nation dargestellt. Wer dieser Vorstellung nicht entspricht, sie aufbricht, wird als Gefahr gesehen. Homosexualit\u00e4t zeigt, dass Liebe, Begehren und Beziehungen auch zwischen Frauen oder M\u00e4nnern bestehen k\u00f6nnen. Leider wird noch immer das bek\u00e4mpft, was anders ist, was diese engen Vorstellungen ins Wanken bringen k\u00f6nnte. Manchmal offen gewaltt\u00e4tig oder subtil diskriminierend.<\/p>\n<p><b>Es sind spezielle Frauen, die in eurem Buch ihre Geschichte erz\u00e4hlen: Spitzensportlerinnen. Warum ausgerechnet das Gebiet Sport?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><br \/>\nDie Initialz\u00fcndung war eine junge Sportlerin, die sich bei mir gemeldet hatte. Durch mein erstes Buch, in dem frauenliebende Frauen \u00fcber 70 zu Wort kamen, war bekannt, dass ich mich f\u00fcr die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen einsetze. Ihre Geschichte hat mir gezeigt, dass Homophobie im sportlichen Umfeld eine Karriere beenden kann. Ich fand, dass das thematisiert werden muss, und habe mich an Marianne Meier gewendet, die als Historikerin und Sportp\u00e4dagogin ein Buch \u00fcber die Geschichte des Frauenfussballs geschrieben hatte. Wir diskutierten, andere Frauen kamen dazu, und schliesslich fanden wir uns zu diesem Quintett zusammen, das nun das Buch ver\u00f6ffentlich hat. Drei Jahre ist es her, dass wir im legend\u00e4ren Bahnhofbuffet Olten auf den Beginn unseres Projekts angestossen haben!<\/p>\n<p><b>Wie seid ihr vorgegangen?<\/b><br \/>\nWir suchten lesbische Spitzensportlerinnen verschiedenster Sportarten und Generationen und fragten, ob sie bereit w\u00e4ren, \u00fcber ihr Leben zu reden. Wir merkten, dass unsere Wunschkandidatinnen nicht nur mit den Vorurteilen in den K\u00f6pfen aufr\u00e4umen, sondern sich auch sehr gut als Vorbilder eignen. So kamen wir zu unserem Buchtitel.<\/p>\n<p><b>Sportler*innen gelten allgemein als gute Vorbilder. Aber hier geht es wohl um etwas anderes?<\/b><br \/>\nEs geht vor allem um Sichtbarkeit, um Orientierungspunkte, die gerade jungen Frauen und besonders lesbischen Frauen noch oft fehlen. Auch junge M\u00e4nner sollen sehen, dass es starke weibliche Vorbilder gibt \u2013 und \u00fcberhaupt alle Menschen.<\/p>\n<p><b>Fehlten auch dir die Vorbilder?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><br \/>\nAls mir als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige bewusst wurde, dass ich Frauen liebe, dachte ich zuerst, dass ich mein Leben gar nicht leben kann. Nirgends sah ich, wie eine lesbische Frau \u00fcberhaupt lebt. Ich wusste nur, das darf es nicht geben. Sp\u00e4ter sah ich Hella von Sinnen und Martina Navratilova im Fernsehen. Immerhin gab mir ihre \u00d6ffentlichkeit so etwas wie eine Verbindung. Doch die eine sah schr\u00e4g aus, benahm sich schrill, und die andere war die weltbeste Tennisspielerin: Was hatte das mit mir zu tun? Es waren \u00abVorbilder\u00bb, die sehr, sehr entfernt von mir waren.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Autorin<br \/>\n<\/strong>Corinne Rufli (40) studierte Germanistik und Geschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und arbeitete lange im Journalismus. 2015 erschien ihr Buch zur Sichtbarkeit lesbischer Frauen: \u00abSeit dieser Nacht war ich wie verzaubert\u00bb (Verlag Hier und Jetzt) mit Portr\u00e4ts von frauenliebenden Frauen \u00fcber siebzig. Mit diesen Protagonistinnen aus dem Buch ist Rufli auf Lesetour im gesamten deutschsprachigen Raum. Dazu macht sie Lesbenspazierg\u00e4nge durch Z\u00fcrich und engagiert sich f\u00fcr die Plattform www.l-world.ch. Seit 2020 forscht die Badenerin als Doktorandin in einem grossen SNF-Projekt zur Lesbengeschichte der Schweiz mit Fokus auf den Zeitraum 1945\u20131970.