{"id":143018,"date":"2022-07-09T16:53:34","date_gmt":"2022-07-09T14:53:34","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=143018"},"modified":"2022-07-11T08:17:21","modified_gmt":"2022-07-11T06:17:21","slug":"queere-schauspielerinnen-wollen-nicht-bloss-queers-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/queere-schauspielerinnen-wollen-nicht-bloss-queers-spielen\/","title":{"rendered":"\u00abQueere Schauspielende wollen nicht bloss Queers spielen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>N\u00e4chste Woche startet die neue Dramedy-Serie \u00abDamaged Goods\u00bb auf Amazon Prime. Der Newcomer Antonije Stankovic spielt darin den schwulen Hugo, der sich mit seiner Chaos-Clique durch Herzschmerz, Existenz\u00e4ngste und andere Widrigkeiten des Lebens hilft.<\/h3>\n<p><strong>Antonije, in der neuen Serie \u00abDamaged Goods\u00bb spielst du Hugo, einen schwulen jungen Mann, der als Flugbegleiter jobbt und damit besch\u00e4ftigt ist, seinen Platz im Leben zu finden. Wurde f\u00fcr diese Rolle explizit nach einem queeren Schauspieler gesucht?<\/strong><br \/>\nDas weiss ich ehrlich gesagt nicht genau. Die Diskussion, dass queere Rollen mit queeren Schauspieler*innen besetzt werden sollen, wurde zu dem Zeitpunkt noch nicht so lautstark gef\u00fchrt, wie es aktuell der Fall ist. Verpflichtend war eine solche Besetzung bei der Serie definitiv nicht, denn es gibt auch queere Nebenfiguren, die von nicht-queeren Menschen verk\u00f6rpert werden. Ich habe mich einfach \u00fcber die Casting-Einladung gefreut, denn die kam, als ich bei einigen Rollen in die Endrunden gekommen war und es dann doch nicht geklappt hat.<\/p>\n<p><strong>Du stehst noch ziemlich am Anfang deiner Karriere; die Serie ist deine erste grosse Rolle vor der Kamera.<\/strong><br \/>\nStimmt, das ist das erste Mal, seit ich als freischaffender Schauspieler arbeite, dass ich entspannt meine Miete bezahlen kann <em>(lacht)<\/em>. Als ich mit meinem Studium fertig war, war schon Corona, und nat\u00fcrlich habe ich mich da gefragt, ob ich nicht doch besser zum Theater gehe. Aber dann habe ich f\u00fcr mich selbst gemerkt, dass ich keine Lust habe auf ein Festengagement. Ich bin also etwas planlos nach Berlin gegangen, doch dann \u00f6ffneten sich schnell ein paar T\u00fcren. Ich fand eine Agentur, die zu mir passte, und es kamen direkt einige Anfragen rein. Und zwar f\u00fcr unterschiedliche Rollen, was ich sch\u00f6n fand, denn ich f\u00fchlte mich nicht so, als ob ich in einer bestimmten Schublade stecke.<\/p>\n<p><strong>Hattest du dieses Gef\u00fchl denn im Studium oder bei deinen ersten B\u00fchnenrollen?<\/strong><br \/>\nTats\u00e4chlich eher. Da hatte ich den Eindruck, ein bisschen festgelegt zu sein darauf, was ich spielen darf. Oder dass es zumindest bestimmte Muster gibt, wie andere mich sehen.<\/p>\n<p><strong>Diese Sorge haben viele Schauspieler*innen, wenn sie ihre Queerness \u00f6ffentlich machen. Hast du gez\u00f6gert, das <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/offensiv-gegen-den-karriereknick-schauspielstars-outen-sich\/\">#ActOut-Manifest<\/a> zu unterzeichnen?<\/strong><br \/>\nIn der ersten Runde, als die Aktion losging mit den Unterschriften, habe ich davon noch nichts mitbekommen. Aber als das Manifest ver\u00f6ffentlicht wurde, fand ich das unglaublich. Diese Sichtbarkeit hat viel Mut gemacht. Zu sehen, dass man als junger Schauspieler mit vielen anderen im gleichen Boot sitzt, hat mich so beeindruckt, dass ich mich direkt gemeldet habe, um zu den nachtr\u00e4glichen Unterzeichner*innen zu geh\u00f6ren. \u00dcber irgendwelche Konsequenzen f\u00fcr meine Arbeit habe ich nicht lange nachgedacht. Es war eher ein Gef\u00fchl, dass ich das einfach machen muss.