{"id":36399,"date":"2016-05-24T09:50:51","date_gmt":"2016-05-24T07:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2016\/05\/24\/faszination-diva-ein-wichtiger-teil-der-schwulenkultur\/"},"modified":"2021-08-05T14:46:42","modified_gmt":"2021-08-05T12:46:42","slug":"faszination-diva-ein-wichtiger-teil-der-schwulenkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/faszination-diva-ein-wichtiger-teil-der-schwulenkultur\/","title":{"rendered":"Faszination Diva \u2013 Warum viele Schwule Madonna und Co. anbeten"},"content":{"rendered":"<h3>Die Divenverehrung geh\u00f6rt zur Schwulen\u00adszene wie Grindr und der Regenbogen. Woher kommt diese Faszination? Wir gehen der Frage nach, weshalb Schwule nach Madonna, Britney und Co. lechzen.<\/h3>\n<p>Die Divenverehrung geh\u00f6rt zur Schwulen\u00adszene wie Wasabi zu Sushi und Susi zu Strolch. Wer bei Google die Stichworte \u00abdiva\u00bb und \u00abgay\u00bb eingibt, erh\u00e4lt knapp dreizehn Millionen Suchergebnisse. Und f\u00fcr die meisten ist eine Schwulenparty keine Schwulenparty, wenn nicht irgendwann die guten alten Dancefloor\u00adkracher von Kylie aus den Boxen dr\u00f6hnen. Woher kommt diese Faszination? Warum lieben Schwule diese Frauen, diese S\u00e4ngerinnen und Schauspielerinnen? Ihr Talent mag einer der Faktoren sein. Sie singen grossartige Hymnen, erbringen beeindruckende schauspielerische Leistungen und sehen grandios aus. Das alleine reicht aber nicht. Es geh\u00f6rt mehr dazu, bis eine K\u00fcnstlerin zur veritablen \u00abSchwulenikone\u00bb wird.<\/p>\n<p><strong>Ikone als Identifikationsfigur<\/strong><br \/>\nEinen Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die \u00abFaszination Diva\u00bb liefert der Journalist Martin Trevor in einem Artikel auf huffingtonpost.com, wo er einen US-amerikanischen Gender-\u00adStudies-Professor zitiert: \u00abFrauen, die als Ikonen gelten, definieren ihr Selbst auf ihre ganz eigene Weise.\u00bb Dieses Gebaren, schreibt Martin, komme insbesondere bei Menschen gut an, die selbst nicht zur Mehrheit geh\u00f6rten und aus dem Rahmen fielen. Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die weitverbreitete Divenverehrung unter Schwulen mag also die Tatsache sein, dass sie sich mit diesen aussergew\u00f6hnlichen, unkonventionellen Frauen identifizieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Fallbeispiel: Britney Spears<\/strong><br \/>\nEine dieser Frauen ist S\u00e4ngerin Britney Spears, die sich seit Langem einer schwulen Fangemeinde erfreut. Von der s\u00fcssen Lolita in Schuldm\u00e4dchenuniform wurde sie zum Megastar, der s\u00e4mtliche Rekorde brach. Dann ihr Absturz, von der \u00d6ffentlichkeit mit gl\u00fchendem Interesse mitverfolgt. Turbulente Beziehungen, eine endlose Reihe unvorteilhafter Paparazzibilder, bis schliesslich der grosse Schock folgte: Britney schor sich den Kopf kahl. Doch sie liess sie sich nicht beirren. Wie Phoenix aus der Asche \u2013 und mithilfe einer perfekt ge\u00f6lten Managementmaschinerie \u2013 stieg sie empor und erklomm den Pop\u00adolymp erneut.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abSchwule M\u00e4nner identifizieren sich deshalb mit Frauen, weil auch diese in gesellschaftspolitischer Hinsicht noch immer eine Randgruppe ohne wirkliche Macht darstellen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Laut dem englischen Wirtschaftsmagazin Forbes war sie 2012 mit Jahreseinnahmen von 58 Millionen US-Dollar weltweit die erfolgreichste Musikerin, Shootingstars wie Taylor Swift liess sie mal eben hinter sich.\u00a0Es d\u00fcrfte dies eine der Ursachen sein, warum Schwule Britney verehren: Ihr pers\u00f6nliches Schicksal. Sie wurde verh\u00f6hnt, schlechtgeredet, f\u00fcr ihr Aussehen, ihr Gewicht und ihren Gesang verspottet. Zudem steht sie seit ihrem Zusammenbruch unter der Vormundschaft ihres Vaters. Doch sie rappelte sich auf und machte weiter.