{"id":25946,"date":"2017-12-22T10:42:18","date_gmt":"2017-12-22T09:42:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mannschaft.com\/?p=25946"},"modified":"2024-09-23T16:42:19","modified_gmt":"2024-09-23T14:42:19","slug":"kahl-egal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/kahl-egal\/","title":{"rendered":"Ich kriege eine Glatze: Wie ich mich damit anfreunden will"},"content":{"rendered":"<h3>Oft leiden M\u00e4nner, wenn sie ihr Kopfhaar verlieren. Viele f\u00fchlen sich weniger attraktiv, das Selbstvertrauen sinkt. Gedanken zu einem Ph\u00e4nomen, das besch\u00e4ftigt, aber nach wie vor tabuisiert wird.<\/h3>\n<p>Ich war Mitte 20, als der Haarausfall einsetzte. Damals trug ich schulterlanges Haar, das ich mit den zaghaften Ans\u00e4tzen eines Bartes kombinierte. Ich f\u00fchlte mich angenehm unangepasst, ein bisschen wild, ein klein wenig rebellisch. Nicht selten sprachen mich auf der Strasse wildfremde Leute an und teilten mir mit, ich s\u00e4he aus wie ein moderner Jesus. Das gefiel mir, ich f\u00fchlte mich geschmeichelt. \u00dcberhaupt, ich liebte meine Haare! Zeitlebens hatte ich Komplimente daf\u00fcr erhalten, besonders im Sommer, wenn sich der Schopf ins Goldblond verf\u00e4rbte. Jahrelang war ich selig, schwebte unbeschwert im Haarhimmel.<\/p>\n<p>Umso schockierender, als irgendwann ungewohnt viele Haare auf dem Kopfkissen liegen und in der B\u00fcrste h\u00e4ngen blieben. Es war ein schleichender Prozess, und \u00fcber Monate war ich der Einzige, dem der Haarschwund auffiel. Dieser \u00e4usserte sich darin, dass sich langsam Geheimratsecken bildeten und die Haare am Stirnansatz d\u00fcnner und br\u00fcchiger wurden. Ich realisierte: Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00fcrde ich das Leben mit einer Glatze bestreiten. Diese Erkenntnis war niederschmetternd, eine Welt brach zusammen. Mir war, als dresche jemand mit einem Vorschlaghammer auf mein Selbstvertrauen ein.<\/p>\n<p><b>Emotionale Last<\/b><br \/>\n\u00c4hnliches empfinden viele M\u00e4nner, denen dieses Schicksal widerf\u00e4hrt. Dies zeigen mir nicht nur Gespr\u00e4che mit Freunden, die unfreiwillig Haare lassen. Auch verschiedene Studien belegen, dass Haarausfall aufs m\u00e4nnliche Gem\u00fct schl\u00e4gt. Vor vier Jahren ergab eine Untersuchung der Charit\u00e9-Universit\u00e4tsmedizin in Berlin, dass Haarverlust f\u00fcr M\u00e4nner eine \u00abenorme emotionale Last\u00bb darstellt und zu einer Minderung des Selbstwertgef\u00fchls f\u00fchren kann. Zum gleichen Resultat kam eine multinationale Umfrage, die von Expert_innen verschiedener europ\u00e4ischer Universit\u00e4ten durchgef\u00fchrt und in der Fachzeitschrift \u00abCurrent Medical Research and Opinion\u00bb ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<blockquote><p>Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00fcrde ich das Leben mit einer Glatze bestreiten. Diese Erkenntnis war niederschmetternd, eine Welt brach zusammen.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Forschungsteam interviewte 1536 M\u00e4nner zwischen 18 und 45 in britischen, deutschen, franz\u00f6sischen, italienischen und spanischen Grossst\u00e4dten. Dabei gaben knapp 50 Prozent der Befragten an, dass sie Haare verl\u00f6ren. Von den Betroffenen meinten wiederum mehr als 70 Prozent, dass Haare ein wichtiges Merkmal ihres Erscheinungsbildes darstellten, w\u00e4hrend 62 Prozent die Ansicht vertraten, der Haarausfall ziehe ihr Selbstvertrauen in Mitleidenschaft. Bei jedem F\u00fcnften ging das Ausfallen der Haarpracht sogar mit depressiven Verstimmungen einher.