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Als Co-Autorin schrieb sie das Buch \u00abVorbild und Vorurteil. Lesbische Spitzensportlerinnen erz\u00e4hlen\u00bb. Corinne Rufli spielt in der 3. Liga Fussball.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Sind Spitzensportlerinnen nicht auch etwas weit weg vom \u00fcblichen Leben?<\/b><br \/>\nNicht unbedingt. Die Frauen in unserem Buch sind aus Biel, R\u00fcttenen, Wallisellen oder Muttenz. Und nur schon wir Autorinnen haben alle einen sportlichen Hintergrund, wissenschaftlich in der Sportp\u00e4dagogik oder in der Leichtathletik, beim Boxen und Fussballspielen, auch wenn wir keine Profis sind. Das schafft alles N\u00e4he. Auch Diskriminierungserfahrungen \u2013 in erster Linie gegen Frauen \u2013 zeigen sich im Sport schon fr\u00fch. Ich wollte als Kind schon immer \u00abtschutte\u00bb, aber nein, es war mein Bruder, der in den Fussballverein durfte, und damals gab es in meiner Umgebung noch keine M\u00e4dchen- oder Frauenteams. Sport ist auch eine Art gesellschaftlicher Kulminationspunkt oder ein Spiegel der Gesellschaft, wie es im Vorwort heisst.<\/p>\n<p><b>Sport ist doch ohnehin etwas \u00d6ffentliches? <\/b><br \/>\nJa. Und das gilt im Spitzensport umso mehr. Das Publikum und die Medien gehen davon aus, dass sie das Recht haben, \u00fcber Spitzensportler*innen etwas zu wissen und auch zu erz\u00e4hlen. Das macht die Entscheidung f\u00fcr ein Coming-out umso schwerer. Aber andererseits sind die portr\u00e4tierten Frauen deshalb nicht \u00abnur\u00bb Vorbilder, sondern sie helfen zus\u00e4tzlich, die Klischees in den K\u00f6pfen abzubauen. Wir Autorinnen sind sicher, dass sich etwas ver\u00e4ndert, wenn \u00abHerr und Frau Schweizer\u00bb, die den Sportlerinnen gerade in ihren Stuben zugejubelt haben, merken, dass sie, ohne es zu wissen, Fans einer lesbischen Frau sind \u2013 und dann feststellen, dass gar nichts Schlimmes passiert ist\u2009.\u2009.\u2009.<\/p>\n<p><b>Das ist das Sch\u00f6ne an \u00abVorbild und Vorurteil\u00bb, zu sehen, wie vielf\u00e4ltig, unterschiedlich und den Klischees gar nicht entsprechend das Leben von lesbischen Frauen, Sportlerinnen, tats\u00e4chlich ist. <\/b><br \/>\nEs wird offensichtlich, dass lesbische Frauen einfach Menschen sind, Individuen mit verschiedenen Geschichten, die versuchen, ein Leben zu f\u00fchren, alleine, vielleicht miteinander, verheiratet, mit oder ohne Kind, wie sie das wollen.<\/p>\n<p><b>Nochmals zum Sport und den dazugeh\u00f6rigen Klischees, woher kommen die eigentlich? <\/b><br \/>\nSie beruhen auf der Heteronormativit\u00e4t. Also die Einteilung der Menschen in M\u00e4nner und Frauen mit ihren je spezifischen Rollen, dazu kommt, dass stets angenommen wird, eine Person sei heterosexuell. Im Spitzensport dominiert die Wahnvorstellung vom heterosexuellen Mann: stark, ehrgeizig und heldenhaft. Hingegen wird Homosexualit\u00e4t bei M\u00e4nnern mit schwach, weich, passiv sein, also weiblich sein assoziiert, ihnen wird dann Eiskunstlauf, Gymnastik und Tanz zugeordnet. Und lesbische Frauen stehen unter Verdacht, \u00abMannsweiber\u00bb zu sein, wenn sie zum Beispiel Fussball spielen oder boxen. Wenn sie aber tanzen oder turnen, wird ihrer Lebensweise, zu der auch geh\u00f6rt, wen sie lieben, keine weitere Bedeutung zugemessen. Sie werden nicht als lesbisch\u00a0gesehen \u2013 sofern sie sich \u00abweiblich\u00bb verhalten.