{"id":165916,"date":"2023-04-01T08:43:32","date_gmt":"2023-04-01T06:43:32","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=165916"},"modified":"2023-04-04T08:39:12","modified_gmt":"2023-04-04T06:39:12","slug":"der-eurovision-song-contest-der-erfolg-frisst-seine-basis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/der-eurovision-song-contest-der-erfolg-frisst-seine-basis\/","title":{"rendered":"Eurovision Song Contest \u2013 Der Erfolg frisst seine Basis"},"content":{"rendered":"<h3>Schwule M\u00e4nner haben in allen L\u00e4ndern den ESC am Leben gehalten, als TV-Funktion\u00e4r*innen auf dieses Event keinen Pfifferling setzten. Heute wird der Eurovision Song Contest immer professioneller und scheinbar kommerzieller, neu mischt sogar Tiktok mit. Eine Gefahr f\u00fcr den Contest? Dazu unser Kommentar*.<\/h3>\n<p>F\u00fcr die meisten Zuschauenden des 67. Eurovision Song Contest ist nur der Abend des Grand Final interessant: 120 Millionen Leute gucken dann, wer diesen gr\u00f6ssten Popwettbewerb der Welt gewinnt und wer sich wo im Ranking der 26. Finalist*innen \u00abunter ferner sangen\u00bb wiederfindet. Das ist queere Tradition, dieses Event zu verfolgen, mehr als vier Stunden dauerte die \u00dcbertragung im vorigen Jahr aus Turin <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ukraine-gewinnt-und-will-esc-2023-im-eigenen-land-ausrichten\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Allerdings tut sich auch schon in den vielen Wochen und Monaten vor einem ESC jede Menge &#8211; nationale Vorentscheidungen, Partys in europ\u00e4ischen Grossst\u00e4dten wie Barcelona, London, Amsterdam oder im israelischen <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nicht-dein-ernst-tel-aviv\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tel Aviv.<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/ard-orf-und-srf-feiern-gemeinsam-countdown-zum-esc\/\">Beim diesj\u00e4hrigen ESC werden die Countdown- und Aftershow-Sendungen nicht aus Hamburg, sondern direkt aus Liverpool gesendet<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Mit anderen Worten: Die heisse ESC-Saison w\u00e4hrt inzwischen ein halbes Jahr &#8211; und man verr\u00e4t kein Geheimnis, wenn man sagt, dass dies eine fast vollst\u00e4ndig schwule Angelegenheit ist, also queer, wie es zeitgen\u00f6ssisch heisst. Schwule M\u00e4nner haben in allen L\u00e4ndern den ESC am Leben gehalten, als etwa TV-Funktion\u00e4re auf dieses Event keinen Pfifferling setzten &#8211; so schlecht beleumundet war der ESC. Was nat\u00fcrlich auch damit zu tun hatte (und teilweise noch hat), dass die Verantwortlichen in den TV-Sendern oder in der Popindustrie meiste selbst heteroorientiert waren (und sind).<\/p>\n<p>Herausgebildet hat sich vor allem seit den fr\u00fchen 1999er Jahren, als es noch kein Internet, keine Social Media-Plattformen und kein Youtube (wo alle ESCs konserviert vorr\u00e4tig zu sehen sind) und sowieso nur Papierzeitungen gab, eine Fankultur des ESC, eine vieltausendfache Crowd an Partybiestern und Expert*innen bis in die allerletzten Vorentscheidungsrunden der 1960er Jahre.<\/p>\n<p>Inzwischen aber hat sich der ESC weiterentwickelt, und dies eben seit Erfindung der neuen Medienformen. Der Contest ist zu einem lohnenden, kommerziell gemeint, Projekt geworden &#8211; auch das erst eine Entwicklung, die vor gut 20 Jahren einsetzte, als CDs mit den Liedern eines Jahrgangs publiziert (und verkauft) wurden. ESC-Fans aber, die seit dem ESC 1998 in Birmingham &#8211; als<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/esc-host-assi-azar-der-contest-beeinflusst-meine-playlist-jedes-jahr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Dana International<\/a> gewann und der Deutsche Guildo Horn erkl\u00e4rte, er habe uns alle lieb &#8211; auch als Faktor der Popularisierung in die ersten Reihen der Halle gesetzt wurden und erstmals stimmungsaufhellend als Fans freundlichen Rabatz machten, waren immer n\u00e4her dabei.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">Zum ersten Mal gibt es gemeinsame Live-Shows f\u00fcr Deutschland, \u00d6sterreich und die Schweiz rund um das <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/ESC?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#ESC<\/a>-Finale! \ud83c\udde9\ud83c\uddea\ud83c\udde6\ud83c\uddf9\ud83c\udde8\ud83c\udded<br \/>\nDas Erste, ORF 1 und SRF 1 zeigen am 13. Mai sowohl den Countdown als auch die Aftershowparty live aus dem Tate Museum in Liverpool. \ud83e\udd29 <a href=\"https:\/\/t.co\/tsTyCw9fYs\">https:\/\/t.co\/tsTyCw9fYs<\/a><\/p>\n<p>\u2014 ESC Deutschland (@eurovisionde) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/eurovisionde\/status\/1641037257552408576?ref_src=twsrc%5Etfw\">March 29, 2023<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>1992, als ich als Journalist meinen ersten ESC besuchte und \u00fcber diesen berichtete, war es Journalist*innen noch m\u00f6glich, die B\u00fchne in der Malm\u00f6er Eishalle zu betreten, fast immer. Mit den K\u00fcnstler*innen gab es keine Pressekonferenzen, weil man sich ohnehin dauernd in den G\u00e4ngen der Halle traf. Wenige Jahre sp\u00e4ter war es mit diesem Umstand vorbei, es gab nun echte Pressekonferenzen, und zwar aller Teilnehmer*innen. Fans, die sich als Journalist*innen akkreditieren, stellten teils unprofessionelle Fragen, die als Statements daherkommen (\u00abIch finde Sie toll\u00bb &#8211; so zu einer Teilnehmerin: Als ob das nicht ein No-Go w\u00e4re.), aber egal: Die N\u00e4he zu allen K\u00fcnstler*innen war gewahrt.