{"id":171132,"date":"2023-06-05T12:38:35","date_gmt":"2023-06-05T10:38:35","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=171132"},"modified":"2023-06-07T09:01:23","modified_gmt":"2023-06-07T07:01:23","slug":"martin-reichert-und-die-unbeantworteten-fragen-im-schwulen-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/martin-reichert-und-die-unbeantworteten-fragen-im-schwulen-raum\/","title":{"rendered":"Martin Reichert und die unbeantworteten Fragen im schwulen Raum"},"content":{"rendered":"<h3>Gen\u00fcgt es, wenn ein Mensch, ein Freund, ein Kollege stirbt, einen Nachruf zu formulieren und dann zur\u00fcckzukehren in den Alltag? Aus Anlass des Todes von Martin Reichert hat unser Autor einen weiteren Nachruf verfasst. Denn es gibt noch viel zu sagen \u00fcber Martin Reichert und seine Texte.<\/h3>\n<p>In seiner Zeitung ist zu lesen, wie sehr seine Community, vor allem die in der <em>Taz<\/em>, um ihn trauert: Martin Reichert hat sich vor gut einer Woche in Berlin selbst aus dem Leben genommen <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-journalist-und-publizist-martin-reichert-ist-tot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Nichts spricht daf\u00fcr, buchst\u00e4blich kein Detail, dass er, aller Dystopie in seinem Kopf zum Trotz, dies nicht absichtsvoll ins Werk gesetzt h\u00e4tte, sodass er auf keinen Fall beim Akt, der ihn in ein Nichts bringen sollte, zu leiden haben w\u00fcrde. Er hinterl\u00e4sst seinen Mann B., der verzweifelt das nicht zu Verstehende zu begreifen sucht. B. spielt, immer am Rand des eigenen Zusammenbruchs, die Musik der beiden, melancholische und immer auch dramatische Tonspuren, Annie Lennox h\u00e4ngt mir im Ohr, <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wie-queer-ist-adele\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Adele<\/a> auch, Lieder vom Balkan, <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/trauer-um-tina-turner\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tina Turner<\/a> nat\u00fcrlich: \u00abSimply the Best\u00bb!<\/p>\n<p>In der F\u00fclle der Nachrufe und Erinnerungsschnipsel, in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nachruf-Martin-Reichert\/!5937085&amp;s=jan+feddersen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Taz<\/em><\/a> wie auch bei seinem neuen Arbeitgeber, dem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/martin-reichert-ist-tot-mit-leisem-laecheln-a-d2952b3e-ddd6-46c2-a6ff-41d56a0a60f4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Spiegel<\/em><\/a>, wo er im Februar im Kulturressort zu arbeiten begann, in kondolierenden Eintr\u00e4gen bei Facebook oder Twitter, ist selbstverst\u00e4ndlich vom schwulen Mann Martin die Rede, er war ja nicht<em> in the closet<\/em>, im Gegenteil. Er hat f\u00fcr so gut wie alle Foren, Magazine und Onlineplattformen unserer Kreise geschrieben, 2018 gekr\u00f6nt mit dem vielleicht bestrecherchierten Geschichte von Aids in Deutschland. \u00abDie Kapsel\u00bb heisst das beim Suhrkamp-Verlag ver\u00f6ffentlichte Buch, eine so ergreifende wie gr\u00fcndliche Historie der schlimmsten &#8211; und \u00fcber viele Jahre homophob aufgeladene &#8211; Epidemien, die die schwule Community seit den fr\u00fchen Achtziger Jahren heimsuchen konnte.