{"id":73497,"date":"2020-03-04T08:36:15","date_gmt":"2020-03-04T07:36:15","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=73497"},"modified":"2020-07-08T11:21:14","modified_gmt":"2020-07-08T09:21:14","slug":"oliver-von-dobrowolski-radikalisierte-polizisten-sind-keine-einzelfaelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/oliver-von-dobrowolski-radikalisierte-polizisten-sind-keine-einzelfaelle\/","title":{"rendered":"\u00abRadikalisierte Polizisten sind keine Einzelf\u00e4lle\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>PolizeiGr\u00fcn e.V. ist ein Verein gr\u00fcner und GR\u00dcNEN-naher Polizeibediensteter, der sich im November 2013 gegr\u00fcndet hat. Wirt haben mit dem Bundesvorsitzenden, <a href=\"http:\/\/von-dobrowolski.blogspot.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Oliver von Dobrowolski<\/a>, \u00fcber rechte Netzwerke und die AfD gesprochen und was f\u00fcr das Vertrauen von Seiten der LGBTIQ-Community getan werden muss.<\/h3>\n<p><strong>Herr Dobrowolski, in Hessen wurde letztes Jahr im Rahmen eines Skandals um rechtsradikale Seilschaften gegen 38 Beamte ermittelt. Auch anderswo in Deutschland scheint die Polizei politisch nach rechts zu rutschen. Was ist da los?<\/strong><br \/>\nMan hat lange gesagt, man m\u00fcsse auf die Personalauslese achten und schauen, dass man richtig filtert und das Verst\u00e4ndnis der Bewerber von Rechtsstaatlichkeit pr\u00fcft. Das ist richtig, andererseits haben wir in ganz Deutschland das Problem, dass immer weniger Leute zur Polizei kommen wollen. Wir sind als Arbeitgeber aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und aufgrund der Alimentation immer weniger attraktiv.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"5aoIK7o07q\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/07\/06\/sichtbarkeit-in-der-ukraine-queere-soldatinnen-outen-sich\/\">Sichtbarkeit in der Ukraine: Queere Soldat*innen outen sich<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Sichtbarkeit in der Ukraine: Queere Soldat*innen outen sich&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/2020\/07\/06\/sichtbarkeit-in-der-ukraine-queere-soldatinnen-outen-sich\/embed\/#?secret=5aoIK7o07q\" data-secret=\"5aoIK7o07q\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Dann ist die Frage, ob man bei angehenden Polizisten pr\u00fcft, ob geheimdienstlich etwas gegen sie vorliegt. Es kann ja sein, dass man in den Polizeicomputern nichts findet, aber vielleicht hat z.B. der Verfassungsschutz Erkenntnisse. Es gibt Mitglieder im Bundestagsinnenausschusses, die meinen, man k\u00f6nnte dar\u00fcber nachdenken, das k\u00fcnftig mit zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>Was ist Ihr Ansatz?<\/strong><br \/>\nIch finde, das kann nicht alles sein. Der Vorabcheck ist das eine. Dazu kommt die Art der Ausbildung, die in manchen Bundesl\u00e4ndern eher rustikal ablaufen kann. Teils betreiben Polizeimitarbeiter die Ausbildung. In einigen Bundesl\u00e4ndern setzt man h\u00f6her an, da ist die Ausbildung angesiedelt im Bildungs- und Wissenschaftsressort. Es sind dann auch externe Dozenten im Einsatz, die mit Polizei gar nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Aber auch das ist am Ende fast unerheblich: Denn wenn die Leute fertig sind, dann kommen sie in den Dienst, arbeiten auf der Strasse. Da stossen sie dann auf Kollegen, die den Job seit Jahren oder Jahrzenten machen, die \u00ababgehangen\u00bb sind, wie man so sagt. Die sagen dann zu den jungen Kollegen: Was du an der Uni gelernt hat, vergiss mal ganz schnell wieder. Hier gilt das Gesetz der Stra\u00dfe, wir bringen dir alles bei. Diese Kollegen sind vielleicht \u00fcber ihren Polizei-Alltag frustriert, weil sie bestimmte Erfahrungen mit Straft\u00e4tern gemacht haben. Da findet auch wenig Reflexion statt, weil die Supervision zu kurz kommt oder ganz fehlt. Diese Beamten l\u00e4sst man auf die jungen Kollegen los. So werden Haltungen weitergegeben, quasi vererbt.<\/p>\n<p><strong>Vermutlich hat ein junger Kollege, der diskriminierende \u00c4usserungen oder Verhaltensweisen beobachtet, Hemmungen, diese aufzuzeigen.