{"id":148743,"date":"2022-09-16T16:23:14","date_gmt":"2022-09-16T14:23:14","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=148743"},"modified":"2022-09-19T08:49:02","modified_gmt":"2022-09-19T06:49:02","slug":"sehr-geehrte-damen-und-herren-vom-umgang-mit-schwierigen-woertern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/sehr-geehrte-damen-und-herren-vom-umgang-mit-schwierigen-woertern\/","title":{"rendered":"\u00abSehr geehrte Damen und Herren\u00bb \u2013 Vom Umgang mit schwierigen W\u00f6rtern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welche W\u00f6rter darf man heute sagen? Und bei welchen l\u00e4sst man es besser bleiben? Diese Fragen f\u00fchren oft zu spannungsgeladenen Debatten. Ein Buch hat eine Vielzahl von Begriffen gesammelt, die als problematisch gelten. Manche davon \u00fcberraschen.<\/strong><\/p>\n<p><i class=\"lang-de\"><span class=\" readonly\" title=\"\">Von Silke Sullivan, dpa<\/span><\/i><\/p>\n<p>Wenn es um den Umgang mit Sprache geht, kann es schnell ungem\u00fctlich werden. Das zeigen Debatten wie j\u00fcngst \u00fcber <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/autor-martin-suter-haelt-nicht-viel-vom-gendern\/\">gendergerechte Sprache<\/a> oder diskriminierende, rassistische Begriffe. Vor allem in den sozialen Medien wird dabei nicht zimperlich miteinander umgegangen. Neben sachlicher Kritik finden sich dort h\u00e4ufig masslose Vorw\u00fcrfe \u2013 von allen Seiten. Wer \u00abfalsch\u00bb spricht, steht schnell am \u00f6ffentlichen Pranger. Wer Ver\u00e4nderung fordert, sieht sich nicht selten dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt. Das alles sorgt f\u00fcr Polarisierung und Verunsicherung. H\u00e4ufig steht dann die Frage im Raum, was man heute eigentlich noch sagen darf.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/autor-martin-suter-haelt-nicht-viel-vom-gendern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mehr zum Thema: Erfolgsautor Martin Suter h\u00e4lt nicht viel vom Gendern. Er habe nicht mehr genug Lebenszeit, sich damit zu befassen\u00a0<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein neues Buch gibt bei diesem Thema einen \u00dcberblick. F\u00fcr \u00abKaputte W\u00f6rter? &#8211; Vom Umgang mit heikler Sprache\u00bb hat der <em>Welt<\/em>-Journalist Matthias Heine rund 80 W\u00f6rter gesammelt, die heute als diskriminierend, problematisch und gestrig bezeichnet werden \u2013 fr\u00fcher aber auch als \u00abdurchaus neutral\u00bb galten, wie er schreibt.<\/p>\n<p>Die W\u00f6rter sind alphabetisch gegliedert. Das macht das Lesen \u00fcbersichtlich und einfach. Es geht los mit A wie Abtreibung und endet mit Z wie Zwerg. Dazwischen finden sich E wie Eskimo, M wie Milch (als Bezeichnung f\u00fcr vegane Milchalternativen) und S wie Schamlippen.<\/p>\n<p>Jedes Kapitel ist aufgeteilt in Ursprung und Gebrauch des Wortes und der Kritik an ihm. Am Ende jeden Abschnitts gibt der Autor eine subjektive Einsch\u00e4tzung. Dabei will er sich nicht als \u00abSprachpolizei\u00bb oder \u00abAnti-Sprachpolizei\u00bb verstanden wissen, betont er, sondern zum Weiterdenken anregen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, warum die W\u00f6rter in der Kritik standen und stehen, sind vielf\u00e4ltig. H\u00e4ufig geht es darum, dass sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen f\u00fcr ihre Rechte und f\u00fcr Respekt einsetzen. (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/heute-sagen-wir-nicht-mehr-schwul-die-reue-der-comedystars\/\">MANNSCHAFT berichtete \u00fcber diskriminierende Comedy<\/a>)<\/p>\n<p>So spielt das Thema geschlechtergerechte und geschlechtsneutrale Sprache bei vielen Begriffen eine Rolle. Einmannpackung etwa ist aus dem Grund problematisch geworden \u2013 die Bundeswehr nennt diese seit Kurzem daher Einpersonenpackung. Auch auf die Anrede \u00abSehr geehrte Damen und Herren\u00bb wird immer h\u00e4ufiger verzichtet, um <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/nicht-binaeres-leben-ist-noch-ein-blinder-fleck-in-der-gesellschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen<\/a>, nicht auszuschliessen. Grosses Aufregerpotenzial bei dem Thema hat seit einigen Jahren die Bedeutung des Wortes \u00abFrau\u00bb und die Frage, ob trans Frauen Frauen sind.<\/p>\n<p>Andere W\u00f6rter werden ge\u00e4ndert, um Rassismus und Diskriminierung zu vermeiden. Dazu geh\u00f6ren die Bezeichnungen bestimmter Gerichte, wie eine Schnitzel-Art, die jetzt unter anderem Balkanschnitzel genannt wird, oder die fr\u00fcher g\u00e4ngige Bezeichnung f\u00fcr Schokok\u00fcsse.