{"id":176987,"date":"2023-08-23T08:07:41","date_gmt":"2023-08-23T06:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=176987"},"modified":"2023-08-24T17:26:54","modified_gmt":"2023-08-24T15:26:54","slug":"erfindung-mit-ecken-und-kanten-130-jahre-reissverschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/erfindung-mit-ecken-und-kanten-130-jahre-reissverschluss\/","title":{"rendered":"Erfindung mit Ecken und Kanten: 130 Jahre Reiss&shy;verschluss"},"content":{"rendered":"<h3>H\u00e4tte es die Welt auch ohne ihn geschafft? Der Reissverschluss ist aus dem heutigen Alltag kaum wegzudenken. Doch es hat Jahrzehnte gedauert, bis er dort angekommen ist. Konkurrenz hat er immer noch.<\/h3>\n<p><em>Von: Ulrike von Leszczynski, dpa<\/em><\/p>\n<p>Ritsch, ratsch. Ist damit alles gesagt \u00fcber den Reissverschluss? Weit gefehlt. So allt\u00e4glich er heute erscheint, hat er eine ungeahnte Technik- und Kulturgeschichte. Es gab nicht allein Whitcomb L. Judson, der ihn am Dienstag (29. August) vor 130 Jahren in den <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/tag\/usa\">USA<\/a> zum Patent anmeldete. Weitere Erfinder*innen und viel Werbung waren n\u00f6tig, bis er in der Mode Einzug hielt und sich schliesslich auf einem skandaltr\u00e4chtigen Plattencover der Rolling Stones feiern liess.<\/p>\n<p>Schriftsteller Kurt Tucholsky stellte sich 1928 vor, wie der Erfinder des Reissverschlusses ausgesehen haben mag: Ein m\u00fcrrischer Mann, Deutsch-Amerikaner und Buchhalter im Blumensamen-Handel. Eines Nachts kommt ihm eine Idee f\u00fcr die ungeliebte Handtasche seiner noch ungeliebteren Frau. Die Glosse liest sich wie eine Seifenoper, die aus dem armen Erfinder dank gieriger Investoren einen reichen Mann macht, der dann wieder alles verliert. Tucholsky spielt virtuos mit Erfinder-Klischees. Am Ende heisst es bissig: \u00abKein Mensch kann sich erkl\u00e4ren, warum, warum der Reissverschluss funktioniert.\u00bb<\/p>\n<p>So einfach ist das auch nicht. Ein Knopf l\u00e4sst sich ann\u00e4hen. Ein kaputter Reissverschluss bereitet bis heute Kopfzerbrechen. Schon am Anfang seiner Entwicklung hat es m\u00e4chtig geklemmt. Der US-Amerikaner Elias Howe, der als ein Erfinder der N\u00e4hmaschine gilt, machte sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gedanken \u00fcber eine Alternative zu Kn\u00f6pfen, Haken, \u00d6sen und Schn\u00fcrungen. Er meldete einen \u00abununterbrochenen Kleiderverschluss\u00bb als Patent an. Die klobig anmutende Idee mit Haken, die \u00fcber Rippen glitten, setzte sich aber noch nicht durch, schreibt Karl N\u00e4gele, der in den 1950er Jahren als Reissverschlussproduzent der Technikgeschichte auf den Grund ging.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/selbstbestimmungsgesetz-kann-nicht-sein-dass-trans-menschen-der-rausschmiss-aus-umkleiden-droht\/\">\u00abKann nicht sein, dass trans Menschen Rausschmiss aus Umkleiden droht!\u00bb\u00a0 \u2013 Am neuen Selbstbestimmungsgesetz gibt es breite Kritik<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>US-Erfinder Judson nervte der Legende nach das zeitraubende Zuschn\u00fcren von Stiefeln. Er interessierte sich Ende des 19. Jahrhunderts zwar eher f\u00fcr Druckluft-Strassenbahnen. Doch nebenbei verbesserte er Howes Reissverschluss-Idee entscheidend. Judsons \u00abclasp locker\u00bb (Klammerverschluss), den er sich f\u00fcr Schuhe und Posts\u00e4cke vorstellen konnte, war eine Metall-Konstruktion aus Haken und \u00d6sen mit einem Gleitmechanismus in der Mitte. Auf der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 blieb jedoch die erhoffte Anerkennung aus &#8211; zu kompliziert, zu teuer, zu wenig zuverl\u00e4ssig. F\u00fcr Kleidung war dieser Reissverschluss noch undenkbar. Die Erfindung hatte eher den Charme einer Fahrradkette &#8211; sie konnte rosten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_177014\" aria-describedby=\"caption-attachment-177014\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-177014\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 600 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons.jpg\" alt=\"Whitcomb L. Judson\" width=\"600\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons.jpg 600w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-300x300.