{"id":74142,"date":"2020-03-13T19:29:28","date_gmt":"2020-03-13T18:29:28","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=74142"},"modified":"2023-01-24T06:51:01","modified_gmt":"2023-01-24T05:51:01","slug":"coming-out-es-braucht-mehr-vorbilder-wie-curdin-orlik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-es-braucht-mehr-vorbilder-wie-curdin-orlik\/","title":{"rendered":"Coming-out: Es braucht mehr Vorbilder wie Curdin Orlik"},"content":{"rendered":"<h3>Der B\u00fcndner Kranzschwinger Curdin Orlik hat sich als schwul geoutet. Damit ist er ein starkes Vorbild f\u00fcr alle anderen schwulen Spitzensportler, die vor ihrem Coming-out stehen. Aber auch mein ganz pers\u00f6nlicher Held: Er hat das M\u00e4nnlichkeitsbild um eine zus\u00e4tzliche Facette erweitert, das auch Sportlehrpersonen hilft, ihr Coming-out im Verein oder Verband durchzustehen. Der Samstagskommentar*.<\/h3>\n<p>Wohlgemerkt: Curdin Orlik hat sich als aktiver Sportler in einer Sportart geoutet, die allgemein als hart, k\u00f6rperlich und besonders m\u00e4nnlich gilt. Das Echo dabei war bisher meistens positiv: F\u00fcr sein Coming-out erntete der 27-J\u00e4hrige in seinem Umfeld sowie in den sozialen Netzwerken viel Anerkennung. Auch Stefan Strebel, der neue Technische Leiter des Eidgen\u00f6ssischen Schwingerverbands (ESV), fand <a href=\"https:\/\/www.aargauerzeitung.ch\/sport\/diese-aussage-hat-mich-geaergert-136733423\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in der Aargauer Zeitung<\/a> klare und ermutigende Worte: \u00abZur Homosexualit\u00e4t zu stehen, ist f\u00fcr mich heute etwas ganz Normales, das in der Gesellschaft keine Emotionen ausl\u00f6sen sollte. Ich habe Nulltoleranz gegen\u00fcber Leuten, die anders denken.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Ein Versteckspiel, das dich auffrisst<\/strong><br \/>\nTrotz vieler positiver Reaktionen: Seit Donnerstag tr\u00fcbt eine Schmiererei an einer SBB-L\u00e4rmschutzwand in Rubigen das Coming-out von Curdin Orlik. Solche Reaktionen verdeutlichen, warum es auch weiterhin Vorbilder wie ihn braucht: Denn Homophobie ist in der Schweiz verbreiteter als angenommen. Solche verletzenden Spr\u00fcche waren unter anderem ein Grund, weshalb Curdin Orlik vor seinem Coming-out lange mit sich gerungen hat. Aber auch, weil die sexuelle Orientierung im schulischen, sportlichen, religi\u00f6sen oder privaten Kontext fehlte (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/03\/06\/historisch-spitzenschwinger-curdin-orlik-outet-sich-als-schwul\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>). Diese Umst\u00e4nde f\u00fchrten einerseits zu einer inneren Zerrissenheit und Verdr\u00e4ngung der eigenen Homosexualit\u00e4t, andererseits zu einem dauerhaften Versteckspiel.<\/p>\n<p>Wie viel Energie und Nerven ein jahrelanges Versteckspiel ohne Coming-out kostet, kenne ich, der diesen Kommentar gerade schreibt, aus eigener Erfahrung: Was tust du als schwuler Tennislehrer, Anfang 20, in der eher konservativen Ostschweiz \u2013 wie ich vor 20 Jahren \u2013 wenn dich deine Sch\u00fcler*innen und deren Eltern, aber auch Vereinsmitglieder und Sponsoren fragen, ob du eine Freundin hast oder Familienpl\u00e4ne schmiedest?