<\/p>\n<p>Ich habe Martin 2001 kennengelernt, als Redakteur der Wochenendbeilage der <em>Taz<\/em>, dem <em>Taz.mag<\/em>. Der junge Kollege, der mit einzelnen Texten, noch aus der Position des Studenten heraus geschrieben, zum journalistischen Ertrag der Zeitung beitrug, wollte in den Journalismus, oder wie er sagte: \u00abIch weiss ja sonst nicht, was ich mit meinem Studienabschluss machen soll.\u00bb Geschichte und Kulturwissenschaften waren seine F\u00e4cher &#8211; aber Martin h\u00e4tte auch ohne akademische Qualifikation den gleichen, h\u00f6chst erfolgreichen, ja furiosen Weg ins Mediengewerbe geschafft und ihn dort bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Seine Spezialit\u00e4t als Journalist, \u00abGed\u00f6ns mit Orientierung\u00bb, wie er mit seiner \u00fcblich s\u00fcffisant-heiteren Art meinte, baute er aus: Er guckte nicht in die Nachrichtenagenturen und die politischen Fakten, sondern in die Welt schlechthin. Er konnte noch aus dem Umstand, dass junge Leute Umh\u00e4ngetaschen mit sich f\u00fchren, sich einen Reim machen, sp\u00e4ter sogar ein \u00fcberaus erfolgreiches Buch: \u201eWenn ich mal gross bin: Das Lebensabschnittsbuch f\u00fcr die Generation Umh\u00e4ngetasche\u00bb.<\/p>\n<p>Was in den oft tr\u00e4nenges\u00e4ttigten, trauernden, wahrhaft wie noch unter Schock verfassten Texten nach seinem Tod allerdings unterging, war die schwule Welt, in der er lebte, die homosexuelle Perspektive, quasi das innere Motorbrummen des Martin Reichert selbst: Was trieb ihn im Innersten, diesen liebensw\u00fcrdigen, hilfsbereiten und allzeit zugewandten Mann? Das n\u00e4mlich exakt waren Fragen, die sein hinter der \u00f6ffentlichen Kulisse Befindliches betrafen &#8211; und mit Antworten zu diesen Fragen geizte er beinah umfassend. Sein Mann B. sagte, als noch alles auf dem Weg zum Besseren schien, besser: scheinen sollte, denn die psychische Krise dauerte schon einige Wochen: Sein Martin, der habe Angst. Furcht vor dem Versagen, dem Nicht-zu-Gen\u00fcgen, der pers\u00f6nlichen Zukunft und auch der Gegenwart schon &#8211; schlechthin.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/reden-und-esc-gucken-wie-patinnen-queeren-gefluechteten-helfen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Reden und ESC gucken: Wie Pat*innen queeren Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine helfen (MANNSCHAFT+)<\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Als wir uns kennenlernten, vor zwei Jahrzehnten, waren in der <em>Taz<\/em> gerade redaktionelle Verh\u00e4ltnisse am Wachsen, die es ihm \u00fcberhaupt erm\u00f6glichten, als Journalist zu arbeiten. <em>Taz2<\/em>, die Gesellschaftsseiten jenseits des offiziell politischen Teils der Zeitung, waren die, wie manche b\u00f6sartig bemerkten, \u00abSpielpl\u00e4tze\u00bb f\u00fcr solche, die politisch nix in der Birne haben. Nichts w\u00e4re falscher, denn in den Details des Alltags, des Gesellschaftlichen liegen Wahrheiten zum Politischen, die die oft hartlaibigen Politikberichterstattungen &#8211; die er freilich auch zu beherrschen lernte &#8211; erg\u00e4nzten, mindestens dies. In diesen Teilen unserer Publizistik schrieb er, in <em>Taz2<\/em> wie im <em>Taz.mag<\/em> &#8211; kleinere Texte von stupender Brillanz, etwa auch in seiner Kolumne \u00abLandm\u00e4nner\u00bb, die aus heutiger Sicht wie ein Alarmanzeiger f\u00fcr die kommenden Str\u00f6me des Rechtspopulismus (auch) notierten, vordergr\u00fcndig aber lediglich oft lustig zu lesende Hist\u00f6rchen aus der Welt in den l\u00e4ndlichen Vorlandschaften Berlins schilderten, denn dort lebte er mit seinem ersten Mann.