{"id":26408,"date":"2018-01-12T11:07:25","date_gmt":"2018-01-12T10:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mannschaft.com\/?p=26408"},"modified":"2021-10-06T19:46:37","modified_gmt":"2021-10-06T17:46:37","slug":"spaetes-coming-out-das-erste-mal-tut-nicht-weh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/spaetes-coming-out-das-erste-mal-tut-nicht-weh\/","title":{"rendered":"Sp\u00e4tes Coming-out \u2013 und wieder lauter erste Male"},"content":{"rendered":"<h3>\u00abWas? Du warst noch nie auf einer Schwulenparty? Ist das dein Ernst?\u00bb So oder \u00e4hnlich reagieren die meisten, wenn ich mich oute. Kommen wir zu meinem ganz pers\u00f6nlichen Erkl\u00e4rungsversuch, der in einem spannenden Experiment m\u00fcndet.<\/h3>\n<p>Mit 27 Jahren habe ich mein \u00abstraightes\u00bb Leben hinter mir gelassen und eine kurvige Abzweigung in Richtung gleichgeschlechtliche Liebe genommen. Dabei handelte es sich um eine bewusste Entscheidung, ohne grosse \u00c4ngste, wie mein Umfeld reagieren k\u00f6nnte. In meiner Vergangenheit habe ich Frauen gedatet, bin ihnen k\u00f6rperlich n\u00e4hergekommen und habe mich auch in die eine oder andere verliebt. Diese Erfahrungen geh\u00f6ren genauso zu mir wie der Name an meinem Klingelschild oder das Muttermal auf meinem rechten Arm. Ich m\u00f6chte nichts davon missen, denn ich hatte auch nie das Gef\u00fchl, als m\u00fcsse ich mich vor irgendetwas oder irgendwem verstecken. Allerdings war da ein St\u00fcck Neugier, etwas auszuprobieren, das \u00fcber die herk\u00f6mmliche Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung hinausgeht: Ich wollte einen Mann treffen.<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4tes Coming-out<\/strong> &#8211; <strong>nochmal der erste Kuss<\/strong><\/p>\n<p>Der Vorteil an einem sp\u00e4ten Coming-out ist, dass man vieles noch einmal erleben darf: den ersten Kuss, den ersten Sex, die erste Beziehung, die erste Trennung und auch den ersten Liebeskummer. Aber alles mit ein wenig mehr Reife im Gep\u00e4ck. Was in meiner Aufz\u00e4hlung jedoch stets fehlte, war das erste schwule Weggehen.<\/p>\n<p><b>Am Berliner Szeneleben vorbeigelebt<\/b><br \/>\nVor drei Jahrzehnten erblickte ich in Berlin das Licht der Welt. Ich habe meine Heimat nie als etwas Besonderes wahrgenommen. Jedenfalls nicht im Sinne eines langersehnten Zufluchtsorts, der die M\u00f6glichkeit von Akzeptanz und Selbstverwirklichung versprach. Das aber scheint f\u00fcr viele einer der Hauptbeweggr\u00fcnde zu sein, in die deutsche Hauptstadt \u00fcberzusiedeln. Geschichten, wie junge Kerle im Nachtleben der Stadt gestrandet, unter- oder v\u00f6llig aufgegangen sind, h\u00e4uften sich, je mehr ich mich mit anderen unterhielt.<\/p>\n<p>Meine ersten Ausgehversuche unternahm ich im Alter von 16 bis 20 an der Seite meines fast rein heterosexuellen Freundeskreises. Wir waren in Bars und Clubs unterwegs, in denen Rock, Alternative und Indie gespielt wurde. Ich war einer dieser hageren Typen, die man regelm\u00e4ssig vor oder im legend\u00e4ren Magnet \u2013 einem, nein, vermutlich <i>dem<\/i> damaligen Berliner Indieclub \u00fcberhaupt \u2013 antraf. Sp\u00e4ter wurde ich dann selbst zum DJ und entwickelte ein immer klareres Bild davon, welche Musik meine H\u00fcften zum Kreisen bringen durfte. Pop und House geh\u00f6rten definitiv nicht dazu. Diese Genres vermutete ich aber in den Sets meiner Kollegen, die Venues wie das <a href=\"http:\/\/www.schwuz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SchwuZ<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.diebusche.