{"id":25982,"date":"2017-12-22T15:51:38","date_gmt":"2017-12-22T14:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mannschaft.com\/?p=25982"},"modified":"2022-11-14T06:30:52","modified_gmt":"2022-11-14T05:30:52","slug":"stolperstein-wider-das-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/stolperstein-wider-das-vergessen\/","title":{"rendered":"Stolpern wider das Vergessen"},"content":{"rendered":"<h3>Seit 25 Jahren erinnern in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern Europas Stolpersteine an Opfer der Nazis. Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Behinderte und auch Homosexuelle. Ein Mann aus Bochum setzt sich daf\u00fcr massgeblich ein.<\/h3>\n<p>Manchmal recherchiert J\u00fcrgen Wenke \u00fcber mehrere Jahre an einem Schicksal und liest hunderte Seiten Akten, bevor ein weiterer Stolperstein verlegt werden kann, der an die Verfolgung oder Vernichtung eines homosexuellen Mannes durch die Nazis erinnert. Ernst Papies etwa, mehrfach verurteilt und eingesperrt, \u00fcberlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Mauthausen und Auschwitz und brachte danach noch die Kraft auf, in der jungen Bundesrepublik Antr\u00e4ge auf Wiedergutmachung und Entsch\u00e4digung zu stellen. Er schrieb an Bundeskanzler und Bundespr\u00e4sident, nichts half: keine Protestschreiben, kein Gerichtsverfahren. Die Streichung des Paragraphen 175 im Jahr 1994 hat er noch erlebt, er starb 1997 in Konstanz; von einem Gesetz zur Rehabilitierung, wie es im Sommer 2017 verabschiedet wurde, konnte er nur tr\u00e4umen.<\/p>\n<blockquote><p><em>In Auschwitz wird die Verfolgung Homosexueller immer noch verschwiegen<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Stolperstein, der an Papies erinnert, wurde in der Cranger Strasse 398 in Buer verlegt, in Gelsenkirchen. Dort hat Papies gelebt, es war sein \u00abletzter freiwilliger Wohnort\u00bb vor der Verhaftung und Deportation\u00a0\u2013 entscheidend f\u00fcr die Stelle, an der ein Stolperstein schliesslich liegt. Das herauszufinden, ist oft nicht leicht, weil Wenke die Schicksale der M\u00e4nner von ihrem Ende her aufarbeitet, von ihrem Eintrag in einer der akribisch gef\u00fchrten KZ-Listen. Dort steht aber oft nur der Geburtsort. Den Grossteil seiner Recherchearbeit f\u00fchrt der Diplompsychologe in den Archiven der deutschen KZs, in Landesarchiven der 16 Bundesl\u00e4nder und den Stadtarchiven durch, pers\u00f6nlich oder \u00fcber den Austausch von E-Mails. In Ausschwitz dagegen kann man nicht gut forschen, sagt Wenke. \u00abDie Polen haben bis heute ein Problem mit Homosexualit\u00e4t. In Auschwitz wird die Verfolgung Homosexueller immer noch weit\u00adgehend verschwiegen.\u00bb<\/p>\n<p><b>\u00a7175: Verfolgt, angeklagt, verurteilt<\/b><br \/>\nHat Wenke den letzten regul\u00e4ren Wohnort recherchiert, kann es passieren, dass das Haus gar nicht mehr steht. Vielleicht wurde es im Zweiten Weltkrieg weggebombt und die Strassenf\u00fchrung hat sich ver\u00e4ndert. Wie bei Alfred Eduard Schneider: In Bochum erinnert darum ein Stein an einer Bushaltestelle an den Mann, der als \u00ab175er\u00bb ins KZ Sachsenhausen und dort am 25. Juni 1941 zu Tode kam. In der Haltestelle findet sich zus\u00e4tzlich ein Hinweisschild, das den Hintergrund f\u00fcr diesen Stolpersteine erkl\u00e4rt. So viel Sichtbarkeit ist selten. Auf Schneiders Gedenkstein, 2013 in Bochum verlegt, ist schlicht Sachsenhausen vermerkt. Dass ein Mann als Homosexueller verfolgt wurde, wird erst seit wenigen Jahren vom K\u00fcnstler Demnig auf den neueren Steinen vermerkt. \u00abVerfolgt \u00a7175\u00bb steht dann dort, \u00abangeklagt \u00a7175\u00bb oder \u00abverurteilt \u00a7175\u00bb.<\/p>\n<p>Der Familientherapeut Wenke hat jahrelang die Beratungsstelle des Vereins Rosa Strippe gef\u00fchrt, der 1980 als Selbsthilfe\u00adinitiative von schwulen M\u00e4nnern f\u00fcr schwule M\u00e4nner gegr\u00fcndet worden war. L\u00e4ngst hat sich der Verein zum zweitgr\u00f6ssten Spezialberatungsangebot zum Thema sexuelle und geschlechtliche Identit\u00e4ten in Nord\u00adrhein-\u00adWestfalen entwickelt.