{"id":182507,"date":"2023-11-07T11:39:58","date_gmt":"2023-11-07T10:39:58","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=182507"},"modified":"2023-11-08T08:44:09","modified_gmt":"2023-11-08T07:44:09","slug":"lucia-di-lammermoor-als-drama-gegen-anti-schwule-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/lucia-di-lammermoor-als-drama-gegen-anti-schwule-gewalt\/","title":{"rendered":"\u00abLucia di Lammer&shy;moor\u00bb als Drama gegen anti-schwule Gewalt"},"content":{"rendered":"<h3>Die italienische Regisseurin Ilaria Lanzino macht an der Oper N\u00fcrnberg aus Donizettis \u00abLucia di Lammermoor\u00bb ein Drama gegen anti-schwule Gewalt.<\/h3>\n<p><em>Von Roland Dippel<\/em><\/p>\n<p>Urbane Kultur-Synergie durch Zufall. Am Sonntag-Vormittag gab es im Germanischen Nationalmuseum zur Ausstellung \u00abMeisterwerke aus Glas\u00bb ein Konzert mit Glasfl\u00f6te. Wenige hundert Meter weiter geht es in der Kunsthalle N\u00fcrnberg bis 11. Februar 2024 um \u00abPositionen queerer Gegenwartskunst\u00bb. Dazwischen Co-Branding f\u00fcr beide Themen: An der Oper N\u00fcrnberg feierte Gaetano Donizettis Belcanto- und Primadonnen-Vehikel aus dem Jahr 1835 Premiere &#8211; \u00abLucia di Lammermoor\u00bb nach einem Roman des Modeautors Walter Scott.<\/p>\n<p>In Flauberts \u00abMadame Bovary\u00bb und Tolstois \u00abAnna Karenina\u00bb besuchen die Titelfiguren Vorstellungen des Opernjuwels \u00fcber die \u00abBraut von Lammermoor\u00bb, deren Liebe zu einem Gegner ihres Familienclans aus karrieristisch-politischen Gr\u00fcnden zerst\u00f6rt wird und die ihren frisch angetrauten Ehemann in der Hochzeitnacht deshalb ermordet.<\/p>\n<p>Die Wahnsinnige mit dem stieren Blick, den hohen Extremt\u00f6nen und dem blutbesudelten Nachthemd geh\u00f6rt nach wie vor zu den Basics des Opernrepertoires. Sie war lange Zeit ein Identifikationsobjekt opernbegeisterter Schwuler und Thema f\u00fcr Wissenschaftler*innen wie Catherine Cl\u00e9ment.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/oh-mr-sheffiiiield-sitcom-klassiker-die-nanny-wird-30\/\">\u00abOh, Mr. Sheffiiiield!\u00bb \u2013 Sitcom-Klassiker \u00abDie Nanny\u00bb wird 30<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Die Liste der Lucia-Interpretinnen ist ein Legenden-Reigen: Maria Callas, Anna Moffo, Lucia Aliberti, Edita Gruberov\u00e1, Diana Damrau und viele andere. In N\u00fcrnberg brilliert jetzt mit \u00fcberaus starkem Partiendeb\u00fct das Ensemblemitglied Andromahi Raptis. Sogar musikhistorisch korrekt mit Glasharmonika statt der von Donizetti bei der Urauff\u00fchrung 1835 in Neapel als Notbehelf akzeptierten Querfl\u00f6te.<\/p>\n<p>Friedrich Kern stand mit seinem Instrument auf der B\u00fchne und lieferte die fast ausserirdischen Kl\u00e4nge. So sch\u00f6n klingt die Utopie einer \u00fcber den Tod hinausreichenden Liebe. In N\u00fcrnberg erkaufte man dieses herzzerreissende Finale allerdings durch grosse Striche, vor allem im dritten Akt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_182508\" aria-describedby=\"caption-attachment-182508\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg.jpeg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-medium wp-image-182508\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 300 200'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-300x200.jpeg\" alt=\"Oper\" width=\"300\" height=\"200\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-300x200.jpeg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-425x283.jpeg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-768x512.jpeg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-1600x1067.jpeg 1600w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-1536x1025.jpeg 1536w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-180x120.jpeg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-561x374.jpeg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-1122x748.jpeg 