{"id":79661,"date":"2020-06-14T08:56:00","date_gmt":"2020-06-14T06:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=79661"},"modified":"2024-09-18T15:47:06","modified_gmt":"2024-09-18T13:47:06","slug":"barbaros-altug-heimweh-ohne-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/barbaros-altug-heimweh-ohne-hoffnung\/","title":{"rendered":"Barbaros Altug und die T\u00fcrkei &#8211; Heimweh ohne Hoffnung"},"content":{"rendered":"<h3>Der offen schwule Schriftsteller Barbaros Altug aus der T\u00fcrkei hadert mit seiner Heimat und seine Heimat mit ihm. Sein neuer Roman stellt die Beziehung einmal mehr auf die Probe, diesmal mit einem besonders sensiblen Thema: dem V\u00f6lkermord an den Armeniern.<\/h3>\n<p><em>Text: Daniel Sander<\/em><\/p>\n<p>Das letzte Mal war Barbaros Altug vor einem Jahr in der T\u00fcrkei, da lief es ganz gut. Niemand hat ihn eingesperrt, keine der Morddrohungen wurde wahrgemacht. Nicht, dass er sich von denen beeindrucken liesse. \u00abEs ist immer ein Gl\u00fccksspiel\u00bb, sagt er und zuckt mit den Schultern. \u00abDie sagen ja nicht Bescheid, ob es gerade sicher f\u00fcr mich ist.\u00bb<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mit \u00abdie\u00bb meint Altug t\u00fcrkische Nationalist*innen im Allgemeinen und fanatische Anh\u00e4nger*innen von Pr\u00e4sident Erdogan im Besonderen. Sie m\u00f6gen ihn nicht, was auf Gegenseitigkeit beruht; aber sie k\u00f6nnen ihn leichter in Bedr\u00e4ngnis bringen als er sie. Aktuell kursiere im Netz wieder eine Liste mit Staatsfeinden, die hinter Gitter geh\u00f6rten, sagt er. \u00abDa stehe ich drauf.\u00bb<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Keinem Streit aus dem Weg gehen<\/b><br \/>\nEs w\u00fcrde ihn wohl mehr sorgen, wenn dem nicht so w\u00e4re. Barbaros Altug kritisiert seit Jahren \u00f6ffentlich die Regierungspartei AKP, prangert an, was er als staatlich verordnete Verbrechen empfindet, fordert laut gleiche Rechte f\u00fcr LGBTQ im Land. Er ist nicht der Typ, der Streit aus dem Weg geht.<\/p>\n<p>Statt nach Istanbul zu reisen, bleibt der 48-j\u00e4hrige Schriftsteller im Moment trotzdem lieber in seiner lichten Altbauwohnung in Berlin. Sein zweiter Roman \u00abSticht in meine Seele\u00bb ist gerade in Deutschland erschienen \u2013 noch nicht in der T\u00fcrkei, aber Altug ist sicher, dass man dort die hiesige Berichterstattung verfolge. Und dass sie ihm eine Menge neuer Feinde bringen werde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das Buch spielt im Jahr 2007, kurz nach der Ermordung des armenischen Publizisten Hrant Dink durch einen 16-j\u00e4hrigen t\u00fcrkischen Nationalisten. Die lesbische Journalistin Derin reist aus Paris in ihre alte Heimat Istanbul, um \u00fcber die Beerdigung zu berichten. Dabei st\u00f6sst sie auf verst\u00f6rende Geschichten aus einer anderen Zeit, die sich langsam mit ihrer eigenen Familiengeschichte verstricken; Geschichten von den Massakern osmanischer Soldaten an armenischen Zivilist*innen w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs; von den Todesm\u00e4rschen, den hingerichteten V\u00e4tern, den vergewaltigten M\u00fcttern, den sterbenden Kindern; von der grossen Schuld einer vergangenen Generation, vergessen gemacht von den folgenden.