<\/p>\n<p><strong>150 Steine erinnerten an j\u00fcdische Opfer des Nationalsozialismus, aber keiner an Homosexuelle<br \/>\n<\/strong>Vor zehn Jahren begann Wenke damit, sich in seiner Heimatstadt Bochum dem Projekt Stolpersteine zu widmen. 150 Steine erinnerten an j\u00fcdische Opfer des Nationalsozialismus, aber keiner an Homosexuelle. Mittlerweile listet sein Verein auf seiner Homepage \u00fcber 25 Namen von M\u00e4nnern vor allem aus NRW auf, an deren Schicksal erinnert wird. Engagierte schwule M\u00e4nner sind heute in zahlreichen grossen St\u00e4dten an der Erinnerungskultur mittels Stolpersteinen beteiligt. Allen voran in Hamburg, wo bereits mehrere hundert Stolpersteine f\u00fcr verfolgte Homosexuelle verlegt wurden.<\/p>\n<p>Wenke berichtet, dass er auch nicht immer mit offenen Armen empfangen wird: Manchmal wollen Nachfahren partout keinen Blick in die dunkle Vergangenheit wagen; in l\u00e4ndlichen Gegenden sch\u00e4mt man sich oft noch f\u00fcr schwule Angeh\u00f6rige.<\/p>\n<p>Seit zwei Jahren wartet Wenke darauf, in Jena den ersten Stolperstein zu verlegen, der an einen schwulen Mann erinnern soll, der im Hotel \u00abWeimarischer Hof\u00bb gewohnt (und gearbeitet) hat. Doch vom lokalen Stolperstein-Verein bekam er zu h\u00f6ren: Das Projekt sei dort zu Ende. \u00abDas sind zwar engagierte B\u00fcrger\u00bb, erkl\u00e4rt Wenke, \u00ababer sie glauben, es reicht, wenn man sich bei der Aufarbeitung der Naziherrschaft mit den j\u00fcdischen Opfern befasst.\u00bb<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist es Wenkes Initiative und seinen Recherchen zu verdanken, dass im KZ Buchenwald im Vorraum des Krematoriums neben den etwa 50 zum Teil jahrzehnte\u00adalten Namenstafeln seit Sommer 2012 auch eine erste Tafel an homosexuelle Opfer erinnert. Friedrich Wessel und Julius Schmidt sind auf der 30 mal 40 Zentimeter grossen schwarzen Metalltafel mit weisser Schrift verewigt.<\/p>\n<p><b>Diebstahl und Vandalismus<\/b><br \/>\nWo Steine in der \u00d6ffentlichkeit verlegt wurden, dort kommt es leider immer wieder vor, dass sie entfernt oder gesch\u00e4ndet werden. Erst Anfang November wurden in Berlin-\u00adNeuk\u00f6lln \u00fcber Nacht mindestens zw\u00f6lf Gedenksteine gestohlen, die an Naziopfer erinnerten.<\/p>\n<p>Meist aber erlebt Wenke sein Anliegen als T\u00fcr\u00f6ffner, das Projekt habe l\u00e4ngst ein grosses Renomm\u00e9. Und doch gibt es immer noch Premieren: In Trier wurden am 6. November erstmals zwei Stolpersteine f\u00fcr ein homosexuelles Zwillingspaar verlegt, die eineiigen Salomon-Zwillinge Ernst und Leo, deren Schicksal J\u00fcrgen Wenke recherchiert hat. F\u00fcr die Steine der Zwillinge, die deportiert und ermordet wurden, hat die rheinland-pf\u00e4lzische Ministerpr\u00e4sidentin Malu Dreyer (SPD) die Patenschaft \u00fcbernommen. \u00dcberraschend unkompliziert habe sie Wenkes Anfrage beantwortet, sagt er. Zwei Briefe hat er geschrieben, dann war die Sache klar. \u00abEs hat mir fast den Atem verschlagen, weil ihre Antwort so positiv war.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_25984\" aria-describedby=\"caption-attachment-25984\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25984\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 608'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/J\u00fcrgen-Wenke-Gunter-Deming.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"608\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25984\" class=\"wp-caption-text\">J\u00fcrgen Wenke (links) und der K\u00fcnstler Gunter Deming bei der ersten gemeinsamen Verlegung eines Stolpersteines im Jahr 2007.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und wenn im kommenden Jahr in Bochum der Stolperstein f\u00fcr Gerhard Krebs verlegt wird, so wird zum ersten Mal ein M\u00e4nnerpaar auf diese Weise geehrt: Dessen Partner Heinz Barenberg hat bereits am 22. Oktober seinen Stein erhalten, ebenfalls in Bochum. Weil sie sich zur Nazizeit verliebten und miteinander eine Beziehung f\u00fchrten, wurden sie verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Gerhard erh\u00e4ngte sich dort, sein Partner Heinrich hat die NS-Zeit \u00fcberlebt. Die Patenschaft f\u00fcr den Stolperstein f\u00fcr Barenberg haben die Bochumer Gr\u00fcnen \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Eine Patenschaft beinhaltet die \u00dcbernahme der Kosten des Steins, den der K\u00fcnstler Gunter Demnig \u00absoziale Skultpur\u00bb nennt. 