{"id":37272,"date":"2017-08-10T10:55:00","date_gmt":"2017-08-10T08:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2017\/08\/10\/ohne-selbstausbeutung-geht-es-nicht\/"},"modified":"2017-08-10T10:55:00","modified_gmt":"2017-08-10T08:55:00","slug":"ohne-selbstausbeutung-geht-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ohne-selbstausbeutung-geht-es-nicht\/","title":{"rendered":"\u00abOhne Selbstausbeutung geht es nicht\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>\u00abBeards: An Unshaved History\u00bb, \u00abThe Big Penis Book\u00bb, \u00abDer junge Ralf K\u00f6nig\u00bb \u2013 die Buchhandlung L\u00f6wenherz in Wien ist f\u00fcr Freunde schwuler Literatur eine wahre Fundgrube. Mit mehr als 12\u2006000 lagernden Titeln quillt das Sortiment f\u00f6rmlich \u00fcber, dank der gem\u00fctlichen Atmosph\u00e4re macht das St\u00f6bern ungemein Spass. Die Inhaber, J\u00fcrgen Ostler, 53, und Veit Schmidt, 51, geben gerne Tipps zu interessanten Neuerscheinungen und sind auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Neben B\u00fcchern f\u00fcllen internationale Gay-Magazine, DVDs und Pride-Artikel das Gesch\u00e4ft in der Wiener Berggasse.<\/p>\n<p><b>Aktiver Teil der Community<\/b><br \/>\n1993 wurde die Buchhandlung L\u00f6wenherz gegr\u00fcndet \u2013 damals als Firma gemeinsam mit dem benachbarten Caf\u00e9 Berg. Die damaligen Besitzer w\u00e4hlten 3500 B\u00fccher aus und waren damit Wiens schwule Buchh\u00e4ndler der ersten Stunde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20047\" aria-describedby=\"caption-attachment-20047\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignright\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-20047 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 500 666'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Bild_2-2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"666\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-20047\" class=\"wp-caption-text\">Die Buchhandlung L\u00f6wenherz in Wien besteht seit 1993 und sieht sich als aktiven Teil der Community.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seitdem hat sich viel getan, vor allem, was das Kaufverhalten der Kundschaft angeht: \u00ab\u00dcber uns allen schwebt das grosse B\u00f6se\u00bb, sagt J\u00fcrgen Ostler augenzwinkernd und spielt damit auf den US-amerikanischen Onlineversandh\u00e4ndler Amazon an. \u00abDie haben dem Buchhandel den Krieg erkl\u00e4rt und wollen alles plattmachen. Amazons Ziel ist die totale Kontrolle \u00fcber den Markt.\u00bb<\/p>\n<p>[perfectpullquote align=&#8220;full&#8220; cite=&#8220;&#8220; link=&#8220;&#8220; color=&#8220;&#8220; class=&#8220;&#8220; size=&#8220;&#8220;]\u00abReich wird man nicht. Daf\u00fcr sind wir definitiv in der falschen Branche.\u00bb[\/perfectpullquote]<\/p>\n<p>Die Buchhandlung L\u00f6wenherz punktet mit dem, was Onlineh\u00e4ndler nicht bieten k\u00f6nnen: optimalem Service, Kundenn\u00e4he, Events. \u00abWir haben eines der international gr\u00f6ssten Sortimente an schwul-lesbischer Literatur und besorgen dar\u00fcber hinaus jedes lieferbare Medium innerhalb k\u00fcrzester Zeit\u00bb, so Ostler. \u00abZudem sehen wir uns als aktiven Teil der Community. Wir haben uns von Anfang an f\u00fcr die Regenbogenparade engagiert und z\u00e4hlen zu den etablierten Orten lesbischen und schwulen Lebens in Wien.\u00bb Doch: Grosse Spr\u00fcnge kann das L\u00f6wenherz nicht machen, der Laden ist gerade eben kostendeckend. \u00abReich wird man als schwuler Buchh\u00e4ndler nicht. Daf\u00fcr sind wir definitiv in der falschen Branche.\u00bb<\/p>\n<p><b>Knackpunkt Finanzen<\/b><br \/>\nDas wirtschaftliche Auskommen ist f\u00fcr schwule Buchhandlungen tats\u00e4chlich immer schon ein heikles Thema gewesen. \u00abOhne Selbstausbeutung haben schwule Buchl\u00e4den noch nie funktioniert\u00bb, sagt etwa der Besitzer des Stuttgarter Buchladens Erlkoenig, Thomas Ott. \u00abMein Rentenbescheid liest sich wie ein Witz, vorausgesetzt, man hat Sinn f\u00fcr absurden Humor.