<\/p>\n<p>Sie wischte sich den Staub von den Schultern und legte ein gelungenes Comeback hin. Ihren Kritiker*innen zeigt sie damit sauber den Stinke\u00adfinger. Es f\u00e4llt nicht allzu schwer, hier folgende Botschaft hineinzuinterpretieren: \u00abIt\u2019s Britney, bitch! Und ihr k\u00f6nnt mich alle mal kreuzweise!\u00bb Gerade junge Schwule, die geh\u00e4nselt und gefoppt werden, stellen zu solchen Lebensgeschichten vielleicht einen pers\u00f6nlichen Bezug her. Balsam f\u00fcr die geschundene schwule Seele.<\/p>\n<p><strong>Der weibliche Popstar und gesellschaftlicher Wandel<\/strong><br \/>\nDas Beispiel \u00abBritney\u00bb zeigt auch Folgendes: Es ist nicht zwingend n\u00f6tig, sich in Lady-Gaga-Manier lautstark f\u00fcr die Rechte Homosexueller stark zu machen, um den Status einer Gay-Diva zu erlangen. \u00abEchte Schwulenikonen richten sich eigentlich immer an ein Heteropublikum\u00bb, schreibt Steffen Seibel auf Zeit Online. \u00abSie sind nicht f\u00fcr einen schwulen Markt gemacht.\u00bb Nat\u00fcrlich sagt Britney, dass sie ihre schwulen Fans liebt. Aber sie sagt es eher beil\u00e4ufig und vor allem dann, wenn sie in Interviews darauf angesprochen wird. Sie klettert nicht mit einem Mega\u00adfon bewaffnet auf Autos und br\u00fcllt an Prideveranstaltungen k\u00e4mpferische Pro-LGBTIQ-Parolen in die Menge. Muss sie nicht. Sie befriedigt die Bed\u00fcrfnisse ihrer schwulen Anh\u00e4ngerschaft auf andere Art und Weise.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr Beyonc\u00e9. Die Gleichberechtigung Homosexueller scheint f\u00fcr den Superstar keine politische Priorit\u00e4t zu haben, und in den Kommentarspalten des Internets wurde auch schon der Vorwurf laut, sie setze sich in diesen Belangen zu wenig ein. Dessen ungeachtet verf\u00fcgt sie \u00fcber ganze Heerscharen schwuler Fans, die \u00abQueen B\u00bb abg\u00f6ttisch verehren und jeden neuen Song ungeduldig erwarten wie ein schwanzwedelnder Terrier den Fressnapf. Der Grund \u2013 von ihrem Talent einmal abgesehen? Es sind ihre Lieder, mit denen sie das Homoherz r\u00fchrt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_90550\" aria-describedby=\"caption-attachment-90550\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-90550\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 1200'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2.jpg\" alt=\"diva beyonce\" width=\"900\" height=\"1200\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-425x567.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-561x748.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-364x485.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-728x971.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-608x811.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-758x1011.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-36x48.jpg 36w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-72x96.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-313x417.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-300x400.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-2-400x533.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-90550\" class=\"wp-caption-text\">Engagiert sich Beyonc\u00e9 zu wenig f\u00fcr LGBTIQ-\u00ad Rechte? Schwule lieben sie trotzdem, unter anderem wegen der starken Message in ihren Songs. (Collage: Patrick Mettraux)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn sie in \u00abRun The World\u00bb r\u00f6hrt, dass \u00abFrauen jetzt die Welt regieren\u00bb, sich im Video zum Song in eine Armeekluft st\u00fcrzt und umringt von unz\u00e4hligen Mitstreiterinnen k\u00e4mpferisch einer M\u00e4nnergruppe gegen\u00fcbertritt, dann sendet dies eine Botschaft aus, f\u00fcr die Schwule sehr wohl empf\u00e4nglich sind: Schluss mit der sozialen Dominanz des Heteromannes! Jetzt kommen wir Frauen! Damit