{"id":31298,"date":"2018-05-31T18:01:56","date_gmt":"2018-05-31T16:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mannschaft.com\/?p=31298"},"modified":"2019-05-06T21:32:36","modified_gmt":"2019-05-06T19:32:36","slug":"psychologie-heute-die-netteste-form-der-homophobie-ist-totschweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/psychologie-heute-die-netteste-form-der-homophobie-ist-totschweigen\/","title":{"rendered":"Die netteste Form der Homophobie ist Totschweigen"},"content":{"rendered":"<p>Um eines vorneweg zu sagen: ich gehe \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckhaltend mit dem Vorwurf von Homophobie um. Nat\u00fcrlich gibt es jede Menge unsch\u00f6ner bis hochgradig \u00fcbler Ph\u00e4nomene, die diese Bezeichnung verdienen: k\u00f6rperliche oder verbale Gewalt gegen\u00fcber homosexuellen Menschen und generell gegen\u00fcber LGBTIQ, systematische Diskriminierung, Ausgrenzung etc. Daneben gibt es aber einen gr\u00f6\u00dferen und deutlich interpretationsbed\u00fcrftigen Graubereich. Und da bin ich ein Freund von Robustheit und einer Art von Toleranz den Akteuren gegen\u00fcber: nicht jedes Verhalten, das man m\u00f6glicherweise aus einer gewissen Betrachtung heraus als \u201ehomophob\u201c bezeichnen k\u00f6nnte, muss auch gleich als solches gebrandmarkt werden, denn:<\/p>\n<p>(1.) manche Ph\u00e4nomene sind bei Lichte betrachtet einfach nicht wichtig genug, um daraus ein Thema und einen Vorwurf zu stricken;<br \/>\n(2.) da die Entwicklungsm\u00f6glichkeiten in Richtung optimal differenzierter Denk-, Sprech- und Handlungsweisen in der menschlichen Spezies offenbar generell begrenzt sind, ist zumindest mit Unachtsamkeit grunds\u00e4tzlich zu rechnen;<br \/>\n(3). Homophobievorw\u00fcrfe bewirken wahrlich nicht immer ein Abschmelzen von Homophobie, sondern nicht selten genau das Gegenteil.<\/p>\n<p><strong>Homosexualit\u00e4t<\/strong> <strong>wird \u00fcbersehen<\/strong><br \/>\nNichtsdestotrotz gibt es Verhaltensweisen, die schon allein durch ihre kontinuierliche Wiederholung, aber auch durch den Kontext, in dem sie geschehen, den Graubereich \u00fcberschreiten \u2013 auch wenn sie noch so harmlos daherzukommen scheinen, wie besonders das Ph\u00e4nomen des systematischen Totschweigens ganz ohne Anflug von nach au\u00dfen gezeigter Aversion! Homosexualit\u00e4t im eigenen Handlungsumfeld systematisch zu \u00fcbersehen und wenn irgend m\u00f6glich nicht zu thematisieren, kommt dabei in verschiedensten Formen und Kalibern vor.<\/p>\n<p>Manchmal kann man dar\u00fcber schon fast wieder schmunzeln: Der mittlerweile \u00fcber 60j\u00e4hrige Sohn von \u2013 nennen wir sie \u2013 Maria, der \u00e4ltesten Freundin meiner Mutter lebt seit Jahrzehnten offenbar ziemlich zufrieden in einer festen Partnerschaft mit einem anderen Mann. Beide haben in l\u00e4ndlicher Gegend ein Haus, sind voll integriert im d\u00f6rflichen Geschehen und k\u00fcmmern sich auch in geradezu r\u00fchrender Weise um Maria, die allerdings nie und nimmer Worte wie \u201eschwul\u201c, \u201ehomosexuell\u201c oder dergleichen in den Mund nehmen geschweige denn sie auf ihren Sohn beziehen w\u00fcrde. Ein vollkommen heterosexueller Schulfreund von mir, der ein sehr erfolgreicher Chirurg geworden ist, erz\u00e4hlt mir immer mal wieder, dass es in seinen weit gestreuten beruflichen Kreisen absolut niemanden gibt, der offen schwul oder bi ist. Merke: alle Chirurgen sind hetero \u2013 mindestens so sehr wie Fu\u00dfballer! Vom katholischen Klerus wollen wir an dieser Stelle lieber erst gar nicht sprechen\u2026<\/p>\n<p>\u00dcber welche dieser Non-Gay-Areas man wie stark schmunzeln mag, h\u00e4ngt sicher ein wenig vom pers\u00f6nlichen Geschmack ab. Mir ist das Schmunzeln in Bezug auf eine dieser Verschwiegenheitszonen mittlerweile vergangen. Ich spreche von einem popul\u00e4rwissenschaftlichen Journal, von einem popul\u00e4rwissenschaftlichen psychologischen Journal. Und wir sprechen vom deutschsprachigen Raum im Jahre 2018. Es geht um \u201ePsychologie Heute\u201c, ein vom Julius Beltz Verlag mit einer Auflage von immerhin knapp 70 000 Exemplaren herausgegebenes, seit 1974 existierendes Journal.