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-425x425.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-50x50.jpg 50w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-192x192.jpg 192w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-384x384.jpg 384w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-110x110.jpg 110w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-220x220.jpg 220w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-561x561.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-265x265.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-531x531.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-364x364.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-48x48.jpg 48w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-96x96.jpg 96w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-400x400.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/withcomb-l.-judson-mannschaft-magazin-copyright-wikicommons-100x100.jpg 100w\" data-sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-177014\" class=\"wp-caption-text\">Whitcomb L. Judson (Bild: Wikicommons)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hat die Welt den Reissverschluss gebraucht? Oder glaubte eher ein Erfinder, dass sie ihn dringend braucht? Schon Tucholsky hat die gegenl\u00e4ufigen Trends von Technikeuphorie und Fortschrittsskepsis aufs Korn genommen. F\u00fcr die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Mentges steht auch die Reissverschluss-Idee im Kontext der Ph\u00e4nomene Bewegung und Beschleunigung im Industriezeitalter. Verlangt das Kn\u00f6pfen oder Schn\u00fcren bis heute Fingerspitzengef\u00fchl, das Kinder m\u00fchsam lernen m\u00fcssen, reicht beim Reissverschluss eine mechanische Handbewegung. Die Technik dahinter aber ist nicht im Handumdrehen zu verstehen &#8211; selbst die \u00abSendung mit der Maus\u00bb brauchte daf\u00fcr fast vier Minuten.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9pKg0YNpZow?si=4CnNqFcMqG4BquG3?enablejsapi=1\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Die Grundlage des heutigen Mechanismus mit winzigen Z\u00e4hnchen, die beim Zuziehen ineinandergreifen, verdankt die Welt dem geb\u00fcrtigen Schweden Gideon Sundb\u00e4ck. Er studierte im rheinischen Bingen Maschinenbau und wanderte in die USA aus. Sundb\u00e4cks leichtg\u00e4ngigere Reissverschluss-Version fand im Ersten Weltkrieg, eingen\u00e4ht in Lotsenkleidung, Freunde bei der US-Marine, sp\u00e4ter bei \u00dcberschuh-Herstellern. Die Patente und der Austausch zwischen alter und neuer Welt f\u00fchrten ab den 1920er Jahren auch in Europa zur Gr\u00fcndung von Reissverschlussfabriken, zum Beispiel in N\u00fcrnberg und Wuppertal, wie US-Forscher Robert Friedel belegt.<\/p>\n<p>Viele Deutsche verbuchten den Reissverschluss schnell unter dem Label Moderne, erg\u00e4nzt Friedel. Zuerst bei Lederwaren, dann bei groben Schuhen &#8211; erst sp\u00e4ter dann auch bei Kleidung. Wobei ein bayerischer Hosenfabrikant 1935 m\u00e4chtig die Werbetrommel f\u00fcr seine neue Schlitz-Variante r\u00fchren musste. \u00abZuverl\u00e4ssig, elegant und reissverschlossen\u00bb hiess es in der Anzeigenkampagne. In jeder Hose steckte ein Info-Zettel: \u00abMit Reissverschluss &#8211; weg sind die Querfalten, das seitliche Ausbeulen.\u00bb Und: F\u00fcnf Kn\u00f6pfe weniger.