spricht sie auch f\u00fcr andere Minderheiten, die an den patriarchalen, vom traditionellen M\u00e4nnerbild gepr\u00e4gten Gesellschaftsstrukturen bisweilen zu beissen haben. Oder, wie es die US-amerikanischen Professorin Heather Love sagt: \u00abSchwule M\u00e4nner identifizieren sich deshalb mit Frauen, weil auch diese in gesellschaftspolitischer Hinsicht noch immer eine Randgruppe ohne wirkliche Macht darstellen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Geist versus Gewalt<\/strong><br \/>\nHomosexuelle M\u00e4nner sind auch deshalb von Diven fasziniert, weil diesen oftmals das Image der abgebr\u00fchten und intelligenten \u00abFemme fatale\u00bb anhaftet. Gerade in den \u00e4lteren Hollywoodfilmen mimen die geliebten Schauspielerinnen meist Frauen, die \u00e4usserlich zwar zart und zerbrechlich erscheinen m\u00f6gen, es in Wahrheit aber faust\u00addick hinter den Ohren haben. Sie weisen jeden und jede in die Schranken, schmieden Pl\u00e4ne und R\u00e4nke, bringen kaltbl\u00fctig unliebsame Ehem\u00e4nner um die Ecke oder radieren kurzerhand potenzielle Konkurrentinnen aus.<\/p>\n<p>Ihre Mittel sind Scharfz\u00fcngigkeit, ein feiner, blitzschneller Geist, bitterb\u00f6se, witzige Ironie und eine Schlagfertigkeit, die den Gegner im Wortgefecht umgehend verstummen l\u00e4sst. Die Waffen dieser Amazonen unterschieden sich deutlich von denjenigen, die traditionsgem\u00e4ss dem heterosexuellen Mann zugeschrieben werden und mit denen Schwule nicht allzu viel anfangen k\u00f6nnen: k\u00f6rperliche Kraft und rohe Gewalt. \u00abHeterom\u00e4nner leben ihre Aggression durch Faustk\u00e4mpfe und Sport aus, Schwule durch spitze, pointierte Kommentare\u00bb, schreibt der US-amerikanische Autor Daniel Harris in seinem Buch \u00abThe Rise and Fall of Gay Culture\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Bissigkeit und Ironie als Machtinstrument<\/strong><br \/>\nLaut Harris hat Hollywood mit dieser Darstellung von weiblicher St\u00e4rke daf\u00fcr gesorgt, dass homosexuelle M\u00e4nner eine brennende Liebe f\u00fcr bissige Ironie und eine schnippisch-witzige Rhetorik entwickelten. Es wurden dies ihre Methoden, mit denen sie die eigene Unzufriedenheit \u00fcber ihren Status als machtlose Minderheit ausdr\u00fccken und sich in einem homophoben Umfeld behaupten konnten. Galle spucken als Frustventil, Ironie als Kriegsbeil im Kampf gegen Unterdr\u00fcckung.\u00a0Sowohl f\u00fcr Daniel Harris als auch f\u00fcr andere Autoren steht fest, dass der Divenverehrung historisch gesehen eine wichtige politische Bedeutung zukommt: In den USA h\u00e4tten die Schwulen damit den Grundstein f\u00fcr die homosexuelle B\u00fcrgerrechtsbewegung in der Mitte des 20. Jahrhunderts gelegt.<\/p>\n<p>Indem sie die weiblichen Hollywoodlegenden imitierten und deren Verk\u00f6rperung der schlauen, gewieften Sch\u00f6nheit verinnerlichten, schufen die Schwulen ihre eigenen Verhaltensweisen, eine eigene Subkultur und Gruppenidentit\u00e4t. Dies vereinte sie, was wiederum ihr kollektives Selbstbewusstsein so sehr st\u00e4rkte, dass sie sich zu wehren begannen. So schreibt Daniel Harris: \u00abDie tief im homosexuellen Mann verankerte Gewohnheit, die unbesiegbare Pers\u00f6nlichkeit der Diva auf sich selbst zu projizieren, war der psychologische Wegbereiter f\u00fcr den politischen Widerstand, der sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren formierte.\u00bb Damals habe sich die \u00abinnere Diva\u00bb der Schwulen endlich \u00abaus dem Gef\u00e4ngnis der Fantasiewelt befreit\u00bb und die Strassen erobert.<\/p>\n<p><strong>Nachahmung, um sich abzugrenzen &#8230;<\/strong><br \/>\nIn seinem Buch beschreibt der Autor eine weitere Ursache f\u00fcr die Faszination Diva. In seinen Jugendjahren habe er irgendwann einen britischen Akzent angenommen &#8211; obwohl er, als Sohn eines Vaters aus Chicago und einer Mutter aus Missouri, in North Carolina aufgewachsen und von Leuten umgeben gewesen sein, die mit einem typischen S\u00fcdstaaten-Slang gesprochen h\u00e4tten. Lange Zeit sei ihm ein R\u00e4tsel gewesen, warum er so redete. Bis er eines Tages, als Erwachsener, erneut die alten Spielfilme seiner Kindheit angeschaut habe.