<\/p>\n<p><b>Eine \u00abstille Epidemie\u00bb<\/b><br \/>\n\u00abEs ist deprimierend, seine Haare zu verlieren\u00bb \u2013 so lautet denn auch der Titel eines Artikels, den Paul Willis f\u00fcr die Zeitschrift Vice verfasste. Zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass haarlose M\u00e4nner als weniger attraktiv empfunden w\u00fcrden, schreibt Willis. \u00abSo \u00fcberrascht es kaum, dass der Verlust des Kopfhaares f\u00fcr M\u00e4nner eine schmerzhafte Erfahrung sein kann.\u00bb Und f\u00fcr Spencer Corben steht fest: \u00abHaarausfall ist die Achillesferse des Mannes.\u00bb Der US-Amerikaner muss es wissen: Zum einen moderiert er seit \u00fcber sechzehn Jahren die Radioshow \u00ab<a href=\"https:\/\/www.thebaldtruth.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">The Bald Truth<\/a>\u00bb (\u00abdie kahle Wahrheit\u00bb). Diese widmet sich neben den verschiedensten Fragen rund um Lifestyle und Sexualit\u00e4t vor allem auch dem Thema Haarausfall.<\/p>\n<p>Zum anderen hat Corben die \u00ab<a href=\"http:\/\/www.americanhairloss.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">American Hair Loss Association<\/a>\u00bb (AHLA) gegr\u00fcndet \u2013 eine Organisation, die sich einem ganz bestimmten Ziel verschrieben hat: Unter anderem will sie die \u00ab\u00d6ffentlichkeit, medizinisches Fachpersonal, die Mainstream-Medien und den Gesetzgeber \u00fcber die emotional verheerenden Auswirkungen von Haarverlust informieren\u00bb, wie die AHLA auf ihrer Website schreibt. Dabei bezeichnet sie die androgenetische Alopezie\u00a0\u2013 dies der medizinische Fachausdruck f\u00fcr den erblich bedingten Haarausfall bei M\u00e4nnern \u2013 als eine \u00abstille Epidemie\u00bb.<\/p>\n<p><b>Teil des Alterungsprozesses<\/b><br \/>\nDavon betroffen sind viele: Gem\u00e4ss dem Dermatologen Pierre de Viragh, Leiter der Haarsprechstunde an der Universit\u00e4ts\u00adklinik Bern, ist Haarausfall bei M\u00e4nnern \u00absehr h\u00e4ufig\u00bb und Teil des nat\u00fcrlichen Alterungsprozesses. Jeder F\u00fcnfte sei in seinen Zwanzigern schon betroffen, jeder Dritte in den Dreissigern, und ab 40 trete die Alopezie in praktisch allen F\u00e4llen ein. \u00abIn diesem Alter geh\u00f6ren Geheimratsecken und eine Ausd\u00fcnnung des Scheitels beinahe immer dazu\u00bb, so de Viragh im Gespr\u00e4ch mit der Mannschaft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_25947\" aria-describedby=\"caption-attachment-25947\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25947\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 1027'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Glatze-1.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"1027\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25947\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Pascal Tripone<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>\u00abSeltener Einblick in die m\u00e4nnliche Seele\u00bb<\/b><br \/>\nObwohl Haarausfall ein normales Ph\u00e4nomen der m\u00e4nnlichen Lebensrealit\u00e4t darstellt, hadern die meisten damit. Das d\u00fcrfte nicht zuletzt daher r\u00fchren, dass heute auch M\u00e4nner einem strikten Sch\u00f6nheitsideal unterliegen. \u00abAls mein Vater noch j\u00fcnger war, musste ein Chef nur wie ein Chef aussehen\u00a0\u2013 und dicke, kahle Chefs waren damals die stereotype Norm\u00bb, schreibt Jessica Machado auf <a href=\"https:\/\/www.thecut.