{"id":71304,"date":"2020-03-26T07:12:58","date_gmt":"2020-03-26T06:12:58","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=71304"},"modified":"2023-10-24T09:59:17","modified_gmt":"2023-10-24T07:59:17","slug":"erotikmesse-venus-wie-queer-ist-die-messe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/erotikmesse-venus-wie-queer-ist-die-messe\/","title":{"rendered":"Wie queer ist die Erotikmesse Venus?"},"content":{"rendered":"<h3>Die Erotikmesse Venus ist weltweit eine der gr\u00f6ssten ihrer Art und verbucht j\u00e4hrlich um die 30&#8217;000 Besucher*innen. Wir wollten herausfinden, wie vielf\u00e4ltig das Angebot der Venus ist. Das Fazit ist ern\u00fcchternd.<\/h3>\n<p>\u00dcber 250 Aussteller aus rund 40 L\u00e4ndern pr\u00e4sentieren Neuheiten aus den Bereichen Internet-, Multimedia- sowie Adult-Entertainment. Auf einer Fl\u00e4che von 23\u2009000 Quadratmetern. Das klingt zun\u00e4chst einmal vielversprechend, hatte ich sonst eher Vorurteile bez\u00fcglich der Venus, die seit 1997 in Berlin stattfindet, im Kopf. Und zwar, dass dort Scharen von testosterongesteuerten M\u00e4nnern mit Kameras umherlaufen, um die Speicherkapazit\u00e4ten ihrer Ger\u00e4te bis aufs Letzte mit Aufnahmen nackter Frauen zu f\u00fcllen. Gemeinsam mit zwei Freunden mache ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen auf den Weg, um die Messe auf ihre Schwulenfreundlichkeit hin zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>Wie aufgeregte Teenies<\/strong><br \/>\nH\u00e4tten wir gewusst, dass Alkohol auf der Venus keineswegs verboten, sondern an nahezu jedem Getr\u00e4nkestand erh\u00e4ltlich ist, h\u00e4tten wir den Dosencocktail, den wir eben auf dem S-Bahn-Gleis hinuntergest\u00fcrzt haben, vielleicht gar nicht gebraucht. Nur wollten wir uns ein wenig Mut machen, bevor wir uns ins Get\u00fcmmel wagen. Wie drei aufgeregte Teenies traben wir in Richtung des Messegel\u00e4ndes, direkt am Funkturm. Am Schalter holen wir unsere Pressetickets ab, erhalten eine kleine Einweisung und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Architektonisch bietet das alte Geb\u00e4ude n\u00e4mlich einiges an Imposanz und Gr\u00f6ssenwahn.<\/p>\n<p>Dass dies auch schon das Highlight des heutigen Tages gewesen sein wird, ahnen wir da noch nicht. Das Licht strahlt von aussen durch die bunten Glasfenster und trifft auf massive rote Banner mit den Werbegesichtern der Venus. In diesem Jahr fungieren das beliebte Erotiksternchen Micaela Sch\u00e4fer und Schlagerstartochter Patricia Blanco als Botschafterinnen f\u00fcr mehr Spass am Sex. Beschenkt mit einer T\u00fcte, in der sich \u2013 trotz des \u00fcberwiegend m\u00e4nnlichen Publikums \u2013 ein so genannter Satisfyer zur Stimulation der Klitoris befindet, entern wir die erste der vier Ausstellungshallen.<\/p>\n<p><strong>Schock lass nach<\/strong><br \/>\nPlastik, wohin das Auge reicht! Statt namhaften Produzent*innen hochwertiger Sexspielzeuge oder grossen Pornofilmfirmen erwarten die Besucher*innen St\u00e4nde voller Plunder, die jedem Billigflohmarkt Konkurrenz machen. Die Pr\u00e4sentation erinnert dabei eher an eine Kindergartenbastelstunde als an ein ernst\u00adzunehmendes Vertriebstreffen. Mit Ausnahme der beworbenen Artikel nat\u00fcrlich. Von Vibratoren \u00fcber tonnenweise g\u00fcnstig produzierte Unterw\u00e4sche bis hin zu einer riesigen Auswahl an Haarentfernungsmittelchen, deren dermatologische Vertr\u00e4glichkeit eher fragw\u00fcrdig scheint, reiht sich eine Nutzlosigkeit an die n\u00e4chste.<\/p>\n<p>Es wirkt beinahe so, als wolle man die Erotikbranche ganz bewusst in die Schmuddelecke zur\u00fcckdr\u00e4ngen, aus der sie sich in den letzten Jahren zunehmend freigek\u00e4mpft hat.\u00a0\u00c4sthetik ist ein Fremdwort, das neonfarbenen Angebotsstickern mit handschriftlich ausgewiesenen Spottpreisen weichen muss.<\/p>\n<p>Verwundert ziehen wir an leichtbekleideten Amateurdarstellerinnen und einer Liveshow vorbei, bei der sich eine Performerin Kruzifixe vaginal einf\u00fchrt. Um uns herum begeisterte Gesichter. M\u00e4nner, denen gef\u00e4llt, was sie sehen. M\u00e4nner, die endlich den Stars, die ihnen sonst nur vom Bildschirm entgegenflimmern, nah sein\u00a0k\u00f6nnen. Sie vielleicht sogar kurz anfassen d\u00fcrfen. Und Frauen. Frauen, die am\u00fcsiert grinsen.<\/p>\n<p><strong>Schwule d\u00fcrfen nicht zuschauen<br \/>\n<\/strong>In der n\u00e4chsten Halle ein \u00e4hnliches Bild, wobei es gerade hier eine Neuerung der Venus zu entdecken geben soll. Versteckt in einer dunklen Ecke steht ein unscheinbarer Container mit der Aufschrift \u00abLadies Area\u00bb.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Stripshows muskelbepackter Kerle finden darin statt. Auf die Frage, ob wir als schwule M\u00e4nner vielleicht zuschauen d\u00fcrften, werden wir abgewiesen. Also geht es weiter zur Hauptb\u00fchne, auf der eine als \u00abrassige Italienerin\u00bb beworbene Pornodarstellerin masturbiert.<\/p>\n<blockquote><p>Diversity wird so kleingeschrieben, dass sie schlicht nicht<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>vorhanden ist.