<\/p>\n<p>Wir, in den ersten Jahren unserer Freundschaft in der Redaktion, bildeten einen \u00abschwulen Raum\u00bb in der Redaktion. Nicht, dass die linksalternative Tageszeitung <em>Taz<\/em> auch ein homophob gewirktes Blatt gewesen w\u00e4re, aber in vielen Jahren waren selbst politisch hochbrisante Themen wie der Kampf f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle oder die Cancellung der Reste des Schandparagraphen 175 eher beil\u00e4ufig wahrgenommen worden ), wenn \u00fcberhaupt. \u00abEhe?\u00bb, bemerkte eine fr\u00fchere, feministisch orientierte Chefredakteurin einst, was f\u00fcr\u2019n Unfug &#8211; wir Heteros wollen nicht mehr heiraten, und ihr wollt das unbedingt. Wir pflegten nat\u00fcrlich darauf zu erwidern, dass Heteros die H\u00e4sslichkeit antihomosexueller Haltungen nicht zu empfinden verm\u00f6gen &#8211; aber sie konnte sich ja auf Kolleg*innen berufen, ebenfalls schwul oder lesbisch, die aus ideologischen, jedenfalls nicht politischen Gr\u00fcnden den Kampf f\u00fcr die Gleichstellung im Personenstandsrecht b\u00f6se verkannten.<\/p>\n<blockquote><p>So etwas m\u00f6chte ich nie mehr in der Zeitung lesen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Manchmal traf ihn eine Kritik b\u00f6se, und er zeigte dies nicht. Er hatte vor vielen Jahren in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/so-queer-wirds-in-wiener-museen-zum-pride-month\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wien<\/a> des schwulen Performer <a href=\"https:\/\/taz.de\/Hermes-Phettberg-ueber-das-Alleinsein\/!5264228&amp;s=phettberg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hermes Phettberg<\/a> interviewt, ein sp\u00e4ter in der Zeitung ergreifendes Dokument des Versuchs, einem schwulen Leben Ausk\u00fcnfte der W\u00fcrde und Selbstw\u00fcrdigung zu entlocken. Und was sagte ein heterosexueller Kollege in der Blattkritik vor grossem Redaktionsforum, nachdem er das Interview in seiner Tonalit\u00e4t in die Tonne getreten hatte, durchaus auf Beifall des Kollegiats spekulierend: \u00abSo etwas m\u00f6chte ich nie mehr in der Zeitung lesen.\u00bb<\/p>\n<p>Martin Reichert und mir war dieser \u00abschwule Raum\u00bb, durchaus mit Bezug auf die von uns verehrte politische Theoretikerin Hannah Arendt, sehr bewusst. Arendt hatte vor Jahrzehnten, darauf wies ihr Sch\u00fcler, der schwule Begr\u00fcnder der Zeitschrift <em>Stonewall<\/em>, Michael Denneny hin, darauf beharrt, dass J\u00fcd*innen in einem eigenen Raum lebten, darauf angewiesen, dass untereinander, in ihrer stigmatisierten Crowd, der politische Diskurs lebt, denn es geht ja immer ums Ganze: Wie \u00fcberlebt man, missachtet und bisweilen brutal verfolgt, diese Atmosph\u00e4re der Unfreundlichkeiten und Entwertungen? Lebte er noch, w\u00fcrden wir \u00fcber den <a href=\"https:\/\/www.tabletmag.com\/sections\/arts-letters\/articles\/hannah-arendt-zionism-gay-identity-michael-denneny\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Text von Blake Smith<\/a> diskutieren: Wie Hannah Arendts Ideen vom Zionismus half, den amerikanische <em>gay identity<\/em> zu befl\u00fcgeln, also die Unruhen von Stonewall, die Unerm\u00fcdlichkeit des Kampfs um \u00f6ffentliche, sichtbare gesellschaftliche Teilhabe, ohne sich zu assimilieren, sich anzupassen, auf unsere Verh\u00e4ltnisse: schwul zu bleiben, nicht nur homosexuell.