120 Euro werden daf\u00fcr veranschlagt, darin enthalten sind Honorar, das Material und die Verlegung vor Ort &#8211; eine Messingplatte auf einem Betonw\u00fcrfel. Denmnig begann das Projekt im Jahr 1992. \u00dcber 60\u2006000 Steine haben er und sein Team seither in Europa in Gehwege eingelassen, darunter in Belgien, Ungarn, Russland\u00a0\u2013 das gr\u00f6sste dezentrale Mahnmal der Welt, hat die FAZ mal geschrieben.<\/p>\n<p><b>Ein Stolperstein im Siegerland<\/b><br \/>\nWer Pate ist, dem sollte daran gelegen sein, dass der Stein gut erhalten bleibt und regelm\u00e4ssig geputzt wird. Das Messing der Stolpersteine l\u00e4uft ohne regelm\u00e4ssige Reinigung dunkel an und die Inschrift wird dann schwer leserlich. F\u00fcr die Reinigung reichten eine einfache Haushaltsb\u00fcrste, Haushalts\u00adessig, Wasser, etwas Kochsalz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_25987\" aria-describedby=\"caption-attachment-25987\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25987\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 578'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Stolpersteine-Familie.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"578\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25987\" class=\"wp-caption-text\">Zum 100. Geburtstag von Werner Bangert im Februar 2017 kam die ganze Familie nach Duisburg, um seinen Stolperstein zu putzen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einmal hat Wenke eine Lebensgeschichte als Auftragsarbeit aufgearbeitet: Die Patenschaft des Stolpersteins war ein Geschenk, das ein Mann seinem Mann zur Verpartnerung machte. Wenn sich Bochumer der Recherche einer Lebensgeschichte widmet, kommen schon mal mehrere hundert Euro zusammen, f\u00fcr Kopien von Akten, Fahrten in Archive, Fotos. Manchmal \u00fcbernimmt die Rosa Strippe die Kosten, aber auch der Verein ist auf Spendengelder angewiesen (Infos dazu auf <a href=\"http:\/\/rosastrippe.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">rosastrippe.net<\/a>).<\/p>\n<figure id=\"attachment_25983\" aria-describedby=\"caption-attachment-25983\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25983\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 600 410'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Alfred-Freudenberg.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"410\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25983\" class=\"wp-caption-text\">Alfred Freudenberg, geboren 1893, wurde 1945 im KZ Dachau bei M\u00fcnchen ermordet. Mitte Dezember erh\u00e4lt er nun im Siegerland einen Gedenkstein.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der n\u00e4chste Stein, dessen Lebensweg Wenke recherchiert hat, wird Mitte Dezember in Kreuztal verlegt, eine Premiere im nordrhein-westf\u00e4lischen Siegerland. Auch hier haben die lokalen Gr\u00fcnen die Patenschaft \u00fcbernommen. Geehrt wird das Andenken von Alfred Freudenberg, vor seinem alten Wohnhaus, in dem heute sein Enkel lebt. Die Familie hat das Schicksal \u00fcber Jahrzehnte verschwiegen, lediglich vom Tod in Dachau wusste der Enkel. Nun kennt er die ganze Geschichte, von der Verhaftung wegen homosexueller Kontakte im September 1940 \u00fcber die Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus, bis zur anschliessenden Deportation in die ber\u00fcchtigte Steinwache nach Dortmund, von dort ins KZ Natzweiler (Struthof) im Elsass und schliesslich ins KZ Dachau bei M\u00fcnchen. Dort wurde er am 23. Februar 1945 ermordet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 25 Jahren erinnern in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern Europas Stolpersteine an Opfer der Nazis. Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Behinderte und auch Homosexuelle. 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