1122w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-265x177.jpeg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-531x354.jpeg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-364x243.jpeg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-728x486.jpeg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-608x406.jpeg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-758x506.jpeg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-1152x768.jpeg 1152w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-72x48.jpeg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-144x96.jpeg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg-400x267.jpeg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/nuernberg.jpeg 2048w\" data-sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-182508\" class=\"wp-caption-text\">\u00abLucia di Lammermoor\u00bb in N\u00fcrnberg (Foto: Staatstheater)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Lippen auf dem Plakat und die Farbspritzer auf dem Transparent zum St\u00fcck \u2013 beides in Regenbogenfarben \u2013 zeigten an, dass diese queere Konzeption am Staatstheater zu jenem Kunsthalle-Ausstellungsprojekt in Beziehung steht, mit dem die Stadt N\u00fcrnberg an ihre Glanzzeit als<br \/>\nZentrum der Schwulenbewegung um 1980 ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Aus Lucia wird Luca \u2013 also ein Mann \u2013 und damit eine schon wieder klassische &#8218;Hosenrolle&#8216;. Voraussetzung waren einige Retuschen am grammatisch-dramatischen Geschlecht im italienischen Originaltext von Salvadore Cammarano. Sonst \u00e4nderte sich kaum etwas. Nach ihren spannenden N\u00fcrnberger Regiearbeiten \u00abDer Liebestrank\u00bb und \u00abTalestri\u00bb war es klar, dass es der inzwischen an grossen H\u00e4usern gastierenden Italienerin Ilaria Lanzino nicht um Skandalisierung ging, sondern um gesellschaftliche Anliegen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nuernberg-magnus-hirschfeld-platz-verwuestet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Der Magnus-Hirschfeld-Platz in N\u00fcrnberg wurde verw\u00fcstet. Er ist ein Denkmal f\u00fcr homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus\u00a0<\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Bei Lanzino gibt es sogar eine Leiche weniger als im Original. Denn die vom Br\u00e4utigam Arturo zur Braut Emilia gewordene Zweckheiratskandidatin f\u00fcr Luca erkennt den ganzen L\u00fcgenschm\u00e4h und steigt frustriert aus. Das beschert der ihre einzige Gesangsszene beeindruckend intensiv singenden Sara \u0160etar eine Schl\u00fcsselrolle. Lanzino vergass bei ihrer schwulen Trag\u00f6die von Luca und Edgardo also nicht den objektivierenden Funken Empathie f\u00fcr jene, die in den Fesseln ihrer toxischen Heteronormativit\u00e4t das blutige Geschehen in Gang setzen.<\/p>\n<blockquote><p>Musikalische Formalien zum Ausdruck von Liebe sind auch f\u00fcr homosexuelle Kontexte nutzbar, sogar wenn das von Donizetti nicht so vorgesehen war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit geht es hier nicht darum, im Textbuch angedeutete oder spekulativ f\u00fcr queer erachtete Konstellationen eindeutig zu machen, sondern um die \u00dcberformung einer fiktiven heterosexuellen Beziehung in einem schwulen Kontext auf der B\u00fchne. Musikalisch bleibt dieser hier sinnf\u00e4llig. Denn musikalische Formalien zum Ausdruck von Liebe sind auch f\u00fcr homosexuelle Kontexte nutzbar sogar, wenn das von Komponisten wie Donizetti nicht so vorgesehen waren.<\/p>\n<p>Donizetti komponierte zwar in seinen Opern \u00abLucrezia Borgia\u00bb und \u00abTorquato Tasso\u00bb m\u00e4nnliche Beziehungen mit einem aus der Musiksprache schwul deutbaren Hintergrund. Aber Lucia Ashton und Edgardo di Ravenswood sind heterosexuell. Unmissverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Trotzdem und aufgrund der sensiblen wie klaren Figurenzeichnung wirkt die Romeo-und Julius-Variante in Lanzinos Inszenierung nicht gegen den Strich geb\u00fcrstet. In Lucas Zimmer schw\u00f6ren sich die queere gute Partie und der nicht minder passionierte Edgardo ewige Liebe. Dabei kommt es ganz unspektakul\u00e4r zu intimen Z\u00e4rtlichkeiten \u00fcber und unter der Bettdecke.