<\/strong><br \/>\nJunge Kollegen, die noch nicht 100 % gefestigt sind, wollen vermutlich nicht anecken. Da ist das erste Problem schon mal da, und das kriegt man auch nicht wieder eingefangen. Wenn die Arbeitsbedingungen f\u00fcr Kollegen schlechter werden und die frustriert sind, geben sie auch eine Stimmungslage weiter, die nicht so gedeihlich ist f\u00fcr den Gesamtapparat.<\/p>\n<p>Wenn der Kollege es nicht meldet \u2013, und so ist es meist \u2013, liegt es daran, dass sich der junge Kollege nicht selber ein Bein stellen will. Es besteht bei der Polizei ein Klima des Zusammenhalts, ein Korpsgeist, der diese Meldebereitschaft verhindert. Da m\u00fcssen Strukturen geschaffen werden, externe Ansprechpartner, damit man nicht von dem Dienstweg abh\u00e4ngig ist. In der Fortbildung muss man diesen Punkt immer wieder besprechen und die Leute best\u00e4rken: Seid kritisch! Sprecht Dinge an, die Euch auffallen, und meldet sie. Das ist immer eine Herausforderung.<\/p>\n<p><strong>Es gibt zwar in vielen Polizeibeh\u00f6rden bundesweit Ansprechpersonen f\u00fcr LGBTIQ <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2018\/05\/16\/vom-verfolger-zum-partner-der-lgbtiq-community\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>, aber nur selten sind das hauptamtliche Stellen. Oft m\u00fcssen die Kollegen in ihrer Freizeit noch Veranstaltungen besuchen und sich engagieren.<\/strong><br \/>\nDiese Ansprechpersonen innerhalb der Beh\u00f6rde sind super wichtig, als Zeichen f\u00fcr die Community. Ich erinnere mich: In meiner Ausbildung damals kam ein Ansprechpartner f\u00fcr LGBTIQ und referierte, das war ein halber Tag. Leider war das damals schlecht terminiert, zwischen m\u00fcndlicher und schriftlicher Pr\u00fcfung \u2013 niemand war f\u00fcr das Thema wirklich offen, weil alle nur die Pr\u00fcfungen im Kopf hatten. Sowas muss von der Beh\u00f6rde besser geplant werden. Und dann kann man nat\u00fcrlich sagen: Wenn sich jemand eh schon schwer tut mit der LGBTIQ-Community, dann wird ein halber Tag da nichts dran \u00e4ndern. Es m\u00fcsste noch mehr passieren. Mehr Aufkl\u00e4rung, auch was die Geschichte angeht, was die Verfolgung der Community in Deutschland betrifft. Das k\u00f6nnte man noch ausbauen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"SBHp32R84h\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/09\/03\/afd-mann-laestert-ueber-lgbtiq-als-sexuelle-abnormitaeten\/\">AfD-Mann l\u00e4stert \u00fcber LGBTIQ als \u00absexuelle Abnormit\u00e4ten\u00bb<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;AfD-Mann l\u00e4stert \u00fcber LGBTIQ als \u00absexuelle Abnormit\u00e4ten\u00bb&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/09\/03\/afd-mann-laestert-ueber-lgbtiq-als-sexuelle-abnormitaeten\/embed\/#?secret=SBHp32R84h\" data-secret=\"SBHp32R84h\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Man m\u00fcsste auch berufsbegleitend, auch in der Fortbildung versuchen die Leute zu erreichen. Da haben wir heute im Vergleich zu meiner Ausbildungszeit Vorteile. \u00dcbers Intranet werden Fortbildungen betrieben, \u00fcber E-Learning. Die LGBTIQ-Ansprechpersonen sind auf dem Twitter-Account der Polizeipr\u00e4vention in den Sozialen Medien, da werden dann Dinge transparenter. So wird deren Arbeit auch besser wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>Welche Entwicklung beobachten Sie generell bei der Beh\u00f6rde Polizei?<\/strong><br \/>\nDie Polizei hat sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten demokratisiert, aber in den letzten Jahren gab es R\u00fcckschritte. Einerseits was das Selbstbild der Polizei betrifft. Ich finde es immer schwierig, wenn Kollegen voneinander nicht als Kollegen sprechen, sondern von \u201eKameraden\u201c oder gar von \u201eFamilie\u201c, was man aus schlechten Mafia-Filmen kennt. Das impliziert so ein wir und die anderen. Das hat sich auch dadurch ge\u00e4ndert, dass die Terrorgefahr in Deutschland nicht mehr nur abstrakt ist und in konkret umgeschwungen. Was wir seit zwei, drei Jahren sehen, ist dass einzelne Beh\u00f6rden auch im Streifendienst nicht nur Maschinenpistolen, sondern auch Kriegswaffen wie Sturmgewehre anschaffen, mit Helm wie auf dem Panzer rumfahren. Das w\u00e4re vor ein, zwei Jahrzehnten absolut undenkbar gewesen. Heute ist es schon fast der Normalbereich. Da hat sich viel gewandelt.