{"id":146693,"date":"2022-08-21T12:43:32","date_gmt":"2022-08-21T10:43:32","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=146693"},"modified":"2022-08-23T09:37:52","modified_gmt":"2022-08-23T07:37:52","slug":"ich-bin-es-leid-dass-andere-fuer-mich-entscheiden-was-verletzend-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ich-bin-es-leid-dass-andere-fuer-mich-entscheiden-was-verletzend-ist\/","title":{"rendered":"\u00abIch bin es leid, dass andere f\u00fcr mich entscheiden, was verletzend ist!\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Letzte Woche: Der FC St. Gallen schl\u00e4gt Luzern zuhause mit 4:1. Das \u00e4rgerte Torwart Marius M\u00fcller so sehr, dass er eine homofeindliche Schimpftirade losliess. Dazu ein Gastkommentar* von Unternehmer <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/zeugen-jehovas-ich-bin-schwul-und-deswegen-kein-besserer-oder-schlechterer-chef\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Adrian Berchtold<\/a>.<\/h3>\n<p>Vor einigen Tagen t\u00e4tigte der Fussballspieler des FC Luzern, Marius M\u00fcller, in zwei Interviews homophobe Aussagen <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/disziplinarverfahren-gegen-marius-mueller-nach-schwulenfeindlichem-spruch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Umgehend ver\u00f6ffentlichten Spieler und Club mit PR-Floskeln angereicherte Sorry-Statements. M\u00fcller ist Deutscher, und so zog die Geschichte ihre Kreise bis in die deutsche Tagespresse. Deren Kommentarrubriken waren anschliessend voller Beitr\u00e4ge von Menschen, die die Reaktionen und Sanktionen wegen M\u00fcllers Entgleisungen \u00fcbertrieben oder gar unn\u00f6tig empfanden. Es sei \u00aballes im Eifer des Gefechts gewesen\u00bb, \u00abin einem emotionalen Ausnahmezustand\u00bb und \u00abnicht so gemeint\u00bb, musste ich in den letzten Tagen oft lesen. F\u00fcr einen heterosexuellen Menschen mag das vielleicht sogar so erscheinen. Aber wom\u00f6glich haben bei dir diese Kommentare (oder die Anzahl) wie bei mir einiges ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Wenn eine Person \u00abes\u00bb in normalen Gespr\u00e4chen unterdr\u00fccken kann und im emotionalen Zustand nicht, frage ich mich, wie tief im Unterbewusstsein muss dann bei dieser Person die negative Assoziation sein oder was wurde ihr von zuhause mit auf den Weg gegeben?<\/p>\n<p>Und dann frage ich mich weiter: Bei wie vielen Menschen, denen ich tagt\u00e4glich begegne, laufen die selben Gedankenmuster im Kopf ab? Wie viele Menschen, die zu mir gute Miene machen, w\u00fcrden auch so einen Kommentar unter einen Artikel setzen? Wie akzeptiert ist Homosexualit\u00e4t in der Gesellschaft denn nun wirklich? Was wird zuhause an den K\u00fcchentischen tats\u00e4chlich gesprochen, im Beruf, in der M\u00e4nnerrunde, auf Familienfesten und in der Umkleidekabine beim Sport?<\/p>\n<p>Ich denke auch an heranwachsende Menschen die auf ihr Idol, wie eben so einen Fussballspieler, hinaufschauen. Menschen, die in konservativen Strukturen aufwachsen und sich tagt\u00e4glich solche Bemerkungen anh\u00f6ren m\u00fcssen. Queere Menschen im Sport, die wegen solchen Erlebnissen nicht Mut finden k\u00f6nnen, in der \u00d6ffentlichkeit zu sich zu stehen. Oder Menschen wie ich einer war, f\u00fcr den solche Aussagen immer wieder Grund waren, sich \u00fcber Jahre hinweg nicht outen zu k\u00f6nnen. Worte haben eben mehr Gewicht, als wir oft glauben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Coming-out von R&amp;B-S\u00e4nger Tevin Campbell: Der einstige Kinderstar betont, wie wichtig queere Repr\u00e4sentation f\u00fcr junge schwarze M\u00e4nner sei<\/em> <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/es-ist-etwas-alltaegliches-coming-out-von-rb-ikone-tevin-campbell\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(mehr)<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ich bin Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Co-Owner einer kleinen Teppichmanufaktur in der Schweiz und schwul. Unsere Mitarbeitenden, Lieferant*innen und Kund*innen kommen aus der ganzen Welt. Verschiedenste Kulturen, Religionen und Lebensentw\u00fcrfe kommen so zusammen. Ich sehe meinen Beruf als Geschenk, einen kleinen Teil der Gemeinschaft und die Textilindustrie in der Schweiz mitzugestalten.<\/p>\n<p>Dieser Einfluss bedeutet auch, dass meine Aussagen und T\u00e4tigkeiten eine gewisse Tragweite besitzen. Bei Weitem nicht die eines bekannten Fussballers. Doch es gibt Menschen, die meine Aussagen \u2013 hoffe ich zumindest &#8211; ernst nehmen. Klar, ich k\u00f6nnte als Mann Witze \u00fcber Frauen reissen. Wenn meine beiden Mitarbeiter aus dem Tibet mit am Tisch sitzen, k\u00f6nnte ich irgendeine flapsige Bemerkung \u00fcber eine fremde Kultur machen.<\/p>\n<p>Ich kann mich aber auch selbst weiterbilden, an meiner Empathie arbeiten und solche Aussagen nicht machen, ich habe die Wahl. Der Fussballer kann es auch. Wenn er schon in seinem Statement sagt, er kenne viele Homosexuelle, und Diskriminierung entspreche nicht seinen Werten, dann kann er doch seinen Wortschatz entsprechend anpassen. Auch abseits des Scheinwerferlichts, das w\u00e4re dann noch viel ehrlicher. Der Chef kann es, der Trainer der Heranwachsenden, die Kassiererin um die Ecke, die Lehrerin, Eltern von Kindern \u2013 alle k\u00f6nnen es.