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Busche,<\/a> typische Berliner Schwulenclubs, bespielten. Weitere stereotype Ideen, die bez\u00fcglich Gaypartys durch meinen Verstand geisterten: massenhaft Transvestiten, die gern zum Mikro oder an die Hintern des Publikums greifen, Darkrooms, hedonistische Drogenr\u00e4usche, affektierte Party\u00adhopper und eine nicht enden wollende Fleisch\u00adbeschau, die einzig und allein einem Zweck diente: Am Ende des Abends irgendjemanden mit nach Hause nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00abDer Vorteil an einem sp\u00e4ten Coming-out ist, dass man vieles noch einmal erleben darf: Den ersten Kuss, den ersten Sex, die erste Beziehung, die erste Trennung und auch den ersten Liebeskummer. Aber alles mit ein wenig mehr Reife im Gep\u00e4ck.\u00bb<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Als Redakteur Greg mir dann erkl\u00e4rte, dass er fr\u00fcher vor allem zu solchen Veranstaltungen gegangen war, um \u00fcberhaupt gleichgesinnte M\u00e4nner kennen lernen zu k\u00f6nnen, geriet ich ins Gr\u00fcbeln. Im Zeitalter der Datingsapps hatte ich nie auf diese Alternative zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen. War es doch viel einfacher, jemanden nach einem kurzen Chat in einer gem\u00fctlichen Bar zu treffen, als sich in ein Get\u00fcmmel st\u00fcrzen zu m\u00fcssen, das von Gloria Gaynors \u00abI Will Survive\u00bb beschallt wurde. Mir fehlte es einfach g\u00e4nzlich an Ber\u00fchrungspunkten mit diesem schillernden Paralleluniversum, von dem ich zwar viel geh\u00f6rt, das ich aber nie selbst aufgesucht hatte. In meinen Gedanken hatte sich ein fiktives Bild verfestigt, das vermutlich wenig mit der Realit\u00e4t zu tun hatte und einzig von klischeehaften Darstellungen in Filmen oder anderen Medien lebte. Und so dr\u00e4ngte sich irgendwann die einzig logische Konsequenz auf. Ich musste eine Schwulenparty besuchen!<\/p>\n<p><b>Was ziehe ich bloss an?<\/b><br \/>\nHeute ist es so weit. In einigen Stunden werde ich mich auf den Weg in das legend\u00e4re Berliner SchwuZ machen. Zwar bin ich dort als Musikredakteur schon h\u00e4ufiger auf Konzerten gewesen, allerdings nie als Gast auf einer f\u00fcr den Club typischen Partys. Das SchwuZ schien mir ein guter Kompromiss zu sein, pr\u00e4sentiert es sich doch als ein recht offener Begegnungsort, der keine allzu harte T\u00fcr hat und von einer bewegten Historie lebt. Was die Wahl der passenden Veranstaltung betraf, wurde es allerdings schwieriger. Die einzige Party, die mit der von mir favorisierten Indie-Musik warb, war eingestellt worden, weshalb ich mich kurzerhand entschied, mir stattdessen die volle Dr\u00f6hnung zu geben: \u00abMadonnamania\u00a0\u2013 die Ikonenparty\u00bb.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26410\" aria-describedby=\"caption-attachment-26410\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-26410\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 546'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Martin-Busse-Clubbesuch-1.