{"id":194418,"date":"2024-04-18T08:27:39","date_gmt":"2024-04-18T06:27:39","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=194418"},"modified":"2024-05-28T16:29:48","modified_gmt":"2024-05-28T14:29:48","slug":"konversionstherapie-mexiko-schwul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/konversionstherapie-mexiko-schwul\/","title":{"rendered":"Sie liessen ihn drei Tage in der W\u00fcste hungern, weil er schwul ist"},"content":{"rendered":"<h3>Eine \u00abKonversionstherapie\u00bb sollte den schwulen Ivan Tagle heterosexuell machen. Doch er wurde zum LGBTIQ-Aktivisten. Mit seinem Verein Yaaj k\u00e4mpft er seit Jahren f\u00fcr das Verbot der sch\u00e4dlichen Massnahmen in Mexiko.<\/h3>\n<p>Ivan Tagle war 15 Jahre alt, als seine Eltern beschlossen, ihn von seiner Homosexualit\u00e4t zu \u00abheilen\u00bb. Sie schickten ihren Sohn auf ein Retreat. Drei Tage in einer Blechh\u00fctte in der W\u00fcste. Er durfte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Manchmal betraten M\u00e4nner die H\u00fctte. Sie sagten, dass sie mal homosexuell waren. Nun h\u00e4tten sie <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/appell-von-aids-organisationen-das-darf-sich-nicht-wiederholen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AIDS<\/a> und m\u00fcssten bald sterben. Willst du dasselbe Schicksal, Ivan Tagle? Wollte er nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/trans-queer-buch-wo-wir-uns-beruehren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Lauren John Joseph: \u00abWas Queer\u00adness ist, ent\u00adscheiden wir individuell f\u00fcr uns selbst\u00bb \u2013 MANNSCHAFT+-Interview zum Buch \u00abWo wir uns ber\u00fchren\u00bb<\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>\u00abWer w\u00fcrde freiwillig ein Leben w\u00e4hlen, in dem man diskriminiert und geschlagen wird? In dem man von Zuhause weglaufen muss und aufgrund seiner Sexualit\u00e4t keinen Job findet?\u00bb, sagt Ivan der mexikanischen Online-Zeitung <em>Infobae<\/em>. Seine Peiniger*innen ohrfeigten ihn, beleidigten ihn als Schande der Familie, drohten ihn mit der H\u00f6lle. Es gab nur einen Weg raus: Zugeben, an einer psychischen Krankheit zu leiden, und um Heilung seiner Homosexualit\u00e4t bitten. Und als er das nach drei Tagen und N\u00e4chten ohne Schlaf tat, da umarmten sie ihn liebevoll, \u00abjetzt darfst du dich ausruhen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Folter. Exorzismen, Elektroschocks im Genitalbereich<br \/>\n<\/strong>Das Retreat, auf das ihn die eigenen Eltern geschickt hatten, war eine sogenannte ECOSIG-Therapie. ECOSIG steht f\u00fcr \u00ab<em>Efforts to Correct or Change Sexual Orientation and Gender Identity\u00bb<\/em> (Bem\u00fchungen zur Korrektur oder \u00c4nderung der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentit\u00e4t). Im deutschsprachigen Raum bekannt als <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/konversionstherapien-endlich-wirkungsvoll-unterbinden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konversionstherapien<\/a>. Sie sollen queere Menschen heterosexuell machen. Die Methoden sind Folter. Exorzismen, Elektroschocks im Genitalbereich, Vergewaltigungen. Durchgef\u00fchrt von religi\u00f6sen Fanatiker*innen und unseri\u00f6sen Arztpraxen. Ihr Werkzeug ist die Angst, ihr Ziel, die Person vor sich zu brechen. Nach Angaben des <em>Nationalen Instituts f\u00fcr Statistik und Geographie<\/em> mussten sich allein in Mexiko \u00fcber eine halbe Million queere Menschen einer solchen ECOSIG-Therapie unterziehen. Ivan Tagle ist einer von ihnen.<\/p>\n<p>20 Jahre sind die W\u00fcsten-Tage her. Wenn er von ihnen erz\u00e4hlt, dann tut er das mit einer Genauigkeit, als w\u00e4re er jene Tage schon oft im Kopf durchgegangen. Klarer Erz\u00e4hlstrang, klare Einordnung der Geschehnisse, doch seine Stimme ist voller Emotion, bricht g\u00e4nzlich, als er von der Zeit nach ECOSIG berichtet.<\/p>\n<p>Der W\u00fcste war er entkommen, doch nicht dem Gedanken, den seine Peiniger*innen ihm eingepflanzt hatten. \u00abIch fing wirklich an, die Idee zu akzeptieren, dass ich krank war und alles tun musste, um nicht in die H\u00f6lle zu kommen\u00bb, sagt Ivan. Ein Betreuer beaufsichtigte ihn nun auch im Alltag. Ivan hatte sich noch nicht geoutet. Doch der Betreuer zwang ihn, \u00fcber seine intimsten erotischen Gedanken zu sprechen. Waren sie homosexuell, wurde er bestraft. Von da an zitterte und weinte Ivan Tagle jedes Mal, wenn er einen h\u00fcbschen Jungen auf der Strasse sah. Er wechselte die Strassenseite. Manchmal musste er sich \u00fcbergeben.