<\/p>\n<p>Schwuler Raum, das meint eben diese gewisse Aufgehobenheit in einem ansonsten fremden Gef\u00fcge. Man konnte, nun ja, \u00abschwul&#8220; reden &#8211; rasch, smart, mit Wortwahlen, die durchaus bitchy sein konnten und nur im Zweifesfall b\u00f6sartig. \u00dcber eine Kollegin, mittlerweile in den h\u00f6heren Vierzigern, problematisch im Charakter (f\u00fcr uns, klar), sagte er mal: \u00abEs ist erstaunlich, wie sehr es stimmt, dass die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung bei manchen mit der Pubert\u00e4t am Ende ist.\u00bb Und lachten dar\u00fcber! Ich wusste, dass Martin mir immer loyal gegen\u00fcber sein w\u00fcrde &#8211; keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wie ich bei anderen Kolleg*innen im Laufe der Jahre feststellen musste: Die Hand, die gab, im Gegenzug verratend und preisgebend zugunsten nickelig kleiner Vorteile &#8211; und ich ihm sowieso. Wir waren schwul, um mit Hannah Arendt, die dies f\u00fcr ihr J\u00fcdisches so beantwortete: Ja, gucken Sie mich an &#8211; man sieht es mir an.<\/p>\n<p>So wie uns das Schwule. In diesem Raum konnten wir, was wir \u00f6ffentlich nie taten, streiten. Immerhin. Wer mal in einer Gruppe als einziger Homo gearbeitet hat, wird wissen, was wir als Privileg hatten: einen schwulen Raum. Nicht allein sich f\u00fchlen. Doch different sein k\u00f6nnen. Und einig. Und verschieden in manchen Auffassungen. Und spontan einvernehmlich in der Wahrnehmung von Ph\u00e4nomen: Ist doch Quatsch, oder? &#8211; Ja, ist es. Ich l\u00e4sterte gelegentlich: Sei nicht immer so vers\u00f6hnlich!, Warum neigen gerade Schwule dazu, den offenkundigen Diss von Heteros (und Homos, oh ja) freundlich abzumoderieren? Ist es wirklich gut, dieser Hedonismus der schwulen Szene?, dieser Sex an allen Ecken &#8211; und wof\u00fcr steht eigentlich dieses dauernde Ungen\u00fcgen mit der eben kennengelernten Person im Darkroom?<\/p>\n<p>Martin h\u00e4tte niemals die schwule Szene, zumal die Metropole wie in Berlin nicht, f\u00fcr ihre umfassende Rauschwunsch-Anf\u00e4lligkeit kritisiert. Er wollte, so stand es f\u00fcr ihn zur Wahl, nicht schreiben, dass die Exzesse, die hochfrequente Sexualisierung problematisch sein k\u00f6nnte &#8211; denn das h\u00e4tten auch die Konservativen, die Homohasser gelesen und dies als Beweis f\u00fcr ihre Aversionen genommen. Und er h\u00e4tte auch niemals, viel zu nah wom\u00f6glich an ihm selbst dran, \u00fcber das geschrieben, wor\u00fcber die schwule Szene in all ihren Nischen nie spricht: Einsamkeit, konkrete, im Einzelfall des Tages &#8211; oder auch genereller, dieses Gef\u00fchl, allein zu sein, nicht umgeben von Beh\u00fctung und Aufgehobenheit. War es das, was f\u00fcr ihn selbst ein Tabu war, ja, sein musste: Das Gef\u00fchl von Weltverlorenheit?<\/p>\n<p>Er war lieber als unerm\u00fcdlicher Familienaufsteller unterwegs, weniger in den Mainstreamschuppen der Szene, bei den Coolen (<a href=\"https:\/\/taz.de\/!5146384\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zum Artikel<\/a>), wenn er es nicht zuhause aushielt und das Leben draussen viel spannender fand &#8211; und Leute kennenlernte, die durch ihn ein kleines, aber wichtiges St\u00fcck w\u00e4rmer, aufgetauter wurden: Martin konnte ihnen vermitteln, dass schwuler Selbsthass nicht nur nicht lohnt, sondern ganz unn\u00f6tig ist. Seine Mission &#8211; tragischerweise muss man schreiben: &#8211; war die Vermittlung, auch: die Familienaufstellung, immer mit dem Hinweis versehen, die andere Seite auch zu beachten. Was er suchte, war Heimat, ein Aufgehobensein, ein sicherer Grund unter den F\u00fcssen. Das alles suchte er, indem er ging, immer eine Spur im Unruhigen, im eiligen Schritt, im Move stets fast forward.