{"id":36229,"date":"2012-06-20T13:57:17","date_gmt":"2012-06-20T11:57:17","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2012\/06\/20\/wir-wollen-die-ganze-salami\/"},"modified":"2020-12-11T15:32:05","modified_gmt":"2020-12-11T14:32:05","slug":"wir-wollen-die-ganze-salami","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wir-wollen-die-ganze-salami\/","title":{"rendered":"Wir wollen die ganze Salami"},"content":{"rendered":"<h3>Muss man Kompromisse eingehen, wenn man seine Rechte einfordern will? Die aktuelle Debatte um das Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare spaltet die Meinungen. Ein Kommentar von Alan David Sangines.<\/h3>\n<p>Sp\u00e4testens seit der St\u00e4nderat einer Motion knapp zugestimmt hat, die das Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare fordert, ist das Thema in aller Munde. Der Nationalrat wird die Motion wahrscheinlich im Sommer behandeln.<\/p>\n<p><strong>Ehe zweiter Klasse<\/strong><br \/>\nLeider m\u00fcssen wir erneut zuschauen, wie unsere Rechte zum Spiel von Kompromissen werden. Bereits beim Partnerschaftsgesetz sind wir Kompromisse eingegangen. W\u00e4hrend die LGBTs in den USA pausenlos f\u00fcr eine Anerkennung der vollwertigen Ehe k\u00e4mpfen und die US-Versionen des Partnerschaftsgesetzes (Civil Union) als Ehe zweiter Klasse ablehnen, war die Community in der Schweiz euphorisch, endlich einmal so etwas \u00c4hnliches wie eine Ehe erreicht zu haben. Auch damals lautete das Motto \u00abbesser als gar nichts\u00bb, was zu diesem Zeitpunkt wohl richtig war. Richtig darum, weil es um existenzielle Rechte ging. Rechte wie den Partner im Spital besuchen zu d\u00fcrfen oder erbberechtigt zu sein, wenn der Lebenspartner stirbt. Kann es aber richtig sein, eine Ehe zweiter Klasse zu haben? Ist es richtig, auf Steuerformularen zwischen \u00abverwitwet\u00bb und \u00abdurch Tod aufgel\u00f6ste Partnerschaft\u00bb unterscheiden zu m\u00fcssen? Ich pers\u00f6nlich habe es satt, zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert zu werden. Man kann es als Finessen abtun, aber solche Unterscheidungen sind wesentlich mehr als leere Begriffe! Ein Schwuler, dessen Partner stirbt, ist ein Witwer und kein \u00abdurch Tod aufgel\u00f6ste Partnerschaft\u00bb-Alleinstehender! Die CVP setzt noch einen drauf und sammelt Unterschriften gegen die steuerliche Doppelbelastung von verheirateten Paaren. Wer die Initiative genau liest, stellt aber fest, dass die CVP den Satz, dass eine Ehe zwischen Mann und Frau besteht, in die Verfassung schreiben will. Auch da blieb der Aufschrei in der Community aus. Wir haben ja schliesslich das Partnerschaftsgesetz, nicht wahr?!<\/p>\n<p><strong>Fauler Kompromiss?<\/strong><br \/>\nDieselbe Gefahr droht nun den Adoptionsrechten f\u00fcr homosexuelle Paare. Im Nationalrat ist eine Motion h\u00e4ngig, die nur die Stiefkindadoption f\u00fcr homosexuelle Paare fordert. Die Motion ist vor ein paar Jahren von Mario Fehr eingereicht und nach seinem R\u00fccktritt von Chantal Gallad\u00e9 (die bereits beim Partnerschaftsgesetz f\u00fcr volle Adoptionsrechte gestimmt hat) \u00fcbernommen worden. Zweifellos war die Motion damals gut gemeint in einer Zeit, als noch nicht damit zu rechnen war, dass volle Adoptionsrechte mehrheitsf\u00e4hig w\u00e4ren. Vor ein paar Monaten hat aber eine bessere Motion eine Mehrheit im St\u00e4nderat gefunden. Eine von St\u00e4nderat Claude Janiak ausgearbeitete Motion, die das Kindswohl ins Zentrum und die Stiefkindadoption in den Vordergrund stellt, aber dennoch vollst\u00e4ndige Adoptionsrechte verlangt. Janiak ist zweifellos ein exzellenter St\u00e4nderat. Die Community hat ihm viel zu verdanken. Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr politischen Realismus ist es dennoch schade, dass Janiak in der Aprilausgabe der Mannschaft von Beginn weg dem Nationalrat empfiehlt, die Motion so abzu\u00e4ndern, dass nur die Stiefkindadoption darin vorkommt. Er begr\u00fcndet dies damit, dass eine sp\u00e4tere Gesetzesvorlage sonst keine Mehrheit im Parlament findet. Dies mag vielleicht stimmen, aber Gesetzesvorlagen des Bundesrates k\u00f6nnen im Parlament noch immer abge\u00e4ndert werden. Es ist also nicht n\u00f6tig, den B\u00fcrgerlichen schon zum Vornherein die Chance zu geben, ein wenig f\u00fcr und ein wenig gegen uns zu stimmen! Statt klare Bekenntnisse der B\u00fcrgerlichen zu verlangen, bieten wir ihnen die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr Adoptionsrechte \u00ablight\u00bb zu stimmen. Die B\u00fcrgerlichen haben so die M\u00f6glichkeit, sich als LGBT-freundlich zu geben, im Wissen darum, dass wir durchaus eine interessante W\u00e4hlergruppe darstellen. Nationalr\u00e4tinnen wie Doris Fiala, die gegen Adoptionsrechte f\u00fcr homosexuelle Paare sind, k\u00f6nnen somit einem Kompromiss zustimmen und dies sp\u00e4ter als Beweis ihrer LGBT-Sympathie vorweisen. Und wir w\u00fcrden uns damit zufrieden. Aber ernsthaft, h\u00e4tten sich die Frauen zufrieden gegeben, wenn man das Stimmrecht nur verheirateten Frauen gew\u00e4hrt h\u00e4tte?<\/p>\n<blockquote><p>Wir haben den B\u00fcrgerlichen die reduzierte Option nun aber bereits angeboten.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Steilpass f\u00fcr die B\u00fcrgerlichen<\/strong><br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich steht bei der Adoptionsfrage das Kindswohl im Vordergrund. Es gibt kein Recht auf Kinder. Ebensowenig darf es aber sein, f\u00e4higen Menschen, die s\u00e4mtliche Kriterien erf\u00fcllen, nur aufgrund ihres Zivilstandes Kinder zu verbieten. Wenn wir in den n\u00e4chsten Jahren die Stiefkindadoption einf\u00fchren, d\u00fcrften wir wohl jahrelang auf vollst\u00e4ndige Adoptionsrechte warten. Schliesslich w\u00fcrde es immer heissen, wir h\u00e4tten ja die Stiefkindadoption und sollen uns damit zufrieden geben. Mir graut vor einem Abstimmungskampf, in dem die Gegner warnen, die Stiefkindadoption sei nur eine Salamitaktik, um das volle Adoptionsrecht zu fordern. Was dann? Streiten wir das ab oder best\u00e4tigen wir es? Warum nicht gleich um vollst\u00e4ndige Adoptionsrechte k\u00e4mpfen? Wir haben den B\u00fcrgerlichen die reduzierte Option nun aber bereits angeboten. Und da es bei dieser Frage um die Situation von Kindern geht, die heute bereits bei homosexuellen Elternpaaren in einer rechtlich unsicheren Lage leben, ist die Stiefkindadoption, einmal mehr, besser als nichts.<\/p>\n<p><strong>Schluss mit Salamitaktik<\/strong><br \/>\nEin Umdenken muss dennoch stattfinden. Politik ist ein Spiel von Kompromissen, Verhandlungen und gegenseitigen Zugest\u00e4ndnissen. Wir m\u00fcssen uns aber erheben und klar und deutlich zeigen, dass unsere Rechte und die unserer Kinder nicht verhandelbar sind! Zu lange sind wir Kompromisse eingegangen, nur weil uns eine Mehrheit der Politik zu Menschen zweiter Klasse degradiert hat. Diese Zeiten sind definitiv vorbei! Unsere Botschaft muss klipp und klar sein. Es wird Zeit, dass jede Politikerin und jeder Politiker in diesem Land Farbe bekennt. Keine Kompromisse, keine Salamitaktik, kein S\u00fcssholzraspeln. Entweder man gew\u00e4hrt uns jene Rechte, die uns schon immer h\u00e4tten gew\u00e4hrt werden sollen, oder nicht! Wir wollen keine Salamitaktiken mehr, wir wollen den ganzen Salami!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muss man Kompromisse eingehen, wenn man seine Rechte einfordern will? Die aktuelle Debatte um das Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare spaltet die Meinungen. 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