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/WgjZ86gxHAk?si=vGGgVT2PusMeeD9Z\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Mit 17 dr\u00e4ngten ihn seine Mitsch\u00fcler*innen zum <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/stierkampf-oeffentliches-coming-out\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Coming-out<\/a> vor seinen Eltern. Ivan war ein Aussenseiter. Auch wenn er es niemanden gesagt hatte, wussten alle, dass er schwul war. Daran hatten weder ECOSIG noch der Betreuer etwas ge\u00e4ndert. Man kann niemanden von einer vermeintlichen Krankheit heilen, die keine ist. Die wirklichen Traumata und psychischen Erkrankungen l\u00f6sten die Methoden seiner Peiniger*innen aus. Die Psychologin Lupita Torres spricht in einem Interview mit <em>Presentes<\/em> von <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/queers-haeufiger-durch-depressionen-und-burnout-beeintraechtigt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Depressionen<\/a>, Selbstmord-Tendezen und psychotischen Episoden bei ECOSIG-\u00dcberlebenden. \u00abDoch auch der spirituelle Teil wird durch ECOSIG-Therapien gesch\u00e4digt. Die Betroffenen verlieren ihren Glauben an Gott\u00bb, sagt sie. Auch in der Familie komme es zu Zerw\u00fcrfnissen.<\/p>\n<p>Ivan weinte, als er sich vor seinen Eltern outete. \u00abIch sagte ihnen, dass ich versucht habe, mich zu \u00e4ndern\u00bb, erz\u00e4hlt er <em>Infobae<\/em>. Ihre Antwort: \u00abJetzt, wo du es uns sagst, werden wir dir helfen, dich wirklich zu \u00e4ndern.\u00bb Diese Art der Unterst\u00fctzung hatte er nicht erwartet, sondern Verst\u00e4ndnis und Liebe. Vor zwei Jahren war er f\u00fcr sie durch die ECOSIG-Therapie gegangen &#8211; durch seine pers\u00f6nliche H\u00f6lle. Wie konnten sie nicht sehen, dass die Versuche, seine Sexualit\u00e4t zu \u00e4ndern, ihn zerm\u00fcrbten? Bei solchen Eltern konnte er nicht bleiben. Er nahm seine Violine und riss aus.<\/p>\n<p>Ivan Tagle lebte als obdachloser Strassenmusiker in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/eine-viertelmillion-menschen-bei-pride-parade-in-mexiko-stadt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mexiko-Stadt<\/a>. Traf auf andere Jugendliche &#8211; alle obdachlos und queer, alle mit eigenen ECOSIG-Erfahrungen. \u00abEs waren dieselben Geschichten, dieselben Methoden, aber an anderen Orte. Das machte mir Angst\u00bb, sagt Ivan Tagle. Er erkannte ein Muster. \u00abIch dachte, ich w\u00e4re der Einzige. Doch es war kein Zufall. Ich verstand, dass es Leute gab, die sich organisieren, um uns sowas anzutun. Und was machen wir dagegen?\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Es waren dieselben Geschichten, dieselben Methoden, aber an anderen Orten. Das machte mir Angst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit Mitstreiter*innen gr\u00fcndete er die B\u00fcrgervereinigung <em>Yaaj<\/em>. Auf der Sprache der Maya bedeutet das Liebe. Sie setzen sich f\u00fcr die Rechte der LGBTIQ-Gemeinschaft in Mexiko ein. Ein wichtiger Streitpunkt: die Illegalisierung der ECOSIG-Therapien. Die Aktivist*innen sprachen \u00f6ffentlich \u00fcber ihre Erfahrungen, legten der Regierung einen Gesetzentwurf f\u00fcr das Verbot vor. Straftaten zu verhindern ist eine schwere Aufgabe in Mexiko, wo die Straflosigkeit laut BMZ bei 98 Prozent liegt. <em>Yaaj<\/em> richtet den Schwerpunkt deshalb nicht auf die Verurteilung der T\u00e4ter*innen, sondern auf das Verbot der Orte, an denen ECOSIG durchgef\u00fchrt wird. Ivans Verein setzte das Thema erstmals auf die politische Agenda.<\/p>\n<p>Mexiko-Stadt reagierte zuerst. Am 24. Juli 2020 wurde ECOSIG dort verboten <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/in-mexiko-stadt-sind-jetzt-konversionstherapien-verboten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Laut <em>Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung<\/em> folgten 13 weitere Bundesstaaten. Darunter Oaxaca, Baja California Sur und Jalisco. Ein Sieg &#8211; wenn auch ein kleiner. Denn in 18 mexikanischen Bundesstaaten blieb ECOSIG legal. Drei dieser Bundesstaaten verweigerten, sich \u00fcberhaupt mit dem Thema zu befassen.<\/p>\n<p>Ivan und <em>Yaaj<\/em> k\u00e4mpften weiter. Am 22. M\u00e4rz 2024 landet ihr Gesetzentwurf in der Abgeordnetenkammer des Landes. Die Politiker*innen stimmen f\u00fcr die Illegalisierung der ECOSIG-Therapien. Die Praktiken sollen bald bundesweit als Verbrechen eingestuft und mit bis zu sechs Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft werden. Ivan Tagle ist bei der Abstimmung im Kongress anwesend. Er ist an diesem Tag 35 Jahre alt. In seiner Hand eine Fahne mit dem Aufdruck \u00ab<em>Nada que curar<\/em>\u00bb (Es gibt nichts zu heilen).<\/p>\n<p><strong>Vor Kurzem trat im CSU-gef\u00fchrten Bayern ein Genderverbot in Kraft. Unbekannte genderten daraufhin CDU-Eintr\u00e4ge in Google Maps\u00a0<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/unbekannte-gendern-cdu-eintraege-in-google-maps\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><br \/>\n<img data-expand=\"600\" class=\"lazyload\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1 1'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/46326ad351a34687a40ad67fbb7b4960\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine \u00abKonversionstherapie\u00bb sollte den schwulen Ivan Tagle heterosexuell machen. Doch er wurde zum LGBTIQ-Aktivisten. 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