<\/p>\n<p>Die Intrige aufgefangener Briefe ersetzte Lanzino, die sich genau mit m\u00f6glichst vielen tagesaktuellen Positionen auseinandergesetzt hat, durch eine Gewaltattacke aus der Familie gegen Edgardo. Diesem klaut man \u2013 drastisch ausgespielter Fall von anti-schwuler Gewalt \u2013 das Smartphone und bl\u00e4ut Luca dann mit Fake Messages den vermeintlichen Treuebruch ihres Lovers ein. Alles nachvollziehbar wie in einem guten \u00abTatort\u00bb.<\/p>\n<p>Anstelle der Wahnsinnsarie phantasiert Luca ihre schwule Hochzeit in Gesellschaft queerer Freund*innen (Choreographie: Valent\u00ed Rocamora i Tor\u00e0). Edgardo ersticht sich nicht selbst, sondern wird brutal erstochen. N\u00fcrnbergs sympathischer Aufsteigertenor Sergei Nikolaev haucht als Edgardo seine liebende Seele aus \u2013 mit ber\u00fcckend sch\u00f6nen T\u00f6nen. Nur die Figur von Lucas sogar einmal selbst im Tr\u00e4nensee badendem Bariton-Bruder Enrico (Ivan Krutikov) ger\u00e4t etwas grob.<\/p>\n<p>Jan Croonenbroeck zeigt am Dirigentenpult eine gl\u00fcckliche Hand f\u00fcr Donizettis melancholischen Edelschimmer. Die Staatsphilharmonie N\u00fcrnberg leuchtet im optimalen Einklang. Dabei steht Lanzino eine ausschliesslich pro-queere Haltung fern, obwohl sie durch Biographien und Coming-Out-Erfahrungen des eigenen Freundeskreis zu diesem Umdenken \u00fcber eine heute \u00abverstaubte Fehde in den Kreisen des schottischen Hochadels\u00bb inspiriert wurde.<\/p>\n<p>Der Handlungsswitch von Straight nach Queer gelingt \u2013 gemessen an den dynamitgeladenen Handlungsbedingungen \u2013 sogar locker. Lanzino entwickelt Mitgef\u00fchl f\u00fcr den queer-feindlichen Priester Raimondo (Nicolai Karnolsky), wertet die von der Regie oft vernachl\u00e4ssigte Alisa zur Solidarkomplizin Luc(i)as auf (voll gut: Anna Bychkova) und macht Donizettis Erzschurken Normanno zum Schwulenhasser (profilierte Leistung: Joohoon Jang). Emine G\u00fcner setzt das Geschehen aus dem schottischen Sp\u00e4tbarock in die Gegenwart und kontrastiert Luc(i)as noch postpubert\u00e4res Jungenzimmer mit einem feinen Kick Ironie zur schwarzweiss-tristen Schachbrett-Uniformit\u00e4t des heteronormativen Establishments. Der Chor (direktiert von Tarmo Vaask) betreibt Sektkelch-Missbrauch wie in einer von Froststarre befallenen Operette.<\/p>\n<p><strong>Liebesszenen bis zum angedeuteten Blowjob<br \/>\n<\/strong>Das h\u00e4tte auch schief gehen k\u00f6nnen, w\u00e4re Lanzino nicht eine K\u00f6nnerin der Personenregie und psychologischen Strategie. Die Liebesszenen bis zum angedeuteten Blowjob sind selbstverst\u00e4ndlicher und unverkrampfter als in queer-affinen Soaps. Von Seite der S\u00e4ngerin und jener der Regie geh\u00f6ren ganz viel Sensibilit\u00e4t f\u00fcr dieses plausible wie spannende Resultat. Schliesslich galt es, Andromahi Raptis zum Verzicht auf die fraulichen Attit\u00fcden in dieser\u00a0 Paradepartie jeder S\u00e4ngerinnenkarriere zu bewegen.<\/p>\n<p>Das gelang. Raptis bewegt sich mit Nat\u00fcrlichkeit und selbstverst\u00e4ndlichen Emotionalit\u00e4t so, als sei sie auf der B\u00fchne schon oft ein Mann gewesen. Dabei muss Raptis weder auf die motivierten Koloraturen noch selbstgew\u00e4hlten Spitzent\u00f6ne verzichten. Das belcanteske Psychogramm dieses \u00abLuca\u00bb stimmt, sitzt und blitzt, auch, wenn hier keine sich konventionell in Szene setzende Routine-Diva leidet. Der Schlussbeifall war so stark und nachdr\u00fccklich wie bei jeder gegl\u00fcckten Belcanto-Premiere. Aber nicht alle teilten die Begeisterung f\u00fcr die szenische Seite.<\/p>\n<p><strong>\u00abNyad\u00bb: Eine lesbische Schwimmerin, die die Welt verbl\u00fcffte. Annette Bening und Jodie Foster \u00fcberzeugen in dem Film \u00fcber sportliche Tr\u00e4ume, Frauenfeindlichkeit und Altersdiskriminierung <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nyad-ein-lesbische-schwimmerin-die-die-welt-verblueffte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete).<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abLucia di Lammermoor\u00bb als Drama gegen anti-schwule Gewalt. 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