{"id":40109,"date":"2018-05-16T10:25:39","date_gmt":"2018-05-16T08:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=40109"},"modified":"2022-06-03T10:07:34","modified_gmt":"2022-06-03T08:07:34","slug":"pascal-erlachner-das-medial-inszenierte-coming-out-war-noetig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/pascal-erlachner-das-medial-inszenierte-coming-out-war-noetig\/","title":{"rendered":"Pascal Erlachner: \u00abDas medial inszenierte Coming-out war n\u00f6tig\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>An geouteten Fussballern fallen einem <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ernuechterung-ein-jahr-nach-coming-out-von-hitzlsperger\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Hitzlsperger<\/a> und Robbie Rogers ein, vielleicht noch der Schwede Anton Hys\u00e9n. Von schwulen Schiris im Profifussball h\u00f6rte man lange so gut wie gar nichts.<\/h3>\n<p>Das hat sich im Dezember 2017 ge\u00e4ndert: Pascal Erlachner, Schiedsrichter der Schweizer Super League, outete sich in Presse und Fernsehen. Und ersch\u00fctterte die vermeintlich heteroharte Fussballwelt ein wenig in ihren Grundmauern.<\/p>\n<p>An Silvester 2016 fasste Pascal Erlachner seine Neujahrsvors\u00e4tze, mitten in der Karibik. \u00abMein Partner und ich waren \u00fcber die Feiertage in Punta Cana und ich sp\u00fcrte, dass 2017 mein Jahr werden w\u00fcrde\u00bb, erinnert er sich. Pascal nahm sich Grosses vor: Erstens wollte er die Privatpilotlizenz machen, zweitens in den Gemeinderat seines Wohnorts gew\u00e4hlt werden und drittens der Welt mitteilen, dass er schwul ist. Wobei zu diesem Zeitpunkt seine Umwelt bereits von seiner Homosexualit\u00e4t wusste. Das Coming-out betraf die \u00d6ffentlichkeit. Denn Pascal ist Fussballschiedsrichter der h\u00f6chsten Schweizer Liga. Fussball und Homosexualit\u00e4t: ein Drama in vielen Akten, der letzte Vorhang ist noch lange nicht gefallen.<\/p>\n<p>Auf die Frage, wie sich die Homophobie im Fussball denn \u00e4ussere, erinnert sich Pascal: \u00abIm Training sagt man einem Kollegen zum Beispiel, er solle doch nicht so schwul spielen oder den Ball nicht wie eine Schwuchtel werfen. Es sind diese feinen Sticheleien, die einem einen Schlag in die Magengrube versetzen, wenn man denn selbst schwul ist.\u00bb Dabei w\u00fcrden viele das Wort \u00abschwul\u00bb als Schimpfwort gebrauchen, ohne dabei unbedingt an die sexuelle Orientierung zu denken. Manchmal ist es Spass, manchmal provozierend und manchmal halt eben auch als Abwertung oder Erniedrigung des Gegen\u00ad\u00fcbers gemeint.<\/p>\n<p><strong>Sensibilisierung der Trainer<br \/>\n<\/strong>Seit \u00fcber einem Jahr durchlaufen angehende Fussballtrainer beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) ein anderthalbst\u00fcndiges Modul zum Thema \u00abHomophobie im Fussball\u00bb. Ziel ist es, genau solchen latenten oder offensichtlichen homophoben und beleidigenden Spr\u00fcchen Einhalt zu gebieten und die Nachwuchssportler zu sensibilisieren. An die 3000 angehende Trainer haben das Modul bis dato durchlaufen. Es sei noch zu fr\u00fch, etwas \u00fcber den Erfolg des Ausbildungsmoduls zu sagen, sagt Philipp Gr\u00fcnenfelder, von Queerpass, dem Fanclub f\u00fcr schwule, lesbische, bi- und heterosexuelle Fans des FC Basel und Mitinitiator des Ausbildungsmoduls. Zurzeit werde ein Fragebogen entwickelt, der es ihnen erlauben wird, R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber Erfolg oder Misserfolg der Ausbildung zu ziehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ernuechterung-ein-jahr-nach-coming-out-von-hitzlsperger\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Zum Thema: Thomas Hitzlsperger outete sich nach dem Ende seiner Karriere<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Pascal erwartete damals nicht, dass die Trainer etwas gegen schwulenfeindliche Sticheleien unternommen h\u00e4tten. Heute ist er aber froh, dass sie auf das Thema sensibilisiert seien und gegebenenfalls einschreiten k\u00f6nnen. Bei den Profis seien solche Spr\u00fcche sowieso nicht mehr so das Problem, meint er. Vielmehr sei es das Bild, das die Gesellschaft vom Fussballer beziehungsweise die Fussballer untereinander von sich selber haben: Ein Fussballer hat ein Macho zu sein. Er hat Tattoos, schnelle Autos und sch\u00f6ne Frauen. Es sei ein Gesamtpaket, erkl\u00e4rt Pascal, da habe es einer mit einem Mann an seiner Seite halt schwierig: Kommt hinzu, dass der Profifussball ein Haifischbecken ist. Er ist schnelllebig und man muss sich durchsetzen k\u00f6nnen. Man hat Angst vor dem Trainer, den Mitspielern, den Fans und den Sponsoren und