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">thecut.com<\/a>. F\u00fcr die neuen Generationen von M\u00e4nnern g\u00e4lten nun aber andere Standards.<\/p>\n<p>\u00abStudien zeigen, dass sich M\u00e4nner heutzutage sehr viel mehr Gedanken \u00fcber Glatzen, Bierb\u00e4uche und schlaffe Brustmuskeln machen als ihre Gross- und Urgrossv\u00e4ter.\u00bb Dass die Aussicht auf Glatze den M\u00e4nnern Sorgenfalten auf die Stirn treibt, findet Jessica Machado \u00abspannend\u00bb. Nicht, weil \u00abich die \u00c4ngste der Betroffenen weiter sch\u00fcren will\u00bb, stellt Machado klar. \u00abSchliesslich weiss ich als Frau nur allzu gut, wie es sich anf\u00fchlt, von anderen kritisch angeschaut und beurteilt zu werden.\u00bb Vielmehr sei es faszinierend, f\u00fcr einmal einen Einblick in die Unsicherheiten und die Verletzlichkeit einer ganzen Generation von M\u00e4nnern zu erhalten.<\/p>\n<p><b>\u00abErtrag das gef\u00e4lligst!\u00bb<\/b><br \/>\nOffen \u00fcber diese Sorgen zu sprechen, f\u00e4llt den meisten schwer. \u00abDie Gesellschaft verbietet es den M\u00e4nnern, ihr Unwohlsein mit ihrem Aussehen auszudr\u00fccken\u00bb, sagt Spencer Kobren im Magazin Vice. Vielmehr werde vom Mann erwartet, dass er \u00fcber solchen Dingen stehe und Bemerkungen zu seiner Optik stoisch ertragen k\u00f6nne. Ganz besonders \u2013 so scheint es \u2013 hat er mit \u00c4usserungen zu seinem Haarausfall klarzukommen. Die meisten haben wohl schon miterlebt, wie M\u00e4nner mit Spr\u00fcchen zu ihrem lichter werdenden Schopf konfrontiert werden.\u00a0Der Tonfall der Kommentare reicht dabei von besorgt \u00fcber erstaunt hin zu h\u00f6hnisch-sp\u00f6ttisch.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abHaare haben seit jeher eine starke symbolische Bedeutung, stehen f\u00fcr Jugendlichkeit und St\u00e4rke.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Spencer Kobren bezeichnet die m\u00e4nnliche Alopezie denn auch als \u00abletzte Bastion der politischen Inkorrektheit\u00bb. \u00abKaum einer w\u00fcrde zu jemandem hingehen und die Person auf ihre Gewichtszunahme ansprechen\u00bb, so Kobren. Demgegen\u00fcber gehe es v\u00f6llig in Ordnung, wenn man zu einem Typen marschiere und sage: \u00abNun schau sich das einer an! Es sieht so aus, als ob du deine Haare verlierst!?\u00bb Gerade auch f\u00fcr die Medien ist der Haarausfall ber\u00fchmter M\u00e4nner ein gefundenes Fressen. Wer bei Google die Stichw\u00f6rter \u00abPrince William\u00bb und \u00abHair\u00bb eingibt, erh\u00e4lt knapp vier Millionen Suchergebnisse \u2013 eine Flut von Artikeln, die sich der schwindenden Haarpracht des britischen Adligen widmet. Ersetzt man deren Namen mit jenem von Schauspieler Jude Law, erh\u00e4lt man gar zehn Millionen solcher Eintr\u00e4ge.<\/p>\n<p><b>Starke Symbolik<\/b><br \/>\nDass Haare f\u00fcr uns Menschen so wichtig sind, ist eine \u00abhistorische Tatsache\u00bb, wie Dermatologe Pierre de Viragh erkl\u00e4rt. \u00abHaare haben seit jeher eine starke symbolische Bedeutung, stehen f\u00fcr Jugendlichkeit und St\u00e4rke.