{"id":34931,"date":"2011-05-05T14:06:34","date_gmt":"2011-05-05T12:06:34","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2011\/05\/05\/ein-outing-lohnt-sich-alllemal\/"},"modified":"2020-12-08T07:59:54","modified_gmt":"2020-12-08T06:59:54","slug":"ein-outing-lohnt-sich-alllemal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ein-outing-lohnt-sich-alllemal\/","title":{"rendered":"Nach 20 Ehejahren das Coming-out"},"content":{"rendered":"<h3>MANNSCHAFT-Leser Carmelo Pesenti war mit einer Frau verheiratet und ungeoutet, als er von einem Arbeitskollegen erpresst wurde. Heute ist er ihm dankbar.<\/h3>\n<p>Mannschaft geht neu zu unseren Lesern nach Hause. Diesen Monat wird Leser Carmelo Pesenti aus Bern vorgestellt. Im Interview erz\u00e4hlt der 49-j\u00e4hrige Vater zweier Kinder von seiner Passion als Bauchredner, warum er seine Schwiegereltern noch nicht kennengelernt hat und was denn der Unterschied zwischen einer Homo- und einer Heteroehe ist.<\/p>\n<p><strong>Carmelo, du warst mit einer Frau verheiratet warst und hast zwei Kinder. Hast du vorher deine Homosexualit\u00e4t nicht wahrgenommen oder einfach verdr\u00e4ngt?<\/strong><br \/>\nIch war immer schwul, mein Leben lang. Man wird ja nicht auf einmal schwul. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass jeder schwule Mann als solcher geboren wird. Am Anfang hatte ich nur Kontakte zu M\u00e4nnern. Jedoch war eine gewisse Bisexualit\u00e4t da. Zudem ist mein Vater Italiener, und f\u00fcr ihn war nur das Thema, wann ich einen Sohn auf die Welt stellen werde, der unseren Familiennamen weiterf\u00fchren wird. Er \u00fcberlegte sich nie, dass ich schwul sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dann lernte ich meine Ex-Frau kennen. Ich habe sie geliebt, die Hochzeit war aus Liebe und nicht ein Alibi. Wir waren 20 Jahre ein Paar und haben zwei Kinder. Wie es aber so passiert, fehlte mir mit der Zeit das Andere. Gegen Ende unserer Beziehung hatte ich mein Coming-out, mein unfreiwilliges Coming-out.<\/p>\n<p><strong>Unfreiwillig?<\/strong><br \/>\nJa, unfreiwillig. Ich hatte eine Aff\u00e4re mit einem Arbeitskollegen. Auf einmal bekam ich von einem anderen Arbeitskollegen Mails und hatte im Gesch\u00e4ftsbriefkasten einen Brief mit der Nachricht, was wohl mein Arbeitgeber und meine Frau davon hielten, dass ich schwul sei. Damals h\u00e4tte ich diesen Typen am liebsten an die Wand genagelt. Heute bin ich ihm aber eher dankbar. Jetzt kann ich sein, wer ich bin, und kann so leben, wie ich will.<br \/>\n<em><br \/>\n<\/em><strong>Was ist anders mit einer Frau als mit einem Mann?<\/strong><br \/>\nDie Problematik ist genau dieselbe. Wir haben den gleichen Streit, die gleichen Probleme. Mit meiner Frau konnte ich h\u00e4ndchenhaltend durch die Stadt gehen. Klar kann ich dies mit meinem Mann jetzt auch machen, aber es ist halt doch noch nicht ganz akzeptiert. Und was ich nicht m\u00f6chte ist, Leute zu br\u00fcskieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_98698\" aria-describedby=\"caption-attachment-98698\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-98698\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 400 602'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto.jpg\" alt=\"ehemann schwul\" width=\"400\" height=\"602\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-199x300.jpg 199w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-399x600.jpg 399w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-364x548.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-32x48.jpg 32w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-64x96.jpg 64w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/carmelo-foto-313x471.jpg 313w\" data-sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-98698\" class=\"wp-caption-text\">Carmelo lebt heute als offen schwuler Mann. (Bild: Raffi P.N. Falchi)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie alt sind deine Kinder und wie gehen sie mit der Situation um?<\/strong><br \/>\nMein Sohn ist 19 und meine Tochter 14 Jahre alt. Als ich meinen damaligen Freund kennen gelernt habe, schlug mir meine Ex-Frau vor, es den Kindern zu sagen. Sie \u00fcbernahm dies f\u00fcr mich und hat zuerst mit unserem Sohn gesprochen. Unsere Kinder hatten und haben gl\u00fccklicherweise absolut kein Problem mit der Situation. Mein Sohn wurde eine zeitlang in der Schule von Kollegen geh\u00e4nselt. Das ist aber das einzig negative Erlebnis. Wir haben ein sehr lockeres Verh\u00e4ltnis zu einander, er kennt auch all meine schwulen Freunden und nimmt uns gerne auch ab und zu auf die Schippe.