versucht darum, m\u00f6glichst dem herk\u00f6mmlichen Image zu entsprechen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Medial orchestriertes Coming-out<br \/>\n<\/strong>Pascal ist heute 38 Jahre alt. Vor zirka vier Jahren outete er sich gegen\u00fcber seinen Schiedsrichterkollegen. \u00abDas war w\u00e4hrend eines Trainingslagers auf Gran Canaria\u00bb, erinnert er sich. Nein, die Kollegen h\u00e4tten damit keine M\u00fche gehabt. Sie w\u00fcrden ihn als Kollegen akzeptieren wie bis anhin und so wie er halt sei, versicherten sie ihm. \u00dcberhaupt: Zuerst m\u00fcsse man sich selbst akzeptieren, wie man ist. Und dann merke man, dass das Umfeld oft gar kein Problem mit diesem Thema habe. Und dass sein Umfeld wirklich keine Probleme damit hatte, merkte Pascal sp\u00e4testens dann, als er sich letztes Jahr zu einem grossangelegten medialen Coming-out entschied. Der \u00abBlick\u00bb h\u00e4tte die Geschichte am liebsten schon ein Jahr vorher gebracht, denn irgendwie habe die Boulevardzeitung Wind von Pascals Homo\u00adsexualit\u00e4t bekommen, lange bevor er f\u00fcr sein eigenes Coming-out bereit war.<\/p>\n<blockquote><p>Die Journalisten haben meine Gef\u00fchle respektiert<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abIch habe mit den Journalisten gesprochen und sie haben meine Gef\u00fchle respektiert\u00bb, erz\u00e4hlt Pascal. Mitte 2017 begannen dann auch schon die Filmarbeiten f\u00fcr den Fernsehbeitrag, der am 21. Dezember ausgestrahlt wurde. Der \u00abSonntagsblick\u00bb titelte am 10. Dezember mit der Geschichte. Bald berichtete man in der ganzen Schweiz und auch in Deutschland \u00fcber den schwulen Schiedsrichter, der das Tabu gebrochen hat und \u00fcber seine Homosexualit\u00e4t \u00f6ffentlich sprach. Und was ist passiert? Wie waren die Reaktionen? \u00abDurchweg positiv\u00bb, meint Pascal. Nicht eine negative \u00c4usserung habe es gegeben. Also w\u00e4re diese mediale Inszenierung gar nicht n\u00f6tig gewesen? Ist die Fussballwelt vielleicht gar nicht so verstockt, wie gemeinhin angenommen? Pascal sch\u00fcttelt den Kopf. Nein, Schwulsein und Fussball, das passe auch heute noch \u00fcberhaupt nicht zusammen. \u00abDas Thema Homosexualit\u00e4t wird komplett tabuisiert.\u00bb Nur mit diesem grossangelegten medialen Coming-out habe er die Fussballwelt etwas in ihren Grundmauern ersch\u00fcttern k\u00f6nnen, davon zeigt er sich \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><strong>Als Schiedsrichter akzeptiert<br \/>\n<\/strong>An die 247 Spiele hat Pascal in seiner Schiedsrichterkarriere schon geleitet, 80 davon in der h\u00f6chsten Schweizer Fussballliga, der Super League. Da verteilte er 298 gelbe und 9 rote Karten und entschied 11 Mal f\u00fcr Elfmeter. Hat sich nach seinem Outing auf dem Platz etwas ver\u00e4ndert? \u00abDas Wichtigste ist, dass man auf dem Platz voll bei der Sache ist und die richtigen Entscheidungen trifft. Das haben die Spieler verdient\u00bb, sagt er und f\u00fcgt an: \u00abIch mache und machte Fehler, davor bin auch ich nicht gefeit. Ich werde weiter an mir arbeiten. Daher: nein, es hat sich nichts ge\u00e4ndert.\u00bb Auch die Spieler w\u00fcrden ihn nicht mehr, nicht weniger akzeptieren als vorher. Schliesslich h\u00e4tten sie auf dem Platz wichtigere Probleme zu l\u00f6sen, als sich \u00fcber seine Sexualit\u00e4t auszulassen.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/2018\/10\/17\/kinofilm-mario-homosexualitaet-als-risikofaktor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Den Film \u00abMario\u00bb \u00fcber einen schwulen Profifussballer<\/a> kennt Erlachner nat\u00fcrlich. Gegen\u00fcber dem\u00a0MIGROS Magazin sagte er: \u00abEr bringt es wirklich auf den Punkt, ist sehr realistisch, und es gab immer wieder Szenen, die mich extrem ber\u00fchrt und stark an meine eigene Situation erinnert haben.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><strong>Der vollst\u00e4ndige Artikel ist in der Mai-Ausgabe der\u00a0<\/strong><strong><em>Mannschaft\u00a0<\/em><\/strong><strong>erschienen<\/strong>\u00a0 <strong><em><a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/abonnieren\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier abonnieren (Deutschland)<\/a>\u00a0\u2013 und<\/em>\u00a0<em><a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/abo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier auch (Schweiz)<\/a>!<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An geouteten Fussballern fallen einem Thomas Hitzlsperger und Robbie Rogers ein, vielleicht noch der Schwede Anton Hys\u00e9n. 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