{"id":164121,"date":"2023-03-10T19:33:18","date_gmt":"2023-03-10T18:33:18","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=164121"},"modified":"2023-03-11T07:51:31","modified_gmt":"2023-03-11T06:51:31","slug":"braucht-es-noch-lobby-organisationen-fuer-lgbtiq","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/braucht-es-noch-lobby-organisationen-fuer-lgbtiq\/","title":{"rendered":"Braucht es noch Lobby-Organisationen f\u00fcr LGBTIQ?"},"content":{"rendered":"<h3>Am Wochenende findet in K\u00f6ln der 35. LSVD Verbandstag statt. Nach 3 Jahren Corona-Pandemie wieder als Pr\u00e4senzveranstaltung. Zur Notwendigkeit einer Organisation wie dem LSVD: der Kommentar* eines ehemaligen Bundesvorstandsmitglieds.<\/h3>\n<p>Grunds\u00e4tzlich kann man die Frage stellen: Hat sich nach all den rechtlichen und gesellschaftlichen Fortschritten der letzten 20 Jahre die Lobbyarbeit f\u00fcr die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, von trans und inter Menschen nicht selbst \u00fcberfl\u00fcssig gemacht? Aus meiner Sicht kann diese Frage nur mit einem klaren Nein beantwortet werden und ich will das auch begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Seit 1994 wurde viel erreicht. Ich w\u00e4hle dieses Datum als Ausgangspunkt, weil in diesem Jahr nach 123 Jahren der Schandparagraph 175 aus dem Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland ersatzlos gestrichen wurde. Ein erster hart erk\u00e4mpfter Erfolg, der bei weitem kein Selbstl\u00e4ufer im Rahmen der Wiedervereinigung war. Und gleichzeitig ein Aufbruchssignal und Startpunkt. Erst mit der Entkriminalisierung der Homosexualit\u00e4t in Deutschland konnte eine effektive und freie politische Lobbyarbeit f\u00fcr die Emanzipation der Community beginnen.<\/p>\n<p>Allerdings war es zuerst weiterhin ein Kampf gegen Windm\u00fchlen, beziehungsweise gegen die verkrusteten, bigotten und konservativen Mehrheiten im Deutschen Bundestag. Erst mit dem Ende der Kohl-\u00c4ra, die gepr\u00e4gt war vom geistig- moralischen R\u00fcckw\u00e4rtssalto f\u00fcr die Gesellschaft, ging es voran.<\/p>\n<p>Indem die Gr\u00fcnen\/B\u00fcndnis&#8217;90 erstmals auf Bundesebene Regierungsverantwortung mit \u00fcbernommen haben, hatten auch nicht-heteronormative Minderheiten eine politische Gestaltungsm\u00f6glichkeit. Gegen den erbitterten Widerstand der Unionsparteien, der christlichen Kirchen, Teilen der konservativen Medien und selbsternannten Wertewahrer und der oft fehlenden Unterst\u00fctzung einer noch unentschlossenen SPD als Koalitionspartner, konnte mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz ein erster grosser Erfolg erzielt werden. Auch wenn es nicht mehr in der rot-Gr\u00fcnen Regierungszeit verabschiedet wurde, kann das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 trotzdem dieser Regierungskoalition zugerechnet werden. Was folgte war eine lange Zeit der kleinen Fortschritte welche die Lebenspartnerschaft nach und nach an die Ehe anglich und sie ihr 2017 endlich gleichstellte. Die Rehabilitierung und Entsch\u00e4digung der Opfer des Paragraphen 175 in der BRD, die Einf\u00fchrung des dritten Geschlechts im Personenstandsrecht, z\u00e4hlen ohne Frage zu weiteren wichtigen Meilenstein.<\/p>\n<p>Um kein Missverst\u00e4ndnis aufkommen zu lassen: All diese Erfolge sind das Ergebnis der Arbeit und des Engagements vieler (!) Community Organisationen und Einzelpersonen und nicht allein des LSVD. Aber mit Fug und Recht kann der Verband im R\u00fcckblick sagen, einen massgeblichen Anteil daran gehabt zu haben und dass es fraglich ist, ob es ohne ihn nicht wesentlich l\u00e4nger gedauert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Gerade die Zusammenarbeit mit den politischen Parteien, die von manchen mehr als kritisch angesehen wurde, war aber notwendig, um dorthin zu gelangen, wo wir heute sind. Und die Penetranz, mit der die Ziele, trotz vieler R\u00fcckschl\u00e4ge, verfolgt wurde, hat am Ende den gew\u00fcnschten Erfolg gebracht.<\/p>\n<p>Das nicht immer schmeichelhaft gemeinte Pr\u00e4dikat f\u00fcr den LSVD, als dem \u201eADAC der Community\u201c (ich zahle meine Mitgliedsbeitr\u00e4ge, und die machen das schon), hat auch dazu gef\u00fchrt, dass sich die Akteur*innen des Verbandes fragten, ob sich nicht mit der Einf\u00fchrung der Ehe f\u00fcr alle der Verbandszweck und die Bedeutung des Verbandes erf\u00fcllt hat? W\u00fcrde der LSVD zu einer Organisation werden, die bis auf eine W\u00e4chterfunktion eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig ist?