{"id":66343,"date":"2019-11-05T08:48:02","date_gmt":"2019-11-05T07:48:02","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=66343"},"modified":"2024-07-17T13:46:05","modified_gmt":"2024-07-17T11:46:05","slug":"roland-emmerich-stonewall-war-kein-white-washing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/roland-emmerich-stonewall-war-kein-white-washing\/","title":{"rendered":"Roland Emmerich: \u00abStonewall\u00bb war kein White Washing"},"content":{"rendered":"<h3>Roland Emmerich hat den Flop, den er 2015 mit \u00abStonewall\u00bb landete, \u00fcberstanden. Diese Woche startet sein neuer Film \u00abMidway\u00bb im Kino. Wir sprachen mit dem deutschen Regisseur \u00fcber die Faszination am Milit\u00e4r, \u00fcber Superhelden und die historische Korrektheit der Stonewall-Erz\u00e4hlungen.<\/h3>\n<p>\u00abEin bisschen zu viel getrunken gestern\u00bb, entschuldigt Roland Emmerich gleich zur Begr\u00fcssung die M\u00fcdigkeit, die ihn beim nachmitt\u00e4glichen Treffen im Bayerischen Hof in M\u00fcnchen \u00fcberkommt. Am Vorabend hat der geb\u00fcrtige Stuttgarter \u2013 gemeinsam mit Hauptdarsteller Ed Skrein \u2013 die Deutschlandpremiere seines neuen Films \u00abMidway \u2013 F\u00fcr die Freiheit\u00bb (ab 7.11. im Kino) gefeiert. Einem gewohnt offenherzigen Gespr\u00e4ch frei von der Leber weg (und mit gelegentlichen Einsprengseln auf Englisch) steht aber auch der kleine Kater nicht im Weg. Nur f\u00fcr die Frage nach dem Kinderwunsch seines Ehemannes Omar, von dem am gleichen Vormittag die <em>Bunte<\/em> berichtet hatte (und dem der Regisseur, der am 10.11. 64 Jahre alt wird, mit dem Kauf eines Hundes begegnete), bleibt am Ende keine Zeit.<\/p>\n<p><strong>Herr Emmerich, Sie erz\u00e4hlen in \u00abMidway \u2013 F\u00fcr die Freiheit\u00bb von den Ereignissen rund um die Seeschlacht 1942 im Pazifikkrieg zwischen den USA und Japan. Warum sollte man sich diese Geschichte im Jahr 2019 ansehen?<\/strong><br \/>\nZun\u00e4chst einmal sie interessant ist und viele Elemente beinhaltet, die wirklich zeigen, wie das damals alles passiert ist. Und zweitens, weil \u00fcberall auf der Welt der Nationalismus auf dem Vormarsch ist. Da ist es nicht verkehrt mal wieder zu erz\u00e4hlen, dass und wie es wegen Nationalismus zu Kriegen kam. Gerade in den USA ist gerade ein guter Zeitpunkt, die Leute daran zu erinnern, dass damals Amerikaner im Kampf f\u00fcr die Demokratie gestorben sind. Aber auch \u00fcberall sonst auf der Welt sollten wir diese Kriege nie vergessen. Sonst wird es irgendwann einmal wieder so sein und statt 50 Millionen Menschen sterben 300 Millionen.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Angst davor, dass es tats\u00e4chlich demn\u00e4chst mal wieder zu einem Weltkrieg kommen k\u00f6nnte?<\/strong><br \/>\nIn letzter Zeit durchaus. Seit zwei oder drei Jahren merke ich, dass ich pl\u00f6tzlich wieder \u00fcber Krieg nachdenke. Und das finde ich erschreckend. Das ist nun nicht der Grund gewesen, warum ich \u00abMidway\u00bb gedreht habe, denn den Film wollte ich schon seit 20 Jahren machen. Aber eigentlich ist es schon ganz passend, dass er erst jetzt zustande gekommen ist.<\/p>\n<p><strong>Ein wichtiges Element in Kriegsfilmen wie Ihrem ist immer der Patriotismus. Wie patriotisch sind Sie selbst \u2013 und f\u00fcr welches Land?<\/strong><br \/>\nIch habe sowohl den deutschen als auch den amerikanischen Pass und f\u00fchle mich ein bisschen als Deutsch-Amerikaner. F\u00fcr Amerika hege ich auf jeden Fall patriotische Gef\u00fchle, schliesslich bin sich seit fast 30 Jahren dr\u00fcben. Das ist bald mein halbes Leben, und viele Dinge sind f\u00fcr mich dort passiert. Aber ich f\u00fchle mich auch immer noch als Deutscher. Und das ist auch gut so, denn wenn man von aussen auf Amerika guckt, sieht man ja vieles ein wenig kritischer. Was habe ich f\u00fcr endlose Diskussionen mit Amerikanern, in denen ich ihnen klarzumachen versuche, dass wir dort irre viele Steuern zahlen, aber eigentlich nichts daf\u00fcr bekommen.