{"id":191088,"date":"2024-03-11T08:14:53","date_gmt":"2024-03-11T07:14:53","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=191088"},"modified":"2024-03-20T11:12:12","modified_gmt":"2024-03-20T10:12:12","slug":"schwul-didier-eribon-eine-arbeiterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/schwul-didier-eribon-eine-arbeiterin\/","title":{"rendered":"Didier Eribon w\u00fcrdigt Mutter: \u00abMuss von ihr erz\u00e4hlen, damit sie weiterlebt\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>In Didier Eribons \u00abEine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben\u00bb wird der Tod der eigenen Mutter zum Ausgangspunkt f\u00fcr eine Reise in die Vergangenheit, an deren Ende nicht nur die tragische Erkenntnis steht, dass sie ihr ganzes Leben lang ungl\u00fccklich war.<\/h3>\n<p>Der franz\u00f6sische Soziologe, Autor und Philosoph Didier Eribon geh\u00f6rt zu den einflussreichsten franz\u00f6sischen Intellektuellen \u2013 neben seinem Partner Geoffrey Lagasnerie und ihrem gemeinsamen Freund <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/edouard-louis-scham-mutter-schwul\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00c9douard Louis.<\/a> Durch sein 2009 im Original und erst 2016 auf deutsch erschienenem Schl\u00fcsselwerk \u00abR\u00fcckkehr nach Reims\u00bb erlangte er auch im deutschsprachigen Raum Bekanntheit.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lesbisch-fussball-ramona-bachmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ramona Bachmann geh\u00f6rt zu den erfolgreichsten Fussballerinnen der Schweiz und steht seit Anfang ihrer Karriere offen zu ihrem Lesbischsein. Mit uns spricht sie \u00fcber ihren Umgang mit Social Media, \u00fcber ihr Coming-out und \u00fcber die Herausforderungen im Frauenfussball (MANNSCHAFT+).\u00a0<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>In dem autobiografisch gepr\u00e4gten Werk verbindet er pers\u00f6nliche (Familien-)Erz\u00e4hlung mit soziologischer Reflexion und Analyse. Ausgangspunkt ist der Tod des eigenen Vaters, den Eribon zum Anlass nimmt, nach jahrzehntelanger Abstinenz in seine Heimatstadt zur\u00fcckzukehren. Die Gespr\u00e4che mit seiner Mutter f\u00fchren zu einer Erinnerungsreise in die eigene Vergangenheit, die er als Aufsteiger aus dem franz\u00f6sischen Arbeitermilieu eigentlich f\u00fcr immer hinter sich lassen wollte. Mit soziologischem Blick auf Kindheit und Jugend gerichtet, erz\u00e4hlt er von sozialer Ausgrenzung \u2013 als Arbeiterkind wie auch Homosexueller \u2013, von Gewalt, Rassismus, Homofeindlichkeit und dem politischen Rechtsruck einer einst kommunistischen Arbeiterklasse. Das Buch wurde zum Erfolg \u2013 mittlerweile auch vielfach f\u00fcr die B\u00fchne adaptiert und als Dokumentation verfilmt.<\/p>\n<p>Am Sonntag erschien nun ein neues Buch von Eribon: \u00abEine Arbeiter. Leben, Alter und Sterben\u00bb. Darin widmet er sich dem Leben seiner Mutter, einer Arbeiterin, die stets unter prek\u00e4ren Bedingungen arbeitete \u2013 erst als Dienstm\u00e4dchen, dann als Putzfrau, sp\u00e4ter als Fabrikarbeiterin. Wie in \u00abR\u00fcckkehr nach Reims\u00bb ist es der Tod eines Elternteils, nun der der Mutter, welcher zum Ausgangspunkt des Buches wird und dem eine vielschichtige Vergangenheitsrecherche folgt. Diesmal im Visier: das franz\u00f6sische Pflegesystem. Ob sein neues Werk eine \u00e4hnliche politische Sprengkraft haben wird, bleibt abzuwarten. Das Potenzial hat es aber allemal.<\/p>\n<figure id=\"attachment_191093\" aria-describedby=\"caption-attachment-191093\" style=\"width: 179px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload wp-image-191093 size-medium\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 179 300'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-179x300.jpg 179w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-359x600.jpg 359w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-768x1285.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-50x84.jpg 50w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-1600x2676.jpg 1600w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-918x1536.jpg 918w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-1224x2048.jpg 1224w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-561x938.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-1122x1877.jpg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-265x443.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-531x888.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-364x609.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-728x1218.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-608x1017.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-758x1268.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-1152x1927.jpg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-29x48.jpg 29w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-57x96.jpg 57w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eine-arbeiterin_9783518431757_cover-400x669.