{"id":53970,"date":"2019-04-30T13:37:08","date_gmt":"2019-04-30T11:37:08","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=53970"},"modified":"2020-12-11T09:54:38","modified_gmt":"2020-12-11T08:54:38","slug":"wofuer-schaemen-sich-schwule-maenner-und-wie-toxisch-ist-scham","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wofuer-schaemen-sich-schwule-maenner-und-wie-toxisch-ist-scham\/","title":{"rendered":"Wof\u00fcr sch\u00e4men sich schwule M\u00e4nner \u2013 wie toxisch ist Scham?"},"content":{"rendered":"<h3>Der Therapeut und Autor <a href=\"https:\/\/www.stephan-niederwieser.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stephan Niederwieser<\/a> (56) hat ein Buch geschrieben mit dem Titel \u00abNie mehr sch\u00e4men. Wie wir uns von l\u00e4hmenden Gef\u00fchlen befreien\u00bb. Im MANNSCHAFT-Interview spricht er \u00fcber die Scham vieler M\u00e4nner in Bezug auf ihre vermeintlich toxische M\u00e4nnlichkeit, dar\u00fcber, wie Scham zu (Selbst)Hass mutieren kann, z.B. in aktuellen Queer-Diskursen, und er erkl\u00e4rt, warum es wichtig ist, lachen zu k\u00f6nnen, trotz Drogen, verungl\u00fcckten Beziehungen und verklemmtem Sex.<\/h3>\n<p><strong>Stephan, wof\u00fcr sch\u00e4men sich denn M\u00e4nner, typischerweise?<br \/>\n<\/strong>Das, was allgemein als Scham bezeichnet und wahrgenommen wird, ist in der Regel nur die Spitze des Eisbergs. Denn im Grunde ist es irrelevant, ob ich h\u00fcbsch oder beruflich erfolgreich bin. Der Scham, von der ich spreche, sind sich die wenigsten Menschen bewusst. Sie betrifft ihren Wesenskern, also zum Beispiel ihre Lebendigkeit, ihre Kraft, ihren Selbstausdruck. Diese Scham hat eine Auswirkung nicht nur auf das Selbstbild, sondern auch auf das Immunsystem, die Hormone, das autonome Nervensystem. Es geht also um viel mehr als nur darum, ob ich von anderen gemocht werde. M\u00e4nner sch\u00e4men sich typischerweise f\u00fcr ihre M\u00e4nnlichkeit, f\u00fcr ihre Kraft und St\u00e4rke.<\/p>\n<p><strong>Betrifft es Schwule und Heterom\u00e4nner gleichermassen?<br \/>\n<\/strong>Ja. Bei Schwulen kommt hinzu, dass sie oft \u00fcber Jahre mit dem Gef\u00fchl aufwachsen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Das Coming-out l\u00f6st nicht unbedingt, was sich \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte als \u00dcberlebensstrategie entwickelt hat. Dieses \u00abMit mir stimmt was nicht\u00bb ist oft so schambesetzt, dass es vom Betroffenen gar nicht mehr als Scham wahrgenommen wird. Es zeigt sich eher in Konflikten mit dem Partner oder im Beruf, in Depressionen oder Symptomen, die von der Schulmedizin zu \u00abKrankheitsbildern\u00bb zusammenfasst wird. Hinter all dem Scham zu erkennen ist oft der erste Schritt zur Genesung.<\/p>\n<p><strong>Was ist mit sexuellen Wunden?<br \/>\n<\/strong>Grosses Thema. Spricht man von sexuellem Missbrauch, haben Menschen vor allem Bilder von schmierigen M\u00e4nnern im Kopf. Dass Frauen\/M\u00fctter (ihre) Kinder missbrauchen, wird heute noch weitgehend geleugnet. Prominentes Beispiel ist die 2015 von Rosa von Praunheim verfilmte Biografie des Berliner Zuh\u00e4lters Andreas Marquardt \u00abH\u00e4rte\u00bb. Seine Mutter zwang ihn regelm\u00e4ssig zu Sex mit ihr und sagte w\u00f6rtlich: \u00abDein Schwanz geh\u00f6rt mir!\u00bb<\/p>\n<p>In Fachkreisen geht man davon aus, dass 10 bis 15 Prozent aller M\u00e4nner als Kinder sexuellen Missbrauch erfahren. Wie viele davon von M\u00e4nnern und wie viele von Frauen missbraucht werden, dazu gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Manche Statistiken geben von bis zu 80 Prozent weiblichen T\u00e4tern aus. Tauwetter, eine Berliner Selbsthilfegruppe f\u00fcr sexuell missbrauchte M\u00e4nner geht von 25 Prozent T\u00e4terinnen aus. Dazu muss man wissen, dass in diese Statistiken nat\u00fcrlich nur einfliessen kann, was M\u00e4nner auf Befragung hin antworten. Was Betroffene ausblenden \u2013 oder so fr\u00fch erfahren, dass sie es gar nicht erinnern k\u00f6nnen \u2013 fehlt darin.