\u00bb So war zum Bespiel schon die unbezwingbare K\u00f6rperkraft des alttestamentarischen Helden Samson untrennbar mit seinem Haupthaar verkn\u00fcpft. Um ihn besiegen zu k\u00f6nnen, schoren ihm seine Gegner im Schlaf den Kopf. Erst als das Haar wieder nachgewachsen war, gewann er seine Kraft noch einmal zur\u00fcck. Des Weiteren wird etwa die Zwangsrasur in vielen Kulturkreisen als Mittel der Dem\u00fctigung eingesetzt. Die Nazis benutzten \u00abdas Schneiden von Haaren, um Menschen auf die empfindlichste Art zu erniedrigen\u00bb, schreibt Redakteurin Claudia Becker auf welt.de. \u00abIm Warschauer Getto machten sich SS-M\u00e4nner einen Spass daraus, orthodoxen Juden die Schl\u00e4fenlocke abzuschneiden.\u00bb Und nach dem Zweiten Weltkrieg habe man in Frankreich die \u00abFrauen, die mit deutschen Soldaten ein Verh\u00e4ltnis hatten, durch das Scheren des Kopfes bestraft und kahlk\u00f6pfig unter dem Gesp\u00f6tt der Leute durch die Strassen gehetzt\u00bb.<\/p>\n<p><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25950 aligncenter\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 578'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Glatze-Beitragsbild.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"578\" \/><\/p>\n<p><b>Bilder im Kopf<\/b><br \/>\nFest steht, dass man mit Haaren vieles ausdr\u00fccken und verschiedenste Effekte erzielen kann. Gerade bei M\u00e4nnern sende die Frisur dabei durchaus ambivalente Signale aus, erkl\u00e4rt Pierre de Viragh. \u00abUnter Umst\u00e4nden wirken Glatzen m\u00e4nnlich. Oder sie werden, wie das Beispiel von Buddha zeigt, mit Weisheit verbunden.\u00bb Insgesamt seien kahle K\u00f6pfe aber nach wie vor mit eher negativen Assoziationen behaftet. \u00abMan weiss zum Beispiel von Studien, wonach es Glatzentr\u00e4ger bei der Jobsuche schwerer haben\u00bb, so de Viragh. Und Kolumnist Daniel Jones beschreibt es in der New York Times so: \u00abWie jeder und jede andere bin auch ich schon Zeuge davon geworden, wie eine fortschreitende Glatze sogar die jugendlichsten und sch\u00f6nsten M\u00e4nner pl\u00f6tzlich alt und clownesk aussehen lassen kann.\u00bb<\/p>\n<p><b>Die \u00dcbelt\u00e4ter? Gene und Geschlechts\u00adhormone<\/b><br \/>\nWarum aber fallen Haare \u00fcberhaupt aus? \u00abDer Grund liegt in den Genen, etwas vereinfacht gesagt\u00bb, sagt Pierre de Viragh. Wie der Arzt erkl\u00e4rt, h\u00e4ngt es von der genetischen Veranlagung eines Mannes ab, wie empfindlich seine Haarwurzeln auf das m\u00e4nnliche Geschlechtshormon Dihydrotestosteron (DHT) reagieren. \u00abDas DHT ist ein Nebenprodukt des Testosterons und hat im K\u00f6rper eigentlich nur eine Funktion: Im Zeitraum zwischen dem Embryonalstadium und der Pubert\u00e4t sorgt es f\u00fcr die Ausbildung und Entwicklung der m\u00e4nnlichen Genitalien.\u00bb Nach Abschluss der Pubert\u00e4t verliere das DHT aber seinen Zweck und treibe eigentlich \u00abnur noch Unsinn\u00bb, wie es de Viragh formuliert. \u00abEs l\u00e4sst nicht nur Nasen- und Ohrenhaare spriessen, sondern auch die Prostata anwachsen. Und es bewirkt den Verlust des Kopfhaares, indem es die Haarwurzel angreift.\u00bb Diese verk\u00fcmmert infolge dessen, das Haar f\u00e4llt aus. \u00abAber eben nicht jeder reagiert gleich auf das DHT\u00bb, betont de Viragh. \u00abJe nach Genpool des Mannes sind seine Haarwurzeln mehr oder weniger anf\u00e4llig auf das Hormon.\u00bb<\/p>\n<p><b>Man kann sich wehren<\/b><br \/>\nVom Griff zum Toupet einmal abgesehen, waren M\u00e4nner fr\u00fcher machtlos gegen diese Entwicklung. Heute hingegen bestehen verschiedene M\u00f6glichkeiten, um der Glatzenbildung entgegenzutreten. Da w\u00e4re zum einen das Verfahren der Haartransplantation. Dabei werden am Hinterkopf intakte Haarwurzeln entnommen und an den kahlen Stellen wieder eingesetzt. Nach ein paar Monaten sollten dann neue Haare spriessen.