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_20049\" aria-describedby=\"caption-attachment-20049\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-20049\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 400 300'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Buchhandlung_Erlkoenig.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-20049\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Ott arbeitet intensiv am Fortbestand des Buchladens Erlkoenig in Stuttgart.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Erlkoenig ist, \u00e4hnlich wie das L\u00f6wenherz in Wien, zusammen mit einem Szenelokal er\u00f6ffnet worden. Die Initiative entstand 1983 aus der Schwulenbewegung heraus, sozusagen als Fortsetzung der politischen Emanzipationsbewegung. Wurde der Laden zuerst lange von einer Gruppe von Leuten gef\u00fchrt, die sich aus verschiedenen Stuttgarter Schwulengruppen rekrutierten, ist Ott seit 2014 alleiniger Besitzer.<\/p>\n<p>Er arbeitet intensiv daran, den Fortbestand des Ladens zu sichern. \u00abErfolgsrezept des Erlkoenigs ist es, sich st\u00e4ndig neu zu erfinden und Artikel anzubieten, die es wirklich nur hier gibt\u00bb, sagt Ott. \u00abWir haben einen Bereich mit antiquarischen B\u00fcchern aufgebaut und verf\u00fcgen \u00fcber eine gro\u00dfe Filmabteilung. Aus dem schwulen Buchladen von einst ist l\u00e4ngst ein Gesch\u00e4ft geworden, der den ganzen LGBT-Bereich abdeckt.\u00bb<\/p>\n<p>Trotz aller Bem\u00fchungen ist die wirtschaftliche Situation des Erlkoenigs kritisch. \u00abDas Ladengesch\u00e4ft l\u00e4uft seit vielen Jahren\u00a0nicht gerade rosig. Zum Gl\u00fcck geht es online nach und nach aufw\u00e4rts. Hier zahlt sich die ganze Arbeit, die wir in den Shop gesteckt haben, langsam aus.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_20050\" aria-describedby=\"caption-attachment-20050\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignright\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-20050 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 500 334'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Peter_Thommen.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"334\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-20050\" class=\"wp-caption-text\">Nach vierzig Jahren ist Schluss. Peter Thommen schliesst seine Buchhandlung in Basel.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dass ein schwules Vollsortiment und umfassender Service im Buchhandel keine grossen Gewinne erwirtschaften, zeigen viele Beispiele pleitegegangener schwuler Buchl\u00e4den. Noch bis vor einigen Jahren gab es einige: die Buchhandlung Oscar Wilde in Frankfurt, M\u00e4nnerschwarm in Hamburg, Max &amp; Milian in M\u00fcnchen, Ganymed in K\u00f6ln, M\u00e4nnertreu in N\u00fcrnberg. Alle haben irgendwann aufgeben.<\/p>\n<p>Auch Peter Thommen wird Ende 2017 in Rente gehen, nachdem er im April das vierzigj\u00e4hrige Bestehen seiner Buchhandlung \u00abArcados\u00bb feiern konnte. \u00abIch bin seit zehn Jahren \u00fcberfl\u00fcssig!\u00bb, sagt er gegen\u00fcber der Mannschaft. Die Gesellschaft habe sich gewandelt und gebe visuellen Inhalten den Vorzug. Die klassischen Medien verlieren immer mehr an Bedeutung, findet der 67-J\u00e4hrige, der sich seit den Siebzigerjahren in der Basler Schwulenszene engagiert. Die R\u00e4umlichkeiten seiner Buchhandlung werde er als Archiv benutzen, um die gesammelten Schriften und Publikationen der letzten Jahrzehnte zu \u00fcberarbeiten und zu sortieren, um sie irgendwann dem Schwulenarchiv in Z\u00fcrich oder dem Staatsarchiv in Basel zu vermachen.