{"id":33711,"date":"2017-06-29T10:51:22","date_gmt":"2017-06-29T08:51:22","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2017\/06\/29\/wer-sich-nicht-outet-ist-selber-schuld\/"},"modified":"2023-11-01T11:37:53","modified_gmt":"2023-11-01T10:37:53","slug":"queere-fluechtlinge-wer-sich-nicht-outet-ist-selber-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/queere-fluechtlinge-wer-sich-nicht-outet-ist-selber-schuld\/","title":{"rendered":"\u00abWer sich nicht outet, ist selber schuld\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Queere Fl\u00fcchtlinge sind in ihrer Heimat oft wegen ihrer sexuellen Orientierung bedroht, die dort im Widerspruch zu Gesetz und Religion steht. Sie hoffen, bei uns mit ihrer Homo-, Bi- oder Transsexualit\u00e4t frei leben zu k\u00f6nnen. Doch in der deutschen Wirklichkeit sind sie als Minderheit in der Minderheit einer dreifachen Diskriminierung ausgesetzt.<\/h3>\n<p>Diesem Problem der Intersektionalit\u00e4t nimmt sich nun in \u00abNowhere out\u00bb eines der mutigsten und engagiertesten Theater der Republik an \u2013 das Badische Staatstheater in Karlsruhe, unter der Regie von Deutschlands profiliertestem Dokumentartheater-Macher Hans-Werner Kroesinger. Seit 25 Jahren greift er gesellschaftlich und politisch brisante Themen auf wie den V\u00f6lkermord an den Armeniern. Seine Inszenierung Stolpersteine Staatstheater \u00fcber die Gleichschaltung des Karlsruher Theaters unter den Nazis 1933 wurde im vergangenen Jahr mit einer Einladung zum BERLINER THEATERTREFFEN ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Sie sind schwul, lesbisch oder trans. Sie kommen aus Afghanistan, Aserbaidschan, aus dem Iran und dem Irak, Jordanien, Pakistan und nat\u00fcrlich aus Syrien. <a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/2017\/05\/zurich-pride-macht-lgbt-fluechtlinge-zum-jahresmotto\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Die Z\u00fcrich Pride machte queere Fl\u00fcchtlinge zum diesj\u00e4hrigen Motto.)<\/a> Ihre Geschichten, ihre Tr\u00e4ume und Albtr\u00e4ume, aber auch ihre Erfahrungen und Erwartungen an die deutsche Gesellschaft bilden die Grundlage des dokumentarischen Theaterst\u00fccks \u00abNowhere out\u00bb. Zum Beispiel die eines Gefl\u00fcchteten aus Hamburg. Dass er schwul ist, weiss seine Familie nicht. \u201eEr kommt zu seinem BAMF-Interview, und da teilt man ihm kurz vorher freudestrahlend mit, dass sein \u00dcbersetzer sein eigener Cousin sei\u201c, erz\u00e4hlt Dramaturg Jan Linders. \u201eEr hat sich dann nicht geoutet. H\u00e4tte er den \u00dcbersetzer abgelehnt, h\u00e4tten sich alle gefragt: Was ist da los? Das ist doch Familie!\u201c<\/p>\n<p><strong>Finanzbeamte treffen Fl\u00fcchtlinge<\/strong><\/p>\n<p>Das BAMF, das Amt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge, ist die erste gro\u00dfe H\u00fcrde, die Gefl\u00fcchtete in Deutschland nehmen m\u00fcssen. Dort m\u00fcssen sie schildern, woher sie kommen und sp\u00e4ter auch, wovor sie fliehen. Eine Mitarbeiterin des Amtes hat Linders erz\u00e4hlt, dass 2015, als das BAMF vom Ansturm der Fl\u00fcchtlinge \u00fcberfordert war, Mitarbeiter aus Beh\u00f6rden wie dem Finanzamt abgeworben hat, um die Erstbefragungen durchzuf\u00fchren. Daf\u00fcr bekamen sie einen dreiw\u00f6chigen Crashkurs, Grundlagen im Asylrecht etwa. Eine Vorbereitung in kulturellen Fragen oder bez\u00fcglich der sexuellen Orientierung: Fehlanzeige.<\/p>\n<p>\u201eDa kann es so merkw\u00fcrdige Argumentationsmuster geben nach dem Motto: Wenn Sie schwul sind, aber Ihren Neigungen bisher nicht nachgegangen sind, und es auch weiter nicht tun, werden Sie nicht verfolgt\u201c, erkl\u00e4rt Regisseur Kroesinger. Jan Linders verweist auf eine Brosch\u00fcre der BAMF, die auf 32 Seiten in verschiedenen Sprachen u.a. das Grundgesetz erkl\u00e4rt. Es gibt dort auch eine Seite f\u00fcr queere Fl\u00fcchtlinge und einen Hinweis auf die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. \u201eDas finde ich toll. Aber die Mitarbeiter des BAMF haben einen Riesenaktenberg und sind froh, wenn sie ihre Sollzahlen erf\u00fcllen. Nach dem Motto: Wenn jemand sich nicht outet, ist er selber schuld.