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"546\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Martin-Busse-Clubbesuch-1.jpg 770w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Martin-Busse-Clubbesuch-1-400x284.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Martin-Busse-Clubbesuch-1-300x213.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Martin-Busse-Clubbesuch-1-768x545.jpg 768w\" data-sizes=\"(max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26410\" class=\"wp-caption-text\">Martin wirft sich in das Get\u00fcmmel des legend\u00e4ren SchwuZ in Berlin.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie ein aufgeregter Teenie stehe ich nun vor meinem Kleiderschrank und \u00fcberlege, was ich anziehen soll. Nicht zu sexy, nicht zu verklemmt darf es sein. Nicht zu klassisch, nicht zu auff\u00e4llig. Ich komme mir vor, als w\u00e4re ich noch nie ausgegangen. Nach einem Entspannungsbad, einer Rasur und dem Versuch, ein paar Nasenhaare zu entfernen, quetsche ich mich in meine graue R\u00f6hre, werfe ein schwarzes T-Shirt \u00fcber und schl\u00fcpfe in meine Lederboots. Ein ganz normaler Look also, den ich genauso auch als DJ hinter dem Mischpult tragen w\u00fcrde. Um mich auf den Abend einzustimmen, geht es mit einer Flasche Wein in der Hand zu einer langj\u00e4hrigen Freundin und meinem Exfreund.<\/p>\n<p>Die beiden l\u00e4cheln mich verschmitzt an, als ich erz\u00e4hle, was ich vorhabe. Sie kennen mich und meine Spleens und wundern sich \u00fcber gar nichts mehr. Nachdem ein paar Gl\u00e4schen geleert sind, st\u00fcrzen wir in Richtung U-Bahn, um dort einen Kumpel und dessen Freund zu treffen, die gerade aus D\u00fcsseldorf zu Besuch sind und mich bei meinem Experiment begleiten. Mein Ex hingegen f\u00e4hrt nach Hause und meine Freundin geht irgendwo auf dem Weg zum SchwuZ verloren.<\/p>\n<p><b>\u00abHey Mister DJ, put a record on, I wanna dance with my baby\u00bb\u00a0<\/b><br \/>\nObwohl es der Name der Party bereits vermuten liess, muss ich schmunzeln, als ich merke, dass auf einem der drei Floors des SchwuZ ausschliesslich Madonna l\u00e4uft. W\u00e4hrend ich mich umschaue, entdecke ich einige vertraute Gesichter. Bekannte, ehemalige Dates oder Typen, die mir zuvor auf virtuellen Plattformen aufgefallen sind, streifen meinen Weg. Die Atmosph\u00e4re ist aufgeheizt und der Schweiss rinnt. Meine Begleiter suchen nach einem luftigen Pl\u00e4tzchen, w\u00e4hrend ich die W\u00e4rme mit einem Besuch an der Bar zu bek\u00e4mpfen versuche. Wenig sp\u00e4ter muss ich auf die Toilette. Statt wilder Orgien und gierig gaffender Pinkelpartner erwartet mich dort eine sich dr\u00e4ngende, bunt gemischte Unisexmasse. Schnell husche ich in eine freie Kabine, w\u00e4hrend Charthits von den Fliesen widerhallen.<\/p>\n<p>Mein Gott, was hatte ich denn erwartet? Langsam bin ich von meiner eigenen Engstirnigkeit genervt. Ich beschliesse, mich von jetzt an kompromisslos treiben zu lassen. Zur\u00fcck ins Geschehen. Neben mir r\u00e4keln sich halbnackte Jungs, und ein paar Dragqueens f\u00fchren ihr Tanzballett auf. Ob es am Alkohol oder an der Tatsache liegen mag, dass das Publikum sehr entspannt wirkt \u2013 je mehr Zeit verstreicht, umso mehr gew\u00f6hne ich mich an die \u00abneue Umgebung\u00bb. S\u00e4mtliche Bef\u00fcrchtungen, die mir vor ein paar Stunden noch durch den Kopf schwirrten, ziehen langsam von dannen.