<\/p>\n<p><b>Ein Buch als Provokation<\/b><br \/>\nEs ist ein dichter, mit leiser Sehnsucht erz\u00e4hlter Roman \u00fcber die kleinen und die grossen Schatten der Vergangenheit; keine Abrechnung mit einer ganzen Nation. Doch das macht die Geschichte nicht weniger brenzlig. Denn ein Buch, das den V\u00f6lkermord der T\u00fcrk*innen an den Armenier*innen zum Thema macht, kann in der T\u00fcrkei nur als Provokation wahrgenommen werden. Denn aus t\u00fcrkischer Sicht gab es diesen V\u00f6lkermord nicht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p>\u00abEs gibt in der T\u00fcrkei eine tief verinnerlichte \u00dcberzeugung, dass man Minderheiten einfach umbringen kann, wenn sie einem nicht passen\u202f\u2013 ob Frauen, LGBTIQ oder Armenier*innen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf der ganzen Welt sind sich Historiker*innen einig, dass es sich bei den Massakern an der armenischen Bev\u00f6lkerung im Osmanischen Reich um einen systematischen Genozid handelte, Sch\u00e4tzungen gehen von \u00fcber 1,5 Millionen Opfern aus. Nur die t\u00fcrkische Geschichtsschreibung h\u00e4lt am Narrativ fest, dass es sich um notwendige Deportationen gehandelt habe, kriegsbedingt, dass die eigentlichen Aggressoren die Armenier gewesen seien. Was aus armenischer Sicht die gr\u00f6sste nationale Katastrophe in der Geschichte und unges\u00fchntes Unrecht bedeutet, ist f\u00fcr die T\u00fcrkei \u00fcberhaupt nicht passiert.<\/p>\n<p><b>Staat h\u00e4lt sich f\u00fcr moralisch \u00fcberlegen<\/b><br \/>\n\u00abGenau deswegen habe ich das Buch geschrieben\u00bb, sagt Barbaros Altug. \u00abEs gab nie eine Entschuldigung, keine Debatte \u2013 niemand in der T\u00fcrkei will davon etwas h\u00f6ren.\u00bb Selbst einige seiner linken K\u00fcnstlerfreund*innen seien da ganz auf Staatslinie. \u00abEs geh\u00f6rt zum t\u00fcrkischen Selbstverst\u00e4ndnis, sich f\u00fcr moralisch \u00fcberlegen zu halten\u00bb, sagt er. \u00abF\u00fcr unfehlbare Engel.\u00bb<\/p>\n<p>Das f\u00fchre dazu, dass sich die Geschichte immer wiederhole, ohne M\u00f6glichkeit der Korrektur. \u00abIch glaube, es gibt in der T\u00fcrkei eine tief verinnerlichte \u00dcberzeugung, dass man Minderheiten einfach umbringen kann, wenn sie einem nicht passen \u2013 ob Frauen, LGBTIQ, Alevit*innen, Kurd*innen oder Armenier*innen\u00bb, sagt er. \u00abWenn das aufh\u00f6ren soll, m\u00fcssen wir lernen, unsere Schuld zuzugeben, und mit dem schlimmsten Kapitel anfangen: dem V\u00f6lkermord.\u00bb<\/p>\n<p>Es gehe ihm nicht darum, jede T\u00fcrkin und jeden T\u00fcrken anzuklagen und zu belehren. \u00abIch will doch nur, dass sich dieses Land endlich mal zum Besseren ver\u00e4ndert und nicht immer umgekehrt.\u00bb<\/p>\n<p><strong>T\u00fcrkei war Deutschland 22 Jahre voraus<\/strong><br \/>\nAltug erinnert sich gern an die besseren Zeiten. Auch wenn er sich schon als Kind st\u00e4ndig mit Freund*innen und Familie \u00fcber die Ungerechtigkeiten der Welt gestritten habe. \u00abIch hatte entsprechend wenige Freund*innen\u00bb, sagt er und lacht. \u00abStellen Sie sich das mal vor\u00bb. Insgesamt sei er aber unbeschwert in Ankara und Istanbul aufgewachsen. Die T\u00fcrkei war damals stolz auf ihre S\u00e4kularit\u00e4t, Agnostiker*innen respektierten Gl\u00e4ubige und umgekehrt. Mit Tansu \u00c7iller als Ministerpr\u00e4sidentin stand 1993 eine Frau an der Spitze des Staates. Da war in Deutschland an so etwas noch nicht zu denken.