<\/p>\n<p>Eine Garantie, dass die transplantierten Wurzeln tats\u00e4chlich anwachsen, besteht allerdings nicht. Zum anderen verf\u00fcgt die Pharmazie mit Minoxidil und Finasterid \u00fcber zwei Medikamente, die als wirksam gelten. Alle anderen im Handel angepriesenen Mittelchen, Tabletten und Tinkturen \u2013 da sind sich die Experten einig \u2013 taugen nichts.<\/p>\n<p><b>Vom Neben- zum Haupteffekt<\/b><br \/>\nWas das Minoxidil angeht, so war dieses urspr\u00fcnglich zur Senkung von Bluthockdruck entwickelt worden. Bald schon offenbarte sich aber ein interessanter Nebeneffekt: Das Medikament liess bei manch einem Patienten die Haare wieder wachsen. Daraufhin wurde die Neben- zur Hauptwirkung erhoben, heute setzt man Minoxidil nur noch im Kampf gegen den Haarverlust ein. Die Fl\u00fcssigkeit wird morgens und abends sanft auf die Kopfhaut aufgetragen, wobei man sie aber nicht einmassieren sollte. \u00abEinmassieren kann zu Irritationen f\u00fchren\u00bb, erkl\u00e4rt Pierre de Viragh. \u00abManch einer setzt das Medikament daraufhin ab, weil er die Irritationen f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr eine Allergie h\u00e4lt.\u00bb Wie genau das Pr\u00e4parat funktioniert, steht bis heute nicht abschliessend fest. Sicher falsch sei aber die oft geh\u00f6rte Behauptung, Minoxidil wirke, indem es f\u00fcr eine bessere Durchblutung im Haarwurzelbereich sorgte, so de Viragh. \u00abMinoxidil stimuliert die Haare auch in der Zellkultur, und zwar abgekoppelt von der Blutversorgung.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_25948\" aria-describedby=\"caption-attachment-25948\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25948\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 1027'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Glatze-2.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"1027\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25948\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Pascal Triponez<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Kein DHT mehr, bitte<\/b><br \/>\nDie Wirkungsweise von Finstasterid ist demgegen\u00fcber gekl\u00e4rt: Es blockiert das Enzym, das f\u00fcr die Umwandlung von Testosteron zu DHT verantwortlich ist. Mit anderen Worten: Die Einnahme von Finasterid-Tabletten sorgt daf\u00fcr, dass der K\u00f6rper kein DHT mehr bildet. Jene Haarwurzeln, die auf DHT anf\u00e4llig sind, bleiben dementsprechend unversehrt und erfreuen sich weiterhin ihres Lebens. Die Folgen sind erstaunlich: Bei fast allen Betroffenen wird der Haarausfall gestoppt, in vielen F\u00e4llen kann gar ein Nachwachsen der Haare beobachtet werden \u2013 all dies jedoch nur, solange die Tablette t\u00e4glich eingenommen wird. Setzt man die Behandlung ab, nimmt auch der Haarausfall wieder seinen Lauf.<\/p>\n<p><b>Haare &#8211; mit Nebenwirkungen?<\/b><br \/>\nFinasterid ist ausgesprochen wirksam, doch ganz unumstritten ist es nicht: Seit L\u00e4ngerem weiss man, dass die Einnahme des Pr\u00e4parats zu unangenehmen Begleiterscheinungen wie<br \/>\nHodenschmerzen, einer Verminderung der Libido oder Potenz\u00adschwierigkeiten f\u00fchren kann. Laut de Viragh rechnet man, dass bei rund 1 von 200 solche Nebenwirkungen auftreten.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abVereinfacht gesagt geht es um die Frage: Will ich Sex oder Haare?