{"id":193429,"date":"2024-04-05T20:12:10","date_gmt":"2024-04-05T18:12:10","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=193429"},"modified":"2024-08-28T15:48:02","modified_gmt":"2024-08-28T13:48:02","slug":"queer-gladys-bentley-ich-bin-wieder-eine-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/queer-gladys-bentley-ich-bin-wieder-eine-frau\/","title":{"rendered":"Blues-Ikone Gladys Bentley: \u00abIch bin wieder eine Frau\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Erst trug sie Anz\u00fcge, dann nur noch Kleider. Offen lesbisch, dann bekennend heterosexuell. Die zwei Seiten der Gladys Bentley.<\/h3>\n<p>Mary Mote hatte f\u00fcr einen Sohn gebetet. An einem Montag im Jahr 1907 presste sie ihre Tochter Gladys Bentley auf die Welt. Entt\u00e4uschung. Sechs Monate wollte sie das Kind nicht ber\u00fchren. Die Grossmutter zog es mit der Flasche auf. \u00abDie meiste Zeit meiner Kindheit war ich allein\u00bb, schrieb Gladys Bentley Jahrzehnte sp\u00e4ter im <em>Ebony Magazine<\/em>.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/coming-out-olympia-schwimmer-sean-gunn-ist-schwul\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Olympia-Schwimmer Sean Gunn erz\u00e4hlt erstmals \u00f6ffentlich, dass er schwul ist und gl\u00fccklich mit seinem Freund in S\u00fcdafrika lebt<\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Gladys Bentley wuchs in Philadelphia auf. Sie hatte drei Geschwister. Doch sie hasste ihre Br\u00fcder, und vom Vater rannte sie davon. \u00abIch denke der Grund war, dass sie bewundert wurden, und ich verachtet\u00bb, schrieb sie. Mit neun trug sie zum ersten Mal einen Anzug in der Schule. Mitsch\u00fcler*innen schikanierten sie, Lehrer*innen schickten sie heim. Zuhause nur Streit. \u00abIch war das Sorgenkind.\u00bb Mit 16 riss sie aus, ging nach <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/grundstein-fuer-lgbtiq-museum-in-new-york-gelegt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New York<\/a>. Sie wollte singen<\/p>\n<p>Gladys Bentley zog ins Stadtviertel Harlem. Seit f\u00fcnf Jahren war Alkohol im ganzen Land verboten. Prohibition. In Harlem aber scherte das niemanden. Hier erbl\u00fchte, nachts und im Geheimen, eine Kneipen-Szene. In Harlem fand man alles, was verboten und anders war. Und Gladys Bentley, das offen lesbische, mollige M\u00e4dchen, das in M\u00e4nnerklamotten \u00fcber <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/frauen-und-analsex-das-sind-die-neuesten-umfrageergebnisse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Analsex<\/a> sang, war anders. 20 Jahre sp\u00e4ter wird sie Kleider tragen, sich weibliche Hormone spritzen, und in aller \u00d6ffentlichkeit verk\u00fcnden, sie sei von der Homosexualit\u00e4t geheilt. Eine Frau hadert mit der eigenen Identit\u00e4t. Wer war Gladys Bentley?<\/p>\n<p>Wie viele Erfolgsgeschichten begann auch die von Gladys mit etwas Gl\u00fcck. In New York angekommen, ergatterte sie alsgleich ein Vorsprechen bei einem Broadway-Agenten. \u00abEr war begeistert vom Rhythmus und den feurigen Nummern, die ich spielte\u00bb, schrieb sie. Sie bekam einen Plattenvertrag und vierhundert Dollar &#8211; zur damaligen Zeit eine enorme Summe. \u00abIch war sehr aufgeregt.\u00bb<\/p>\n<p>Ihre Platte verkaufte sich gut. \u00abAber ich merkte bald, dass man als neuer Plattenk\u00fcnstler nicht einfach nur stolz herumsitzen kann\u00bb, schrieb Gladys Bentley. Also begann das M\u00e4dchen in Bars aufzutreten. Sie hatte kein festes Arrangement als S\u00e4ngerin, sprang nur in den Pausen ein, um etwas Trinkgeld abzugreifen. Eines Abends erz\u00e4hlte ihr ein Freund, dass der Club \u00abMad House\u00bb einen neuen Pianisten suche. \u00abAber sie wollen nur einen Jungen\u00bb, sagte er.