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>LGBT\u2009.\u2009.\u2009. was?<\/b><br \/>\nIch k\u00f6nnte noch viele Anekdoten dieser Art aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen holen, doch war meine Mission eine andere. An einem Stand, an dem Pornos verkauft werden, stolpern wir \u00fcber ein paar Schwulenfilme. \u00abH\u00e4tte sich komisch angef\u00fchlt, die nicht einzupacken\u00bb, erkl\u00e4rt der Betreiber. Viel Umsatz mache er mit dieser Art von DVDs jedoch nicht. Das Interesse fehle hier einfach.<\/p>\n<figure id=\"attachment_71362\" aria-describedby=\"caption-attachment-71362\" style=\"width: 2100px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-71362 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 2100 1402'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM.jpg\" alt=\"Venus Erotikmesse\" width=\"2100\" height=\"1402\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM.jpg 2100w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-425x284.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-768x513.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-2048x1367.jpg 2048w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-561x375.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-1122x749.jpg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-758x506.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-608x406.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-1152x769.jpg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-313x209.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Venus2MM-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 2100px) 100vw, 2100px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-71362\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Michael Schmitt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Besser sieht es da schon ein paar Meter weiter bei den Real Dolls, mit Silikon \u00fcber\u00adzogenen, lebensgrossen Puppen, aus. \u00abDie m\u00e4nnlichen Exemplare werden gern von Gays bestellt\u00bb, witzelt der Verk\u00e4ufer, ohne sich Gedanken zu machen, dass die drei M\u00e4nner, die vor ihm stehen, selbst schwul sein k\u00f6nnten. Belustigt spielt er mit dem Penis einer der Puppen herum.<\/p>\n<p>Aber kann man es ihm ver\u00fcbeln? Nicht wirklich, denn Diversit\u00e4t wird auf der Venus nicht nur kleingeschrieben, sie ist schlichtweg nicht vorhanden. Regenbogen dienen einzig und allein der geschmacklosen Inszenierung s\u00fcsslicher Lik\u00f6re und schwule M\u00e4nner nehmen lediglich die Rolle von Stylisten ein, die willigen Damen Extensions in die Haare knipsen. Zu dieser Erkenntnis gelange ich zumindest, bevor wir auf den letzten Teil des Ausstellungsgel\u00e4ndes zusteuern. \u00abKinky Venus\u00bb prangert in massiven Lettern dar\u00fcber. W\u00e4hrend auf der B\u00fchne zwei M\u00e4nner von einer Domina mit Peitschenhieben bedacht werden, f\u00e4llt mir auf, dass einer von ihnen Dessous tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Als mein Blick weiter durch die Gegend schweift, entdecke ich ausserdem Ledersklaven, Herren auf hochhackigen Schuhen und eine trans Frau, die einen menschlichen Hund an der Leine f\u00fchrt. Die Fetischszene macht ihrem Ruf alle Ehre und beweist, dass sie keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gegen\u00fcber Andersartigkeit kennt. Ganz nebenbei er\u00f6ffnet sich so ein Raum, in dem man der \u00fcberkompensierten Heteronormativit\u00e4t, die den Rest der Venus fest im Griff h\u00e4lt, f\u00fcr einen Moment zu entkommen vermag. Zwar r\u00fcmpfen einige Besucher*innen emp\u00f6rt die Nase, als sie sich das bunte Treiben zu erkl\u00e4ren versuchen, ich hingegen stelle fest, wie gut sich Toleranz anf\u00fchlen kann, wenn sie einem mit voller Wucht begegnet.<\/p>\n<p><strong>Auf Nimmerwiedersehen<\/strong><br \/>\nDen Tag als lehrreiche Erfahrung einzustufen, w\u00e4re vielleicht zu hoch gegriffen. Nur zwang mich mein Besuch auf der Venus, f\u00fcr ein paar Stunden meine Komfortzone zu verlassen und mich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass Erotik eben nicht automatisch f\u00fcr alle dasselbe bedeuten muss. In der Hoffnung, dass das Erlebte trotzdem kein Abbild der breiten Masse darstellt, gelange ich zu der Erkenntnis, dass verschiedenste Gruppen an dieser Messe wohl eher weniger Freude haben d\u00fcrften. Neben Mitgliedern der LGBTIQ-Community sind auch Vertreter*innen unterschiedlichster Ethnien sowie feministisch denkende Menschen deutlich unterrepr\u00e4sentiert beziehungsweise g\u00e4nzlich unsichtbar. Es ist ein Event f\u00fcr den weissen, heterosexuellen Mann, wie er \u00fcberspitzt im klischeeartigen Buche steht. In einer weltoffenen Stadt wie Berlin wirkt die Venus daher fast wie ein Fremdk\u00f6rper, wie eine nicht wirklich ernstzunehmende Veranstaltung. Vielleicht sogar wie eine Persiflage dessen, was sie h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie ist eine der gr\u00f6ssten Erotikmessen der Welt und verbucht j\u00e4hrlich um die 30\u2009000 Besucher. 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