{"id":137605,"date":"2022-05-07T10:17:11","date_gmt":"2022-05-07T08:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=137605"},"modified":"2022-05-09T09:54:02","modified_gmt":"2022-05-09T07:54:02","slug":"mit-der-kombination-lgbtiq-und-adhs-sind-wir-doppelt-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/mit-der-kombination-lgbtiq-und-adhs-sind-wir-doppelt-anders\/","title":{"rendered":"\u00abMit der Kombination LGBTIQ und AD(H)S sind wir doppelt anders\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Kaum eine psychiatrische Diagnose wurde mehr diskutiert, kritisiert und angezweifelt als die Aufmerksamkeits\u00addefizit-\/Hyeraktivit\u00e4tsst\u00f6rung. Und wie so oft gilt: Gef\u00e4hrliches Halbwissen dominiert die Diskurse, sogar in professionellen Kontexten. Wir beleuchten das Leben mit AD(H)S zus\u00e4tzlich aus queerer Perspektive. Ein Psychologe im Gespr\u00e4ch mit Kathryn Rohweder, Coach und Betroffene.<\/h3>\n<p>Im Kopf herrscht Chaos. Tausend Gedanken auf einmal, die teils derart \u00fcberfordern, dass man sie beiseite schiebt, statt sich n\u00e4her mit ihnen zu besch\u00e4ftigen. Wie k\u00f6nnen Freir\u00e4ume geschaffen werden, um die Dinge, die man liebt, trotzdem tun zu k\u00f6nnen? Kathryn Rohweder wurde mit ADHS diagnostiziert und hat Strategien entwickelt und zusammengetragen, die sie mit anderen Betroffenen teilt. Was ihr dabei wichtig ist, ist Druck zu nehmen, wo dieser als besonders ersch\u00f6pfend empfunden wird.<\/p>\n<p>AD(H)S* ist wie das Wetter. Alle scheinen eine eigene Meinung dar\u00fcber zu haben. Zu wissen, was Betroffene empfinden oder wie sinnvoll beziehungsweise sinnlos empfohlene Therapieangebote sind. Als Psychologe und angehender Psychotherapeut begegnen mir immer wieder krude Theorien dar\u00fcber, was AD(H)S ist und was es nicht ist. Ich arbeite seit mehreren Jahren in einer AD(H)S-Schwerpunktpraxis, bin in den dortigen diagnostischen Prozess involviert, f\u00fchre Gespr\u00e4che mit Angeh\u00f6rigen und bin als Verhaltenstrainer in die direkte Nachbetreuung eingebunden.<\/p>\n<hr class=\"strich\" \/>\n<p class=\"lavendel\"><em>* In diesem Artikel geht es um ADHS, die Form ADS ohne Hyper\u00adaktivit\u00e4t und eine Mischform. Die Schreibweise AD(H)S bezieht sich auf alle drei Auspr\u00e4gungen.<\/em><\/p>\n<hr class=\"strich\" \/>\n<p>Ablehnung und Pauschalisierungen belasten viele Patient*innen zus\u00e4tzlich und f\u00fchren dazu, dass manche es vermeiden, sich in die H\u00e4nde qualifizierter Helfender zu begeben. Wenn ich aber sehe, welche Perspektiven sich aus einer Diagnosestellung entwickeln k\u00f6nnen und welche positiven Auswirkungen dies auf das ganze Umfeld haben kann, dann weiss ich, warum ich meinen Job mache.<\/p>\n<p><strong>\u00abDu musst dich nur anstrengen\u00bb<\/strong><br \/>\n\u00abStigmatisierungen geschehen innerlich und \u00e4usserlich\u00bb, sagt Kathryn Rohweder. Die Logop\u00e4din betreibt einen Instagram-Account, der sich schwerpunktm\u00e4ssig auf Aspekte des Frauseins und queerer Identit\u00e4ten im Kontext der AD(H)S konzentriert. Zudem hat sie den Podcast \u00abADHS Perspektiven\u00bb konzipiert und bietet Workshops, Seminare und Coachings zum Thema an. Sie erkl\u00e4rt, dass AD(H)S\u00adler*in\u00adnen h\u00e4ufig mit Gedanken zu k\u00e4mpfen h\u00e4tten: Sie seien faul, kaputt oder irgendwie fehlerhaft. Eine Beobachtung, die ich auf Grundlage meiner praktischen Erfahrung teilen kann. Nicht selten bekommen Menschen mit AD(H)S von ihrem Umfeld zu h\u00f6ren, dass sie sich nur mehr anstrengen m\u00fcssten, um besser mit den H\u00fcrden klarzukommen, die sich ihnen t\u00e4glich in den Weg stellen. Solchem Unverst\u00e4ndnis ausgeliefert zu sein, hinterl\u00e4sst seelische Narben und ist fatal f\u00fcr das Selbstbild.