\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abBei vielen, die das Medikament weiterhin einnehmen, verschwinden diese St\u00f6rungen aber mit der Zeit.\u00bb All jene, bei denen das nicht der Fall sei, m\u00fcssten sich entscheiden: Mittel absetzen oder weiterhin schlucken? \u00abVereinfacht gesagt geht es dann um folgende Frage: Will ich Sex oder Haare?\u00bb, so de Viragh. Wie der Arzt erkl\u00e4rt, sind die Nebenwirkungen des Finasterids in aller Regel reversibel \u2013 sie verschwinden also, sobald der Betroffene auf die Pilleneinnahme verzichtet.<\/p>\n<p><b>\u00abPost-Finasterid-Syndrom\u00bb<\/b><br \/>\nNun gibt es aber auch jene, die Gegenteiliges berichten: Die Nebenwirkungen seien geblieben, obwohl sie das Medikament abgesetzt h\u00e4tten, so die Aussage der Betroffenen. Das Ph\u00e4nomen, wonach Finasterid zu bleibenden Langzeitsch\u00e4den f\u00fchren kann, wird als Post-Finasterid Syndrom (PFS) bezeichnet. Gepr\u00e4gt wurde der Begriff von der \u00abPost-Finasteride Syndrome Foundation\u00bb, einer NGO aus dem US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey. Finasterid k\u00f6nne \u00abniederschmetternde und lebensver\u00e4ndernde Folgen f\u00fcr die sexuelle, psychische und physische Gesundheit von M\u00e4nnern haben\u00bb, schreibt die Organisation auf ihrer Webseite. Sie will deshalb vor allem die wissenschaftliche Forschung zum PFS vorantreiben und \u00abweltweit ein Bewusstsein f\u00fcr die Thematik schaffen.\u00bb<\/p>\n<p><b>\u00abKein sexuelles Verlangen\u00bb<\/b><br \/>\nDieses Bewusstsein, so scheint es, nimmt tats\u00e4chlich fortlaufend zu. \u00abDer gr\u00f6sste Widerstand gegen Finasterid formt sich derzeit in den USA\u00bb, schrieb vor ein paar Monaten etwa die Neue Z\u00fcrcher Zeitung (NZZ). Der Titel des Artikels: \u00abKampf gegen Glatze ist nicht frei von Risiken\u00bb. In den Staaten w\u00fcrden mittlerweile hunderte von Klagen die Gerichte besch\u00e4ftigen. \u00abSo soll die regelm\u00e4ssige Einnahme des Wirkstoffs zu m\u00f6glicherweise irreversiblen Folgen wie Potenzst\u00f6rungen, Libidoverlust und Depressionen f\u00fchren.\u00bb Auch Magazine wie Der Spiegel oder Men\u2019s Health haben schon \u00fcber das PFS geschrieben, wobei besonders der ausf\u00fchrliche Bericht auf menshealth.com ziemlich schwere Kost bereith\u00e4lt. Autor Jim Thornton zitiert nicht nur beunruhigende Studien zum PFS, sondern legt auch Erfahrungsberichte Betroffener dar. Wie jenen von Mark, zum Beispiel, bei dem die Symptome kurz nach Absetzen des Medikaments zur\u00fcckgekommen seien, \u00abund zwar schlimmer als je zuvor\u00bb. Sein Lustempfinden, so Mark, sei \u00abkomplett verschwunden\u00bb, ein Bed\u00fcrfnis nach Sex habe er schlicht nicht mehr empfunden.<\/p>\n<p><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25950 aligncenter\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 578'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Glatze-Beitragsbild.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"578\" \/><\/p>\n<p><b>\u00abPFS-Hysterie\u00bb<\/b><br \/>\nAm Ende des Artikels weist Thornton aber auf den wichtigen Punkt hin, dass das PFS weiterhin eine kontroverse Diagnose darstelle. \u00abDie PFS-Skeptiker halten es f\u00fcr ebenso wahrscheinlich, dass andere Gr\u00fcnde\u00a0\u2013 der Alterungsprozess, zum Beispiel, oder psychosomatische Erkrankungen \u2013 f\u00fcr die Beschwerden der M\u00e4nner verantwortlich sind.