{"id":26179,"date":"2018-01-05T09:31:17","date_gmt":"2018-01-05T08:31:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mannschaft.com\/?p=26179"},"modified":"2022-11-03T16:00:18","modified_gmt":"2022-11-03T15:00:18","slug":"der-einsame-brueckenbauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/der-einsame-brueckenbauer\/","title":{"rendered":"Der einsame Br\u00fcckenbauer"},"content":{"rendered":"<h3>Malchas Songulaschwili, Baptistenbischof in Georgien, hat sich schon viele Feinde gemacht. Er sieht Homosexualit\u00e4t als Geschenk Gottes. Das gef\u00e4llt in dem orthodox gepr\u00e4gten Land den wenigsten.<\/h3>\n<p>Der 17. Mai 2013 hat sich als ein besonders schwarzer Tag ins Ged\u00e4chtnis georgischer LGBTIQ-Aktivist_innen eingebrannt. Am internationalen Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie wollten sie, eine Gruppe von 30 bis 35 Menschen, in Stille vor dem Parlament in Tiflis demonstrieren. Die Regierung hatte ihren Schutz versprochen, nachdem es bereits im Vorjahr zu Ausschreitungen gekommen war. Die wurden jedoch um L\u00e4ngen \u00fcbertroffen: Etwa 40&#8217;000 Gegendemonstrant_innen, angestachelt von der Orthodoxen Kirche des Landes, protestierten gegen \u00abUnmoral\u00bb, \u00abSodom und Gomorrha\u00bb und \u00abHomopropaganda in Georgien\u00bb. So war es auf ihren Plakaten zu lesen. Etwa zwanzig Menschen wurden verletzt. Die Polizei musste die queeren Demonstrant_innen nach kurzer Zeit mit Bussen in Sicherheit bringen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Ich bin daf\u00fcr eingetreten, die menschliche Vielfalt \u2013 darunter auch Homosexualit\u00e4t \u2013 als Gottes Geschenk anzusehen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die LGBTIQ-Menschenrechtsaktivisten war das ein schmerzhafter und ern\u00fcchternder Tag. F\u00fcr Malchas Songulaschwili bedeutete er einen Weckruf: \u00abIch habe erkannt, dass ich nicht l\u00e4nger still sein und zusehen kann, wie andere Menschen im Namen Gottes und der christlichen Religion verletzt und beleidigt werden\u00bb, sagt der damalige Erzbischof und damit Leiter der Evangelischen Baptistenkirche Georgiens. Die Baptisten gemeinde ist in Georgien eine Minderheit mit etwa 10&#8217;000 Mitgliedern.<\/p>\n<p>Der Geistliche hat die LGBTIQ-Community seines Landes zwar schon vorher unterst\u00fctzt, \u00abdaraus aber keine grosse Sache gemacht\u00bb, wie er erkl\u00e4rt. Das hat sich nach den Vorf\u00e4llen ge\u00e4ndert. Bischof Malchas hat \u00f6ffentlich Stellung bezogen und Artikel f\u00fcr georgische Online\u00adzeitungen geschrieben, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiteten. \u00abIch bin daf\u00fcr eingetreten, die menschliche Vielfalt \u2013 darunter auch Homosexualit\u00e4t \u2013 als Gottes Geschenk anzusehen.\u00bb<\/p>\n<p><b>Vandalismus als Antwort auf Toleranz<\/b><br \/>\nIn einem Land, in dem etwa 85 Prozent der fast vier Millionen Einwohner der Orthodoxen Kirche angeh\u00f6rt, hatte Songulaschwili es mit solchen Positionen schwer. Neun von zehn Georgiern hielten Homosexualit\u00e4t laut einer Umfrage aus dem Jahr 2011 f\u00fcr \u00ababsolut inakzeptabel.\u00bb Auch seine eigene Kirche tat sich mit ihrem Erzbischof schwer. \u00abPl\u00f6tzlich hatte ich jegliche Unterst\u00fctzung der Leitung meiner eigenen Kirche verloren.\u00bb In der gesamten Synode habe es nur einen Bischof gegeben, der seine Haltung gegen Homophobie unterst\u00fctzte. \u00abIch habe gemerkt, wie tief verwurzelt homophobe Gedanken in unserer Gemeinde sind.\u00bb<\/p>\n<p>Und auch viele Gl\u00e4ubige konnten die Aussagen nicht nachvollziehen. Manche seien \u00abzutiefst schockiert\u00bb gewesen, erkl\u00e4rt Malchas. \u00abAndere f\u00fchlten sich von ihrem Erzbischof betrogen.\u00bb Sie seien der Meinung gewesen, dass er aufgrund seiner Loyalit\u00e4t zur Kirche keine Meinung vertreten solle, die die Kirche ver\u00e4rgern k\u00f6nnte. \u00abDoch ich war \u00fcberzeugt, dass es wichtig war, eine inklusive christliche Botschaft zu senden.\u00bb Die Wut einiger Georgier_innen entlud sich sogar an Malchas selbst: Es seien Steine an sein Haus geworfen worden, Fenster wurden zerbrochen. Insbesondere Vertreter der Orthodoxen kritisierten seine Einstellungen scharf. \u00abF\u00fcr sie ist Homosexualit\u00e4t eine Tods\u00fcnde. Christen k\u00f6nnen in ihrer Logik weder homosexuell sein noch Homosexuelle unterst\u00fctzen.\u00bb Aufgrund des Misstrauens und der mangelnden Unterst\u00fctzung trat der heute 54-J\u00e4hrige schliesslich als Leiter der georgischen Baptistenkirche zur\u00fcck.