<\/p>\n<p>Dich outen?<\/p>\n<p>Nein, sondern eine Ausrede erfinden wie \u00abdaf\u00fcr habe ich keine Zeit\u00bb. Nicht, weil dir dein Schwulsein unangenehm w\u00e4re \u2013 ich bin gl\u00fccklich, wie ich bin \u2013 sondern weil du negative Konsequenzen f\u00fcr deine berufliche Karriere bef\u00fcrchtest, weil das Schwulsein im Sport praktisch inexistent ist: Wenn sich eine Tennislehrperson als schwul outet, landen die Gedanken einiger Leute rasch in der Ecke der P\u00e4dophilie. Auch die Gefahr, dass ehemals begeisterte Sch\u00fcler*innen dann zu anderen Trainer*innen abwandern, besteht. Und im Vergleich zu meinen heterosexuellen Kolleg*innen wird mein Handeln und Verhalten oft einzig aus der Perspektive der sexuellen Orientierung betrachtet, schiefes Anschauen, dumme Spr\u00fcche und Tuscheln inklusive.<\/p>\n<p><strong>Akzeptanz durch mehr Sichtbarkeit<\/strong><br \/>\nAuch wenn die Homosexualit\u00e4t in den letzten Jahren an gesellschaftlicher Akzeptanz gewonnen hat, so bleibt sie in bestimmten Gesellschaftsbereichen nach wie vor ein Tabuthema \u2013 wie im Sport, in der Schule oder in der Kirche. Und dieses Ignorieren oder Totschweigen der Homosexualit\u00e4t ist f\u00fcr Schwule ebenso schmerzhaft wie ein verletzender Spruch. Wer keine Beachtung findet, f\u00fchlt sich ausgeschlossen und minderwertig. Und das frisst die eigene Seele auf. Darum braucht es mehr Held*innen wie Curdin Orlik, die mit ihrem Coming-out aus jedem Gesellschaftsbereich hervortreten und zeigen: \u00abWir sind Menschen wie ihr auch, auch wenn wir anders lieben.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Normalit\u00e4t hilft<br \/>\n<\/strong>Gibt es einen Weg, damit sich Menschen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung k\u00fcnftig im beruflichen und privaten Umfeld nicht so lange verstecken m\u00fcssen? Simone Dos Santos, die Gesch\u00e4ftsleiterin der Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell, meint dazu: \u00abEs muss so normal sein, wie die allt\u00e4gliche Frage: Was hast du gegessen, getrunken oder letzten Samstag im Ausgang gemacht?\u00bb<\/p>\n<p>Um eine solche Normalit\u00e4t langfristig entstehen zu lassen, sei es wichtig, weg von der Vermeidungsstrategie und dem Wegschauen zu kommen: \u00abWenn wir Kindern bereits fr\u00fch die verschiedenen Lebensweisen als gleichwertige Optionen vermitteln, haben sie als Erwachsene auch keine Vorbehalte gegen\u00fcber der Homosexualit\u00e4t.\u00bb Das Ganze m\u00fcsse fr\u00fch in der Sprache der P\u00e4dagog*innen erfolgen \u2013 und zwar als wertfreie, emotionslose Information ganz ohne den sexuellen Bezug: \u00abWas h\u00e4lt uns davon ab, eine Sprache zu entwickeln und zu pflegen, in der alle in Ordnung sind? Egal, ob Mami und Mami, Mami und Papi oder Papi und Papi?\u00bb Eine solche Sprache w\u00fcrde n\u00e4mlich auch Kindern aus Regenbogenfamilien signalisieren, dass sie gleichwertig sind und sie vom heutigen Stigma befreien.