<\/p>\n<p>Zum Beispiel entstehen sexuelle Wunden nicht nur durch erotische Handlungen. Um kleine Jungs sexuell zu traumatisieren reicht es, wenn der Blick der Mutter beim Wickeln jedesmal ein bisschen k\u00fchl wird. Vielleicht weil sie religi\u00f6s erzogen wurde und glaubt, Genitalien seien schmutzig, oder weil sie mit M\u00e4nnern schlechte Erfahrungen gemacht hat oder ihr von ihrem Vater Angst vor M\u00e4nnern gemacht wurde. Stell dir nur mal vor, dass dir drei Jahre lang mehrmals t\u00e4glich vermittelt wird, dass dein Pimmel nicht so liebenswert ist wie dein Gesicht oder deine H\u00e4nde. Das w\u00e4re schon f\u00fcr Erwachsene kein Vergn\u00fcgen, in einem Baby und Kleinkind kann so etwas Spuren f\u00fcr den Rest seines Lebens hinterlassen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_53981\" aria-describedby=\"caption-attachment-53981\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-53981 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 620 874'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"874\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel.jpg 620w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-213x300.jpg 213w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-425x600.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-561x791.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-364x513.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-608x857.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-34x48.jpg 34w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-68x96.jpg 68w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-313x441.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Niederwieser_Nie_mehr_schaemen_Titel-400x564.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-53981\" class=\"wp-caption-text\">Stephan Niederwiesers Buch \u00abNie mehr sch\u00e4men. Wie wir uns von l\u00e4hmenden Gef\u00fchlen befreien\u00bb (K\u00f6sel 2019)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nicht zuletzt gibt es diese Wunschgeschlecht-Thematik. Wie ist das, wenn sich Eltern unbedingt einen Jungen w\u00fcnschen, z.B. einen Stammhalter, und dann bringen sie ein M\u00e4dchen zur Welt? Ich habe mit mehreren Frauen gearbeitet, die ihre Weiblichkeit ablehnten, weil sie ein Junge h\u00e4tten werden sollen. Eine Mutter hatte Fantasien, \u00abdass ein Junge durch sie den Weg in die Welt sucht\u00bb, wie sie es formulierte. Sie bat einen Mann, sie zu schw\u00e4ngern. Leider wurde es ein M\u00e4dchen. Sie war \u00fcberzeugt, dass man ihr in der Klinik das falsche Kind untergejubelt hatte. Dass dieses Kind mit 16 seine geschlechtliche Identit\u00e4t in Frage stellt und mit 21 nun \u00fcber eine \u00abAnpassung\u00bb nachdenkt, mag Zufall sein. Diese Vorgeschichte seiner Zeugung hat dem Kind sicher nicht erleichtert, zu sich zu finden. Genauso kommt es vor, dass sich Eltern ein M\u00e4dchen w\u00fcnschen, aber einen Jungen zur Welt bringen. Viele Klienten berichten, mit Vorw\u00fcrfen aufgewachsen zu sein, dass sie nicht das richtige Kind sein bis hin zu: \u00abWenn es mir m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich dich abgetrieben.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Wie toxisch ist Scham, wenn sie chronisch wird?