{"id":140763,"date":"2022-06-14T09:51:49","date_gmt":"2022-06-14T07:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=140763"},"modified":"2022-06-14T09:57:59","modified_gmt":"2022-06-14T07:57:59","slug":"missbrauchsstudie-aus-muenster-sieht-taeterschutz-bei-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/missbrauchsstudie-aus-muenster-sieht-taeterschutz-bei-der-kirche\/","title":{"rendered":"Missbrauchsstudie aus M\u00fcnster sieht T\u00e4terschutz bei der Kirche"},"content":{"rendered":"<h3>Einiges war bereits bekannt. Aber dass es im Bistum M\u00fcnster so viele F\u00e4lle sexuellen Missbrauchs gab, ist neu. Forscher bescheinigen dem Bistum jetzt auch, dass das System Kirche Mitschuld hat.<\/h3>\n<p>Von Carsten Linnhoff, dpa<\/p>\n<p>Was ihn am meisten \u00fcberrascht hat? Der Historiker Thomas Gro\u00dfb\u00f6lting bringt es auf den Punkt: \u00abWie viele doch \u00fcber die Jahre von den Missbrauchsf\u00e4llen etwas gewusst haben.\u00bb Das Wissen zog sich \u00fcber Bisch\u00f6fe, Personalverantwortliche und christliche Laien bis hin zu Staatsanw\u00e4lten. Im Auftrag des Bistums M\u00fcnster hat Gro\u00dfb\u00f6lting in einem F\u00fcnfer-Team mehr als zwei Jahre an einer Studie zu sexuellem Missbrauch gearbeitet. Dabei ging es nicht nur um die Frage, wie viele F\u00e4lle es in dem Bistum zwischen 1945 und 2020 gab, sondern auch darum, ob die Kirche Mitschuld tr\u00e4gt.<\/p>\n<blockquote><p>Die Gottes- und N\u00e4chstenliebe wurde pervertiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und ja, das System Kirche sei als T\u00e4ter aufgetreten, ist Gro\u00dfb\u00f6lting \u00fcberzeugt. Der Priester als Kleriker sei in der katholischen Kirche \u00fcberh\u00f6ht und als geweihter Nachfolger Christi quasi als Heiliger dargestellt worden. \u00abDie Gottes- und N\u00e4chstenliebe wurde pervertiert\u00bb, sagt Gro\u00dfb\u00f6lting bei der Vorstellung der Studie am Montag. Gerade junge Missbrauchsopfer zwischen 10 bis 14 Jahren, oft Messdiener, kamen gegen das System nicht an. Ihnen wurde nicht geglaubt. Viele waren traumatisiert, sprachen erst nach vielen Jahren.<\/p>\n<p>Auch im System der Bistumsleitung sehen die Forscher ein massives Problem. Bisch\u00f6fe sollten Richter, Vorgesetzter und Seelsorger gleichzeitig sein. Das habe fatale Folgen gehabt. Auch die katholische Sexualmoral habe Verbrechen beg\u00fcnstigt. Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer ist demnach deutlich h\u00f6her als bekannt. Demnach gab es im Bistum M\u00fcnster in den 75 Jahren ann\u00e4hernd 200 Kleriker, die sich schuldig machten, und mindestens 610 minderj\u00e4hrige Opfer. Die Dunkelziffer ist erheblich h\u00f6her. Die Forscher gehen von 5000 bis 6000 Opfern aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_140765\" aria-describedby=\"caption-attachment-140765\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Studienergebnisse-Mu\u0308nster-74150225-e1655193034171.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-large wp-image-140765\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 425 283'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Studienergebnisse-Mu\u0308nster-74150225-425x283.jpg\" alt=\"M\u00fcnster\" width=\"425\" height=\"283\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-140765\" class=\"wp-caption-text\">Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch in M\u00fcnster (Foto: Guido Kirchner\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gro\u00dfb\u00f6lting widersprach zudem der Schilderung des 2008 verstorbenen Bischofs Reinhard Lettmann, der von Einzelf\u00e4llen gesprochen hatte. Missbrauchsf\u00e4lle habe es fl\u00e4chendeckend in allen Dekanaten des Bistums auf seinem Gebiet in Nordrhein-Westfalen und rund um Vechta im Oldenburger M\u00fcnsterland (Niedersachsen) gegeben. Viele h\u00e4tten davon gewusst, sagte Gro\u00dfb\u00f6lting. Er sprach von Vertuschung.