<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe gemerkt, wie tief verwurzelt homophobe Gedanken in unserer Gemeinde sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abDas war eine schmerzhafte Entscheidung\u00bb, sagt er heute. Immerhin wurde er bereits 1992, gerade einmal 29 Jahre alt, zum Erzbischof der georgischen Baptisten. Die Sowjetunion war gerade untergegangen, die Kirche wollte eine neue Spitze. Da kam der junge Geistliche, der in Oxford promoviert hatte, gerade recht. Malchas hat seine Kirche grundlegend reformiert, sich f\u00fcr soziale Arbeit, Gerechtigkeit und Religionsfreiheit eingesetzt. Insbesondere der Dialog zu Muslimen lag und liegt ihm am Herzen. Nur seine Ansichten zu Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender-Menschen wollte die Kirche nicht mittragen.<\/p>\n<p><b>Die am \u00abmeisten verfolgte und ausgegrenzte Minderheit\u00bb<\/b><br \/>\nDie Synode hatte ein Problem mit einem queer-freundlichen Erzbischof an der Spitze. Doch Malchas war auch Metropolitan\u00adbischof des Bistums Tiflis und Dekan der dortigen Friedenskathedrale. Beide Positionen h\u00e4tte er ebenso verlassen, wenn ihn die Gemeinde nicht als LGBTIQ- und islamfreundlich akzeptiert h\u00e4tte. \u00abDoch ich habe einstimmige Unterst\u00fctzung erhalten\u00bb, sagt er. \u00abDie Leute haben mir als F\u00fchrungsperson vertraut\u00bb, erkl\u00e4rt er sich diese Zustimmung. Zwar w\u00fcrden viele seiner Gemeindemitglieder nicht verstehen, weshalb er sich f\u00fcr die queere Community einsetzt. \u00abDoch man darf nicht vergessen, dass die meisten von ihnen in einer Zeit gross geworden sind, als homosexuelle Beziehungen noch illegal waren\u00bb, betont er. Erst 2000 wurde Homosexualit\u00e4t entkriminalisiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26180\" aria-describedby=\"caption-attachment-26180\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-26180\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 433'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Guram-Kashia.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"433\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Guram-Kashia.jpg 770w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Guram-Kashia-400x225.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Guram-Kashia-300x169.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Guram-Kashia-768x432.jpg 768w\" data-sizes=\"(max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26180\" class=\"wp-caption-text\">Guram Kashia, Kapit\u00e4n bei Vitesse Arnheim sowie Vizekapit\u00e4n des georgischen Nationalteams, mit Regenbogenbinde: In seiner Heimat sch\u00e4mt man sich deswegen jetzt f\u00fcr ihn. (Bild: Twitter.com)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dieses Vertrauen macht den Bischof zuversichtlich. Seit 2013 werde die Lage in Georgien langsam besser, w\u00e4hrend vor allem beim n\u00f6rdlichen Nachbarn Russland, aber auch in der T\u00fcrkei, die im S\u00fcden an die georgische Republik grenzt, die Repressionen gegen LGBTIQ-Menschen zugenommen h\u00e4tten. Erst am 15. Oktober hat der georgische Fussballspieler Guram Kashia bei einem Spiel seines niederl\u00e4ndischen Vereins Vitesse Arnhem eine Regenbogenbinde anl\u00e4sslich des internationalen Coming-out-Tags getragen. \u00abDas hat Tausende Fans in Georgien emp\u00f6rt\u00bb, sagt Malchas. Aber: Gleichzeitig habe sich der georgische Pr\u00e4sident Giorgi Margwelaschwili genau wie der B\u00fcrgermeister von Tiflis und der nationale Fussballverband hinter den Spieler gestellt.<\/p>\n<p>Der 17. Mai 2013 mag f\u00fcr die Community in Georgien als Tag der Gewalt in die Geschichte eingegangen sein. Doch Malchas Songulaschwili hat sich bem\u00fcht, ihn zum Tag der Vers\u00f6hnung zu machen: An jedem 17. eines Monats h\u00e4lt er einen Solidarit\u00e4ts\u00adgottes\u00addienst f\u00fcr die LGBTIQ-Community. Der Bischof, h\u00e4ufig \u00abBr\u00fcckenbauer zwischen den Kulturen und Religionen\u00bb genannt, baut auch eine Br\u00fccke zu queeren Menschen in einer Gesellschaft, in der die meisten diese Br\u00fccke lieber einreissen w\u00fcrden. Er l\u00e4sst sich davon nicht entmutigen. \u00abJemand muss seine Stimme f\u00fcr die am meisten verfolgte und ausgegrenzte Minderheit in diesem Land erheben.\u00bb<\/p>\n<p><em>Text: Fabian Sch\u00e4fer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malchas Songulaschwili, Baptistenbischof in Georgien, hat sich schon viele Feinde gemacht. Er sieht Homosexualit\u00e4t als Geschenk Gottes. Das gef\u00e4llt in dem orthodox gepr\u00e4gten Land den wenigsten. Der 17. 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