{"id":149619,"date":"2022-09-21T13:02:15","date_gmt":"2022-09-21T11:02:15","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=149619"},"modified":"2022-09-21T15:09:55","modified_gmt":"2022-09-21T13:09:55","slug":"fassbinder-auf-franzoesisch-francois-ozons-film-ueber-die-liebe-zweier-maenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/fassbinder-auf-franzoesisch-francois-ozons-film-ueber-die-liebe-zweier-maenner\/","title":{"rendered":"Fassbinder auf Franz\u00f6sisch: Ozons Film \u00fcber die Liebe zweier M\u00e4nner"},"content":{"rendered":"<h3>Im Interview mit Patrick Heidmann spricht der schwule Filmemacher Fran\u00e7ois Ozon aus Paris \u00fcber seinen neuen Film \u00abPeter von Kant\u00bb, die Liebe zu Fassbinder und das Spiel mit Gender-Rollen.<\/h3>\n<p>Dass Rainer Werner Fassbinder f\u00fcr Fran\u00e7ois Ozon ein grosses Vorbild ist, war nie ein Geheimnis. Nicht umsonst inszenierte der Franzose schon fr\u00fch in seiner Karriere dessen St\u00fcck \u00abTropfen auf heisse Steine\u00bb, und die Arbeit mit Schauspielerinnen liebt der schwule Filmemacher aus Paris genauso wie sein 1982 verstorbener bisexueller Kollege aus M\u00fcnchen. Mit \u00abPeter von Kant\u00bb, in dem sich 1972 ein deutscher Filmemacher (Denis M\u00e9nochet) in einen jungen Schauspieler (Khalil Gharbia) verliebt, setzt sich Ozon nun so explizit wie nie mit Fassbinder auseinander. Wir trafen den 54-j\u00e4hrigen anl\u00e4sslich der Weltpremiere auf der Berlinale zum Interview.<\/p>\n<p><strong>Monsieur Ozon, Ihr neuer Film \u00abPeter von Kant\u00ab ist eine freie Adaption von Fassbinders \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb. Glauben Sie, dass ihm der Film gefallen w\u00fcrde?<\/strong><br \/>\nDar\u00fcber habe ich w\u00e4hrend der Arbeit nicht wirklich nachgedacht. Seine Witwe Juliane Lorenz hat mir immerhin die Rechte zur Verf\u00fcgung gestellt, also gehe ich zumindest mal davon aus, dass meine Ideen nicht v\u00f6llig im Widerspruch zu seinem Werk stehen. Worum es mir ja auf keinen Fall ging, war ein Remake von \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb. Was ich im Sinn hatte war eher etwas, was ja auch Theaterregisseure machen. Die nehmen ein altes Shakespeare- oder Moli\u00e8re-St\u00fcck und interpretieren es auf ihre Weise, unabh\u00e4ngig davon, was andere daraus schon gemacht haben. Ich wollte Fassbinders Kult-St\u00fcck aus meiner franz\u00f6sischen Perspektive erz\u00e4hlen und mit den Gender-Rollen spielen.<\/p>\n<p><strong>Wie ver\u00e4ndert sich f\u00fcr Sie die Geschichte dadurch, dass es hier nun um die Liebe zwischen zwei M\u00e4nnern und nicht zwischen zwei Frauen geht?<\/strong><br \/>\nEigentlich gar nicht. Die Dynamik was das Machtverh\u00e4ltnis, die Abh\u00e4ngigkeiten und die Erotik angeht, bleibt praktisch gleich, egal ob im Zentrum ein Mann oder eine Frau steht. Aber eine Neuverfilmung mit Frauen h\u00e4tte ich einfach witzlos gefunden. Schon allein, weil keine Schauspielerin Margit Carstensen w\u00fcrde toppen k\u00f6nnen. In Frankreich wird das St\u00fcck oft neu auf die B\u00fchne gebracht, aber keine Inszenierung kann je mit Fassbinders Film mithalten, weil keine Hauptdarstellerin so gut in der Rolle ist wie Carstensen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/YXqVX9V_vCM\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Trotz der Ver\u00e4nderungen sp\u00fcrt man doch sicherlich einen gewissen Druck, wenn man sich eines solchen Klassikers annimmt, oder?<\/strong><br \/>\nKlar, zumal mir Fassbinders Werk allgemein sehr viel bedeutet und \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb einer meiner Lieblingsfilme ist. Als ich damals sein St\u00fcck \u00abTropfen auf heisse Steine\u00bbverfilmt habe, war das einfacher, weil kaum jemand die Vorlage kannte. Ich habe daraus gemacht, was ich wollte, und hatte nie Angst, dass mir jemand vorwirft, ich h\u00e4tte Fassbinders Vision verraten oder so. Das war bei \u00abPeter von Kant\u00bb nun nat\u00fcrlich ganz anders, deswegen war ich durchaus nerv\u00f6s. Aber ich habe mich zum Beispiel mit meinem guten Freund Thomas Ostermeier von der Berliner Schaub\u00fchne dar\u00fcber unterhalten, der mich in meiner Idee, mir nochmal Fassbinder vorzukn\u00f6pfen, sehr best\u00e4rkt hat. Ausserdem war der Stoff perfekt f\u00fcr einen Film, den wir im Corona-Lockdown gedreht haben. Schliesslich spielt \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb nur in einem einzigen Raum. Bei mir ist jetzt eine Wohnung das Setting.