{"id":169785,"date":"2023-05-18T08:43:06","date_gmt":"2023-05-18T06:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=169785"},"modified":"2023-05-20T12:09:54","modified_gmt":"2023-05-20T10:09:54","slug":"ns-verfolgung-in-wien-wurden-schwule-sogar-in-der-dampfkammer-verhaftet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ns-verfolgung-in-wien-wurden-schwule-sogar-in-der-dampfkammer-verhaftet\/","title":{"rendered":"In Wien verhafteten die Nazis Schwule sogar in der Dampfkammer"},"content":{"rendered":"<h3>Nach derzeitigem Forschungsstand haben die Nazis in Wien etwa 1400 M\u00e4nner und 80 Frauen wegen homosexueller Handlungen verfolgt. \u00dcber 100 M\u00e4nner mussten in ein Konzentrationslager. Es \u00fcberlebten nicht einmal 30 Prozent.<\/h3>\n<p>\u00d6sterreich hat sich mit dem Gedenken an queere Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, viel Zeit gelassen. In diesem Jahr soll in Wien endlich im Resselpark am Karlsplatz ein entsprechendes Denkmal errichtet werden. In Berlin gibt es eine solche <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/berlin-rentner-gesteht-10-farb-anschlaege-auf-homosexuellen-mahnmal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gedenkst\u00e4tte<\/a> schon seit f\u00fcnfzehn Jahren. Rechtzeitig zur Errichtung des Denkmals in \u00d6sterreich liegen nun aktuelle und detaillierte Ergebnisse eines gro\u00dfen Forschungsprojekts \u00fcber die Verfolgung von queeren Menschen in der NS-Zeit vor.<\/p>\n<p>Verantwortlich daf\u00fcr ist das queere Forschungszentrum QWIEN, das sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit diesem Thema besch\u00e4ftigt <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wien-vortragsreihe-zu-homosexualitaet-und-nationalsozialismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. In einer Datenbank wurden bei QWIEN alle erhaltenen Strafakten der Wiener Gerichte aus der NS-Zeit erfasst und ausgewertet. Nach derzeitigem Forschungsstand wurden in Wien etwa 1400 M\u00e4nner und 80 Frauen wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen beschuldigt. Viele Personen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, landeten in der Psychiatrie oder auf dem Operationstisch. Auch wurden Betroffene in den Suizid getrieben. Zudem konnten die Nazis Homosexuelle als sogenannte Gewohnheitsverbrecher zum Tode verurteilen. Aus der Datenbank von QWIEN geht hervor, dass von den 1400 beschuldigten M\u00e4nnern \u00fcber 100 in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden. Von ihnen \u00fcberlebten nicht einmal 30 Prozent.<\/p>\n<p>Um diesen anonymen Zahlen ein Gesicht zu geben, erz\u00e4hlt der Historiker Andreas Brunner, Leiter von QWIEN, nun in einem Buch die Lebens- und Leidensgeschichten von 50 queeren Menschen, die in die F\u00e4nge der NS-Zeit geraten sind. Es sind Geschichten, die ber\u00fchren und unter die Haut gehen. Die Aufgliederung nach den heutigen 23 Wiener Bezirken soll zeigen, dass in ganz Wien gleichgeschlechtlich liebende Menschen verfolgt wurden. Gleichzeitig erfahren die Leser*innen auch viel \u00fcber die geheimen Treffpunkte von queeren Menschen.<\/p>\n<p>An keinem Ort Wiens wurden so viele schwule M\u00e4nner verhaftet wie im Esterh\u00e1zybad, das sich in der Gumpendorfer Strasse befand. Denn in dem Bad ermittelte regelm\u00e4ssig Kriminal-Oberassistent Karl Seiringer. Dieser besuchte sogar die Dampfkammer des Bades, wo er schwule M\u00e4nner auf frischer Tat ertappte und festnahm. Aus Gerichtsakten geht hervor, dass sich Seiringer in der Dampfkammer die Pl\u00e4tze auf der oberen oder unteren Bank aussuchte, um einen guten \u00dcberblick zu bekommen.<\/p>\n<blockquote><p>Warnten die anwesenden Homosexuellen einander nicht vor der Gefahr? Oder sch\u00e4tzten sie jene unvorsichtigerweise falsch ein?<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abDie Bekanntschaft zwischen diesen homosexuellen M\u00e4nnern entsteht dadurch, dass sie sich gegenseitig anschauen und dann gewissermassen mit den Zehen zu kokettieren beginnen. Der andere dr\u00fcckt auch darauf, und schon ist der Kontakt geschlossen\u00bb, sagte Seiringer vor Gericht aus. Laut Brunner nahm Seiringer zwischen 1938 und 1945 mehr als hundert M\u00e4nner im Esterh\u00e1zybad fest. Der Historiker stellt in dem Buch die Frage, ob Seiringer den schwulen Stammg\u00e4sten des Bades nicht bekannt gewesen sei. \u00abWarnten die anwesenden Homosexuellen einander nicht vor der Gefahr? Oder sch\u00e4tzten sie jene unvorsichtigerweise falsch ein?\u00bb, schreibt Brunner.