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du deinen heutigen Partner kennengelernt?<\/strong><br \/>\nEr war zu Besuch bei einem Kollegen in Bern. Danach gingen wir zusammen essen und es funkte bald. Es war eigentlich nie geplant, einen Partner aus Brasilien zu haben. Aber ich war offen und es passierte halt. Nach drei Monaten kehrte er wieder zur\u00fcck nach Brasilien, weil er ausreisen musste. Ich ging zu ihm nach Brasilien und lernte seine Heimat kennen. Letzten M\u00e4rz kehrte er wieder in die Schweiz zur\u00fcck und im August haben wir geheiratet. Er ist j\u00fcnger als ich, 27 Jahre alt. Aber es ist sehr spannend und eine riesige Herausforderung. Die Kultur ist nat\u00fcrlich sehr anders.<\/p>\n<p><strong>Wie ist es denn f\u00fcr ihn hier in der Schweiz?<\/strong><br \/>\nSehr schwierig. Es ist f\u00fcr ihn schwierig, weil wir eine andere Kultur, eine andere Sprache haben. In der Stadt sprechen die Leute oft mit ihm Englisch, anstatt sich M\u00fche zu geben, langsam Deutsch zu sprechen. Brasilianer haben bei uns einen eher schlechten Ruf, viele werden als Stricher abgestempelt. Darunter leidet er nat\u00fcrlich extrem. Die sozialen Kontakte und seine Familie fehlen ihm aber am meisten. Er hat ein paar Freunde in der Schweiz, aber alles Brasilianer. Klar h\u00e4tte er gerne Schweizer Bekannte, diese verstehen die brasilianische Kultur oft falsch. Zum Beispiel ist es bei ihnen normal einander per Mail ein \u2039beso\u203a (Kuss) am Schluss zu senden. Ein Kollege von mich hat dies aber falsch verstanden und mir prompt angerufen und mir mitgeteilt, dass mein Mann wohl etwas von ihm wolle.<\/p>\n<p><strong>Hast du dir auch Gedanken gemacht, nach Brasilien zu gehen?<\/strong><br \/>\nNein, dies war nie ein Thema. In Brasilien ist nicht alles so sch\u00f6n, wie man es sich denkt. Armut ist wahnsinnig verbreitet. Und die Toleranz ist ausser in Grossst\u00e4dten wie S\u00e3o Paulo oder Rio noch viel geringer als bei uns.<\/p>\n<p><strong>Wie ist der Kontakt zu seinen Eltern?<\/strong><br \/>\nBrasilien ist streng katholisch. Seine Eltern wissen, dass er schwul ist, aber sie wissen noch nicht, dass wir verheiratet sind. Ich hoffe, dass ich bei meinem n\u00e4chsten Besuch meine Schwiegereltern kennenlernen werde, aber ich werde vorerst als Freund und nicht als Ehemann vorgestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Wir haben vorhin in deinem Arbeitszimmer eine Bauchrednerpuppe gesehen &#8230;<\/strong><br \/>\nJaja, das ist Rico. Schon seit langer Zeit hat mich die B\u00fchne interessiert. Zuerst versuchte ich es als Clown, dann sah ich \u00abKliby und Caroline\u00bb und sagte mir, das will ich auch machen. Ich ging in diverse Buchl\u00e4den und kaufte mir Literatur \u00fcbers Bauchreden. Dies wurde nun zu meinem gr\u00f6ssten Hobby und ich trete auf Veranstaltungen, Hochzeiten oder Geburtstagen auf. Zudem schreibe ich auch Theaterst\u00fccke. Unterdessen sind es 15 St\u00fccke, die ich schreiben konnte.<\/p>\n<blockquote><p>Das Schwulenleben ist auch mit 50 noch lange nicht vorbei.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Hat es eins von ihnen auf die B\u00fchne geschafft? <\/strong><br \/>\nIch werde oft von Theatergruppen eingeladen, die mein St\u00fcck \u00fcbernommen haben. Manchmal bin ich entt\u00e4uscht, manchmal positiv \u00fcberrascht. H\u00e4ufig werde ich gefragt, ob sie es gut umgesetzt h\u00e4tten. Dann muss ich sie korrigieren, dass ich das Theater nach meinen Ideen zwar geschrieben habe, aber die Umsetzung bei ihnen liegt.<\/p>\n<p><strong>Was m\u00f6chtest du unseren Lesern noch zum Abschluss sagen?<\/strong><br \/>\nZwei Sachen, welche ich selber erlebt habe. Bei Chats ist oft das Problem, dass ein Mann \u00fcber vierzig automatisch abgeschrieben wird. Das Schwulenleben ist aber auch mit 50 noch lange nicht vorbei. Und zweitens, ich ermuntere jeden schwulen Mann, egal in welchem Alter, dazu, den n\u00f6tigen Mut aufzubringen um sich zu outen. Als 40-j\u00e4hriger ist es zwar genau so schwer, wie wenn sich ein 16-j\u00e4hriger outet, aber es lohnt sich allemal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MANNSCHAFT-Leser Carmelo Pesenti war mit einer Frau verheiratet und ungeoutet, als er von einem Arbeitskollegen erpresst wurde. Heute ist er ihm dankbar. Mannschaft geht neu zu unseren Lesern nach Hause. Diesen Monat wird Leser Carmelo Pesenti aus Bern vorgestellt. 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