{"id":33785,"date":"2018-07-23T16:01:56","date_gmt":"2018-07-23T14:01:56","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2018\/07\/23\/martin-tietjen-ein-coming-out-sollte-keine-grosse-schlagzeile-mehr-sein\/"},"modified":"2018-07-23T16:01:56","modified_gmt":"2018-07-23T14:01:56","slug":"martin-tietjen-ein-coming-out-sollte-keine-grosse-schlagzeile-mehr-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/martin-tietjen-ein-coming-out-sollte-keine-grosse-schlagzeile-mehr-sein\/","title":{"rendered":"\u00abEin Coming-out sollte keine grosse Schlagzeile mehr sein\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Tietjen (32) kennt man bisher als Backstage-Reporter f\u00fcr \u201eDSDS\u201c und \u201eLet\u2018s Dance\u201c. In seinem ersten Buch \u201eSelbstrufmord\u201c erz\u00e4hlt der geb\u00fcrtige Hamburger, der in Berlin und K\u00f6ln lebt, u.a. von seinem Coming-out und dem ersten (blutigen) Besuch in einem Darkroom.<\/em><\/p>\n<p><strong>Martin, du \u00e4u\u00dferst in deinem Buch mehrfach die Bef\u00fcrchtung, dass du wegen der Geschichten darin enterbt wirst. Steht der Notartermin schon?<\/strong><br \/>\n(lacht) Also, mein Vater ist eh ein Lesemuffel, aber meine Mutter hat es gelesen und schickt mir jeden Tag eine Sprachnachricht oder eine lange Whatsapp-Nachricht. Dass sie heulend und aufgel\u00f6st im Garten sitzt, in ihrem neuen Sommerkleid, und dieses Buch liest. Nat\u00fcrlich sagt sie, bei ein paar Geschichten sei sie nicht so stolz auf ihren Sohn, aber sie findet es toll und ber\u00fchrend und f\u00fchlt mit mir. Sie dachte immer, dass sie mich kennen w\u00fcrde und ist sehr dankbar, dass sie mich von einer anderen Seite kennen lernen darf.<\/p>\n<p><strong>Du schreibst, dass deine Mutter dein erster Gedanke war, als du mit einem Typen in einem tschechischen Darkroom die Kabine betreten hast. Echt jetzt?<\/strong><br \/>\nJa, tats\u00e4chlich! Ich wei\u00df nicht, wie es meine Eltern geschafft haben. Normalerweise bin ich eher rebellisch unterwegs, was meine Eltern angeht. Und hab eher bewusst Sachen anders gemacht, als sie es wollten. Aber es ist ihnen wirklich gelungen, ihr Bewusstsein in meinen Kopf einzupflanzen. In vielen Momenten sehe ich meine Eltern mit einem sehr skeptischen Gesichtsausdruck und h\u00f6re sie Wirklich? Bist Du sicher? sagen. Davon kann ich mich manchmal schwer l\u00f6sen. Auch als ich meinen ersten Freund gesucht habe, vor 12 Jahren, wollte ich jemanden finden, der meinen Eltern gef\u00e4llt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33129\" aria-describedby=\"caption-attachment-33129\" style=\"width: 3580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-33129 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 3580 2600'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/MartinTietjen_Selbstrufmord_4-e1532354636682.jpg\" alt=\"Martin Tietjen\" width=\"3580\" height=\"2600\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33129\" class=\"wp-caption-text\">Martin Tietjen hat keine Angst vor peinlichen Geschichten<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>In der Darkroom-Szene blutet dein Penis und du kotzt dem anderen Typen auf die Schulter. Warum will man sowas erz\u00e4hlen?<\/strong><br \/>\nWeil es am Ende des Tages eine lustige Geschichte ist! Das ist auch das Anliegen: Man erz\u00e4hlt Geschichten, bei denen man vielleicht nicht so gut bei wegkommt. Diese glatt geb\u00fcgelte Social-Media-Welt, diese perfekten tollen Influencer, die alle eine reine Weste haben \u2013 das ist doch nicht das echte Leben! Aber jeder hat doch seine Leichen im Keller. Solchen Geschichten machen uns aus. Daher mache ich so ein bisschen Anti-Social-Media. Man darf sich selbst nicht so wahnsinnig ernstnehmen. Immer will man irgendwo reinpassen, man schafft sich so viele Zw\u00e4nge. Am Ende wird aber niemand zu dir kommen und sagen: Mensch, du hast dich immer verstellt, um nicht aufzufallen \u2013 wie toll!<\/p>\n<p><strong>Wie fand deine Mutter die Darkroom-Episode?<\/strong><br \/>\nSie sagte: Du hast mir so leidgetan, diese Schmerzen! Und ich dachte mir: Sch\u00f6n, dass du es so siehst!<\/p>\n<figure id=\"attachment_33123\" aria-describedby=\"caption-attachment-33123\" style=\"width: 395px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-33123 size-large\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 395 600'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Cover_fuerAbdruck-395x600.jpg\" alt=\"Martin Tietjen\" width=\"395\" height=\"600\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33123\" class=\"wp-caption-text\">Ein Buch von Martin Tietjen (Foto: Promo)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Du schreibst in dem Buch auch \u00fcber den CSD. Du willst nicht der Federboa-Schwule sein. Wie trifft man dich beim CSD?