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich mit Kollegen in Brandenburg, Sachsen oder Th\u00fcringen rede , sagt einem jeder: Bei uns ist alles auf AfD-Linie.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Hat das Erstarken der AfD etwas damit zu tun?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde sagen ja. Die Partei behauptet von sich selbst, sie ist die Law-and-Order-Partei schlechthin \u2013 die einzige, die sich vorbehaltlos vor Polizisten und Soldaten stellt, und auch eine gewisse Expertise mitbringt. Als Signal kommt bei Polizisten an: Wir leisten immer mehr \u00dcberstunden, werden schlecht bezahlt, dazu die mangelhafte Ausstattung \u2013 die einzigen, die uns nicht im Regen stehen lassen &#8211; ihren \u00c4usserungen zufolge -, sind die von der AfD. Wenn ich mit Kollegen in Brandenburg, Sachsen oder Th\u00fcringen rede , sagt einem jeder: Bei uns ist alles blau, sprich auf AfD-Linie.<\/p>\n<p><strong>Wenn Polizisten sich radikalisieren oder rechte Netzwerke wie in Hessen auffliegen, ist oft die Rede von Einzelf\u00e4llen. Sehen Sie das auch so?<\/strong><br \/>\nWir haben in Deutschland rund 250.000 Polizisten. In Prozentzahlen ausgedr\u00fcckt, klingt es verschwindend gering. Aber in Hessen hatten wir 38 Verdachtsf\u00e4lle \u2013 das ist nur eins von 16 Bundesl\u00e4ndern, das kann man ja mal hochrechnen. Dazu kommt das Dunkelfeld, das gibt es immer im Bereich der Kriminalit\u00e4t. Bei Polizisten kommt noch dazu: Im Zweifel wissen die von Berufs wegen, wie man etwas verschleiern kann. Also w\u00fcrde ich auf drei- oder vierstellige Zahlen kommen, wenn ich das hochrechne, und das sind keinesfalls mehr Einzelf\u00e4lle \u2013 das macht mich krank. Wir reden hier nicht von Kellnern oder Floristen: Bei denen wei\u00df ich auch nicht, ob sie in ihrer Freiheit den rechten Arm heben. Aber die laufen auch nicht uniformiert und bewaffnet durch die Gegend und d\u00fcrfen in meine Grundrechte eingreifen.<\/p>\n<p><strong>Wie geht man mit rechten Polizisten um?<\/strong><br \/>\nDie Instrumente sind da, um jemanden aus dem Dienst zu entfernen. Aber es passiert zu selten. Oft werden Polizisten erstmal versetzt. Wenn etwas vorf\u00e4llt, wird es oft noch gedeckelt. Ein Fehlerbewusstsein und eine Fehlerkultur w\u00e4ren wichtig. Nach dem NSU-Skandal gab es deutliche Handlungsanweisen an Beh\u00f6rden, aber hat sich da was verbessert? Nicht wirklich. Der Reflex ist immer noch: Sowas gibt es bei uns nicht. Oder man verweist auf Umfragen von Versicherungen: Welcher Berufsgruppe vertrauen sie am meisten? Da liegt die Polizei immer bei 80 % oder mehr. Das h\u00f6rt man immer als Beschwichtigung. Ja, die da in Umfragen antworten, sind auch Menschen, die mit der Polizei nichts zu tun haben. Die kennen keine Gefahrensituationen, in denen Grenzen \u00fcberschritten werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben mit Oliver von Dobrowolski von PolizeiGr\u00fcn \u00fcber rechte Netzwerke und die AfD gesprochen und was f\u00fcr das Vertrauen von Seiten der LGBTIQ-Community getan werden muss. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/oliver-von-dobrowolski-radikalisierte-polizisten-sind-keine-einzelfaelle\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":73499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,4371],"tags":[5544,5501,5461],"wps_subtitle":"Oliver von Dobrowolski \u00fcber rechte Netzwerke und die Beliebtheit der AfD unter Polizist*innen in Deutschland","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73497"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=73497"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73497\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/73499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=73497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=73497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=73497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}