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie selbst fr\u00fcher eigentlich bei der Bundeswehr gedient?<\/strong><br \/>\nIch habe mir damals immer die Schultern ausgerenkt, deswegen wurde ich nicht eingezogen. Was \u00fcbrigens erst besser geworden ist, als ich dann ab einem gewissen Alter doch mal angefangen habe, ein bisschen ins Gym zu gehen.<\/p>\n<p><strong>Aber sonst h\u00e4tten Sie sich vorstellen k\u00f6nnen, f\u00fcr Ihr Land zur Not in den Krieg zu ziehen?<\/strong><br \/>\nNein, diese Mentalit\u00e4t ist mir fremd. Ich h\u00e4tte eher Zivildienst geleistet. Mein Vater wurde mit 17 Jahren eingezogen und stand schon ein paar Monate sp\u00e4ter auf dem Schlachtfeld. Der hat uns immer erz\u00e4hlt, dass ihn der Zweite Weltkrieg seine Jugend gekostet hat. Er durfte nicht jung und unbeschwert sein. Das habe ich doch sehr verinnerlicht.<\/p>\n<p><strong>Woher kommt denn dann aber die Faszination f\u00fcr diese M\u00e4nnerwelt Milit\u00e4r, die sich durch viele Ihrer Filme zieht?<\/strong><br \/>\nNa ja, man muss ja auch nicht Reiter sein, um sich f\u00fcr Western zu begeistern. Mich hat einfach immer das klassische Genre des Kriegsfilms interessiert, genau wie Science Fiction- und Katastrophenfilme. Als ich jung war, hatte diese Art des Kinos seine grosse Zeit, und dieser Kampf um existentielle Werte, um den es da oft ging, hat mich wohl gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>In \u00abMidway\u00bb zeigen Sie auch Ihren legend\u00e4ren Kollegen John Ford, der damals vor Ort einen Dokumentarfilm drehte. Ist das in gewisser Weise Ihr Stellvertreter in dieser Geschichte?<\/strong><br \/>\nN\u00f6, \u00fcberhaupt nicht. Statt zur Kamera w\u00e4re ich damals viel mehr der erste gewesen, der in den n\u00e4chsten Bunker rennt. Aber dass dieser Hollywood-Regisseur damals ausgerechnet auf dem Midway-Atoll war, geh\u00f6rt einfach zur Faszination dieser Geschichte dazu.<\/p>\n<p><strong>So viel extremen Einsatz wie Ford haben Sie nie f\u00fcr einen Film an den Tag gelegt?<\/strong><br \/>\nEinfach anders. Man muss als Regisseur immer mit vollem Einsatz dabei sein und einen starken Willen haben. Das ging bei mir schon in der Filmhochschule los, wo ich einfach darauf bestanden habe, einen abendf\u00fcllenden Spielfilm zu drehen. Da habe ich nicht locker gelassen bis es auch wirklich passiert ist. Und das ist auch heute noch so. Ein Nein als Antwort wird nicht akzeptiert, wenn ich ein Projekt wirklich umsetzen will. Und ich habe auch nie Angst gehabt vor gro\u00dfen Stoffen. Wie ich \u00fcberhaupt ziemlich angstfrei bin. Weswegen es auch mit einer Ausnahme bei meinen Filmen nie einen Moment gab, der mich an meine Grenzen gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Und welcher Moment war das?<\/strong><br \/>\nEinmal hatte ich das Pech, mit einem Schauspieler zu drehen, der vollkommen auf Drogen war. Jaye Davidson, damals bei \u00abStargate\u00bb (<em>der schwule Schauspieler war durch den Film \u00abThe Crying Game\u00bb bekannt geworden und verschwand nach der Zusammenarbeit mit Emmerich von der Bildfl\u00e4che, Anm. d. Red.<\/em>). Das war super hart. Einmal dachte meine Schwester, die immer als Produzentin bei meinen Filmen dabei ist, dass er an einer \u00dcberdosis gestorben sei. Sie war die letzte am Set und fand ihn regungslos, erst im Krankenhaus ist er wieder aufgewacht. Das war schrecklich.