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich das N-Wort. Damit wird eine fr\u00fcher gebr\u00e4uchliche rassistische Bezeichnung f\u00fcr Schwarze umschrieben. In der Debatte, die regelm\u00e4ssig aufploppt, geht es nun um die Frage, ob das eigentliche Wort in Zitaten, Literatur und historischen Quellen verwendet werden darf. Heine schreibt es aus, weil er bezweifelt, dass es durch die Abk\u00fcrzung \u2013 f\u00fcr die man, um sie zu verstehen, das eigentliche Wort kennen muss \u2013 verschwindet.<\/p>\n<p>Um andere W\u00f6rter wird dagegen nicht mehr gestritten. Dazu geh\u00f6ren Liliputaner als Bezeichnung f\u00fcr kleinwu\u0308chsige Menschen, mongoloid, womit lange Menschen mit dem Down-Syndrom bezeichnet wurden oder die Anrede \u00abFr\u00e4ulein\u00bb f\u00fcr unverheiratete Frauen. Sie alle funktionieren nicht mehr und sind aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden.<\/p>\n<p>Wie sehr dagegen manche W\u00f6rter verunsichern k\u00f6nnen, zeigt sich etwa beim Wort Jude. Viele Deutsche haben Hemmungen, es zu verwenden. Sogar im Duden findet sich der Hinweis, dass die Bezeichnung wegen der Erinnerung an den nationalsozialistischen Sprachgebrauch gelegentlich als diskriminierend empfunden wird. Der Pr\u00e4sident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sah sich deswegen Anfang des Jahres zu einer Erkl\u00e4rung veranlasst: Das Wort Jude sei f\u00fcr ihn weder ein Schimpfwort noch diskriminierend.<\/p>\n<p>Wer ins Ausland blickt, der wird feststellen, dass dort die Debatten zu manchen W\u00f6rtern zuweilen fortgeschrittener sind als in Deutschland. Das englische \u00c4quivalent zu \u00abbemannt\u00bb etwa wird von der US-amerikanischen Weltraumbeh\u00f6rde Nasa seit den Nullerjahren aus Gr\u00fcnden gendersensibler Sprache vermieden. Deutsche Medien dagegen verwenden es auch heute noch \u2013 etwa wenn sie \u00fcber die Raumfahrt berichten. (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/klage-gegen-gendersprache-leitfaden-bei-audi-abgewiesen\/\">MANNSCHAFT berichtete \u00fcber die Klage eines VW-Mitarbeiters gegen Gendersprache<\/a>)<\/p>\n<p>Welchen Einfluss politische Entwicklungen auf Sprache haben, zeigen sowohl deutsche St\u00e4dtenamen in Polen und Russland (wer etwa Breslau statt <em>Wroclaw<\/em> sagte, stand lange unter Revanchismusverdacht &#8211; heute ist das allerdings nicht mehr so) als auch Forderungen &#8211; etwa ukrainischer Politiker seit Beginn des Krieges in der Ukraine \u2013 die ukrainische Hauptstadt aus Respekt mit der ukrainischen Schreibweise <em>Kyjiw<\/em> oder <em>Kyiv<\/em> zu benennen, und nicht mit der russischen <em><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/angriff-auf-lgbtiq-zentrum-in-kiew-spenden-erbeten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kiew<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist, wie der Gebrauch von Messengerdiensten wie Whatsapp Sprache ver\u00e4ndern kann. Der Punkt etwa ist laut einer Studie der Universit\u00e4t Birmingham unter J\u00fcngeren zu einem \u00abgef\u00e4hrlichen Satzzeichen\u00bb geworden. Ihr zufolge werden im Englischen Textnachrichten, die mit einem Punkt enden, von j\u00fcngeren Empf\u00e4nger*innen als unfreundlich wahrgenommen. Punkte am Satzende seien bei j\u00fcngeren Nutzer*innen in Textnachrichten die grosse Ausnahme, der Ton von S\u00e4tzen mit Punkt werde mittlerweile von ihnen als abrupt und w\u00fctend empfunden, erkl\u00e4rte etwa der Linguist Owen McArdle aus Cambridge.<\/p>\n<p>Die vielen Fakten, die Heine zusammengetragen hat, machen das Buch zu einer kurzweiligen Lekt\u00fcre. So erf\u00e4hrt man, dass mit Afrika im Jahr 202 vor Christus nicht der gesamte Kontinent gemeint war, sondern nur die r\u00f6mische Provinz Africa im heutigen Tunesien. Und wer h\u00e4tte gedacht, dass obdachlos und behindert im 19. Jahrhundert eingef\u00fchrt wurden, um damals als abwertend wahrgenommene Begriffe wie Landstreicher und verkr\u00fcppelt zu ersetzen. Heute stehen die beiden W\u00f6rter selbst in der Kritik.<\/p>\n<p>Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Heine zu bestimmten W\u00f6rter und den Umgang mit ihnen denkt. Der Wunsch nach einem weniger schrillen Ton bei manchen Sprachk\u00e4mpfen und mehr offenen demokratischen Diskussionen, mag viele Lesende dagegen \u00fcberzeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Eskimo und #obdachlos Ein neues Buch sammelt eine Vielzahl von Begriffen, die als problematisch gelten. Manche davon \u00fcberraschen. 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