\u201c<\/p>\n<p><strong>Saunaquittung als Beweis<\/strong><\/p>\n<p>Wer sich outet, hat es aber noch l\u00e4ngst nicht geschafft. Das Amt will Beweise. \u201eMan darf nicht gezwungen werden, private Fotos oder Videos vorzuzeigen\u201c, erkl\u00e4rt Linders. Dennoch wurde ihm in den zahlreihen Gespr\u00e4chen, die er gef\u00fchrt hat, ein Fall berichtet, dass ein Gefl\u00fcchteter aufgefordert wurde, die Quittung eines Pornokino oder schwulen Sauna vorzulegen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_18688\" aria-describedby=\"caption-attachment-18688\" style=\"width: 892px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-18688 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 892 669'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170612_173436-...jpg\" alt=\"queere Fl\u00fcchtlinge\" width=\"892\" height=\"669\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18688\" class=\"wp-caption-text\">Jan Linders (li.) und Hans-Werner Kroesinger (Foto: Kriss Rudolph)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kroesinger will sein Projekt nicht als Anklage gegen die BAMF verstanden wissen, aber nat\u00fcrlich geh\u00f6rt f\u00fcr ihn zu den spannenden Fragen: \u201eWie begegnet dir die Beh\u00f6rde, wie l\u00e4uft das Verfahren? Es geht darum, wie ein Staat Grundrechte garantiert und wie sie zur Anwendung kommen oder eben nicht\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eDas ist ein Testfall f\u00fcr die Demokratie\u201c, erg\u00e4nzt Linders.<\/p>\n<p>Ist der Asylantrag eines Fl\u00fcchtlings erfolgreich, macht es einen riesigen Unterschied, wo er sich in Deutschland befindet. Zwar er\u00f6ffneten Anfang 2016 in N\u00fcrnberg und <a href=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/2016\/01\/berlin-plant-heim-fuer-homo-und-transidente-fluechtlinge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Berlin die ersten H\u00e4user speziell f\u00fcr queere Fl\u00fcchtlinge<\/a>, doch immer noch gibt es \u00fcberall zu wenig Pl\u00e4tze, findet Linders. In Stuttgart berichtete ein Mitarbeiter des Wohnungsbauamtes stolz, dass man 17 Pl\u00e4tze f\u00fcr queere Fl\u00fcchtlinge eingerichtet habe. \u201eAber in der Stadt leben etwa 8.000 Fl\u00fcchtlinge, rein statistisch m\u00fcssten davon 5% schwul oder lesbisch sein. Das w\u00e4ren 400.\u201c<\/p>\n<p>Bei der Recherche sind sie auch auf F\u00e4lle von \u201ezweifelhafter \u00dcberbetreuung\u201c gesto\u00dfen, wie Kroesinger es nennt. \u00c4ltere Herren, die sich an Beh\u00f6rden oder Fl\u00fcchtlingsbetreuer wandten und fragten, ob man nicht einen Fl\u00fcchtling f\u00fcr sie h\u00e4tte, und ihre erotischen Interessen nicht verhehlten. \u201eDas sind teilweise sehr explizite Mails\u201c, sagt der Regisseur.<\/p>\n<p>So war die Materiallage f\u00fcr sein neues Projekt riesig, teilweise widerspr\u00fcchlich. Gemeinsam mit den Schauspielern wurde es gesichtet und verdichtet. Erst im Laufe der sechsw\u00f6chigen Probenzeit kristallisierte sich das St\u00fcck heraus. Beim Gespr\u00e4ch mit Kroesinger und Linders zweieinhalb Wochen vor der Premiere gab es noch kein Textbuch, aber damit hat das Team Erfahrung. Dennoch ist es f\u00fcr Kroesinger eine der anstrengendsten Produktionen. Es sei ein bisschen wie ein Minenfeld, durch das man versucht hat, vern\u00fcnftige Spuren zu legen. Die auch in die Vergangenheit f\u00fchren: Ihn besch\u00e4ftigen neben den Schicksalen der Fl\u00fcchtlinge auch die gro\u00dfen Themen Sexualit\u00e4t und Religion. \u201eSeit dem Ende des Kalten Krieges steht der Islam im Westen als das gro\u00dfe Feindbild da\u201c, sagt Kroesinger. \u201eWenn man sich Beschreibungen aus den 1960ern ansieht, ist das noch nicht der Fall. Aber in den 90ern fand eine Umschreibung statt und erst recht nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September.