<\/p>\n<p><b><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"https:\/\/www.hierundjetzt.ch\/de\/catalogue\/vorbild-und-vorurteil_19000076\/ noopener noreferrer\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload aligncenter wp-image-80843 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 397 652'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil.jpg\" alt=\"queere B\u00fccher\" width=\"397\" height=\"652\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil.jpg 397w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil-183x300.jpg 183w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil-365x600.jpg 365w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil-364x598.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil-29x48.jpg 29w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/KU_Guten_Seiten_Vorbild_Vorurteil-58x96.jpg 58w\" data-sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/a><\/b><\/p>\n<p><b>Das ist nat\u00fcrlich Unsinn. Habt ihr als Autorinnen eigentlich selbst auch Vorurteile gehabt?<\/b><br \/>\nJa, wer hat keine Vorurteile? Wir alle leben in einer hetero-patriarchal gepr\u00e4gten Gesellschaft, haben diese Bilder auch verinnerlicht, und lassen uns selbst manchmal davon \u00fcbert\u00f6lpeln. F\u00fcr das Buch haben wir bewusst lesbische Frauen aus allen Sportarten gesucht, auch dort, wo sie eben weniger sichtbar sind. Das Sch\u00f6ne an der gemeinsamen Arbeit war, dass sie bei uns allen, \u2013 bei den Autorinnen wie auch bei den erz\u00e4hlenden Frauen \u2013 einen Prozess ausgel\u00f6st hat, der noch im Gange ist. Vieles wird jetzt klarer oder erst bewusst, was wir gar nicht richtig wahrgenommen hatten, auf unserer Seite etwa die feministischen, politischen Aspekte unseres Projektes. Und jetzt, wo die Sportlerinnen ihre eigene Geschichte nachlesen k\u00f6nnen, f\u00e4llt einigen auf, dass sie viel mehr Diskriminierung durchgestanden hatten, als ihnen klar war. Andere, die nicht mitmachen wollten, denken jetzt, dass sie vielleicht Vorbilder gewesen waren im Sport \u2013 aber vielleicht auch Vorbilder f\u00fcr andere, f\u00fcr lesbische Frauen h\u00e4tten sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Das Buch erf\u00fcllt also seinen doppelten Zweck als \u00abVorbildbuch\u00bb f\u00fcr viele lesbische Frauen, und es geht gegen allgemeine Vorurteile und verinnerlichte Klischeebilder an. Es wirkt wie eine freundliche Doppelaxt, das Sinnbild der lesbischen und feministischen Aufforderung, doch endlich zum Wohle aller mit dem heteronormativen Unsinn aufzuh\u00f6ren. Das ist doch Anlass zur Freude.<\/b><br \/>\nOh ja. Das Buch wurde unglaublich gut aufgenommen: Kaum erschienen, ging es in die zweite Auflage! Und das in dieser schwierigen Zeit: Lockdown \u2013 alle Buchhandlungen geschlossen und unsere lang geplante Buchtaufe gestrichen. Jetzt hoffen wir sehr auf einen pers\u00f6nlichen Austausch, ein erstes Treffen mit den Sportlerinnen und Anl\u00e4sse mit all den Leser*innen. Wir sind zwar online gut unterwegs, aber es ist nie dasselbe. Wir freuen uns, bald all die Prozesse, die Diskussionen auch \u00abface to face\u00bb intensivieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Das Buch \u00abVorbild und Vorurteil\u00bb ist im <a href=\"https:\/\/www.hierundjetzt.ch\/de\/catalogue\/vorbild-und-vorurteil_19000076\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verlag Hier und Jetzt<\/a> erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Historikerin und Amateur-Fussballerin Corinne Rufli sagt: Homophobie kann Sportkarrieren beenden. 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