<\/p>\n<p><strong>Ein T\u00e4ter setzte sich nach \u00d6sterreich ab<\/strong><br \/>\nNachweisen konnten die Forscher jahrzehntelanges Versagen in der Bistumsleitung und Strafvereitelung in verschiedenen F\u00e4llen. Dabei standen die drei Bisch\u00f6fe Joseph H\u00f6ffner (Amtszeit: 1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) im Mittelpunkt. Immer wieder wurden straff\u00e4llig gewordene Priester nur versetzt &#8211; und wieder zu T\u00e4tern. Bei anderen setzte sich die Bistumsleitung bei der Staatsanwaltschaft ein. Ermittlungsverfahren wurden eingestellt, Gerichtsverfahren zur Farce. Ein T\u00e4ter floh nach S\u00fcdamerika. Ein anderer setzte sich nach<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/outinchurch-hosi-sieht-auch-handlungsbedarf-in-oesterreich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u00d6sterreich<\/a> ab.<\/p>\n<p>Dem jetzigen Bischof Felix Genn werfen die Forscher vor, als Vorgesetzter gegen\u00fcber reuigen T\u00e4tern nicht die n\u00f6tige Strenge gezeigt zu haben. Genn will sich zu der Studie erst am Freitag n\u00e4her \u00e4ussern. Grob\u00f6lting lobte aber bereits die Zusammenarbeit. Sein Team habe wie versprochen unabh\u00e4ngig arbeiten k\u00f6nnen. Neben der Auswertung der Aktenarchive f\u00fchrten die Wissenschaftler Interviews mit mehr als 60 Betroffenen.<\/p>\n<p>Einen Tag vor der offiziellen Pr\u00e4sentation wurde die Studie einigen Opfern vorgestellt. Bei der \u00dcbergabe des Gutachtens k\u00fcndigte Genn nun schon weitere Konsequenzen an. \u00abDas ist f\u00fcr mich eine Verpflichtung, an der ich mich messen lassen m\u00f6chte\u00bb, sagte der Bischof ganz knapp. Am Freitag will er mehr dazu sagen.<\/p>\n<p>Die Betroffeneninitiative Eckiger Tisch bezeichnete das Ergebnis der Mehrfacht\u00e4ter (40 Prozent der Beschuldigten) als erschreckend. \u00abH\u00e4tte die Leitungsebene des Bistums das rechtlich Richtige und das moralisch Gebotene getan und diese T\u00e4ter aus dem Klerikerstand entfernt, dann w\u00e4re vielen Kindern Leid erspart blieben\u00bb, sagte Sprecher Matthias Katsch laut Mitteilung.<\/p>\n<p>Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) w\u00fcrdigte die Studie aus M\u00fcnster als entscheidende Erg\u00e4nzung zu den bislang juristischen Gutachten aus anderen Bist\u00fcmern. \u00abDer spezifische Ansatz in M\u00fcnster, vom Bistum gewollt, fragt nicht nur nach T\u00e4tern und Betroffenen, nach Straftaten und deren H\u00e4ufigkeit, sondern untersucht auch den Katholizismus in seiner Binnenstruktur\u00bb, sagte ZdK-Generalsekret\u00e4r Marc Frings.<\/p>\n<p>In den Blick komme die Machtstellung des Priesters, k\u00e4men die Rollenkonflikte der kirchlichen Vorgesetzten der T\u00e4ter und die \u00fcber Jahrzehnte dominante Konzentration auf das Image der Kirche \u2013 nicht auf die Betroffenen von sexueller Gewalt, hiess es in einer Mitteilung.<\/p>\n<p>Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) betonte nach Vorstellung der Studie, dass es bei Aufkl\u00e4rung und Aufarbeitung noch grossen Handlungsbedarf gebe. \u00abGanz klar ist: Wenn der Verdacht von Straftaten im Raum steht, gibt es kein kirchliches Sonderrecht. Es gilt das Legalit\u00e4tsprinzip: Die Staatsanwaltschaften m\u00fcssen Ermittlungsverfahren einleiten, wenn sie von verfolgbaren Straftaten Kenntnis erlangen. Dies gilt auch, wenn es sich um Angestellte oder W\u00fcrdentr\u00e4ger der Kirche handelt\u00bb, sagte Buschmann laut Mitteilung.<\/p>\n<p>Eine M\u00fcnchner Anwaltskanzlei hatte zuvor F\u00e4lle sexuellen Missbrauchs im Erzbistum M\u00fcnchen aufgearbeitet \u2013 und erhebt Vorw\u00fcrfe gegen den emeritierten Papst Benedikt XVI. Die Rede ist von einer \u00abBilanz des Schreckens\u00bb <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/500-faelle-von-missbrauch-ratzinger-belastet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#M\u00fcnster Einiges war bereits bekannt. Aber dass es im #Bistum so viele F\u00e4lle sexuellen Missbrauchs gab, ist neu. 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