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/_jTwxWYeK7Q\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Hattest du um das Thema vorher einen Bogen gemacht?<\/strong><br \/>\nEs gab innerlich schon oft diese unbestimmte Angst, dass es ein Problem werden k\u00f6nnte, wenn ich meine Queerness anspreche. Leider kann das negative Konsequenzen haben. Aber am Ende war ich froh, dass ich mich an einer so wichtigen Aktion wie #ActOut beteiligen konnte. Von vielen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen, von denen die Kolleg*innen da<br \/>\nberichteten, f\u00fchlte ich mich anfangs nicht so krass betroffen. Bis ich vergangenes Jahr selbst in eine Situation geraten bin, die mir gezeigt hat, wie viel in unserer Branche noch im Argen liegt.<\/p>\n<p><strong>Was ist denn passiert?<\/strong><br \/>\nIch wurde in einem Fernsehfilm besetzt, f\u00fcr eine Nebenrolle, die schwul und vom Balkan war. Als ich das komplette Drehbuch bekam, habe ich gemerkt, dass es mir zu klischeehaft war. Dar\u00fcber wollte ich mit der Regisseurin reden, war aber aufgeregt, schliesslich war ich neu in der Branche und nicht sicher, wie offen sie daf\u00fcr sein w\u00fcrde, wenn ich anspr\u00e4che, dass ich queere Figuren anders erz\u00e4hlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Und sie war es nicht?<\/strong><br \/>\nDas erste, was mich diese Frau, die ich noch nie im Leben getroffen hatte, am Telefon fragte, war: \u00abWas bist du eigentlich privat? Bist du auch schwul?\u00bb Davon war ich total vor den Kopf gestossen und verstand nicht, was das mit der Figur zu tun hatte. Sie fand, ich h\u00e4tte in meinem Casting-Video schwul \u00abgewirkt\u00bb. Kein Wunder, schliesslich war es meine Aufgabe, eine Flirtszene mit einem anderen Mann zu spielen. \u00dcber die Rolle sagte sie nur, ich solle sie m\u00f6glichst macho-m\u00e4ssig und m\u00e4nnlich spielen. Und als ich sagte, dass ich mich darauf freue, meinen Filmpartner kennen zu lernen, meinte sie: \u00abIch kann dir gleich sagen, dass der straight ist.\u00bb Als w\u00e4re es mir nur darum gegangen, mich an ihn heranzumachen. Nach dem Gespr\u00e4ch brodelte es in mir und ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_140802\" aria-describedby=\"caption-attachment-140802\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-140802\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic.jpg\" alt=\"antonije Stankovic\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/antonijestankovic-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-140802\" class=\"wp-caption-text\">Antonije Stankovic (\u00abDamaged Goods\u00bb) ziert die aktuelle MANNSCHAFT (Bild: Fabian Raabe)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Mit wem konntest du dar\u00fcber sprechen?<\/strong><br \/>\nAls am n\u00e4chsten Morgen meine Agentin anrief, platzte alles aus mir heraus. Ich hatte Angst, dass das ein Fehler war, schliesslich war das mein erster Job mit ihr, und als junger Schauspieler hatte ich indoktriniert bekommen, niemandem eine Last zu sein und mich anzupassen. Aber sie hat sich sofort bei der Produktionsfirma beschwert, dass es nicht gehe, ihrem Klienten solche Fragen zu stellen. Die Casterin hat sich im Namen der Produktion entschuldigt, aber die Regisseurin selbst behauptete, ich h\u00e4tte gelogen und wolle nur Aufmerksamkeit erregen. Ich hatte noch \u00fcberlegt, ihr eine E-Mail zu schreiben, doch dann habe ich die Rolle abgesagt \u2013 und dabei weniger an meinen Weg als Schauspieler gedacht als daran, wof\u00fcr ich als Mensch stehen will. Einen Tag sp\u00e4ter kam stattdessen die Zusage f\u00fcr \u00abDamaged Goods\u00bb. Das hat sich ein wenig angef\u00fchlt, als w\u00fcrde ich belohnt f\u00fcrs Mutigsein.<\/p>\n<p><strong>Bleiben wir bei der Serie und deiner Rolle. Hattest du die M\u00f6glichkeit, diesen Hugo mitzugestalten?