<\/p>\n<p><strong>Woher kommt eigentlich Ihr enger Bezug zu Fassbinder und seinem Werk?<\/strong><br \/>\nIch habe seine Filme als Student f\u00fcr mich entdeckt, auf der Suche nach meinem eigenen Stil als Regisseur. Die Freiheit, die er in seiner Arbeit an den Tag legte, faszinierte mich sofort. Man hatte nie das Gef\u00fchl, dass er sich festlegt auf ein bestimmtes Genre oder eine Bildsprache; man musste bei ihm immer mit etwas Neuem rechnen. Ausserdem merkt man seinen Filmen das Vergn\u00fcgen an, das ihm das Drehen bereitete. Er hat mir wirklich die Augen ge\u00f6ffnet und dabei geholfen, der Filmemacher zu werden, der ich nun bin. Irgendwie ist er mein grosser Bruder im Geiste, auch wenn wir uns nat\u00fcrlich nie begegnet sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_149626\" aria-describedby=\"caption-attachment-149626\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-medium wp-image-149626\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 300 183'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-300x183.jpg\" alt=\"Regisseur Fran\u00e7ois Ozon (Foto: Jens Kalaene\/dpa)\" width=\"300\" height=\"183\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-300x183.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-425x260.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-768x469.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-561x343.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-265x162.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-531x325.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-364x222.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-728x445.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-608x372.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-758x463.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-79x48.jpg 79w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-157x96.jpg 157w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010-400x244.jpg 400w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/273834010.jpg 900w\" data-sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-149626\" class=\"wp-caption-text\">Regisseur Fran\u00e7ois Ozon (Foto: Jens Kalaene\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sie haben in \u00abPeter von Kant\u00bb nun den Protagonisten zu einem Regisseur gemacht, in dem man auch Fassbinder wiedererkennen kann. Aber ist er auch Ihre eigenes Alter Ego?<\/strong><br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich. Jeder Regisseur wird sich in ihm wiedererkennen, denn in jedem Regisseur steckt auch ein kleiner Diktator. Wer einen Film macht, ist ein Sch\u00f6pfer und kreiert eine Welt, also f\u00fchlt man sich nat\u00fcrlich bis zu einem gewissen Grad wie ein Gott. Und es lag auf der Hand, dass Peter von Kant nun ein Regisseur ist, schliesslich ist es kein Geheimnis, dass \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb f\u00fcr Fassbinder auch ein Selbstportr\u00e4t war, in dem er seine Liebe zu seinem Schauspieler G\u00fcnter Kaufmann verarbeitet hat. Das kenne ich so nicht; meine Beziehungen zu den Menschen, mit denen ich arbeite, sind andere als die, die wir nun in meinem Film sehen. Aber identifizieren kann ich mich mit ihm trotzdem. Wie ich das \u00fcberhaupt immer mit meinen Figuren tue. Anderenfalls k\u00f6nnte ich sie wohl auch nicht als wahrhaftig und menschlich darstellen.<\/p>\n<p><strong>Wollen Sie auch geliebt werden?