<\/p>\n<p>Sein Herz hatten immer die Unfertigen, die (mit sich) Ringenden, die Verzweifelten, die er hinter l\u00e4chelndsten Mienen erkannte, die ein<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ich-bin-ein-homo-wie-sie-sagen-charles-aznavour-ist-tot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Charles-Aznavour<\/a>-haftes \u00abEt pourtant\u201c anstimmen w\u00fcrden &#8211; und hier besonders die muslimischen, arabischen, t\u00fcrkisch oder jugoslawisch gepr\u00e4gten jungen M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Er war null abonniert auf Jugendlichkeit, sein erotisches Spr\u00fchen galt den Welpen, f\u00fcr die die Welt noch wenig Antworten, aber viele Fragen offenhielt. Kein Zufall, dass er sich in den schwulen Undergrounds des Irak im Nachkrieg aufhielt und dort, hoffentlich, Zuversicht stiftete &#8211; oder in Beirut, wo er \u00fcber das (nicht gerade fromme) Nachtleben berichtete, er mittendrin, anteilnehmender Reporter. Sp\u00e4ter, 2006, erhielt er f\u00fcr <a href=\"https:\/\/taz.de\/!398216\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine Geschichte \u00abAdieu Habibi\u00bb<\/a> den Felix-Rexhausen-Preis zuerkannt bekam, zurecht. Das war zu der Zeit, als wir \u00f6fters \u00fcber Israel &#8211; von ihm wie von mir geliebtes, faszinierendes Land &#8211; sprachen: Die J\u00fcd*innen haben sich in diesem ihren Land einen Safe Space geschaffen, immer bedroht, milit\u00e4risch hochger\u00fcstet bewacht &#8230; Warum sollten es dies nicht f\u00fcr Schwule gelten? F\u00fcr Lesben, f\u00fcr trans Menschen? Eine Art Israel des Regenbogens, und dabei fiel uns, glamourverliebt, wie er auch war, nat\u00fcrlich ein: Monte Carlo! Minutenlang phantasierten wir, wie dieses Monaco auss\u00e4he, w\u00e4re es eine Art queeres Israel.<\/p>\n<p>Was mir nur schemenhaft klarer wurde \u00fcber all unsere Jahre der Freundschaft &#8211; mit allen Hochs und Tiefs &#8211; war, woher seine Energie r\u00fchrte. Lag es daran, dass er mit seinem Schwulsein eigentlich extrem haderte? Dass er, Jahrgang 1973, sein Coming-out sp\u00e4ter als andere begann, zun\u00e4chst ja in Heteroverh\u00e4ltnissen lebend, weil es f\u00fcr ihn ein Horror war, in Wittlich an der Lieser (Moselland) wom\u00f6glich der Auss\u00e4tzige zu sein? Lag es an den elterlichen, v\u00e4terlichen und m\u00fctterlichen W\u00fcnschen, in ihm, den Sohn mit besten akademischen Zukunftsaussichten, nur den heterosexuell Orientierten sehen zu wollen? Dass, typisch, ein schwuler Sohn ein Versager, ein Verr\u00e4ter an den Eltern ist? Er bemerkte einmal, und meine Erfahrung sagte mir das Gleiche: Es sei normal, ja, typisch, dass Schwule \u00fcber ihre Coming-outs reden k\u00f6nnen, aber so gut wie niemals \u00fcber die drei bis f\u00fcnf Jahren vor der Schwulwerden, wenn alles niederdr\u00fcckt vor ungewisser Seelenzukunft, wenn das, wie Sigmund Freud gesagt h\u00e4tte, das \u00abTriebschicksal\u00bb eine unhintergehbare Wahrheit ausmacht, dies aber nicht beherzt und mit Liebesf\u00e4higkeit beantwortet werden kann, zun\u00e4chst?