<\/p>\n<p>Seit gut zehn Jahren hat sich das wiederum ge\u00e4ndert, durchaus zum Nachteil der Fans. Pressekonferenzen gibt es nur noch eine pro K\u00fcnstler*in, gefilmt werden darf nur sehr begrenzt, wenn \u00fcberhaupt, alle ist sehr stromlinienf\u00f6rmig geworden, quasi industriell: Der Charme der gr\u00f6ssten N\u00e4he inklusive aller Peinlichkeiten war weg. F\u00fcr die European Broadcasting Union war und ist das ohnehin kein Ding politischer oder kultureller Wichtigkeit, sondern eine internationale Show, die kompliziert zu produzieren ist, weil erst acht Wochen vor der \u00dcbertraung die Line-Ups feststehen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nun-stehen-alle-songs-fuer-den-esc-2023-fest\/\">Alle 37 Teilnehmer*innen des Eurovision Song Contest stehen jetzt fest<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Jetzt wird es noch professioneller, und das macht die Fanszene nerv\u00f6ser denn je: Wie im <a href=\"https:\/\/esc-kompakt.de\/kommentar-tiktok-kauft-sich-den-esc\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fan-Forum <em>ESC-Kompakt<\/em><\/a> zu lesen steht, hat sich <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bericht-tiktok-blockiert-begriffe-wie-lgbtq-und-schwul\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tiktok<\/a> einen erheblichen Teil der Wiederverwertungsrechte am ESC gesichert &#8211; und zwar gerade im Hinblick auf den Stoff, auf den die Fans (mit ihren kleinen Radiostationen, Websites etc.) so erpicht sind. Klar: Diese Social-Media-Macht namens Tiktok tr\u00e4gt massiv zu einer weiteren, beinah globalen Popularisierung des ESC und seiner K\u00fcnstler*innen bei. Aber seine Federf\u00fchrung zu dem, was beim ESC zu filmen und zu fotografieren erlaubt ist, r\u00e4umt die Fans ein f\u00fchlbares St\u00fcck zur Seite.<\/p>\n<p>Tiktok ist indes nur ein weiterer Schritt, den ESC zum Premium-Pop-Produkt zu machen: Die Performances, die bei einem ESC dargeboten werden, lohnen im Herstellungsaufwand nur noch, wenn ein Partner wie Tiktok f\u00fcr die Verbreitung mit sorgt. Man k\u00f6nnte sagen: Der Erfolg des ESC, f\u00fcr den seine Fans seit Jahrzehnten trommelten und dies eben auch heute gern tun w\u00fcrden, frisst seine Kinder, eben diese Fans. Der ESC erinnert strukturell in jeder Hinsicht an ESCs der fr\u00fchen sechziger Jahren, als die TV-Technik noch wie aus der Steinzeit erbracht wirkte. Aber \u00e4sthetisch und vom Vorbereitungsaufwand her ist alles im Vergleich mit fr\u00fcher gigantomanisch.<\/p>\n<p>Die Live-Orchester von einst sind seit Ende der 90er endg\u00fcltig Geschichte, weil Liveorchester Fehler machen k\u00f6nnten &#8211; und das sollen sie nicht, also wurden sie eliminiert. Bis auf Vokalpartien, die Stimmen kommt jetzt alles modern vom Band: Und auch hier gibt es schon \u00dcberlegungen, bef\u00f6rdert durch Schweden, wo die europ\u00e4isch st\u00e4rkste Popindustrie sitzt, nur noch Playback singen zu lassen. (Wobei die Mikrofone schon seit Jahren so getunt sind, dass falsche T\u00f6ne unmittelbar herausgefiltert werden.)<\/p>\n<p>W\u00e4re das der Tod des ESC, zu dessen Charme das gewisse Unfertige und Unperfekte geh\u00f6rte, immer? Ich denke: nein. Der ESC lebt, in welchen modernen Zeiten auch immer. Es wird alles nur ein wenig perfekter. Tiktok geh\u00f6rt dazu &#8211; an der Macht der Popindustrie f\u00fchrt kein Weg vorbei. Schade ist es trotzdem: Ich vermisse diese gewisse Unmodernit\u00e4t &#8211; und auch die Zeiten, als der ESC noch ein queeres Graswurzelding von schwulen Eurovisionsfans und ihren Freund*innen war.<\/p>\n<p><strong>Schluss f\u00fcr ESC-Urgestein Peter Urban: Der diesj\u00e4hrige Eurovision Song Contest wird f\u00fcr den Hamburger Journalisten der letzte sein <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/peter-urban-kommentiert-zum-letzten-mal-den-esc\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwule hielten d. ESC am Leben, als TV-Funktion\u00e4r*innen darauf keinen Pfifferling setzten. Heute wird d. Contest scheinbar kommerzieller, neu mischt Tiktok mit. Eine Gefahr? Eurovision2023 @JafJan <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/der-eurovision-song-contest-der-erfolg-frisst-seine-basis\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1871,"featured_media":166081,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3270,346],"tags":[103,3668,5515],"wps_subtitle":"\u00dcber das Premium-Pop-Produkt ESC","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165916"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1871"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=165916"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165916\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":166104,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165916\/revisions\/166104"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/166081"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=165916"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=165916"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=165916"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}