<\/p>\n<p><strong>Weil Sie gerade Ihre mangelnde Angst vor grossen Stoffen erw\u00e4hnten: wie sieht es denn mit kleinen, intimen Geschichten aus? Hat der \u00abStonewall\u00bb-Flop <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2015\/09\/28\/schlechter-kinostart-fuer-stonewall\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a> von vor vier Jahren Sie diesbez\u00fcglich abgeschreckt?<\/strong><br \/>\n\u00dcberhaupt nicht. Mir hat der Film Spass gemacht. Und damit, dass auch mal etwas floppt, muss man in diesem Beruf immer rechnen. Aber es geht ja ohnehin nicht nur um Erfolg. Als Regisseur erschafft man sich ja auch in gewisser Weise ein Werk, und da war es mir wichtig, auch eine solche Geschichte zu erz\u00e4hlen, an der mein Herzblut hing.<\/p>\n<blockquote><p>Dass in meinem Film eines der Kids schwarz war, ist also eigentlich schon historisch nicht korrekt gewesen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Haben Sie sich denn die teils verheerenden Kritiken damals zu Herzen genommen?<\/strong><br \/>\nAch, f\u00fcr den Film war es einfach ungl\u00fccklich, dass schon nach der Ver\u00f6ffentlichung des Trailers auf Twitter von \u00abwhite washing\u00bb die Rede war. Dabei waren die Stonewall-Riots jenseits von Marsha P. Johnson (einer schwarzen Drag Queen und Aktivistin, die zu einer zentralen Figur des Stonewall-Aufstands wurde, Anm. d. Red.) gr\u00f6sstenteils weiss, das haben mir alle Zeitzeugen best\u00e4tigt, mit denen ich gesprochen habe <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/06\/24\/die-luegen-ueber-die-stonewall-riots-aergern-mich-wirklich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Der Laden war in der Hand der Mafia <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/05\/30\/das-dunkle-geheimnis-des-stonewall-inn-in-den-haenden-der-mafia\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>, die haben Afroamerikaner gehasst und deswegen gar nicht erst reingelassen. Ein Mann, mit dem ich mich \u00fcber die Abende im \u00abStonewall Inn\u00bb damals unterhalten habe und heute ganz gut befreundet bin, hatte einen schwarzen Freund, deswegen durfte der mit rein. Aber er war dort meist die absolute Ausnahme. Dass in meinem Film \u00fcberhaupt eines der Kids schwarz war, ist also eigentlich schon historisch nicht korrekt gewesen.<\/p>\n<p><strong>Sie k\u00f6nnten auf jeden Fall dazu beitragen, dass auch im Mainstream-Kino endlich ganz selbstverst\u00e4ndlich homosexuelle Protagonist*innen ihren Platz finden&#8230;<\/strong><br \/>\nDas w\u00fcrde ich mir auf jeden Fall auch w\u00fcnschen. So wie es in den ganzen Serien ja schon viel mehr an der Tagesordnung ist.<\/p>\n<p><strong>Genau. Warum nicht mal ein schwuler Superheld?<\/strong><br \/>\nOh nein, bitte kein Superheld. Also zumindest nicht von mir. Das ist wirklich so gar nicht mein Genre. Normale Menschen finde ich viel heldenhafter als irgendjemand mit Superkr\u00e4ften.<\/p>\n<p><strong>Wenn schon keinen Superhelden-Film, was planen Sie denn als n\u00e4chstes?<\/strong><br \/>\nAls n\u00e4chstes drehe ich einen Science Fiction-Film namens \u00abMoonfall\u00bb. Und dann kommt hoffentlich ein Projekt namens \u00abShooting Star\u00bb, meine Liebeserkl\u00e4rung ans Filmemachen. Das ist eine Verwechslungsgeschichte in der Stummfilmzeit, \u00fcber einen jungen Mann, den an ein Filmset in Hollywood verschl\u00e4gt. Darin kommt nat\u00fcrlich auch eine schwule Figur vor, ein an Rudolph Valentino erinnernder Schauspieler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roland Emmerich hat den Flop, den er mit Stonewall landete, \u00fcberstanden. Diese Woche startet sein neuer Film Midway im Kino. 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