<\/p>\n<blockquote><p>LGBTIQ taucht nicht auf, so als g\u00e4be es dazu von psychologischer Seite aus nichts zu berichten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eigentlich mag ich \u201ePsychologie Heute\u201c, lese es als Abonnent seit gef\u00fchlten 100 Jahren und finde viele Artikel darin wirklich interessant und anregend. Obwohl das Journal die Psychologie in ihrer ganzen Breite betrifft, taucht allerdings ein Themenfeld dabei so gut wie gar nicht auf: eben LGBTIQ, so als g\u00e4be es dazu von psychologischer Seite aus nichts zu berichten. Da ich \u00fcber dieses Fehlen im Laufe der Zeit immer mehr gestolpert bin, habe ich mehrfach \u2013 aus meiner Sicht wertsch\u00e4tzend \u2013 an die Redaktion geschrieben, z.B. folgende Mail im letzten Jahr:<\/p>\n<p>\u201eSehr geehrte Redaktionsteammitglieder von Psychologie Heute,<br \/>\nals langj\u00e4hriger Leser m\u00f6chte ich Ihnen zumindest nachtr\u00e4glich zu Ihrem Jubil\u00e4um der 500. Ausgabe gratulieren. Wir \u2013 meine Frau und ich (beide Psychologen) \u2013 lesen Psychologie heute immer wieder gern und mit Gewinn. Wir finden in jeder Ausgabe viel Interessantes f\u00fcr uns. Daher m\u00f6chten wir Ihr Magazin nicht missen.<br \/>\nEinen kleinen Kritikpunkt von mir hatte ich neulich schon einmal in anderem Zusammenhang angemerkt: In Ihrem Magazin tauchen LGBT Themen faktisch nicht auf; so sehr nicht, dass man denken k\u00f6nnte, dass das kein Zufall ist. Aber eine leicht homophobe deutschsprachige Psychologie Zeitschrift im 21. Jahrhundert ist auch nur schwer vorstellbar. Ihr Nichtthematisieren dieses Felds bleibt daher f\u00fcr mich ein R\u00e4tsel \u2013 allerdings eines mit klarem Optimierungspotenzial bei Ihnen.<br \/>\nViel Erfolg f\u00fcr die n\u00e4chsten 500.<br \/>\nViele Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nStefan H\u00f6lscher\u201c<\/p>\n<p><strong>Freundliche Antworten, sonst nichts<\/strong><br \/>\nAuf diese wie auch auf \u00e4hnlich andere Mails von mir, erhielt ich dann von Seiten der Redaktion immer recht freundliche Antworten, in denen betont wurde, dass man f\u00fcr diesen Hinweis sehr danke, dass man grunds\u00e4tzlich sehr aufgeschlossen sei f\u00fcr solche Themen und das Ganze mal in der Redaktion besprechen wolle, um es irgendwie anzugehen. Dabei ist es dann geblieben. Ge\u00e4ndert hat sich am faktischen Nichtthematisieren von LGBTIQ Themen in diesem Journal ebenso wenig wie an dem Umstand, dass nahezu auf jedem Cover von \u201ePsychologie Heute\u201c ein Foto einer l\u00e4chelnden j\u00fcngeren Frau prangt \u2013 immerhin bekleidet und vermutlich gedacht als nette Identifikationsfigur f\u00fcr all die vielen Psychologinnen, die diese Zeitschrift lesen. (Meine letzte deutlich knackiger verfasste Mail zu diesem Thema von Mitte Mai 2018 hat die Redaktion von \u201ePsychologie Heute\u201c \u00fcbrigens bis heute nicht beantwortet.)<\/p>\n<blockquote>\n<blockquote><p>Das ist Psychologie von Gestern<\/p><\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<p>\u00dcber all dies k\u00f6nnte man schmunzeln \u2013 ein wenig einseitig, provinziell und freundlich miefig, wie es wirkt. Ich m\u00f6chte dar\u00fcber aber nicht mehr schmunzeln. Denn auch wenn das Ausblenden von LGBTIQ Themen noch so nett grinsend daher kommt, und auch wenn es vielleicht nur einem Bruchteil der ca. 70.000 Leser*innen dieser Zeitschrift \u00fcberhaupt auff\u00e4llt, hier \u2013 im Kontext einer den Anspruch auf Modernit\u00e4t und Wissenschaftlichkeit erhebenden psychologischen Zeitschrift scheint es mir Homophobie der gar nicht mehr lustigen Art zu sein: Exklusion unter dem Deckmantel psychologischer Nonchalance. Das ist Psychologie von Gestern.<\/p>\n<p><em>Ein Gastbeitrag von Stefan H\u00f6lscher<\/em><\/p>\n<p>Anmerkung: Direkt nach Fertigstellung dieses Beitrags, allerdings ohne jede Kenntnis von ihm hat die neue Chefredakteurin von \u201ePsychologie Heute\u201c dem Autor dieses Beitrags ein Gespr\u00e4ch zu den kritisierten Punkten vorgeschlagen. Sollten sich hierdurch \u00c4nderungen im Sinne von Verbesserungen des Umgangs dieser Zeitschrift mit LGBTIQ Themen ergeben, so werden wir dar\u00fcber demn\u00e4chst berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Autor ist Abonnent der &#8222;Psychologie heute&#8220;. Dort tauchen LGBTIQ-Themen seiner Beobachtung nach faktisch nicht auf; so sehr nicht, dass man denken k\u00f6nnte, dass das kein Zufall ist.<br \/>\n <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/psychologie-heute-die-netteste-form-der-homophobie-ist-totschweigen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":31301,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,2],"tags":[5442,5467,5461],"wps_subtitle":"Unser Autor liest die \u201ePsychologie Heute\u201c als Abonnent gerne. 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