<\/p>\n<p>Neben B\u00e4dern trafen sich schwule M\u00e4nner auch in Parks und \u00f6ffentlichen Bed\u00fcrfnisanstalten, auch \u00abLogen\u00bb genannt. Beliebte Treffpunkte waren in Wien vor allem die \u00abLogen\u00bb im Resselpark, beim Hotel Wimberger am Neubaug\u00fcrtel, am Naschmarkt, im Rathauspark, am Stephansplatz und die \u00abSchwarzenbergloge\u00bb am Schwarzenbergplatz. Die Logen und Parks waren allerdings gef\u00e4hrlich, weil sie von der Polizei oberserviert wurden. Eine weitere Gefahr waren Schl\u00e4gertrupps oder Erpresserbanden. Vor allem im Wiener Prater und in Parkanlagen machten junge M\u00e4nner Jagd auf Homosexuelle. \u00abViele Bedrohte zahlten aus Angst. Nur selten kamen F\u00e4lle von Erpressung direkt zur Anzeige\u00bb, schreibt der Historiker Brunner. So gab es in Wien eine Bande von drei Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren, die mit dem \u00abRoten Hans\u00bb \u00fcber drei Jahre hinweg etwa 300 schwule M\u00e4nner \u00ababgestiert\u00bb haben, wie es in dem Buch heisst. Abstieren ist ein Wiener Ausdruck und bedeutet: abgreifen, bestehlen oder jemanden das letzte Geld aus der Tasche ziehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload alignnone wp-image-169788 size-large\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 425 550'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-425x550.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"550\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-425x550.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-232x300.jpg 232w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-768x994.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-561x726.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-265x343.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-531x687.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-364x471.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-728x942.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-608x787.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-758x981.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-37x48.jpg 37w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-74x96.jpg 74w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179-400x517.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/9783991360179.jpg 974w\" data-sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Auch Lesben wurden verfolgt<\/strong><br \/>\nIn dem Buch werden auch die Geschichten von Frauen, die sich wegen lesbischer Handlungen vor Gericht verantworten mussten, erz\u00e4hlt. Die \u00f6sterreichische Rechtsordnung hatte im europ\u00e4ischen Vergleich diesbez\u00fcglich eine Sonderstellung. Im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern wurden in \u00d6sterreich nicht nur M\u00e4nner, sondern auch Frauen wegen Homosexualit\u00e4t strafrechtlich verfolgt. Laut Brunner belief sich der Anteil der verfolgten Frauen sowohl vor als auch nach der NS-Zeit mit leichten Schwankungen auf unter f\u00fcnf Prozent. \u00abDies liegt darin begr\u00fcndet, dass lesbische Sexualit\u00e4t zumindest in privatem Rahmen stattfand, wohingegen sich M\u00e4nner h\u00e4ufig an \u00f6ffentlichen Orten trafen\u00bb, schreibt Brunner. Auch wurden \u00fcber Frauen viel geringere Strafen verh\u00e4ngt, was sich auch in der NS-Zeit nicht \u00e4nderte.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/grab-von-schwulem-ns-opfer-in-wien-geschaendet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Grab von schwulem NS-Opfer in Wien gesch\u00e4ndet. Franz Doms wurde einst im Alter von 21 Jahren hingerichtet\u00a0<\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Besonders schlimm erging es jenen schwulen M\u00e4nnern, die in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden. Diese Rosa-Winkel-H\u00e4ftlinge hatten \u00aboft seitens der Wachmannschaften besondere Brutalit\u00e4t und vor allem auch seitens der Mith\u00e4ftlinge keinerlei Solidarit\u00e4t zu erwarten\u00bb, heisst es in dem Buch. Dementsprechend gering seien auch ihre \u00dcberlebenschancen gewesen. In manchen F\u00e4llen gab es die M\u00f6glichkeit, mit der sogenannten freiwilligen Entmannung der Haft im Konzentrationslager oder einem angedrohten Todesurteil zu entkommen. Aber auch in Konzentrationslagern wurden solche Operationen durchgef\u00fchrt. Das vorliegende Buch \u00abAls homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit\u00bb ist aufwendig illustriert und eine absolute Leseempfehlung.<\/p>\n<p><strong>Andreas Brunner: Als homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit. Mandelbaum Verlag, Wien 2023.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wien \u2013 Nach akt. Forschungsstand haben die Nazis etwa 1400 M\u00e4nner u. 80 Frauen wg. #homosexueller Handlungen verfolgt. \u00dcber 100 M\u00e4nner mussten ins Konzentrationslager. 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