<br \/>\nDiese \u00dcberlegungen waren schon deshalb falsch, weil mit der Ehe f\u00fcr alle zwar ein wichtiger Meilenstein f\u00fcr Lesben und Schwule erreicht wurde, aber mit der Erledigung dieser Dauerbaustelle endlich nur Kr\u00e4fte und Ressourcen freigesetzt wurden, um intensiver f\u00fcr die Rechte der anderen Teile der Community zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Auch 5 Jahre sp\u00e4ter, im zweiten Jahr der Ampelkoalition, die im Koalitionsvertrag einen \u201equerpolitischen Aufbruch\u201c versprochen hat, gibt es immer noch kein neues Abstammungsrecht und ist die Selbstbestimmung f\u00fcr trans Menschen immer noch nicht gesetzlich geregelt. Die Zahlen homophober und transfeindlicher Gewalttaten steigen. National und international sind politische, gesellschaftliche und kirchliche Kr\u00e4fte damit besch\u00e4ftigt, das Rad der Geschichte zur\u00fcckzudrehen.<\/p>\n<p>Es bleibt also einerseits die Aufgabe das Unvollendete zu vollenden und gleichzeitig das Erreichte abzusichern und den R\u00fcckschritt abzuwehren. Das Ziel bleibt: ein freies und selbstbestimmtes Leben f\u00fcr alle. Nicht nur f\u00fcr die Heterosexuellen, nicht nur f\u00fcr die Lesben und Schwulen, sondern nat\u00fcrlich und dringender, denn je auch f\u00fcr trans und inter Menschen. Die Erf\u00fcllung dieses Ziels wird nicht vom Himmel fallen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung muss die Community sich ihre politische Schlagkraft erhalten oder sie sogar erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass auch eine der Community und ihren Anliegen aufgeschlossen gegen\u00fcber stehende Politik weiterhin den Druck und die stetigen Forderungen aus der Community ben\u00f6tigen. Und letztendlich definiert sich ein freies und selbstbestimmtes Leben eben in der Selbstbestimmung und nicht Fremdbestimmung durch andere, auch wenn die es vermeintlich gut meinen. Das erfordert aber eigene Stimmen, Anregungen und Forderungen aus der Community. Und die lebhafte und kritische Begleitung bei der Erf\u00fcllung der Forderungen.<br \/>\nUnd so wie die Umst\u00e4nde sich ge\u00e4ndert haben in denen wir heute als queere Menschen leben so hat sich auch die Community selbst ge\u00e4ndert. Sie ist selbst diverser und vielstimmiger geworden.<\/p>\n<p>Es hat sich ein breiteres Netzwerk von Organisationen gebildet. Dieses Netzwerk kann aber nur stark agieren, wenn die Zusammenarbeit im Netzwerk gelingt. Die Gegner und Feinde einer diversen und freien Gesellschaft sind gut vernetzt und gef\u00e4hrlich. Als Counterpart erfordert das aber eine Community, die sich bei aller Vielstimmigkeit immer bewusst ist, wer der tats\u00e4chliche Gegner ist und sich nicht durch interne Streitigkeiten selbst schw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Auch dabei kann und sollte der LSVD in Zukunft mithelfen. Aber das erfordert f\u00fcr einen Verband, der \u00fcber 30 Jahre gewachsen ist, sich selbst zu ver\u00e4ndern und zu erneuern, um auf der H\u00f6he der Zeit zu bleiben und nicht zu einem Relikt zu werden. Insofern ist es ein gutes Zeichen, dass sich das Schwerpunktthema des Verbandstages um die Vielfalt im Verband und seiner Erneuerung dreht. Gewissermassen als fit werden f\u00fcr die Zukunft. Wer f\u00fcr Diversit\u00e4t k\u00e4mpfen will, muss selbst divers sein. Das wird auf allen Ebenen des Verbandes Ver\u00e4nderungen notwendig machen.<\/p>\n<p>Die Erkenntnisse \u00fcber die Notwendigkeit von Ver\u00e4nderungen ist immer ein guter Anfang f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen selbst. Solche Prozesse sind nie schmerzlos und bed\u00fcrfen auch der strittigen Diskussion, um richtige Wege zu finden, die schlussendlich zu einem guten Ergebnis f\u00fchren.<br \/>\nAm Ende der Selbstreflexion und Neuausrichtung sollte ein LSVD stehen, der weiterhin seine Aufgabe als wichtige Community Organisation wahrnimmt und dazu beitr\u00e4gt die Emanzipation der LGBTIQ Community zu beenden. Die Zukunft wird zeigen, wie gut dieser Prozess gelingt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6ln \u2013 Am Wochenende findet der 35. LSVD Verbandstag statt. Erstmals wieder als Pr\u00e4senzveranstaltung. Zur Notwendigkeit einer Organisation wie d. LSVD: der Kommentar eines ehem. 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