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIm Kern geht es bei der Verehrung der Diva nicht um die Diva selbst, sondern darum, einer unwirtlichen Realit\u00e4t zu entfliehen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>In den weiblichen Hauptrollen gl\u00e4nzten die grossen Filmdiven Hollywoods der Zwanziger- bis Siebzigerjahre, Bette Davis zum Beispiel, Grace Kelly, Marilyn Monroe oder Katharine Hepburn. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle sprachen auf eine feingeschliffene Art und Weise, die elegant und gebildet wirkte und damit in starkem Kontrast zu der einfachen und groben Sprechweise derjenigen Leute stand, die sein fr\u00fcheres Umfeld bildeten. \u00abIn den Stimmen dieser Frauen h\u00f6rte ich das Echo meiner eigenen Stimme\u00bb, sagt Harris. Er realisierte, dass er als Teenager damit begonnen hatte, die Sprechweise dieser Frauen zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen unsicheren schwulen Heranwachsenden im \u00abunzivilisierten Hinterland\u00bb North Carolinas h\u00e4tten diese anmutigen Filmheldinnen einen Lebensstil verk\u00f6rpert, der so viel glamour\u00f6ser als sein eigener gewesen sei. \u00abUnter jungen Schwulen war die Allgegenwart der Holly\u00adwood-Ladys derart stark ausgepr\u00e4gt, dass sie in unseren Stimmen zum Ausdruck kamen und unsere jeweiligen regionalen Akzente abschw\u00e4chte\u00bb, schreibt der Autor. Diese Nachahmung sei nicht nur \u00abdie h\u00f6chste Form der Divenverehrung\u00bb, sondern auch das Ergebnis seiner damaligen Wahrnehmung gewesen, dass er als schwuler Teenager nicht in die Umgebung gepasst habe, in der er aufwuchs. Dass er anders gewesen sei, \u00abein kleiner Lord von einem besseren und kultivierteren Ort, gestrandet in der Wildnis\u00bb.<\/p>\n<p><strong>&#8230; und in andere Welten zu fl\u00fcchten<\/strong><br \/>\nEs sei denn auch nicht die Weiblichkeit der Schauspielerinnen gewesen, die ihn angezogen habe, f\u00e4hrt Harris fort. Es waren die Filmwelten, in denen sie lebten. Welten voller unkonventioneller Pers\u00f6nlichkeiten, \u00abNudisten und Freudianer, Konzertdirigenten und Broadway-Prima-Donnas\u00bb, die sich in einem liberalen, aufgeschlossenen Umfeld bewegten, in dem niemand daf\u00fcr verurteilt wurde, wer er war. F\u00fcr ihn und zahlreiche andere junge Schwule aus der Kleinstadt seien Hollywoodfilme ein Portal in eine \u00abutopische Gay-Community\u00bb gewesen, von der sie nur h\u00e4tten tr\u00e4umen k\u00f6nnen. \u00abIm Kern geht es bei der Verehrung der Diva nicht um die Diva selbst\u00bb, ist Daniel Harris \u00fcberzeugt. Vielmehr sei es Schwulen darum gegangen, sich durch die Verinnerlichung filmischen Glanzes \u00fcber das eigene ungeliebte Umfeld zu stellen und somit \u2013 zumindest im Geiste \u2013 einer unwirtlichen Lebensrealit\u00e4t zu entkommen. Auf diese Weise h\u00e4tten Homosexuelle besser mit der Erfahrung umgehen k\u00f6nnen, \u00abverstossene Aussenseiter\u00bb zu sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_90552\" aria-describedby=\"caption-attachment-90552\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-90552\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 1200'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3.jpg\" alt=\"Diva\" width=\"900\" height=\"1200\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-225x300.jpg 225w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-425x567.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-768x1024.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-561x748.