<\/p>\n<p>\u00abEs gibt keinen besseren Zeitpunkt f\u00fcr Sie, ein M\u00e4dchen zu w\u00e4hlen\u00bb, antwortete Gladys Bentley und zog los. Im \u00abMad House\u00bb z\u00f6gerte der Chef zun\u00e4chst, doch liess sie vorspielen. \u00abMeine H\u00e4nde flogen f\u00f6rmlich \u00fcber die Tasten. Als ich die Nummer beendet hatte, war der Applaus grossartig\u00bb, schrieb Gladys Bentley. Der Chef bot ihr 35 Dollar die Woche. \u00abIch begann sofort mit der Arbeit.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Ich brauch keinen Mann, dem ich mein Geld geben muss.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus 35 wurden 125 Dollar. Gladys Bentley trug weisse Hemden, Fliegen, R\u00f6cke, ihre kurzen Haare nach hinten gek\u00e4mmt. \u00abIch brauch keinen Mann, dem ich mein Geld geben muss\u00bb, sang sie in tiefer Stimme, schenkte den Frauen tiefe Blicke. Ihre Show zog Schaaren in den Club. Bald bekam sie Angebote aus der Park Avenue. Liess Harlem und die R\u00f6cke hinter sich. Trug nun Smoking, Zylinder, Lackschuhe. Ihr Gehstock in der einen Hand, in anderen das Mikrofon. Es folgten Tourneen, Platten, eine eigene Radioshow. Sie hatte ein teures Auto, ein teures Apartment, teure Freunde. \u00abW\u00e4hrend ich grosse Geldsummen verdiente, weinte ich in meinem geheimen Herzen\u00bb, schrieb Gladys. Was war der Applaus wert, kam er von Menschen, die sie nicht verstanden. \u00abDie Leute lobten mich als K\u00fcnstlerin und verurteilten gleichzeitig meine pers\u00f6nliche Lebensweise aufs Sch\u00e4rfste.\u00bb<\/p>\n<p>Ihre schl\u00fcpfrigen Texte, das Flirten mit Frauen, nachts hinter geschlossenen T\u00fcren war das aufregend. Doch tags und in den Strassen wollte das niemand sehen. 1933, acht Jahre nachdem Gladys Bentley in Harlem angekommen war, schafften sie die Prohibition ab. Mit der Aufhebung des Alkoholverbots hob sich gleichzeitig das Interesse f\u00fcr Gladys Bentley auf; schwang im Laufe der Jahre sogar in Missbilligung um. Homosexualit\u00e4t, so glaubte man, sei ein hormonelles Ungleichgewicht, eine Krankheit. Homosexuelle, eine Randgruppe, die Amerika dem Kommunismus ausliefern will. Gladys Bentley sang weiter, doch nun in Frauenkleidern.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QW9BE7bEvIw?si=sJk9WJQQBbM5WJrB\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>1952 erz\u00e4hlte sie ihre Geschichte im <em>Ebony Magazine<\/em>. Die \u00dcberschrift: \u00ab<em>I am a woman again<\/em>\u00bb (Ich bin wieder eine Frau). Auf den Bildern kocht sie und bezieht das Ehebett. Sie hat geheiratet &#8211; einen Mann. Er hiess Don und war Matrose. \u00abEr h\u00f6rte mir zu, als w\u00fcrde er jedes Wort verstehen\u00bb, schrieb Gladys Bentley. F\u00fcr ihn wollte sie ihr Lesbisch-Sein ablegen. Sie liess sich weibliche Hormone spritzen &#8211; drei Dosen w\u00f6chentlich, f\u00fcr ein halbes Jahr. \u00abTeuer, aber jeden Penny wert\u00bb, schrieb sie. In ihrem letzten Fernsehauftritt trug sie Perlenketten und Seidenkleid. Sie sah gl\u00fccklich aus. An einem Montag 1960 starb Gladys Bentley unerwartet. Sie wurde neben Mary Mote beigesetzt. Der Mutter, die f\u00fcr einen Sohn gebetet hatte.<\/p>\n<p><strong>Pl\u00f6tzlich zur\u00fcck im Scheinwerfer\u00adlicht: Tracy Chapman feierte jetzt ihren 60. Geburtstag. Zwei Jahre war die Musikerin mit Alice Walker liiert\u00a0<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lesbisch-tracy-chapman-wird-60\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><br \/>\n<img data-expand=\"600\" class=\"lazyload\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1 1'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/ba30444737c54054aaf2385845726be9\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst trug sie Anz\u00fcge, dann nur noch Kleider. Offen lesbisch, dann bekennend heterosexuell. 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