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/esc-gewinner-duncan-laurence-hat-geheiratet\/\">ESC-Gewinner Duncan Laurence hat geheiratet \u2013 Sein Mann ist Songwriter<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Nicht zu vergessen: Die Verschluss-Techniken bei M\u00e4nner- und Frauenkleidung &#8211; f\u00fcr Kulturforschende von jeher eine delikate Angelegenheit an der Nahtstelle zwischen K\u00f6rper und Aussenwelt &#8211; glichen sich erst im 20. Jahrhundert langsam an. Wobei Forscher*innen betonen, dass lange Reissverschl\u00fcsse am R\u00fccken, die yoga\u00e4hnliche Verrenkungen erfordern, der Damenmode vorbehalten blieben.<\/p>\n<blockquote><p>Zipper control steht f\u00fcr eheliche Treue.<\/p><\/blockquote>\n<p>Einen h\u00fcbschen und lautmalerischen Namen wie \u00abzipper\u00bb in den USA gibt es im Deutschen nicht. Nach Gleit- oder Trennverschluss blieb es beim eher technisch-sperrigen Wort Reissverschluss. Anders als der viel \u00e4ltere Konkurrent Knopf fand er keinen Eingang in Metaphern wie \u00abzugekn\u00f6pft\u00bb. Im Englischen sei das anders, berichtet Historiker Friedel. Dort erdachte die feministische Literatur der 1970er Jahre den Begriff \u00abzipless fuck\u00bb f\u00fcr ungezwungenen anonymen Sex, \u00abzipper control\u00bb steht dagegen f\u00fcr eheliche Treue. Im Deutschen machte der Begriff nur im Strassenverkehr Karriere: mit dem Reissverschlussverfahren.<\/p>\n<p>Vielleicht brauchte es f\u00fcr modische Ideen unkonventionelle Talente &#8211; so wie die italienische Designerin <a href=\"https:\/\/www.schiaparelli.com\/en\/21-place-vendome\/the-story-of-the-house\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elsa Schiaparelli<\/a> im Paris der 1920er und 1930er Jahre. Befreundet mit Salvador Dal\u00ed, Man Ray, Marcel Duchamp und Jean Cocteau trumpfte sie mit einem Kleid im Skelett-Look und surrealistischen H\u00fcten auf. Anders als andere Modemacher ihrer Zeit fremdelte sie auch nicht mit dem \u00abvulg\u00e4ren\u00bb Reissverschluss und setzte ihn, inzwischen auch aus Cellulose bunt gefertigt, ohne versch\u00e4mte Blendleiste in der Haute Couture ein.<\/p>\n<p>In der Nachkriegszeit, die biegsamere Modelle aus Kunststoff f\u00fcr die Massenkonfektion hervorbrachte, machte sich der metallene Reissverschluss im Rocker- und sp\u00e4ter auch im Punkmilieu Freunde &#8211; sogar ohne Funktion als cooles Zierelement. Erotisch kam er in Lack und Leder als schneller Aufreisser daher, was den historischen Casanova wohl eher verschreckt h\u00e4tte. Die \u00abSticky Fingers\u00bb-Platte der Stones von 1971, deren Reissverschluss-Cover mit hautenger Jeans <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/erotische-zeichnungen-von-andy-warhol-erstmals-veroeffentlicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andy Warhol<\/a> entwarf, spielte auf ihre Art mit Pr\u00fcderie.<\/p>\n<p>Auf ganzer Linie gewonnen aber hat der Reissverschluss trotz vieler Verbesserungen bis heute nicht. Kn\u00f6pfe, Haken und \u00d6sen gibt es immer noch. Sogar selbstschliessende Schuhe, die es rund 30 Jahre nach dem zweiten Teil des Films \u00abZur\u00fcck in die Zukunft\u00bb nun auch in der Realit\u00e4t zu kaufen gibt, haben die guten alten Schn\u00fcrsenkel nicht verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Die international bekannte Schauspielerin Florence Kasumba, bekannt aus \u00abBlack Panther\u00bb, \u00abTatort\u00bb und \u00abDeutschland 86\u00bb tritt nach zehnj\u00e4hriger Pause wieder auf der grossen Musicalb\u00fchne auf <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bald-im-musical-mamma-mia-zu-sehen-florence-kasumba\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte es die Welt auch ohne ihn geschafft? Der #Reissverschluss ist aus dem heutigen Alltag kaum wegzudenken. Doch es hat Jahrzehnte gedauert, bis er dort angekommen ist. 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