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-364x485.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-728x971.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-608x811.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-758x1011.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-36x48.jpg 36w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-72x96.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-313x417.jpg 313w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-300x400.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/faszination-diva-3-400x533.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-90552\" class=\"wp-caption-text\">Aufstehen, Kr\u00f6nchen richten, weitergehen. Britneys Karriere und Privatleben sind f\u00fcr viele schwule M\u00e4nner inspirierend. (Collage: Patrick Mettraux)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Konzert als Gay-Party<\/strong><br \/>\nIn fr\u00fcheren Zeiten, als Homosexualit\u00e4t auch in der westlichen Welt noch verp\u00f6nt war oder gar unter Strafe stand, liebten die schwulen Fans ihre Diven auch ganz einfach aus pragmatischen Gr\u00fcnden. Konzerte wie diejenige der S\u00e4ngerin und \u00dcberikone Judy Garland, die mit ihrem Song \u00abSomewhere Over The Rainbow\u00bb wohl die Gay-Hymne schlechthin gebar, waren f\u00fcr viele homosexuelle M\u00e4nner willkommene M\u00f6glichkeiten, inmitten einer grossen Anzahl Gleichgesinnter zu feiern und f\u00fcr einmal in der \u00d6ffentlichkeit \u00about\u00bb, schwul, sich selbst zu sein. Die Begeisterung f\u00fcr den Star war also vor allem ein Ausdruck des Bed\u00fcrfnisses, die eigene Identit\u00e4t zu bekr\u00e4ftigen und einer Gemeinschaft anzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Eine weitere Komponente des Divenfetischismus: Der Sex. In unseren Gefilden ist es unterdessen gr\u00f6sstenteils m\u00f6glich, die eigene Homosexualit\u00e4t frei und unbehelligt zu leben. Es ist aber noch nicht lange her, da sahen sich Schwule auch hier gezwungen, ihre gleichgeschlechtlichen Sehns\u00fcchte und Bed\u00fcrfnisse zu verbergen. Stattgeben konnten sie ihnen nur im Geheimen, und aus Angst, entdeckt zu werden, unterdr\u00fcckten viele M\u00e4nner ihre Begierden. Die Verehrung der Diva habe Schwulen jedoch eine M\u00f6glichkeit gegeben, diese unterdr\u00fcckten Gef\u00fchle auszuleben, findet Daniel Harris. Durch die starke Identifizierung mit den Diven h\u00e4tten sich homosexuelle M\u00e4nner in ihrer Vorstellung selbst in die Person der sch\u00f6nen Schauspielerin hineinprojiziert und gewissermassen \u00abmit ihnen die Rollen getauscht\u00bb. In ihrer Fantasie h\u00e4tten sie auf diese Art und Weise endlich all die heterosexuellen M\u00e4nner verf\u00fchren und manipulieren k\u00f6nnen, die im realen Leben unerreichbar f\u00fcr sie waren, f\u00fcr die sie insgeheim aber schw\u00e4rmten.<\/p>\n<p><strong>Madonna: Ikonenstatus dank Tabubruch<\/strong><br \/>\nDie Popularit\u00e4t, die K\u00fcnstlerinnen wie Madonna unter Schwulen geniessen, wirft Licht auf einen weiteren Aspekt der \u00abFaszination Diva\u00bb. Homosexuelle scheinen es zu lieben, wenn Tabus gebrochen werden. Wer selbst einer Randgruppe angeh\u00f6rt und nicht der Norm entspricht, hegt wohl fast automatisch Sympathien f\u00fcr Personen, die es wagen, mit vorherrschenden Ordnungs- und Moralvorstellungen zu brechen und diese in Frage zu stellen. In dieser Hinsicht ist Madonna die unbestrittene K\u00f6nigin. In ihrer jahrzehntelangen Karriere hat sie immer wieder schockiert.<\/p>\n<p>Der Autor Dale Madison dr\u00fcckt es folgendermassen aus: \u00abAls Madonna in den Achtzigern auf der Bildfl\u00e4che erschien, war sie rebellisch. In ihren Songs und Musikvideos nahm sie sich furchtlos kontroverser Themen wie Religion, Gender und Sexualit\u00e4t an.