<\/strong><br \/>\nUnd wie. Es war nicht so, dass wir vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, sondern konnten Vorschl\u00e4ge einbringen. Ich hatte zum Beispiel eine Idee f\u00fcr Hugos Haare, die wurde sofort umgesetzt. Auch wie er tickt, durfte ich mitbestimmen. Meine Kolleg*innen und ich hatten viel Freiraum und Vertrauen, das uns die Regisseurin Anna-Katharina Maier entgegenbrachte. Schon in der Drehbuchvorlage war bereits viel vorhanden. Dass unser Head-Autor Jonas Bock selbst queer ist, habe ich meiner Figur enorm angemerkt. Da war das Anliegen zu erkennen, mit den \u00fcblichen Klischees zu brechen, und gleichzeitig authentisch davon zu erz\u00e4hlen, wie schwierig es f\u00fcr einen jungen schwulen Mann sein kann, seinen Platz zu finden und mit den ganzen Codes, die es in der Gay-Welt gibt, zurechtzukommen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abQueere Schauspieler*innen wollen nicht bloss queere Menschen spielen\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Wenn man sich in seine Rolle derart einbringt, liegt darin nicht eine Gefahr, dass zu viel Privates hineinschwappt?<\/strong><br \/>\nWir f\u00fcnf Hauptdarsteller*innen haben schnell gemerkt, dass es fast gruselig ist, wie nah diese Figuren an uns dran sind. F\u00fcr mich manchmal zu nah. Ich suchte nach Abgrenzung. Denn bei einer Rolle darf es nicht um mich pers\u00f6nlich gehen \u2013 und sie tut es auch nicht. Was man in \u00abDamaged Goods\u00bb sieht, sind Hugos Erfahrungen, nicht meine. Aber es hat mir geholfen, dass ich zu vielem, was er erlebt oder wor\u00fcber er nachdenkt, einen Bezug hatte.<\/p>\n<p><strong>Womit wir wieder bei der Frage sind, ob queere Figuren am besten von queeren Schauspieler*innen verk\u00f6rpert werden sollten.<\/strong><br \/>\nDie Tendenz, Leute als das zu besetzen, was sie sind, finde ich in der Sache schwierig, denn wie gesagt: Es geht nicht darum, dass Schauspieler*innen sich selbst spielen sollen oder wollen. Aber nat\u00fcrlich verstehe ich gleichzeitig, warum man sagt, dass <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/tom-hanks-aids-wuerde-philadelphia-rolle-heute-nicht-mehr-spielen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">queere Rollen queer besetzt werden<\/a> sollten. Ich sehe das als Zwischenschritt, um Menschen \u00fcberhaupt erst in diesen Beruf zu bekommen und einen Hauch von Chancengleichheit herzustellen. Es gibt noch ein wahnsinniges Ungleichgewicht, welche Leute besetzt werden und welche nicht. Aber in einer noch fernen, idealen Zukunft sollte es darum nicht mehr gehen. Schliesslich wollen queere Schauspieler*innen nicht bloss queere Menschen spielen, sondern einfach spielen. Genauso, wie trans Menschen auch cis M\u00e4nner und Frauen spielen wollen. Das ist doch unser Beruf. Und das Tolle daran ist gerade, dass ich mich dabei selbst loswerden kann.<\/p>\n<p class=\"lavendeltitel\"><strong>Antonije Stankovic<\/strong><br \/>\n<em>Wurde 1996 in M\u00fcnchen geboren und besuchte die \u00abStaatliche Hochschule f\u00fcr Musik und darstellende Kunst\u00bb in Stuttgart. In der deutschen Dramedy-\u00adSerie \u00abDamaged Goods\u00bb spielt er Hugo, der um ein authentisches Leben als junger schwuler Mann k\u00e4mpft. Ab dem 11. Juli gibt es die Serie auf Amazon Prime Video. Es geht um die Freundschaft einer M\u00fcnchner Chaos-\u00adClique von Endzwanzigern. Alle acht Episoden des Amazon-Originals stehen dann auf dem Streamingdienst in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz zur Verf\u00fcgung.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Serie N\u00e4chste Woche startet #DamagedGoods auf #AmazonPrime. 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