<br \/>\n<\/strong>Der Scham-Affekt, mit dem jeder Mensch von Beginn an ausgestattet ist, hilft uns als Babys jene Pflege, Zuwendung und Liebe zu bekommen, die wir dringend brauchen, damit wir uns zu vollwertigen Menschen entwickeln k\u00f6nnen. Dieser Affekt hilft uns als Kinder, den Anschluss an die unterschiedlichen Peergruppen zu bewahren (KiTa, Schule, Fussballverein). Erwachsene aber k\u00f6nnen die Funktionen dieses automatisierten Mechanismus durch Kapazit\u00e4ten ersetzen und so das Steuer in der Hand behalten, anstatt automatisch in Schamreaktionen zu verschwinden.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"zeCLsLhWMX\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/04\/27\/an-die-homophoben-dieser-welt-lasst-uns-ueber-chancen-reden\/\">Warum f\u00fchrt die WHO Homophobie nicht als Verhaltensst\u00f6rung?<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe title=\"&#8222;Warum f\u00fchrt die WHO Homophobie nicht als Verhaltensst\u00f6rung?&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/04\/27\/an-die-homophoben-dieser-welt-lasst-uns-ueber-chancen-reden\/embed\/#?secret=zeCLsLhWMX\" data-secret=\"zeCLsLhWMX\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Chronisch heisst, dass Scham lange benutzt wurde, um bestimmte Aspekte von einem selbst zu unterdr\u00fccken, sodass man am Ende glaubt, diese reduzierte Person zu sein \u2013 was Arno Gruen das \u00abfalsche Selbst\u00bb nennt. Man versteckt sich, anstatt zu sich zu stehen, man nimmt sich zur\u00fcck mit seinen Bed\u00fcrfnissen, mit seinem Selbstausdruck, mit dem eigenen Willen. Stattdessen unterwirft man sich unter das, was man glaubt, das einem das Gegen\u00fcber zugesteht. Unterdr\u00fcckt man die eigene Lebenskraft lange genug, entgleisen wesentliche Regelkreise im Organismus, wie z.B. Immun- und Nervensystem. So hat man festgestellt, dass Scham die Aussch\u00fcttung des Tumornekrosefaktors (TNF-\u03b1) erh\u00f6ht, ein zuverl\u00e4ssiger Indikator f\u00fcr Entz\u00fcndungen im Organismus. Das Nervensystem geht in den sogenannten Shut-down, einem parasympathisch dominierten Zustand, der sich wie L\u00e4hmung anf\u00fchlen kann. Und das kennt jeder: Man wird besch\u00e4mt, und es verschl\u00e4gt einem regelrecht die Sprache. H\u00f6here Hirnfunktionen werden blockiert. Man kann sich vorstellen, welche Weichen das f\u00fcr Kinder stellt, die in der Schule besch\u00e4mt werden.<\/p>\n<p><strong>Ist Scham das Gleiche wie Selbsthass, wor\u00fcber Polittunte Patsy l&#8217;Amour laLove ein Buch geschrieben hat? Kann Scham und\/oder Selbsthass auch etwas Positives haben?<br \/>\n<\/strong>Selbsthass kann eine Ausdrucksform von chronischer Scham sein. Wer schon einmal Hass begegnet ist, weiss, wie schwer es sich damit lebt \u2013 vor allem, wenn man nicht versteht, was Hass eigentlich ist. Sich selbst zu hassen bedeutet ja, dass man 24\/7 damit lebt: sich hasst und gehasst f\u00fchlt. Das h\u00e4lt nur aus, wer sich auf allerlei Weise Linderung verschafft: mit Hilfe von Drogen, wahllosem Sex, riskantem Sex und vielen weiteren Varianten von selbstverletzendem Verhalten.<\/p>\n<p><strong>Heisst das, die ganze Schwulencommunity in Berlin hasst sich, weil sie zugeballert n\u00e4chtelang im Berghain oder auf Sexparties durchmacht?<br \/>\n<\/strong>Das w\u00fcrde ich niemals behaupten, weil es Menschen mit unterschiedlichen Motivationen in einen Topf wirft. Aber ja, sich zuzuballern ist definitiv eine M\u00f6glichkeit, um Scham nicht sp\u00fcren zu m\u00fcssen. Deine Formulierung kann man auch lesen als: dass sich jemand bewusst ist, dass er sich hasst. Aber genau dieses Bewusstsein oder -werden soll ja vermieden werden. Du wirst eher h\u00f6ren, dass jemand glaubt, es w\u00e4re ein Ausdruck von Selbstliebe, sich zuzuknallen und rumzuv\u00f6geln, und dass alle, die das nicht tun, spiessig sind. Aber noch mal: Nicht jeder, der eine Pille nimmt, leidet unter unbewusstem Selbsthass!