<\/p>\n<p>Hannah Arendt berichtete im ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/zurperson\/interview_archiv\/arendt_hannah.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">TV-Gespr\u00e4ch mit G\u00fcnter Gaus<\/a> \u00fcber ihre antisemitischen Umst\u00e4nde als Kind, sinngem\u00e4ss: Sie habe sich nicht gesch\u00e4mt, J\u00fcdin zu sein &#8211; ihre Mutter habe von ihr verlangt, sich gegen Gleichaltrige in Konflikten auch durchzusetzen, nur bei Lehrern sei ihre Mutter eingeschritten, ihre Tochter sch\u00fctzend. Der Sexualwissenschaftler <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/der-emanzipator-martin-dannecker-wird-75\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Dannecker<\/a> bemerkte zu dieser ikonischen Stelle des Gespr\u00e4chs Hannah Arendts: Die J\u00fcdin konnte psychisch die antisemitischen Attacken aushalten, weil sie im Elternhaus beh\u00fctet war &#8211; der schwule Heranwachsende aber kann sich auf diesen elterlichen Schutz prinzipieller Art nicht verlassen: Der schwule Mann vor dem Coming-out weiss, dass er &#8211; oder sie, im lesbischen Fall &#8211; auf der Welt ganz allein ist, wenn schon die Eltern nicht an der Seite stehen. Allein ist \u2013 und oft bleibt.<\/p>\n<p>Er war, so versuche ich es zu begreifen, in Berlin, seinem Asylort, auf der Suche nach Heimat. Und fand sie in seinem ihn liebenden Mann B., den er vor einigen Jahren, beinah ohne jede Wahrscheinlichkeit, kennenlernte. Beide lernten die Segnungen eines ruhigeren Lebens kennen, ja, sie bauten sich in Berlin, sp\u00e4ter in B.s Heimat <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/die-liebe-fuehlen-in-slowenien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Slowenien<\/a>, dort in Koper an der Adria, Nester, ihre gemeinsamen Ort. Wie Martin mir vor Jahren, gerade hatte er seinen Liebsten \u201aerkannt\u2018: \u00abEr brachte mir geschnittenes Obst ans Krankenbett. Geschnittenes Obst!!\u00bb Und ich lachte vor Gl\u00fcck ein wenig mit ihm mit. Es war, so zitierte er das Lied leicht antr\u00e4llernd, als s\u00e4nge ihm Dahlia Lavi ein \u00abWillst du mit mir geh\u2019n?\u00bb<\/p>\n<p>Seit gut einer Woche denke ich an nichts anderes als an ihn. H\u00e4tten wir uns nicht endlich mal wieder treffen sollen? H\u00e4tten wir nicht nur en passent miteinander sprechen sollen, sondern, ganz un\u00fcblich in der Metropole wie Berlin, mal in einen Open-Space-Modus schalten sollen, nicht nur im \u00abIch muss gleich los\u00bb-Umstand? Lese ich die weinenden Nachrufe, k\u00f6nnte ich ihm, absurd, ich weiss, diese vorlesen, w\u00fcrde ich ihn fragen: Warum bist Du nie w\u00fctend geworden? Weshalb sind die Zumutungen, denen Du Dich \u00f6fters ausgesetzt sahst, nicht ein einziges Mal als solche zur\u00fcckgewiesen worden? Was hindert Dich, mal so richtig aus der Haut zu fahren? Alle Nachrufe, alle letzten Worte auf ihn sind von warmer Herzlichkeit, von Trauer umrahmt. Aber darf man sagen, dass Martin, so typisch f\u00fcr ihn, f\u00fcr alle ein Herz hatte, dass er sie beinah f\u00fcrsorglich zu therapieren suchte &#8211; auch, um von sich nichts preiszugeben, von seinen \u00c4ngsten? Kannte man ihn wirklich? Mich beschleichen Zweifel: Was hast du uns nicht zeigen wollen, Martin?