{"id":33695,"date":"2017-04-01T09:14:24","date_gmt":"2017-04-01T07:14:24","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/2017\/04\/01\/solche-subjekte-wie-sie-duerfen-nicht-mit-kindern-arbeiten\/"},"modified":"2018-09-24T11:22:01","modified_gmt":"2018-09-24T09:22:01","slug":"solche-subjekte-wie-sie-duerfen-nicht-mit-kindern-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/solche-subjekte-wie-sie-duerfen-nicht-mit-kindern-arbeiten\/","title":{"rendered":"&#8222;Solche Subjekte wie Sie d\u00fcrfen nicht mit Kindern arbeiten!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In einem Berliner Kindergarten wollen Eltern ihren Nachwuchs nicht von einem schwulen Mann h\u00fcten lassen. Sie drohten dem Tr\u00e4ger des Kindergartens, so berichtete diese Woche der <em>Tagesspiegel<\/em>, mit einer Unterschriftenaktion. Die vorwiegend muslimischen Eltern, die schon damit ein Problem hatten, dass ein Mann auf ihre Kinder aufpasste, wurden schlie\u00dflich von der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin ausgeschlossen. Thomas Strzalka (49) aus Osnabr\u00fcck kennt das Problem aus eigener Erfahrung, allerdings waren es in seinem Fall deutsche Eltern, die ihm das Leben schwer gemacht haben. Der schwule Erzieher sitzt im Vorstand des Dachverbandes der Elterninitiativen und anderer freien Tr\u00e4ger in Osnabr\u00fcck e.V. (DEOS), der wiederum zum bundesweiten Dachverband der freien Kindertageseinrichtungen mit Sitz in Kassel geh\u00f6rt (BAGE).<\/p>\n<p><strong>Herr Strzalka, sind Sie bei Ihrer Arbeit immer schon offen schwul gewesen?<\/strong><br \/>\nIch habe es nie verheimlicht, aber auch nie nach au\u00dfen getragen. In den ersten Jahren nach der Ausbildung war ich vorsichtig, weil man ja gar nicht wusste, wie die Leute darauf reagieren. Progressiv offen bin ich erst damit umgegangen, seit ich einmal gek\u00fcndigt wurde.<\/p>\n<p>[perfectpullquote align=&#8220;full&#8220; cite=&#8220;&#8220; link=&#8220;&#8220; color=&#8220;&#8220; class=&#8220;&#8220; size=&#8220;&#8220;]Einer repr\u00e4sentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zufolge findet es jeder vierte Deutsche unangenehm, wenn ein Erzieher schwul ist.[\/perfectpullquote]<\/p>\n<p><strong>Was ist passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war vor 20 Jahren Leiter einer kleinen altersgemischten Kindertagesst\u00e4tte in NRW im Landkreis Minden-L\u00fcbbecke, und es wurde damals vom Elternvorstand an allem m\u00f6glichen massiv Kritik ge\u00fcbt. Nichts war richtig und irgendwann bekam ich dann die K\u00fcndigung. Ich fragte nach, was \u00fcberhaupt gewesen sei und welche Verfehlungen man mir vorwarf, denn fachlich hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Da hie\u00df es dann, dass man daf\u00fcr sorgen w\u00fcrde, dass \u201esolche Subjekte\u201c wie ich nicht mit Kindern arbeiten d\u00fcrften.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16623\" aria-describedby=\"caption-attachment-16623\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-medium wp-image-16623\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 206 300'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG-20170331-WA0002-206x300.jpg\" alt=\"Kita\" width=\"206\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16623\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Strzalka (Foto: privat)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Im aktuellen Fall aus Berlin, hei\u00dft es, kommen die Eltern aus arabischen, rum\u00e4nischen oder russischen Familien. Wie war es bei Ihnen? <\/strong><br \/>\nDas waren in der Regel Akademiker und in keiner Weise mit Migrationshintergrund. Man kann das nicht verallgemeinern. Es ist ja so: Bedenken oder Sorgen haben Eltern grunds\u00e4tzlich immer, weil sie ihre Kinder lieben. Wenn sie mit etwas Unbekanntem konfrontiert werden, ist immer ein Prozess n\u00f6tig, bei dem man \u00fcber Kommunikation diese Probleme aufzul\u00f6sen versucht. Aber ich w\u00fcrde nicht sagen, dass das was mit Migrationshintergrund zu tun hat. Es gibt grunds\u00e4tzliche Bedenken gegen M\u00e4nner in Kindertagesst\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Gegen M\u00e4nner generell und gegen Schwule im Besonderen.<\/strong><br \/>\nGenau.<\/p>\n<p><strong>Wie war es bei Ihren Anstellungen danach?<\/strong><br \/>\nAuch da kam es immer wieder vor, dass sich M\u00fctter und V\u00e4ter mit meiner Homosexualit\u00e4t schwergetan haben. Da gab es auch durchaus Eltern &#8211; gar nicht mit Migrationshintergrund, sondern Akademiker: studiert, gebildet, mit einer gewissen Weltoffenheit -, die Ablehnung ge\u00e4u\u00dfert haben und es gab auch Beschimpfungen. Es war absurd, aber bei den Einstellungsgespr\u00e4chen habe ich am Ende immer gesagt: Bevor Sie es von anderen erfahren, ich bin schwul.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie sich damals gegen Ihre K\u00fcndigung gewehrt?