\u201c<\/p>\n<p>In muslimischen Gesellschaften werden Homosexuelle diskriminiert und verfolgt, auch get\u00f6tet. Bei der Vorbereitung auf das Projekt wollte Kroesinger wissen: Wann f\u00e4ngt die Verdammung der Homosexuellen im Islam an? \u201eInteressanterweise war das in der Kolonialzeit, die viktorianische Sexualmoral wurde importiert. Da wurde etwas \u00fcbernommen, das nicht zur dortigen Kultur geh\u00f6rte. Der Westen war eine expansive Kraft im 19. Jahrhundert, wirtschaftlich \u00fcberlegen, sodass sich die Eliten anpassten. Es gibt zwar Aussagen von Mohammed gegen Homosexualit\u00e4t, aber im Koran findet man keine einzige Steinigung von Homosexuellen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_18693\" aria-describedby=\"caption-attachment-18693\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-18693 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1000 666'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/FG_9875-..jpg\" alt=\"queere Fl\u00fcchtlinge\" width=\"1000\" height=\"666\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18693\" class=\"wp-caption-text\">Antonia Mohr (li.) &amp; Jonathan Bruckmeier (Foto: Felix Gr\u00fcnschloss)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sexualit\u00e4t, Religion, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me. Ein weites Feld. Die Herausforderung des Projektes sei es, wie man das Thema Intersektionalit\u00e4t dem Karlsruher Durchschnittszuschauer vermittelt, erkl\u00e4rt Jan Linders. \u201eWir sind ja ein Stadttheater. Es nicht wie bei <em>Small Town Boy<\/em> in Berlin, wo man sagen kann, da kommen 80 % LGBTI-Zuschauer. Das hier ist die Mitte der Gesellschaft, die meisten Zuschauer sind eben nicht LGBTI, nicht muslimisch, nicht gefl\u00fcchtet. Die Herausforderung ist, wie kriegt man denen Kontakt zu denen, ohne gleich in die Mitleidsschiene zu gehen.\u201c<\/p>\n<p>Man mache das nicht aus pers\u00f6nlicher Betroffenheit, sagt Linders. Dass Intendant Peter Spuhler und er schwul sind, ist kein Geheimnis. Das <em>Nowhere out<\/em>-Team dagegen ist hetero und repr\u00e4sentiert damit die Mehrheitsgesellschaft. Das ist hier auch der Zugang: Wie guckt die Gesellschaft auf Dreifachminderheiten? Wobei man so froh sein kann, wenn sie <em>\u00fcberhaupt<\/em> guckt. Beim Karlsruher CSD vor ein paar Wochen \u2013 Intendant Spuhler war Schirmherr \u2013 standen drei Fl\u00fcchtlings-Aktivisten auf der B\u00fchne und berichteten von ihren Erfahrungen. Eine extrem politisch angelegte Veranstaltung, fand Linders. Aber die Zeitung hat diesen Part ignoriert, und im Fernsehen hat man wie jedes Jahr von einer \u201eschrillen Parade\u201c gesprochen und die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen gezeigt.<\/p>\n<p class=\"zusatz\"><strong><em>Nowhere out<\/em>: Dokumentartheater von Hans-Werner Kroesinger &amp; Regine Dura. <\/strong><\/p>\n<p class=\"zusatz\"><strong>URAUFF\u00dcHRUNG am 30. Juni 2017 im Studio, Badisches Staatstheater Karlsruhe<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Queere Fl\u00fcchtlinge sind in ihrer Heimat oft bedroht. Doch auch in der dt.  Wirklichkeit sind sie 3-facher Diskriminierung ausgesetzt. Dieses Themas nimmt sich nun das Badische Staatstheater in Karlsruhe an. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/queere-fluechtlinge-wer-sich-nicht-outet-ist-selber-schuld\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":33712,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4381,4371],"tags":[5434,5512,5523],"wps_subtitle":"Dokumentartheater in Karlsruhe: \u00abNowhere out\u00bb","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33711"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33711"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33711\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":182001,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33711\/revisions\/182001"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33712"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33711"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33711"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33711"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}