{"id":158929,"date":"2023-01-10T16:20:20","date_gmt":"2023-01-10T15:20:20","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=158929"},"modified":"2023-01-11T06:39:08","modified_gmt":"2023-01-11T05:39:08","slug":"schweizer-studie-empfiehlt-verbot-von-konversionsmassnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/schweizer-studie-empfiehlt-verbot-von-konversionsmassnahmen\/","title":{"rendered":"Schweizer Studie empfiehlt Verbot von \u00abKonversions&shy;massnahmen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Eine Studie der ZHAW kommt zum Schluss, dass die Schweiz ein Verbot von sogenannten \u00abKonversionstherapien\u00bb braucht. Wir haben die wichtigsten Punkte aus dem Bericht zusammengefasst.<\/h3>\n<p>Am 12. Dezember 2022 stimmte der Nationalrat f\u00fcr ein landesweites Verbot von \u00abKonversionstherapien\u00bb (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nationalrat-stimmt-fuer-nationales-verbot-von-konversionstherapien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>). Nun geht die Kommissionsmotion in den St\u00e4nderat. Damit ist ein erster Schritt getan, doch es ist noch ein langer Weg: Selbst wenn beide Kammern dem Verbot zustimmen w\u00fcrden, k\u00f6nnte von Teilen der Bev\u00f6lkerung das Referendum ergriffen werden, was \u2013 sch\u00e4tzungsweise im Jahr 2024 \u2013 zu einer Abstimmung f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworter*innen des Verbots verweisen in ihrer Argumentation jeweils auf einen neuen Forschungs\u00fcberblick: Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/90443644\/Nay_Yv_E_2022_Konversionsma%C3%9Fnahmen_in_der_Schweiz_Bestehende_Forschung_Nationale_und_internationale_Policies_Politischer_Handlungsbedarf_Zu_rich_Zu_rcher_Hochschule_fu_r_angewandte_Wissenschaften_ZHAW\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studie von Yv E. Nay<\/a>\u00a0der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) fordere ein Verbot und betone die Notwendigkeit einer Sensibilisierung von Fachpersonen zu queeren Lebensweisen, um die Gesundheit von LGBTIQ nachhaltig zu st\u00e4rken. Dieser 2022 erschienene Bericht resultierte aus einem Forschungsauftrag von Pink Cross. Im Folgenden haben wir die wichtigsten Punkte daraus zusammengefasst.<\/p>\n<p><strong>Begrifflichkeit: \u00abMassnahme\u00bb statt \u00abTherapie\u00bb<\/strong><br \/>\nZun\u00e4chst bildet Yv Nay den Diskurs \u00fcber den korrekten Begriff ab und zeigt dabei, dass es gegen den Ausdruck \u00abKonversionstherapie\u00bb kritische Einw\u00e4nde gibt. Er w\u00fcrde implizieren, dass es einen Missstand gibt, der ver\u00e4ndert werden soll. Der Begriff steht damit im engen Bezug zur Pathologisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe, die im 19. Jahrhundert entstanden ist. Yv Nay und auch Organisationen wie Pink Cross und Network sprechen deshalb von \u00abKonversionsmassnahmen\u00bb.<\/p>\n<p>In der Forschung setzt sich vermehrt der Begriff \u00absexual orientation, gender identity and expression change efforts\u00bb (SOGIECE) durch. Diese Benennung ber\u00fccksichtigt auch Massnahmen zur Verhinderung von nicht normkonformen Geschlechtsidentit\u00e4ten und -ausdrucksformen.