<\/p>\n<p><b>Kein Rumgestosse, kein b\u00f6ses Ankeifen<\/b><br \/>\n\u00abMartin, du wirst definitiv angegraben werden. Du bist ja quasi Frischfleisch\u00bb, hatte mir vor Wochen ein Kumpel prophezeit. Zwar ernte ich hier und da ein paar Blicke, doch verstehe ich diese getrost als Kompliment. So kann ich mir vorgaukeln, ich s\u00e4he nicht allzu schlecht aus und sei auch nach \u00dcberschreiten der magischen Dreissig noch immer interessant. Lustigerweise ist es besagter Freund, der mir jetzt beim Tanzen gegen\u00fcbersteht, w\u00e4hrend das D\u00fcsseldorfer P\u00e4rchen sich aufgrund von M\u00fcdigkeit verabschiedet hat.<\/p>\n<p>Wir bleiben weitere drei Stunden im SchwuZ. Irgendwann falle ich ersch\u00f6pft auf eine Bank. Die F\u00fcsse tun weh, meine Arme sind schwer. Um mich herum dreht sich alles sanft. Pl\u00f6tzlich fallen mir zwei blinkende Schuhe ins Auge. Belustigt folgt meine Aufmerksamkeit den dazugeh\u00f6rigen Beinen bis hin zu einem fr\u00f6hlichen Gesicht. Breit l\u00e4chelnd strahlt mir ein S\u00fcdamerikaner entgegen. Ich gl\u00e4tte das Runzeln auf meiner Stirn und zwinkere zur\u00fcck. Erstaunlich, wie freundlich der Umgang unter den Partybesuchern ist. Kein Rumgestosse, kein b\u00f6ses Ankeifen, sondern Akzeptanz und Toleranz auf ganzer Linie. Als jemand, der Menschen mag, sie gern beobachtet und schnell mit ihnen in Kontakt kommt \u2013 hier sei kurz erw\u00e4hnt, dass ich Psychologie studiert habe \u2013 begeistert mich diese Atmosph\u00e4re. Ich denke an meine DJ-Karriere zur\u00fcck.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00abNeben mir r\u00e4keln sich halbnackte Jungs und ein paar Dragqueens f\u00fchren ihr Tanzballett auf.\u00bb<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wie oft habe ich mich \u00fcber das verbissene, steife Publikum vor dem DJ-Pult ge\u00e4rgert? Mich beschleicht das Gef\u00fchl, als w\u00fcrden hier und in diesem Moment andere Dinge z\u00e4hlen als das richtige Auftreten und vermeintliche Coolness. Jede_r macht einfach, was er_sie will. Dass diese kurze Erkenntnis nicht ganz der Wahrheit entspricht, wird mir klar, als eine Truppe androgyner Jungs an mir vorbeizieht und \u00fcber die falsche Outfitwahl einer gemeinsamen Bekanntschaft l\u00e4stert.<\/p>\n<p>Um f\u00fcnf Uhr morgens verlasse ich das SchwuZ. Draussen ist es herbstlich frisch und ich hole tief Luft. Was f\u00fcr ein Abend!<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Morgen in meinem Bett aufwache, greife ich zu meinem Smartphone und schreibe meinen f\u00fcnf besten Freunden: \u00abIch habs \u00fcberlebt! Wir sollten das echt mal zusammen machen.\u00bb Obwohl sie alle heterosexuell sind, ist mir bewusst, dass ich bis gestern derjenige unter uns war, der am wenigsten Ahnung vom \u00abschwulen Feiern\u00bb hatte \u2013 da kommt man im weltoffenen Berlin eigentlich kaum drum herum. Ich drehe mich wieder ins Kissen und gelange zu dem Fazit, dass das erste Mal gar nicht wehgetan hat. Mal abgesehen von dem Brummen, das sich jetzt von meiner Schl\u00e4fe bis zum Hinterkopf zieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abWas? Du warst noch nie auf einer Schwulenparty?\u00bb So oder \u00e4hnlich reagieren viele, wenn unser Autor sich outet. Hier sein Erkl\u00e4rungsversuch, der in einem spannenden Experiment m\u00fcndet. 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