<\/p>\n<figure id=\"attachment_53983\" aria-describedby=\"caption-attachment-53983\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-53983 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1024 709'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"709\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648.jpg 1024w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-300x208.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-768x532.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-425x294.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-561x388.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-364x252.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-758x525.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-608x421.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-69x48.jpg 69w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-139x96.jpg 139w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-313x217.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_6648-400x277.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-53983\" class=\"wp-caption-text\">Therapeut Stephan Niederwieser in seiner Praxis (Foto: Privat)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Zur\u00fcck zum Positiven \u2026<br \/>\n<\/strong>Scham und Selbsthass kann man auch positiv lesen, man darf nur den Fokus nicht von der Oberfl\u00e4che in die Tiefe lenken. Scham ist z.B. eine Triebfeder f\u00fcr grosse Leistungen, f\u00fcr Erfolg, f\u00fcr Rampenlicht. In einer wissenschaftlichen Studie wird Scham sogar f\u00fcr einen Motivator gehalten. Schaut man nur auf die Ergebnisse, mag das stimmen. Zieht man auch die Kosten in Betracht, z.B. die stetig wachsende Zahl von Burn-out-Erkrankungen, zeichnet sich ein anderes Bild. Leistungsdruck ist u.a. der Versuch, vor der eigenen Scham davon zu laufen. Deshalb sind Erfolg und Drogen enge Freunde.<\/p>\n<p>Scham ist vereinfacht gesagt Kontraktion, d.h. ich lebe weniger, als ich bin. Ich mag zwar dicke Autos fahren, hunderte Liebhaber im Telefonbuch haben und eine prall gef\u00fcllte Brieftasche, aber es geht auf Kosten von Immun- und Nervensystem, ich muss mein Mitgef\u00fchl f\u00fcr mich selbst (und andere) aufgeben und mich von meinem Herzen abschneiden. Nichts davon ist positiv, nicht in meinem Gesundheitsverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><strong>Du sagtest eben, <\/strong><strong>\u00abvor allem, wenn man nicht versteht, was Hass eigentlich ist\u00bb. Was ist Hass deiner Ansicht nach?<br \/>\n<\/strong>Kompromittierte Liebe. Liebe, die nicht sein darf. Liebe, die zur\u00fcckgewiesen wurde. Der Romancier James Baldwin sagte so etwas wie: \u00abMenschen halten hartn\u00e4ckig an ihrem Hass fest, weil sie wissen, dass sie sich andernfalls mit dem Schmerz dahinter auseinandersetzen m\u00fcssen.\u00bb Zur\u00fcckgewiesene Liebe ist einer der gr\u00f6ssten Schmerzen, die wir Menschen empfinden k\u00f6nnen. Sie kann unertr\u00e4glich sein.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"L7MRatggdN\"><p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/04\/06\/unsere-queergida-so-wird-cis-weiss-maennlich-diffamiert\/\">Unsere Queergida: So wird \u00abcis, weiss, m\u00e4nnlich\u00bb diffamiert<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe title=\"&#8222;Unsere Queergida: So wird \u00abcis, weiss, m\u00e4nnlich\u00bb diffamiert&#8220; &#8212; Mannschaft Magazin\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" src=\"https:\/\/mannschaft.com\/2019\/04\/06\/unsere-queergida-so-wird-cis-weiss-maennlich-diffamiert\/embed\/#?secret=L7MRatggdN\" data-secret=\"L7MRatggdN\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnte man die teils hasserf\u00fcllten Streiteren in der aktuellen Queer Community \u2013 z.B. zwischen Queerfeministinnen und schwulen weissen Cis-M\u00e4nnern \u2013 als <\/strong><strong>\u00abkompromittierte Liebe\u00bb beschrieben?