<\/p>\n<p><strong>Nachwirkungen der historischen Pathologisierung<\/strong><br \/>\nBereits seit dem 17. Jahrhundert wurde im medizinischen und psychologischen Kontext versucht, die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Selbstidentifikation zu ver\u00e4ndern \u2013 mit zum Teil absurden und grausamen Experimenten. Ab dem 19. Jahrhundert wurden beispielsweise die Hoden von sich als heterosexuell beschreibenden M\u00e4nnern in die K\u00f6rper von gleichgeschlechtlich begehrenden Cis-M\u00e4nnern implantiert. Auch Kastrationen wurden zu diesem Zweck durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wie Yv Nay aufzeigt, gr\u00fcnden die heute bekannten Formen von Konversionsmassnahmen auf diesen historisch entstandenen Pathologisierungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Homosexualit\u00e4t zwar mittlerweile schon vor 31 Jahren aus ihrem Diagnoseschl\u00fcssel gestrichen. Eine Minderheit von therapierenden und beratenden Personen habe sich dieser Entwicklung jedoch verwehrt.<\/p>\n<p><strong>Drei Settings mit fliessenden Grenzen<\/strong><br \/>\nKonversionsmassnahmen werden in medizinischen, psychotherapeutischen und religi\u00f6sen (vorwiegend christlichen, aber auch j\u00fcdisch-orthodoxen und muslimischen) Settings durchgef\u00fchrt. Es sind Methoden bekannt, die Hormonverabreichungen oder Nahrungsentzug beinhalten. Auch \u00abElektroschock-Therapien\u00bb mit Elektroden am Sch\u00e4del, im Genitalbereich oder anderen K\u00f6rperstellen, \u00abdie beim Zeigen von oder beim erzwungenen Masturbieren vor homoerotischen Bildern in Funktion treten\u00bb, sind dokumentiert.<\/p>\n<p>Die heute am weitesten verbreitete Form von Konversionsmassnahmen habe psychotherapeutischen und beraterischen Charakter. Sie gr\u00fcndet auf psychoanalytischen Theorien der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, die Homosexualit\u00e4t als verz\u00f6gerte psychosexuelle Entwicklung verstehen. Unterst\u00fctzt werden sie von konservativen Kr\u00e4ften, welche die \u00abEntwicklung zu vermehrter sozialer Akzeptanz und rechtlicher Anerkennung und Absicherung geschlechtlich und sexuell vielf\u00e4ltiger Lebens- und Identifikationsweisen\u00bb ablehnen, wie es im Bericht heisst.<\/p>\n<p><strong>Rhetorische Wende<\/strong><br \/>\nNicht nur die Forschung und die Bef\u00fcrworter*innen eines Verbotes von Konversionsmassnahmen achten auf die Wortwahl: Auch die Anbieter*innen selbst bedienen sich zunehmend eines menschenrechtlichen Vokabulars, welches das Recht auf freie Wahl und Entscheidung f\u00fcr eine Therapie betont. Wie Yv Nay schreibt, wird neuerdings nicht mehr offenkundig von \u00abKonversion\u00bb gesprochen. Vielmehr werden die weiterhin bestehenden Methoden \u00abals Unterst\u00fctzung im vermeintlichen Ringen mit der eigenen Sexualit\u00e4t und Geschlechtlichkeit und in der Erlangung sozialer Akzeptanz\u00bb bezeichnet.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00e4dliche Folgen<\/strong><br \/>\nDer wohl wichtigste Punkt in der Studie ist die Feststellung, dass Konversionsmassnahmen keinerlei positive, sondern ausschliesslich ineffiziente oder gar sch\u00e4digende Wirkungen haben. Die Forschung berichte unter anderem von sexuellen \u00dcbergriffen, Zwangssterilisierungen, Operationen ohne Zustimmung, erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr sexuell \u00fcbertragbare Infektionen, stress- und traumabedingte Depressionen und \u00c4ngste mit einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr Suizid, Drogen- und Substanzmittelabh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<p><strong>Forschungs- und Gesetzesl\u00fccken in der Schweiz<\/strong><br \/>\nIn der Schweiz ist Forschung zu Konversionsmassnahmen \u2013 im Gegensatz etwa zu Nordamerika, Grossbritannien oder Australien \u2013 nur sp\u00e4rlich vorhanden. Vor allem zwei neuere Arbeiten aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die in Yv Nays Bericht Erw\u00e4hnung finden, scheinen in diesem Zusammenhang relevant zu sein. Einerseits hat der Religionswissenschaftler und Germanist Adriano Montefusco unter anderem deutlich gemacht, dass die Dachorganisation Schweizerische Evangelische Allianz ein Arbeitspapier zum Thema ver\u00f6ffentlicht hat, das gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung als Identit\u00e4tsst\u00f6rung pathologisiert und mit P\u00e4dophilie verkn\u00fcpft. Dieses Arbeitspapier dient als Leitlinie f\u00fcr die \u00abTherapeut*innen\u00bb.