<\/strong><br \/>\nIch habe geklagt und auch gewonnen, aber nicht weil ich auf Wiedereinstellung nach Diskriminierung wegen Homosexualit\u00e4t geklagt h\u00e4tte, sondern weil das Verfahren, was die Eltern damals gew\u00e4hlt haben, massive arbeitsrechtliche Fehler hatte. Sich dagegen zu wehren, war schwer, weil die Angelegenheit so pers\u00f6nlich war. Man wurde da auf eine Art angegriffen, die sehr verletzend ist. Also, ich wei\u00df sehr gut, was der Kollege da in Berlin durchstehen muss. Das ist eine sehr unsch\u00f6ne Situation, um es mal vorsichtig zu sagen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist das durchschnittliche Zahlenverh\u00e4ltnis in Kindertagesst\u00e4tten zwischen weiblichen und m\u00e4nnlichen Erziehern?<\/strong><br \/>\nIn der Regel ungef\u00e4hr bei 7 bis 10 %. Bei Elterninitiativen ist der Anteil sicher h\u00f6her. Das individuelle Profil dieser Einrichtungen bietet einfach mehr M\u00f6glichkeiten. Hier ist der Tr\u00e4ger nicht wie im herk\u00f6mmlichen Sinne die Stadt, die AWO oder die Kirchen, sondern ein Elternverein. Hier werden andere Schwerpunkte gesetzt, sie sind in der Regel offener, kreativer, flexibler, aber auch intensiver im Kontakt zwischen Eltern und p\u00e4dagogischem Personal.<\/p>\n<p>[perfectpullquote align=&#8220;full&#8220; cite=&#8220;&#8220; link=&#8220;&#8220; color=&#8220;&#8220; class=&#8220;&#8220; size=&#8220;&#8220;]&#8220;M\u00e4nnlichen Erziehern wird in der Ausbildung geraten, kleine Kinder lieber gar nicht zu wickeln.&#8220;[\/perfectpullquote]<\/p>\n<p><strong>Die Tendenz ist vermutlich steigend, da der Anteil von m\u00e4nnlichen Erziehern vor 20 oder 30 Jahren sicher noch geringer war.<br \/>\n<\/strong>Auf jeden Fall. Wobei man aber auch sagen muss, dass in den Ausbildungen m\u00e4nnlichen Auszubildenden diese Vorbehalte mitgegeben werden. Ihnen wird empfohlen, dass sie kleine Kinder lieber gar nicht wickeln sollten oder wenn, dann nur bei offener T\u00fcr. Das finde ich extrem bedenklich. Es kann nicht sein, dass man schon grunds\u00e4tzlich bestimmte T\u00e4tigkeiten ausklammert, weil eventuell der Verdacht bestehen k\u00f6nnte, <em>dass<\/em> \u2026<\/p>\n<p><strong>Versucht Ihr Verband, dahingehend \u00c4nderungen an der Ausbildung zu bewirken?<br \/>\n<\/strong>Es wird St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck versucht. Dass es \u00fcberhaupt so weit gekommen ist, ist erst entstanden durch die Einf\u00fchrung des Bundeskinderschutzgesetzes (im Jahr 2012, Anmerkung der Red.) und den damit verbundenen Regeln, dass ein Beschwerdemanagement in den Einrichtungen etabliert werden muss. Sodass vermehrt in den Einrichtungen auf die Gefahr von Missbrauch an Kindern aufmerksam gemacht werden soll und sich dort Experten herausbilden sollen, die im Fall eines Verdachtes handeln. Das ist erst in den letzten Jahren massiv ausgebaut worden, nachdem etliche F\u00e4lle von Missbrauch bekannt geworden waren.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft: Die Ausbilder meinen es gut, weil sie die angehenden Erzieher sch\u00fctzen wollen, schie\u00dfen damit aber \u00fcber das Ziel hinaus?<br \/>\n<\/strong>Genau. Es kann nicht der Weg sein, das widerspricht auch der Authentizit\u00e4t des P\u00e4dagogen oder des Erziehers. Er soll ja mit seiner Fachlichkeit als auch mit seiner Person den Kindern gegen\u00fcbertreten. Wenn man da bestimmte Aspekte seiner Pers\u00f6nlichkeit rausnimmt, ist das eine ung\u00fcnstige Beschr\u00e4nkung der Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Wie begegnet man am besten den Vorbehalten der Eltern?<br \/>\n<\/strong>Eltern haben durchaus \u2013 sicher auch f\u00fcr Au\u00dfenstehende irrational erscheinende \u2013 \u00c4ngste, was ihre Kinder betrifft. Da muss man miteinander reden. Es kann ja sein, dass die Leute Vorbehalte haben, weil sie gelernt haben, Homosexualit\u00e4t als Stigma wahrzunehmen. Aber die Chance ihre Vorbehalte zu \u00fcberdenken, muss man erstmal allen geben. Also, Vertrauen aufbauen, f\u00fcr Verst\u00e4ndnis werben. Wenn das nicht hilft, muss sich der Arbeitgeber am Ende vor den Angestellten stellen. Denn mit der Arbeit hat die sexuelle Ausrichtung ja \u00fcberhaupt nichts zu tun. Da kann es nicht sein, dass der Erzieher durch das Vorgehen der Eltern seiner Arbeit und Lebensgrundlage beraubt wird.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie angehenden Erziehern raten, die schwul sind?<br \/>\n<\/strong>Ich kann nur im Nachhinein sagen, dass es besser ist, von Anfang an offen mit dem eigenen Schwulsein umzugehen und das Gespr\u00e4ch zu suchen. Weil man dann mehr Respekt erlangt gegen\u00fcber dem Arbeitgeber, weil man etwas sagt, was Heterosexuelle niemals sagen w\u00fcrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4nnlichen Erziehern wird empfohlen, dass sie kleine Kinder lieber gar nicht wickeln sollten oder nur bei offener T\u00fcr. 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