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-191093\" class=\"wp-caption-text\">Didier Eribons \u00abEine Arbeiterin. Leben, Alter, Sterben\u00bb (Foto: Suhrkamp)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon mehrmals war sie auf dem Weg zur Toilette oder in der Dusche gest\u00fcrzt, war zunehmend verwirrt und hatte Halluzinationen. Schliesslich entscheiden sich Eribon und seine Br\u00fcder f\u00fcr einen Umzug der Mutter in ein Pflegeheim nach Fismes, einem kleinen Ort in der Champagne. Nur sieben Wochen sp\u00e4ter stirbt die Mutter pl\u00f6tzlich. Zweimal an zwei aufeinanderfolgenden Tagen hatte er sie noch gesehen, obwohl er sich eigentlich vorgenommen hatte, sie h\u00e4ufiger besuchen zu wollen. Von Schamgef\u00fchlen geplagt, beginnt er zu schreiben: \u00abIch muss von ihr erz\u00e4hlen, damit sie weiterlebt.\u00bb<\/p>\n<p>Kongenial bettet er in den folgenden Kapiteln \u2013 wie schon in seinem Erfolgsbuch \u2013 seine Familiengeschichte in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext ein, um diesmal vom Umgang mit alten und pflegebed\u00fcrftigen Menschen zu erz\u00e4hlen. Dabei widmet er sich ausf\u00fchrlich der (Arbeits-)Biografie seiner Mutter und lotet das gemeinsame Mutter-Sohn-Verh\u00e4ltnis neu aus, um zu einer aufrichtig-ehrlichen Schlussfolgerung zu gelangen: \u00abMittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin\u00bb. Die Dialektik von Abgrenzung und gleichzeitiger Verbundenheit zeigt sich nicht nur in Bezug auf seine Mutter, sondern auch auf sein Verh\u00e4ltnis zum Arbeitermilieu. Wie ein Damoklesschwert schwebt \u00fcber Eribon die Sorge, ob nachdem Tod beider Elternteile nun die ganze Verbindung zu seinem Herkunftsmilieu absterben wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine strukturelle Analyse bedient er sich nicht nur philosophischer oder wissenschaftlicher Theorien, sondern zitiert auch verschiedene literarische Werke. Damit gelangt er zu verschiedenen Thesen, die sich wie ein roter Faden durch sein Buch ziehen und die er auch nicht m\u00fcde wird, gebetsm\u00fchlenartig zu wiederholen. Das f\u00fchrt im letzten Teil seines Buches, wenn man meint zu sp\u00fcren, dass es auch gut hier enden k\u00f6nnte, zu einer etwas schwerf\u00e4lligen Ausf\u00fchrung philosophischer Konzeptionen, bei denen er vor allem mit Norbert Elias&#8216;, Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs Werken in Dialog tritt. Darin zeigt sich ein St\u00fcckweit auch sein Anspruch als Philosoph, der sich zu pr\u00e4genden franz\u00f6sischen Philosophie-Gr\u00f6ssen verhalten m\u00f6chte.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/msm-berlin-syphilis-hauptstadt-deutschlands\/\">Ist Berlin die Syphilis-Hauptstadt Deutschlands?<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Nichtsdestotrotz hat Eribon mit seinem neuen Buch ein bewegendes Werk geschaffen, das mehr erz\u00e4hlt als die Biografie einer einzelnen Frau, die \u00abihr Leben als trauriges Schicksal\u00bb empfunden hat und \u00abihr Leben lang ungl\u00fccklich\u00bb war. Damit reiht es sich zwischen Annie Ernauxs \u00abEine Frau\u00bb und \u00c9douard Louis\u2018 \u00abDie Freiheit einer Frau\u00bb ein, die sich in ihren Werken auch ihren M\u00fcttern aus dem franz\u00f6sischen Arbeitermilieu gewidmet haben. Ungleich d\u00fcrfte die politische Sprengkraft bei Eribon gr\u00f6sser sein, wenn er in Bezug auf die Pflegebranche von allgegenw\u00e4rtiger \u00abstruktureller Misshandlung\u00bb und \u00abinstitutioneller Gewalt\u00bb spricht: \u00abDas System ist unmoralisch\u00bb und f\u00fchre zur \u00abEntmenschlichung der alten Menschen\u00bb. Er appelliert daf\u00fcr, dem Thema im \u00f6ffentlichen Diskurs mehr Aufmerksamkeit zu schenken und erinnert daran, dass alte Menschen \u00abzu einer der unterdr\u00fccktesten, entrechtetsten, verletzlichsten gesellschaftlichen Gruppe\u00bb z\u00e4hlen. Dabei sehe er es als seine Pflicht als Autor und Intellektueller \u00ab\u00fcber sie und f\u00fcr sie zu sprechen, sie sichtbar zu machen und die Leute zu &#8218;zwingen&#8216;, ihnen zuzuh\u00f6ren\u00bb. Ein Aufruf, der sich auch an uns Leser*innen richtet, ihnen endlich eine Stimme zu geben.<\/p>\n<p><em>Didier Eribon \u2013 \u00abEine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben\u00bb (<a href=\"https:\/\/prinz-eisenherz.buchkatalog.de\/eine-arbeiterin-9783518431757\">hier bestellen bei Eisenherz<\/a>)<\/em><br \/>\n<em>Aus dem Franz\u00f6sischen von Sonja Finck<\/em><br \/>\n<em>Suhrkamp, fester Einband mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 25,00 \u20ac \/ CHF 34,95<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Didier Eribons \u00abEine Arbeiterin. 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