<\/p>\n<p>Er war, vielleicht, auch eine \u00abKapsel\u00bb, so gut verschlossen, wie die Traumen von Aids\u00fcberlebenden, die von Horror <a href=\"https:\/\/taz.de\/Zweites-Outing-von-Conchita-Wurst\/!5497773\/\">(sein Text zum 2. Coming-out von Conchita Wurst)<\/a> befallen waren, weil sie als Aidsinfizierte \u00f6ffentlichen Nachstellungen ausgesetzt waren &#8211; eventuell in dem Horror auch gespiegelt, dass sie selbst Aids, heute keine sch\u00f6ne, aber managebare Infektionskrankheit, die nicht mehr t\u00f6dlich wirkt binnen k\u00fcrzestem, als Strafe f\u00fcrs Schwulsein empfanden?<\/p>\n<p>W\u00fctend werde ich, weil ich Martin \u00fcbelnehme, sich in unserem \u00abschwulen Raum\u00bb meinen, ja, unseren Fragen nicht mehr zu stellen. Er konnte aber nicht mehr, ich muss das akzeptieren. Ist m\u00f6glich, so ertappe mich ich bei meinen ewigen Gr\u00fcbeleien \u00fcber ihn, die nur Mutmassungen sein k\u00f6nnen, dass die Entschlossenheit, mit der er seinem Leben ein Ende setzte, auch die w\u00fctendste Geste war, zu der er je f\u00e4hig war &#8211; leider, tragischerweise gegen sich selbst?<\/p>\n<p>Ich habe keine Mahnungen zu formulieren, Martins Tod macht keinen Sinn, schon gar keinen allgemeing\u00fcltigen. Doch w\u00e4re es nicht lohnend, die Feier des Hedonistischen mal in ihren Epen zwischen den Zeilen zu lesen? K\u00f6nnte es nicht Gewinn bringen, mal fundierter denn je die liberalen Zeiten und ihre fatalen Voraussetzungen, Elternh\u00e4user, die schwule oder lesbische oder <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/maedchen-und-jungenschulen-duerfen-trans-kinder-ablehnen\/\">trans Kinder<\/a> eher nicht so m\u00f6gen, unter die Lupe zu nehmen?<\/p>\n<p>Er liebte, er wurde wiedergeliebt, aber das reichte nicht f\u00fcr ein Leben, das ihm noch sehr gut m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Stehen wir seinem Witwer, seinem Liebsten B. bei. Er ist nun verzweifelter, als es Martin je gewollt haben kann.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Brauchst du Hilfe? Wende dich in der <strong>Schweiz<\/strong> telefonisch an die Nummer 143 oder schreibe an die Berater*innen von <a href=\"http:\/\/du-bist-du.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Du-bist-Du.ch<\/a>. In<strong> \u00d6sterreich<\/strong> hilft die HOSI Wien (zu B\u00fcro\u00f6ffnungszeiten) unter (+43) 660 2166605, das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.gesundheit.gv.at\/leben\/suizidpraevention\/inhalt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kriseninterventionszentrum<\/a>\u00a0oder f\u00fcr LGBTIQ die psychosoziale Beratungsstelle\u00a0<a href=\"https:\/\/www.courage-beratung.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Courage<\/a>. In <strong>Deutschland<\/strong> gibt es die Notfall-Nummer 19446, zudem hilft u.a. der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.vlsp.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verband f\u00fcr lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter und queere Menschen in der Psychologie<\/a>, in St\u00e4dten wie K\u00f6ln kann man sich an\u00a0<a href=\"https:\/\/rubicon-koeln.de\/kontakt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rubicon<\/a>\u00a0wenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gen\u00fcgt es, wenn ein Mensch, ein Freund, ein Kollege stirbt, einen Nachruf zu formulieren und dann zur\u00fcck in den Alltag zu wechseln? Nein. 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