<\/strong><br \/>\nDas war so eine Evolution, ich konnte da anfangs nichts mit anfangen. Ich wollte nicht von Kollegen gesehen werden, als ich noch nicht geoutet war. Aber je entspannter ich mit mir war, umso entspannter war ich auch mit dem CSD. Ich fahre immer noch nicht auf dem Wagen mit, lieber stehe ich unten und schaue rauf. Und bin mit meinen Kumpels unterwegs. F\u00fcr Berlin gibt es da ein klares Ritual: Um 10 Uhr wird gefr\u00fchst\u00fcckt, mit dem einen oder andere alkoholischen Getr\u00e4nk, damit wir um 12 am Kurf\u00fcrstendamm sind. Dann muss man meist noch eine halbe Stunde warten, bis es losgeht. Irgendwann suchen wir uns einen Wagen aus und laufen mit. Beim Hamburger CSD ist es anders: Da gibt es bei meinem Freund Olli das \u201eAnnual Window Seating\u201c. Er wohnt mit seinem Mann direkt an der Parade-Strecke. Die Wohnung hat vier Fenster, in jedem k\u00f6nnen zwei Menschen sitzen, also insgesamt haben da acht Leute Platz. Erst gibt es Fr\u00fchst\u00fcck, dann setzen sich alle mit Kissen ins Fenster und gucken zu.<\/p>\n<p><strong>Du m\u00f6chtest mit deiner Coming-out-Geschichte etwas bewirken. Dass Schwulsein selbstverst\u00e4ndlicher wird, dass Coming-outs eigentlich gar nicht mehr n\u00f6tig sind. Was beobachtest du bei deinen Kollegen in der Medienbranche?<\/strong><br \/>\nAlso, ich sehe da niemanden, der l\u00fcgt oder anderen etwas vorspielt. Ich w\u00fcrde mir tats\u00e4chlich manchmal w\u00fcnschen, dass das Thema mit einer gewissen Beil\u00e4ufigkeit behandelt wird. <a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/2018\/06\/jochen-schropp-outet-sich-will-anderen-mut-machen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(So outete sich Jochen Schropp.)<\/a> Mein Buch soll kein gro\u00dfes Coming-out-Buch sein, ich bin ja auch kein A-Promi. Ich f\u00e4nde es sch\u00f6n, wenn ein Schauspieler \u00fcber den Roten Teppich geht, und wenn er gefragt wird, wie sein Wochenende war, dass er dann einfach antworten kann: Ich war mit meinem Mann in unserem Haus am See. Und dann geht er einfach weiter. Es soll bitte keine gro\u00dfe Schlagzeile mehr sein.<\/p>\n<p><strong>Du hast fr\u00fcher beim NDR moderiert, warst dort aber noch nicht geoutet.<\/strong><br \/>\nIch wollte nicht gleich diesen Stempel haben, das ist dieser schwule Moderator. Aber ich habe mir damit keinen Gefallen getan. Montags erz\u00e4hlen alle, was sie am Wochenende gemacht haben. Ich habe das immer sehr geschlechtsneutral erz\u00e4hlt oder nur freundlich genickt, und die Kollegen fanden mich komisch deswegen. Aber mir fehlte der Mut. Ich war damals auch nicht bereit, die Nachfragen zu beantworten. Die Klassiker, die heute noch kommen, auch von Gleichaltrigen: Wer ist denn bei Euch der Mann und die Frau? Sowas beantworte ich echt nicht!<\/p>\n<p><strong>Inwiefern hat dein Coming-out deine Eltern oder deine Beziehung zu ihnen ver\u00e4ndert?<\/strong><br \/>\nMeine eigentlich spie\u00dfigen Eltern haben ein viel offenes Weltbild bekommen. Sie haben in einem lesbischen P\u00e4rchen ihre besten Freunde kennengelernt, auf einer Kreuzfahrt! Das w\u00e4re ihnen wohl nie passiert, wenn ich mich nicht geoutet h\u00e4tte. Es wundert mich, aber es freut mich auch: Man kann sich auch mit 60 noch \u00e4ndern!<\/p>\n<p><strong>Das Interview stammt aus der MANNSCHAFT, Ausgabe Juli 2018. Hier geht&#8217;s zum <a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/abonnieren\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abo (Deutschland)<\/a> &#8211; und <a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/abo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier auch (Schweiz)<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Martin Tietjen<br \/>\n\u201eSelbstrufmord: Geschichten, die man eigentlich nicht erz\u00e4hlen sollte\u201c<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>Fischer Taschenbuch, 336 Seiten<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem ersten biografischen Buch erz\u00e4hlt Moderator Martin Tietjen &#8222;Geschichten, die man eigentlich nicht erz\u00e4hlen sollte&#8220; &#8211; \u00fcber sein erstes Mal, sein Deb\u00fct im Darkroom und das Coming-out.<br \/>\n <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/martin-tietjen-ein-coming-out-sollte-keine-grosse-schlagzeile-mehr-sein\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":33786,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[128,5442,5488],"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33785"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33785"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33785\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33786"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}