<\/p>\n<p><strong>Diversit\u00e4t verwirrt doch bloss<\/strong><br \/>\nKritiker*innen aus konservativen Kreisen f\u00fchren hier oft das Argument der Fr\u00fchsexualisierung an: Die Optionsvielfalt w\u00fcrde die Kinder mehr verwirren als ihnen helfen. Simone Dos Santos kennt diese Einw\u00e4nde aus ihren sexualp\u00e4dagogischen Eins\u00e4tzen an Schulen oder Elternabenden: \u00abDas ist kein Argument: Je mehr Kompetenzen wir einem Kind im Umgang mit der Diversit\u00e4t, der eigenen K\u00f6rperlichkeit sowie den eigenen Gef\u00fchlen mitgeben, desto besser kann es sich sch\u00fctzen, weil es sich selbst gut kennt und die eigenen Gef\u00fchle f\u00fcr sich richtig einordnen kann. Es entwickelt ein freies, unbeschwertes Bewusstsein f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper, aber auch f\u00fcr die eigene Identit\u00e4t. Das macht es sp\u00e4ter zu einer starken und m\u00fcndigen Pers\u00f6nlichkeit.\u00bb<\/p>\n<p>Ausserdem gehe es bei Kindern nicht um das Zeigen irgendwelcher Sexualpraktiken, sondern prim\u00e4r um die Vielfalt und Gleichwertigkeit von verschiedenen Beziehungsvarianten. Sp\u00e4ter im klassischen Aufkl\u00e4rungsunterricht kommt die Sexualit\u00e4t hinzu, aber auch hier geht es prim\u00e4r um die Botschaft: \u00abDu bist so ok, wie du bist und liebst. Denn die menschliche Sexualit\u00e4t ist wie das Farbspektrum eines Regenbogens \u2013 da gibt es kein Schwarz-Weiss, sondern ganz viele Farben und Nuancen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Festgefahrene Rollenbilder<\/strong><br \/>\nEin weiterer Grund, warum es Schwinger, Fussballer oder Eishockeyspieler schwerhaben, sich zu outen, liegt im nach wie vor herrschenden M\u00e4nnlichkeitsbild: Ein richtiger Mann hat Muskeln, Macht und Moneten. Als rigide Abgrenzung zum Emotionalen und Feinf\u00fchligen, was Frauen und Schwulen zugeordnet wird und sie damit beide zur schwachen, weil empfindsamen Bev\u00f6lkerungsgruppe degradiert.<\/p>\n<p>Solche stereotypen Frauen- und M\u00e4nnerbilder haben nicht nur Tradition, sondern werden t\u00e4glich in der Erziehung, Kultur oder Arbeitswelt zementiert: Ein Junge muss sportlich sein, darf nicht weinen oder mit Puppen spielen. Ausserdem ist er von Beginn an darauf getrimmt, H\u00f6chstleistung zu erbringen und kein Pardon zu kennen \u2013 im Sport, in der Schule, im Berufsleben. Ein M\u00e4dchen dagegen muss Rosa tragen, darf keine Rabaukin sein oder mit Autos spielen. Sp\u00e4ter als Frau wird ihr eingetrichtert, dass sie mit ihrem Aussehen mehr erreicht als mit ihrem K\u00f6nnen. Ein Blick in die rosafarbenen und blauen Kinderzimmer, in die Werbung oder Zeichentrickfilme gen\u00fcgt: Da wartet die zarte, wundersch\u00f6ne, aber hilflose Prinzessin immer auf ihren heldenhaften Prinzen, der sie aus den F\u00e4ngen von Monstern oder b\u00f6sen Hexen befreit und in sein K\u00f6nigreich f\u00fchrt, wo sie dann gl\u00fccklich bis an ihr Lebensende mit ihm lebt.<\/p>\n<p><strong>M\u00e4nnlichkeit und ihre Verlustangst<\/strong><br \/>\nDiese Stereotypen und Ungleichheiten sind trotz Emanzipation und Feminismus tief in unserer Gesellschaft verankert \u2013 ob in F\u00fchrungspositionen, in der Gehaltsgestaltung oder eben im Sport. Und das m\u00fcndet in einem fatalen M\u00e4nnlichkeitsbild, weil es nur Dominanz zul\u00e4sst und alles Weibliche negiert und abwertet. \u00abDarum ist ein Coming-out eines Spitzensportlers in einer dominanten Sportart f\u00fcr die heterosexuellen Pendants eine grosse Herausforderung\u00bb, betont Simone Dos Santos, \u00abein schwuler Spitzensportler konfrontiert sie n\u00e4mlich mit der eigenen M\u00e4nnlichkeit. Er kann Zweifel oder \u00c4ngste wecken, weil sie als Heteros pl\u00f6tzlich zu einem potenziellen Sexualobjekt eines Schwulen werden k\u00f6nnten. Das empfinden sie bedrohlich, weil es sonst in umgekehrter Richtung funktioniert.