<\/p>\n<p>In einer rechtswissenschaftlichen Forschungsarbeit aus dem Jahr 2022 folgert andererseits Davide Gioiello, dass hoheitliche Schutzmassnahmen gegen\u00fcber der Verletzung der sexuellen Integrit\u00e4t und Selbstbestimmung sowie der Freiheitssph\u00e4re f\u00fcr eine rechtliche Regulierung von Konversionsmassnahmen sprechen.<\/p>\n<p><strong>Handlungsempfehlungen<\/strong><br \/>\nDie wichtigste und aus wissenschaftlicher Sicht einzig richtige Schlussfolgerung, die Yv Nay in der Studie zieht, lautet: Konversionsmassnahmen sollen in der Schweiz m\u00f6glichst umfassend (unter anderem im Gesundheitswesen, im Erziehungswesen und in religi\u00f6sen Institutionen) rechtlich geregelt und durch Sanktionen unterbunden werden. Nationale medizinische, psychiatrische und psychologische Vereinigungen sollen zudem proaktiv die Ausbildung zu Themen der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt entwickeln und f\u00f6rdern und \u00fcber die sch\u00e4digende Wirkung von Konversionsmassnahmen aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Internationaler Vergleich<\/strong><br \/>\nIn vielen L\u00e4ndern ist man bereits weiter als in der Schweiz: Vollst\u00e4ndig verboten sind \u00abKonversionstherapien\u00bb in Europa bisher laut LGBTIQ-Organisation ILGA-Europe in Frankreich und Malta\u00a0<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/frankreichs-parlament-beschliesst-verbot-von-konversionstherapien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. In Deutschland, Griechenland sowie einigen spanischen Regionen d\u00fcrfen diese Massnahmen nicht an Minderj\u00e4hrigen ausgef\u00fchrt werden\u00a0<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/deutschland-verbietet-konversionsbehandlungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Gem\u00e4ss Yv Nay umfassen die Sanktionen Geldstrafen im Bereich von einigen Tausend bis mehreren 100\u2018000 Euro und Gef\u00e4ngnisstrafen zwischen einigen Monaten bis hin zu mehreren Jahrzehnten. In Belgien, Irland (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/grausames-vorgehen-irland-will-konversionstherapien-verbieten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>), den Niederlanden, Polen, Portugal und in Spanien sind nationale Gesetzesentw\u00fcrfe diesbez\u00fcglich in Erarbeitung.<\/p>\n<p>Die Verbote f\u00fchren dazu, dass sich Anbietende von Konversionsmassnahmen in benachbarte Staaten zur\u00fcckziehen. Ein Bericht von 2022 \u00fcber die Situation in Europa von David De Groot nennt dabei ausdr\u00fccklich die Schweiz als Zufluchtsort f\u00fcr die ber\u00fcchtigten \u00abHomoheiler\u00bb. 2020 berichteten wir dar\u00fcber, wie der Nachfolgeverein von W\u00fcstenstrom <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wuestenstrom-flieht-vor-konversionstherapie-verbot-in-die-schweiz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vor dem deutschlandweiten Verbot in die Schweiz \u00abfl\u00fcchtete\u00bb<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie der ZHAW kommt zum Schluss, dass die Schweiz ein Verbot von sogenannten \u00ab#Konversionstherapien\u00bb braucht. 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