<\/p>\n<p><b>1978 erster schwuler Buchladen<\/b><br \/>\nDeutschlands schwuler Buchladen der ersten Stunde hat bis heute \u00fcberlebt: die Buchhandlung Prinz Eisenherz in Berlin, 1978 von Peter Hedenstr\u00f6m er\u00f6ffnet. Drei Jahre zuvor hatte er mit zwei weiteren Westberliner Studenten, Elmar Kraushaar und Volker Bruns, einen schwulen Buchverlag gegr\u00fcndet, den Verlag Rosa Winkel. Der Name bezog sich auf das Kennzeichen, das schwule KZ-Gefangene tragen mussten. Die schwulen Verleger bauten ein Versandgesch\u00e4ft auf und belieferten die Kunden direkt, der klassische Buchhandel wurde aber nicht erreicht.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung des Buchladens Prinz Eisenherz, der sich schnell zum Szenetreffpunkt schwuler Aktivisten, Literaturliebhaber und der Westberliner Intelligenzija entwickelte. Die Regale in der B\u00fclowstrasse wurden bald zu eng, sodass der Laden Mitte der Achtzigerjahre in die Bleibtreustrasse nahe des Savignyplatzes in Charlottenburg umzog. Das Eisenherz genoss bald den Ruf als weltweit bestsortierte schwule Fachbuchhandlung. Seit 2013 befindet sich der Laden im schwulen Herzen Berlins, in der Motzstrasse.<\/p>\n<p><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-20046\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 400 604'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Bild_1-3.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"604\" \/><\/p>\n<p>Wirtschaftliche \u00dcberlegungen spielen auch im Eisenherz eine Rolle. Doch der Laden steht insgesamt auf einem soliden finanziellen Boden. \u00abReich wird man mit B\u00fccherverkaufen nicht, aber das ist ein generelles Buchladenproblem und kein spezifisch schwules\u00bb, sagt Roland M\u00fcller-Flashar, 57. \u00abHinzu kommt sicherlich, dass ein schwuler Buchladen f\u00fcr die heutige Generation schwuler M\u00e4nner nicht mehr so identit\u00e4tsstiftend ist wie vor vierzig Jahren, als Prinz Eisenherz gegr\u00fcndet wurde. Das sieht man ja auch daran, dass es f\u00fcr j\u00fcngere Leute nicht mehr so wichtig ist, schwule Bars aufzusuchen.\u00bb<\/p>\n<p>Um den Laden aufrechtzuerhalten, ist viel Arbeit und Engagement n\u00f6tig. \u00abMan muss immer dranbleiben, anders funktioniert es nicht\u00bb, sagt Roland M\u00fcller-Flashar. \u00abPressearbeit, Veranstaltungen, Werbung, Anzeigen, Lesungen, Vortr\u00e4ge, Lesegruppen \u2013 all das ist n\u00f6tig, um im Gespr\u00e4ch zu bleiben. Zumindest haben wir einen Standortvorteil, Berlin ist ja Touristenmagnet. Und es macht auch wirklich Spass, mit schwulen B\u00fcchern zu handeln.\u00bb<\/p>\n<p>[accordion]<br \/>\n[item title=&#8220;Arcados Basel&#8220;]\u2013 <a href=\"http:\/\/www.arcados.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">arcados.ch<\/a>[\/item]<br \/>\n[item title=&#8220;Erlkoenig, Stuttgart&#8220;]\u2013 <a href=\"http:\/\/www.buchladen-erlkoenig.de\/shop\/index\">buchladen-erlkoenig.de<\/a>[\/item]<br \/>\n[item title=&#8220;L\u00f6wenherz, Wien&#8220;]\u2013 <a href=\"https:\/\/www.loewenherz.at\">loewenherz.at<\/a>[\/item]<\/p>\n<p>[item title=&#8220;Prinz Eisenherz, Berlin&#8220;]\u2013 <a href=\"http:\/\/www.prinz-eisenherz.com\">prinz-eisenherz.com<\/a>[\/item]<br \/>\n[\/accordion]<\/p>\n<p><em>Fotos von Stephan L\u00fccke und Christian Jaeggi<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwule Buchl\u00e4den gab es bis vor einigen Jahren in zahlreichen deutschsprachigen St\u00e4dten \u2013 \u00fcbrig geblieben sind vier: die Buchhandlung Eisenherz in Berlin, der Erlkoenig in Stuttgart, Arcados in Basel und das L\u00f6wenherz in Wien. Warum mussten so viele schwule Buch\u00adhandlungen schliessen \u2013 und wie schaffen es die verbliebenen, am Markt zu bestehen? <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ohne-selbstausbeutung-geht-es-nicht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":37273,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[5438,5484],"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37272"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37272"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37272\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/37273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}