\u00bb Outet sich eine Spitzensportlerin, wirft das meist weniger hohe Wellen: \u00abLesben bedrohen n\u00e4mlich nicht die heterosexuelle M\u00e4nnlichkeit, weil sie in Pornos pr\u00e4sent sind und zum Begehren der m\u00e4nnlichen Heterosexualit\u00e4t dazugeh\u00f6ren\u00bb, erkl\u00e4rt Simone Dos Santos weiter. Die lesbische Liebe sei darum weniger tabuisiert\u00a0als die Liebe zwischen zwei M\u00e4nnern.<\/p>\n<p><strong>Wie lassen sich festgefahrene Rollenbilder ver\u00e4ndern?<\/strong><br \/>\n\u00abIndem wir in der \u00d6ffentlichkeit offene Diskussionen \u00fcber verschiedene Frauen- und M\u00e4nnerbilder f\u00fchren. Denn in vielen Kulturen gibt es unreflektierte M\u00e4nner- und Frauenbilder, auch bei uns. Meist sind diese gepr\u00e4gt von Religionen, wo der Mann \u00fcber der Frau steht, aber auch vom eigenen Verst\u00e4ndnis von Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit, der pers\u00f6nlichen Erfahrung sowie vom pers\u00f6nlichen Umfeld\u00bb, erl\u00e4utert Simone Dos Santos, \u00abwer so aufw\u00e4chst und nie eine kritische und umfassende Betrachtung der Geschlechterbilder erf\u00e4hrt, kann auch keine Vorstellung von Gleichberechtigung und Diversit\u00e4t entwickeln.\u00bb<\/p>\n<p>Selbst die Schwulenszene ist davon nicht gefeit: \u00abDie Werbung verwendet auch bei Schwulen Klischees: Immer l\u00e4chelt der Six-Pack-Muskelmann in die Kamera. Die Pornos tragen auch dazu bei, weil sie prototypisch aufgebaut sind. Darum ist es wichtig, diverse und positive M\u00e4nnerbilder zu zeigen \u2013 ob klein, gross, dick, d\u00fcnn, mit oder ohne Muskeln, sensibel oder nicht\u00bb, unterstreicht Simone Dos Santos.<\/p>\n<p>Und es braucht Vorbilder \u2013 wie Curdin Orlik \u2013 die sich in einem eher stereotypen Umfeld outen und das M\u00e4nnlichkeitsbild um eine zus\u00e4tzliche Facette erweitern. Damit signalisieren sie, dass ein Mann auch emotional sein darf, ohne dabei als unm\u00e4nnlich zu gelten. \u00abJe mehr wir solche Vorbilder haben, umso eher finden Jungen in ihrer Entwicklung einen liebe- und respektvollen Zugang zu sich, zu ihrer M\u00e4nnlichkeit und damit zur Selbstakzeptanz\u00bb, res\u00fcmiert Simone Dos Santos.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kranzschwinger Curdin Orlik hat sich als schwul geoutet. Damit ist er ein starkes Vorbild f\u00fcr alle anderen schwulen Spitzensportler, die vor ihrem Coming-out stehen. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/coming-out-es-braucht-mehr-vorbilder-wie-curdin-orlik\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":30,"featured_media":73733,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3270],"tags":[5442,5531,4190,5459,5461,5484],"wps_subtitle":"Zwar hat sich die Akzeptanz gegen\u00fcber Schwulen in den vergangenen Jahren verbessert. 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