<br \/>\n<\/strong>So ein Urteil f\u00e4lle ich nicht. Aber was ich sehe ist, dass viele Menschen in ihrer Geschlechtlichkeit und ihrer sexuellen Orientierung massiv traumatisiert sind. Sie glauben daher, es w\u00e4re etwas dadurch zu gewinnen, dass man andere f\u00fcr das eigene Leid beschuldigt oder besch\u00e4mt. Es wurde w\u00e4hrend der #metoo-Debatte sehr deutlich. Wenige Jahre zuvor war es nicht anders als es um Beschneidung ging. Und wir sehen dies seit Jahren in den Gender-Debatten. Wir sind an diesem Punkt alle so verletzlich, dass wir lieber zuschlagen, anstatt uns vom Gegen\u00fcber ber\u00fchren zu lassen. Dieser angebliche \u00abKampf f\u00fcr \u2026\u00bb ist oft nur ein \u00abKampf gegen \u2026\u00bb Die Debatten werden aus nicht integrierten Traumata heraus gef\u00fchrt, anstatt aus offenen Herzen heraus. Statt daran zu arbeiten, dass wir alle in einer besseren Welt leben, gemeinsam, treten wir in den Wettlauf, wer am meisten gesch\u00e4digt wurde und wem daher mehr zusteht als anderen. Das beschleunigt nur den Teufelskreis \u2013 wie ich oben bereits anhand von S\u00f6hnen von in ihrer Sexualit\u00e4t eingeschr\u00e4nkten M\u00fcttern beschrieb. Es ist eine Illusion zu glauben, dass M\u00e4nner, die sich ihrer M\u00e4nnlichkeit sch\u00e4men, bessere M\u00e4nner werden. M\u00e4nner, ob cis, gis oder fis, M\u00e4nner, die sich sch\u00e4men, sind eine Gefahr f\u00fcr Frauen, eine noch gr\u00f6ssere f\u00fcr sich selbst und letztendlich f\u00fcr die ganze Welt \u2013\u00a0wie zahlreiche Staatsoberh\u00e4upter t\u00e4glich aufs Neue beweisen.<\/p>\n<p><strong>Dein vorheriges Buch besch\u00e4ftigt sich mit <\/strong>\u00ab<strong>Das Trauma von der Seele schreiben. Eine neue Methode zur Selbstheilung<\/strong><strong>\u00bb. Kann man die Wunden der Scham therapeutisch wegschreiben?<br \/>\n<\/strong>Heilschreiben bedeutet festzuhalten, wie man sich selbst und die Welt in diesem Augenblick gerade erlebt. Also nicht nur indem man Gedanken assoziativ aneinanderreiht, sondern die Empfindungen und vor allem die Gef\u00fchle ebenso niederschreibt, weil man so an tief sitzende \u00dcberzeugungen gelangt. So was wie \u00abMit mir stimmt was nicht\u00bb, \u00abIch habe keine Liebe verdient\u00bb, \u00abEs ist gef\u00e4hrlich, um Hilfe zu bitten\u00bb. Und ja, Heilschreiben eignet sich hervorragend, besonders um mit den versteckten chronischen Schamthemen in sich in Kontakt zu kommen, aber auch, um sie dann zu hinterfragen. Wer zum Beispiel \u00fcberzeugt ist, nicht liebenswert zu sein, kann \u00fcber einen Moment schreiben, indem er sich geliebt gef\u00fchlt hat und dabei wahrnehmen, was sich dadurch im eigenen Erleben ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Du bist vor Jahren bekannt geworden mit Romanen, die schwule Helden haben. War das auch eine Form von Heilschreiben f\u00fcr dich? Wie beurteilst du das heute, im R\u00fcckblick?<br \/>\n<\/strong>Absolut. H\u00e4tte ich nicht geschrieben, ich weiss nicht, ob ich noch leben w\u00fcrde. Von meinem Vater aufgrund meiner Homosexualit\u00e4t aus seinem Leben ausgeschlossen zu werden, war eine vernichtende Erfahrung. Ich verlor nicht nur die Bindung an ihn, sondern auch zu Geschwistern. Das konnte ich damals nur bew\u00e4ltigen, indem ich einen Roman dar\u00fcber schrieb. Wer \u00abAn einem Mittwoch im September\u00bb kennt, wird aber wissen, wie weich ich diese Erfahrung eingebettet habe: damals konnte ich ihrer Wucht noch nicht begegnen. Sie z\u00e4hlt auch heute noch zu den verletzendsten Erlebnissen meines Lebens. Schreiben, so w\u00fcrde ich r\u00fcckblickend sagen, hat mir das Leben gerettet.