<\/strong><br \/>\nVon der Kritik? Klar, irgendwie\u2026 Wobei, so wirklich schere ich mich darum nicht. Ich w\u00fcnsche mir, dass meine Filme geliebt werden. Ich als Person brauche das nicht. Da bin ich anders als Fassbinder oder Peter von Kant. Dieses Leiden daran, dass man sich ungeliebt f\u00fchlt, kenne ich nicht. Liebe habe ich zuhause genug, keine Sorge.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/qkEjl6s4-Kw\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Und wie steht es mit Ihrer Beziehung zu Ihren Schauspielerinnen? Kennen Sie viele, die undankbare Idiotinnen sind, wie es in \u00abPeter von Kant einmal heisst?<\/strong><br \/>\nSehr viele sogar, selbstverst\u00e4ndlich! Ich k\u00f6nnte Ihnen eine ganze Liste schreiben. Das Wort \u00abundankbar\u00bb stammt in diesem Kontext tats\u00e4chlich von mir, aber Fassbinder hat mal gesagt, alle Schauspielerinnen seien Idiotinnen.<\/p>\n<p><strong>Sie zollen Fassbinder im Film auf verschiedene Weise Tribut, unter anderem h\u00f6rt man in \u00abPeter von Kant\u00bb Isabelle Adjanis Version des Songs \u00abEach Man Kills the Thing He Loves\u00bb, den einst Jeanne Moreau in seinem letzten Film \u00abQuerelle\u00bb gesungen hat\u2026<\/strong><br \/>\nFr\u00fcher war ich kein allzu grosser Fan der sp\u00e4ten Fassbinder-Filme, doch irgendwann entdeckte ich auch seine letzte Schaffensphase f\u00fcr mich. Inzwischen liebe ich \u00abVeronika Voss\u00bb oder eben \u00abQuerelle\u00bb, die Filme, bei denen er endlich mal ein bisschen Geld zu seiner Verf\u00fcgung hatte. Ich fand es spannend, einen seiner Stoffe aus der ersten Karriereh\u00e4lfte, wo er immer mit den gleichen Leuten und minimalen Budgets gearbeitet hat, in einem Stil umzusetzen, der eher seinem von Hollywood inspirierten Sp\u00e4twerk entspricht.<\/p>\n<p><strong>Ausserdem spielt Hanna Schygulla nun in Ihrem Film mit, seine vielleicht wichtigste Kollaborateurin \u00fcberhaupt, die in \u00abDie bitteren Tr\u00e4nen der Petra von Kant\u00bb auch mit von der Partie war. Mussten Sie sie lange \u00fcberreden?<\/strong><br \/>\nWir hatten kurz zuvor schon bei \u00abAlles ist gut gegangen\u00bb zusammengearbeitet, und zum Gl\u00fcck war sie sofort angetan von dem Gedanken, auch in \u00abPeter von Kant\u00bb mitzuspielen. Dass sie nun die Mutter des Protagonisten spielt, ist nat\u00fcrlich besonders bedeutsam, schliesslich kannte Hanna Fassbinders echte Mutter sehr gut. Entsprechend hatte sie viele Ideen f\u00fcr diese Rolle.<\/p>\n<p><strong>Schwelgte Sie mit Ihnen in Erinnerungen an damals?<\/strong><br \/>\nIch habe nat\u00fcrlich wahnsinnig viele Fragen gestellt und habe mich sehr gefreut, dass sie mir viel von damals erz\u00e4hlt hat. Aber es kam auch der Punkt, wo sie fand, dass es genug war. Alles wollte sie mir dann doch nicht verraten, und ich glaube, es gibt ein paar Geheimnisse von damals, die sie mit ins Grab nehmen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview mit MANNSCHAFT+ spricht der #schwule Filmemacher Fran\u00e7ois Ozon aus #Paris \u00fcber seinen neuen Film, die #Liebe zu Fassbinder und das Spiel mit #Gender-Rollen #LGBTIQ #queer <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/fassbinder-auf-franzoesisch-francois-ozons-film-ueber-die-liebe-zweier-maenner\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":28,"featured_media":149631,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4371,2534],"tags":[5539],"wps_subtitle":"Der schwule Filmemacher spielt in \u00abPeter von Kant\u00bb mit Gender-Rollen","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/149619"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/28"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=149619"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/149619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149663,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/149619\/revisions\/149663"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/149631"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=149619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=149619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=149619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}