\u00bb Auch Pierre de Viragh gibt sich im Hinblick auf das Post-Finasterid-Syndrom vorsichtig. \u00abIn der Fachwelt ist es sehr umstritten, ob das PFS wirklich existiert.\u00bb Die Nebenwirkungsrate von Finasterid sei dieselbe wie vor zwanzig Jahren, und bei \u00abden meisten verl\u00e4uft die Behandlung problemlos\u00bb, so de Viragh.<\/p>\n<p>Entsprechend empfehle und verschreibe er das Mittel weiterhin. Auch der Dermatologe Ralph Tr\u00fceb, ehemaliger Leiter der Haarsprechstunde am Unispital Z\u00fcrich, relativiert die PFS-Problematik. In der NZZ erkl\u00e4rte er, ihm sei in seiner Praxis in zwanzig Jahren noch kein einziger Fall mit Post-Finasterid-Syndrom begegnet, w\u00e4hrend Hans Wolff, Haarsprechstundenleiter an der M\u00fcnchner Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t, von einer \u00abkollektiven Hysterie\u00bb spricht, die in den USA ausgebrochen sei. Wen aber Zweifel plagten, so der Rat des Experten, solle das Mittel absetzen.<\/p>\n<p><b>Pers\u00f6nliche Erfahrung: Es funktioniert<\/b><br \/>\nIch selbst nahm Finasterid mehrere Jahre lang ein. Dass der Wirkstoff Nebenwirkungen haben k\u00f6nnte, war mir schlicht und einfach egal, als ich die erste Pille aus der Packung dr\u00fcckte und mit einem Schluck Wasser runtersp\u00fclte. Der Wunsch, mein Haar nicht zu verlieren, war damals \u00fcberm\u00e4chtig \u2013 nie und nimmer h\u00e4tte mich die statistisch geringe Wahrscheinlichkeit negativer Begleiterscheinungen abschrecken k\u00f6nnen. Und tats\u00e4chlich, es funktionierte: Nach kurzer Zeit kam der Haarausfall zum Stillstand, wenig sp\u00e4ter begannen gar neue Haare zu spriessen. Ich war begeistert: Als ich meinen 30. Geburtstag feierte, hatte ich dichteres Haar als mit 26! Allf\u00e4llige Nebenwirkungen blieben dabei vollst\u00e4ndig aus, ich hatte keinerlei Beschwerden. Insofern hat mir das Medikament sehr geholfen: Es bewahrte mich davor, mich umgehend und unvorbereitet mit einer k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderung auseinandersetzen zu m\u00fcssen, die mich wom\u00f6glich in die geistige Selbstzerfleischung getrieben h\u00e4tte. Das Pr\u00e4parat verschaffte mir Zeit, sozusagen.<\/p>\n<p><b>Mehr Selbstvertrauen<\/b><br \/>\nIch erinnere mich, wie ich in jenen Tagen mit meinem Bruder \u00fcber das Thema sprach. Auch sein Haar hatte sich zu lichten begonnen, doch im Gegensatz zu mir liess er der Natur freien Lauf. Nat\u00fcrlich machte er keine Freudenspr\u00fcnge ob der Tatsache, dass sich seine einst luxuri\u00f6sen Locken langsam von der B\u00fchne verabschiedeten. Aber er war mit seiner eigenen Person derart im Reinen, dass er die Entwicklung ertragen konnte. Er ruhte in sich, w\u00e4hrend ich meinen Eigenwert noch allzu sehr \u00fcber mein Aussehen, und mein Aussehen noch allzu sehr \u00fcber meine Haare definierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_25949\" aria-describedby=\"caption-attachment-25949\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-25949\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 770 1027'%2F%3E\" data-src=\"http:\/\/www.mannschaft.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Glatze-3.