\u00bb Ihre homosexuellen Fans habe sie von Beginn weg mit offenen Armen empfangen, so Madison, und die schwule Anh\u00e4ngerschaft habe verstanden, dass Madonna zu ihnen sprach, wenn sie in einem Feld brennender Kreuze einen schwarzen Jesus k\u00fcsste, damit alle Tabus brach und die Welt in Schock versetzte.<\/p>\n<p><strong>Mehrere Ursachen, dasselbe Prinzip<\/strong><br \/>\nEs scheint, als h\u00e4tten all diese Gr\u00fcnde f\u00fcr die \u00abFaszination Diva\u00bb einen grossen gemeinsamen Nenner: Die gesellschaftliche Unterdr\u00fcckung und Benachteiligung homosexueller Menschen. Vor allem die Schilderungen von Daniel Harris zeigen auf, dass die Divenverehrung in den vergangenen Jahrzehnten f\u00fcr viele Schwule ein Mechanismus war, um ihre bisweilen schwierige Lebensrealit\u00e4t besser zu meistern. Die Identifizierung mit den weiblichen Showgr\u00f6ssen half ihnen, sich gedanklich in bessere Welten zu fl\u00fcchten und sich von einem Umfeld abzugrenzen, das ihnen oft feindlich gestimmt war. Sie erlaubte es ihnen, von der erwiderten Liebe zu einem anderen Mann und der dazugeh\u00f6rigen K\u00f6rperlichkeit zu tr\u00e4umen. Die Divenverehrung schuf zudem ein Gef\u00fchl der Gemeinschaft, eine Art \u00abGay-Code\u00bb und eine schwule Kultur, in der sich ein homosexueller Mann zugeh\u00f6rig und akzeptiert f\u00fchlen konnte.<\/p>\n<p><strong>Die Schwulenikone: Ein Auslaufmodell?<\/strong><br \/>\nDies wirft eine weitere Frage auf: Ist die \u00abFaszination Diva\u00bb ein dem Untergang geweihtes Ph\u00e4nomen? Verlieren die Schwulenikonen an Bedeutung, je akzeptierter Homosexualit\u00e4t in der Gesellschaft wird? Dies scheint m\u00f6glich, wenn man davon ausgeht, dass sich ein junger Schwuler in Zukunft genau gleich durchs Leben bewegen kann wie seine heterosexuellen Altersgenossen. Keine bl\u00f6den Spr\u00fcche in der Schule. Keine plagenden Gedanken an das bevorstehende Coming-out. Die Freiheit, Hand in Hand mit dem Freund durch die Strassen zu spazieren, ohne die kleinste Bef\u00fcrchtung, schr\u00e4ge Blicke oder gar Anfeindungen zu kassieren. Die M\u00f6glichkeit, den Partner zu heiraten. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, Kinder adoptieren und grossziehen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Sollte all das Realit\u00e4t werden, dann sind wom\u00f6glich keine Diven mehr n\u00f6tig sein, die Identit\u00e4t, Hoffnung und Kraft spenden. Doch bis dieser Zustand erreicht ist, bleibt die Faszination Diva bestehen. Und sollten eines Tages tats\u00e4chlich keine neuen Schwulen\u00adikonen mehr geboren werden, dann bleibt die Divenverehrung zumindest als schwulenkulturelles Erbe f\u00fcr immer bestehen. Es geht nicht um Sentimentalit\u00e4t. Aber man darf sich ruhig einmal bewusst machen, warum viele Schwule zurzeit noch in Begeisterung verfallen, wenn im Club Chers \u00abStrong enough\u00bb oder Gagas \u00abBorn This Way\u00bb gespielt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Divenverehrung geh\u00f6rt zur Schwulen\u00adszene wie Grindr und der Regenbogen. Woher kommt diese Faszination? Markus Stehle geht der Frage nach, weshalb Schwule nach Madonna, Britney und Co. lechzen. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/faszination-diva-ein-wichtiger-teil-der-schwulenkultur\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":90553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4371],"tags":[1721,372,2506,540,5546],"wps_subtitle":"Die Verehrung ist f\u00fcr viele homosexuelle M\u00e4nner ein Ventil, um mit schwierigen Lebensrealit\u00e4ten fertig zu werden","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36399"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36399"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116433,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36399\/revisions\/116433"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/90553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}