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Sexistische und herabw\u00fcrdigende Kommentare geh\u00f6ren auch weiterhin zum Alltag im deutschen Frauenfussball. Der sei \u00abwie Pferderennen, nur auf Eseln\u00bb lautet einer der Spr\u00fcche<\/em> <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/wie-fuehlt-sich-das-an-wenn-man-keine-frau-liebt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(mehr)\u00a0<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Und wer bestimmt denn nun was richtig und falsch ist? In den Kommentaren las ich immer wieder \u00abman d\u00fcrfe heute nichts mehr sagen\u00bb. Falsch!<\/p>\n<p>Als erwachsener Mensch muss ich mir meiner Handlungen und deren Folgen bewusst sein \u2013 grunds\u00e4tzlich bei jedem Schritt, den ich tue. Ich sollte ja auch nicht im Strassenverkehr einem Menschen, der mir den Vortritt nimmt, eine schmieren und dann sagen \u00abwar halt ein emotionaler Ausnahmezustand\u00bb. Vielleicht ist das Beispiel \u00fcberspitzt, aber du verstehst, glaube ich, was ich meine.<\/p>\n<p>Meine \u00e4ltere Schwester verstarb eine Woche nach ihrer Geburt an einer schweren Behinderung und ich kam 2 Monate zu fr\u00fch auf die Welt, bekam bei der Geburt zu wenig Sauerstoff. Ich entging nur knapp einer Cerebralparese. Wenn du deinen besten Kumpel, der sich daneben benimmt, \u201ebehindert\u00bb nennst, ist das f\u00fcr meine Eltern und mich nicht einfach so eine flapsige Bemerkung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es eben auch nicht lustig, wenn jemand in der M\u00e4nnerrunde von einem \u00abHinterlader\u00bb spricht oder seinem Arbeitskollegen sagt, er halte das Glas \u00abschwul\u00bb. Genauso wie ich als Teil einer diskriminierten Community auch der \u00dcberzeugung bin, dass ich als weisser Mann nicht definieren soll, welche Begriffe f\u00fcr People of Colour in Ordnung sind. Beinahe schon l\u00e4cherlich finde ich die Versuche von alten M\u00e4nnern, in Fernsehdebatten Argumente gegen das Gendern zu finden.<\/p>\n<p>Unwissen oder Unachtsamkeit haben bestimmt auch schon bei mir zu Bemerkungen gef\u00fchrt, die Menschen verletzten, wie wohl jedem Menschen schon, wir sind alle nicht perfekt. Die Frage, die man sich in so einem Moment glaube ich stellen muss, ist: Will ich an der Bemerkung festhalten, weil man sonst irgendwann \u00abnichts mehr sagen darf\u00bb oder w\u00e4re es nicht besser, an einer Zukunft mit Terminologien, die nicht diskriminierend sind, zu arbeiten? Unsere Werte und unsere Sprache entwickeln sich weiter, das taten sie immer schon und das werden sie immer tun.<\/p>\n<blockquote><p>Nicht-Betroffene m\u00fcssen endlich lernen, dass nicht sie entscheiden d\u00fcrfen, was homophob ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht-Betroffene m\u00fcssen meiner Meinung nach endlich lernen, dass nicht sie entscheiden d\u00fcrfen, was beleidigend, homophob, frauenfeindlich, rassistisch, gendergerecht etc. ist. Diese Einsch\u00e4tzung \u2013 die sehr individuell ist \u2013 soll alleine der jeweilige Person, die betroffen ist, zustehen. Sie darf bestimmen, welche Bezeichnung sie passend oder unpassend empfindet. Sie soll sagen d\u00fcrfen, wenn sie sich nicht respektiert f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Alle anderen haben dies zu akzeptieren. Sie sollen ihre Aussagen und Meinungen im besten Fall \u00fcberdenken. K\u00f6nnen sie dies nicht, sollen sie zum Thema, das sie gar nicht betrifft, einfach schweigen.<\/p>\n<p>Ich bin ich es leid, dass andere f\u00fcr mich entscheiden, was f\u00fcr mich verletzend ist und was ich akzeptieren muss.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen LGBTIQ-Thema. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Luzern-Torwart Marius M\u00fcller hat vor einer Woche einen homofeindlichen Spruch gemacht. Einige haben ihn danach in Schutz genommen: Es war ja \u00abnicht so gemeint\u00bb. Dazu unser #Kommentar  <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ich-bin-es-leid-dass-andere-fuer-mich-entscheiden-was-verletzend-ist\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":146062,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3270,1340,4447],"tags":[5459,1401,5543],"wps_subtitle":"Der Kommentar zu M\u00fcllers Spruch vom \u00abschwulen Weggedrehe\u00bb und den Reaktionen darauf","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146693"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=146693"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146693\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":146701,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146693\/revisions\/146701"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/146062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=146693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=146693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=146693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}