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"1027\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-25949\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Pascal Triponez<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Ein langer, aber machbarer Weg<\/b><br \/>\nVor ein paar Monaten habe ich das Medikament nun abgesetzt. Nicht, weil doch noch Nebenwirkungen aufgetreten w\u00e4ren. Auch nicht, weil mich der langsam wieder einsetzende Haarausfall urpl\u00f6tzlich kalt liesse. Noch immer ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich wehm\u00fctig an die Zeit zur\u00fcckdenke, in der ich mit der Hand durch meine langen Haare fahren konnte. Noch immer versetzt es mir bisweilen einen Stich ins Herz, wenn sich ein weiteres Haar l\u00f6st und vor meinen Augen zu Boden schwebt, einem gelbverf\u00e4rbten Blatt im Herbstwind gleich. Und noch immer kann es vorkommen, dass ich mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf den makellosen und unversehrten Haaransatz des Mannes starre, der mir im Zug gegen\u00fcbersitzt oder auf der Strasse meinen Weg kreuzt. Im Gegensatz zu fr\u00fcher aber kann ich diese Gef\u00fchle besser ertragen und einordnen.<\/p>\n<p><b>Zur\u00fcck zur Natur<\/b><br \/>\nMeinen Entscheid, das Finasterid abzusetzen, verstehe ich als die Folge eines Anspruches, den ich an mich selbst gestellt habe: Den Anspruch, mich von den Fesseln belastender Sch\u00f6nheitsdiktate zu befreien und mein Lebensgl\u00fcck nicht l\u00e4nger davon abh\u00e4ngig zu machen, ob ich Haare auf dem Kopf trage oder nicht. Fakt ist, dass ich ein gesunder Mensch bin. Der t\u00e4gliche Griff zu einem Medikament, das in meinen Hormonhaushalt eingreift, war von einem medizinischen Standpunkt aus noch nie angezeigt. Vielmehr bestand aus pers\u00f6nlicher Sicht eine gewisse Dringlichkeit zur Einnahme: Finasterid half mir durch eine Zeit, in der mir der Haarausfall noch sehr zugesetzt h\u00e4tte. Insofern bin ich dankbar f\u00fcr das Mittel und einer der Letzten, der negative Worte dar\u00fcber verliert. Doch nun \u2013 so glaube ich \u2013 komme ich ohne klar. Vor allem will ich ohne klarkommen.<\/p>\n<p><b>Selbst in die Hand nehmen<\/b><br \/>\nEin letzter Punkt sei an dieser Stelle noch erw\u00e4hnt: Wenn man dem Autor Daniel Jones glaubt, dann d\u00fcrfte die kopfhaarlose Zukunft sowieso ganz ertr\u00e4glich werden. \u00abDie Kahlrasur erlebt derzeit ihre Hochbl\u00fcte\u00bb, schreibt Jones in der New York Times. Der Trend komme gerade zur rechten Zeit f\u00fcr \u00abTypen wie ihn, die diesen drastischen Schritt nie gewagt h\u00e4tten, wenn nicht zahlreiche andere vor ihm den n\u00f6tigen Mut gehabt h\u00e4tten\u00bb. Man habe es M\u00e4nnern wie Kelly Slater und Jason Statham, Vin Diesel, Michael Stipe oder Sir Ben Kingsley zu verdanken, dass ein blanker Kopf unterdessen salonf\u00e4hig sei. \u00abDar\u00fcber hinaus ist es ein grosser psychologischer Vorteil, sich irgendwann komplett von der sch\u00fctter werdenden Haarpracht zu trennen\u00bb, meint Jones: \u00abEs ist dasselbe, wie wenn man der Partnerin oder dem Partner den Laufpass gibt, bevor sie oder er es kann\u00bb, so Jones\u2019 bildhafte Erkl\u00e4rung. \u00abOder wie wenn man ins B\u00fcro des Chefs st\u00fcrmt und sagt: Du kannst mich nicht feuern \u2013 ich k\u00fcndige!\u00bb<\/p>\n<p><em>Fotos: <a href=\"https:\/\/www.pascaltriponez.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pascal Triponez Photography<\/a><\/em><br \/>\n<em>Make-up: Philipp Keusen<\/em><br \/>\n<em>Model: Winston Arnon<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft leiden M\u00e4nner, wenn sie ihr Kopfhaar verlieren. Viele f\u00fchlen sich weniger attraktiv, das Selbstvertrauen sinkt. 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