<\/p>\n<p>Er kommt aus einer Verlegerfamilie, hat schon mit 13 Jahren als Lektor ausgeholfen, mit t\u00fcrkischen \u00dcbersetzungen von Gorki-Romanen. Religion spielte f\u00fcr ihn keine Rolle. \u00abIch wollte immer schreiben, und gleichzeitig war ich immer Aktivist\u00bb, sagt er. \u00abAm Anfang ging es um meine Identit\u00e4t \u2013 ich fand es wichtig, als schwule Person eine Stimme zu haben und ihr Geh\u00f6r zu verschaffen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Lesbische Heldin f\u00fcr die Sichtbarkeit<\/strong><br \/>\nDamit hat er auch w\u00e4hrend seines Studiums weitergemacht \u2013 Ingenieurwesen und amerikanische Literatur in Ankara, Journalismus in Mailand \u2013 und danach als Autor bei der t\u00fcrkischen Elle und als Kolumnist der Tageszeitung Taref. \u00abIch habe meine Homosexualit\u00e4t in meinen Kolumnen immer zum Thema gemacht, auch wenn das viele genervt hat\u00bb, sagt er. \u00abIch wollte das als normal darzustellen \u2013 deswegen ist die Heldin in \u00abSticht meine Seele\u00bb auch eine Lesbe \u2013 und zwar eine, die damit nicht das geringste Problem hat.\u00bb<\/p>\n<p>Irgendwann habe er angefangen, einfach \u00fcber alles zu schreiben, was er f\u00fcr antidemokratisch hielt. Als vor knapp 20 Jahren die konservative AKP an die Macht kam, fand er seinen Endgegner. Er hat jahrelang gek\u00e4mpft, gegen Ungerechtigkeiten angeschrieben, als Literaturagent kritische Perspektiven an die \u00d6ffentlichkeit gebracht. Sp\u00e4ter hat er jeden Tag hoffnungsvoll bei den Gezi-Protesten demonstriert, um dann langsam alle Hoffnung zu verlieren. Nach dem versuchten Putsch im Jahr 2016 und der folgenden Erosion des Rechtsstaats sah er in der T\u00fcrkei f\u00fcr sich keine Zukunft mehr. Er zog erst nach Paris, dann nach Berlin. Nirgendwo f\u00fchle er sich so frei wie dort.<\/p>\n<p>Und trotzdem. Irgendwie zieht es ihn doch immer wieder zur\u00fcck, wenigstens kurz. \u00abMeine Beziehung zur T\u00fcrkei \u2013 das ist, als erinnerte ich mich an jemanden, in den ich mal sehr verliebt war, weil wir so viele Dinge gemeinsam erlebt haben\u00bb, sagt er. \u00abUnd dann geht jeder seiner Wege und viele Jahre sp\u00e4ter hat man kaum noch etwas gemeinsam.\u00bb<\/p>\n<p>Doch ganz ohne einander?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload aligncenter size-full wp-image-85800\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1200 630'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_.jpg\" alt=\"barbaros-altug\" width=\"1200\" height=\"630\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_.jpg 1200w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-300x158.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-425x223.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-768x403.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-561x295.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-1122x589.jpg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-364x191.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-728x382.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-608x319.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-758x398.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-1152x605.jpg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-91x48.jpg 91w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-183x96.jpg 183w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-313x164.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/52961949._SR1200630_-400x210.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a>Barbaros Altug&#8217;s Roman \u00abSticht in meine Seele\u00bb erschien im Orlanda Verlag. <\/em><br \/>\n<em>ISBN: 978-3-944666-48-8<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der offen schwule Schriftsteller Barbaros Altug aus der T\u00fcrkei hadert mit seiner Heimat und seine Heimat mit ihm. 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