<\/p>\n<p>In \u00abDas einzige, was z\u00e4hlt\u00bb habe ich den schmerzlichen Verlust vieler Freunde \u00abheilgeschrieben\u00bb, die ich an Aids verloren habe. In \u00abZumindest manchmal\u00bb geht es um Lug und Betrug in Partnerschaften.<\/p>\n<figure id=\"attachment_53985\" aria-describedby=\"caption-attachment-53985\" style=\"width: 375px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-53985 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 375 500'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L.jpg\" alt=\"\" width=\"375\" height=\"500\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L.jpg 375w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-225x300.jpg 225w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-364x485.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-36x48.jpg 36w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-72x96.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-313x417.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/41cdkjn0o3L-300x400.jpg 300w\" data-sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-53985\" class=\"wp-caption-text\">Stephan Niederwiesers Buch \u00abDie Bibel des schwulen Sex\u00bb (Bruno Gm\u00fcnder Verlag 2012)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Neben deinen Romanen wurdest du einem breiten Publikum mit Sexratgebern bekannt. Gibt\u2019s zwischen diesen Ratgebern und den neuen B\u00fcchern Verbindungslinien?<br \/>\n<\/strong>Klar. Wenn die breite \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Homosexualit\u00e4t spricht, haben sie ja nicht das Bild im Kopf, dass zwei gleichgeschlechtliche Menschen zusammenleben. Nein, sie stellen sich die beiden beim Sex vor. Das dies eine menschliche M\u00f6glichkeit ist, erf\u00fcllt viele Menschen mit so grosser Scham, die sie mit Hilfe von Besch\u00e4mung anderer abwehren \u2013 wodurch dieser Sex weiterhin schambesetzt in unserer Kultur verbleibt. Es war mir also wichtig, unterhaltsam \u00fcber Sex zu schreiben, mit Leichtigkeit die Freude daran zu vermitteln und zu erm\u00f6glichen, dass man auch \u00fcber sich beim Sex lachen kann.<\/p>\n<p><strong>Wieso ist Lachen wichtig?<br \/>\n<\/strong>Lachen ist das Gegenteil von \u00absich unter Druck setzen\u00bb, von \u00abperfekt sein\u00bb, von \u00abgl\u00e4nzen\u00bb oder dem Glauben, einem bestimmten Bild entsprechen zu m\u00fcssen \u2013 es sei denn, man lacht, weil es von einem erwartet wird. Lachen setzt Gl\u00fcckshormone frei und es ist Ausdruck davon, dass man sich in einem Zustand von relativer Sicherheit befindet. Niemand kann lachen, wenn er auf der Flucht ist oder einen Gegner bek\u00e4mpft. Wer beim Sex lachen kann, und ich meine wirklich lachen, nicht schamgesetzt kichern, der ist wirklich frei von Scham.<\/p>\n<p><strong>Was hast du selbst von den Sexratgebern gehabt?<br \/>\n<\/strong>Ich wurde aufgrund meiner Sexualit\u00e4t von wichtigen Menschen f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Diese Sexualit\u00e4t zu feiern, war ein Aufbegehren gegen diesen versuchten Seelenmord. Und wenn ich von den Zuschriften ausgehen darf, scheint diese Art ohne Scham \u00fcber Sex zu schreiben, vielen Menschen geholfen zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Therapeut und Autor Stephan Niederwieser \u00fcber sein neues Buch \u00abNie mehr sch\u00e4men. 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