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema psychische Gesundheit: <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/gleichstellung-der-homoehe-foerdert-die-mentale-gesundheit\/\">Ehe\u00f6ffnung f\u00f6rdert mentale Gesundheit und Zufriedenheit<\/a><\/strong><\/p>\n<p>\u00abBetroffene h\u00f6ren S\u00e4tze wie \u2039ADHS gibt es gar nicht\u203a oder \u2039Das ist nur eine Entschuldigung, du gibst dir zu wenig M\u00fche\u203a\u00bb, erg\u00e4nzt Kathryn. Wie bei allen psychischen Erkrankungen sei die fehlende gesellschaftliche Toleranz vorrangig dadurch zu erkl\u00e4ren, dass man AD(H)S anders als ein gebrochenes Bein nicht direkt sehen kann. Und auch die Komplexit\u00e4t der Symptome sorge daf\u00fcr, dass es anderen schwerfalle, sich in ein Leben mit AD(H)S hineindenken zu k\u00f6nnen. \u00abEs ist schwer zu verstehen, warum jemand in drei Tagen eine Masterarbeit schreibt, aber drei Wochen braucht, um eine Rechnung zu bezahlen. \u00dcberhaupt eine psychiatrische Diagnose zu haben oder Unterst\u00fctzung bei scheinbar einfachen T\u00e4tigkeiten zu ben\u00f6tigen, kann Stigma ausl\u00f6sen\u00bb, bemerkt Kathryn.<\/p>\n<p><strong>Komplexe Grundlagen zug\u00e4nglich erkl\u00e4rt<\/strong><br \/>\nDie Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung (ADHS) kann grunds\u00e4tzlich in drei Subtypen, \u00e4hnlich drei verschiedenen Auspr\u00e4gungen, unterteilt werden. Bei der ersten dominieren die Symptome von motorischer Unruhe (darunter st\u00e4ndiges Beinwackeln oder Fingerklappern) und Impulskontrollschwierigkeiten (nicht warten k\u00f6nnen, Gedanken nicht zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen). Die zweite weist diese Merkmale nicht auf, sondern zeichnet sich vor allem durch Unkonzentriertheit (ADS) aus. Die dritte Auspr\u00e4gung ist der so genannte Mischtypus und ist am st\u00e4rksten verbreitet. Anders als viele glauben, ist das Hauptproblem bei der AD(H)S nicht, dass Betroffene einen Drang besitzen, im Mittelpunkt stehen zu wollen. Der Name Aufmerksamkeitsdefizitst\u00f6rung r\u00fchrt vielmehr daher, dass in den Bereichen des Gehirns, die unsere Konzentration und eben auch Aufmerksamkeit steuern, zu wenig notwendige Botenstoffe von A nach B transportiert werden.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist schwer zu verstehen, warum jemand in drei Tagen eine Masterarbeit schreibt, aber drei Wochen braucht, um eine Rechnung zu bezahlen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um dies etwas verst\u00e4ndlicher zu machen, hilft vielleicht eine Metapher, die ich auch bei meinen Patient*innen einsetze. Man kann sich vorstellen, dass unsere Gehirnzellen wie Stromkabel funktionieren. Tats\u00e4chlich produziert unser Gehirn sogar elektrische Impulse. Bei Menschen mit AD(H)S sind die Akkus grunds\u00e4tzlich leerer als bei anderen. Dadurch muss ihr Gehirn st\u00e4rker mit den vorhandenen Ressourcen haushalten. Folglich wird bei Aufgaben, die weniger wichtig erscheinen, Energie zur\u00fcckgehalten, um sie dann f\u00fcr die ausgeben zu k\u00f6nnen, die spannender sind oder eher motivieren. Das AD(H)S-Gehirn priorisiert also st\u00e4rker, wo Energie eingesetzt wird, weil es schlichtweg weniger Reserven hat. Deswegen k\u00f6nnen AD(H)Sler*innen T\u00e4tigkeiten, die sie inhaltlich ausf\u00fcllen, auch konzentriert nachgehen. Das ist kein Widerspruch.<\/p>\n<p>Warum aber wirken viele Betroffene unruhig, wenn doch scheinbar ein Energiedefizit vorliegt? Der Grund ist ein ausgekl\u00fcgelter Kompensationsmechanismus. Da es nahezu unm\u00f6glich ist, den Alltag mit leeren Akkus zu beschreiten, versucht das Gehirn sich durch vermehrte Bewegungen selbst wach zu machen. In abgewandelter Form kennen alle dieses Ph\u00e4nomen, die abends m\u00fcde vor dem Fernseher sitzen, dann Z\u00e4hne putzen, sich waschen, noch einmal die Toilette benutzen und im Bett pl\u00f6tzlich das Gef\u00fchl haben, die M\u00fcdigkeit sei v\u00f6llig verschwunden. Aufgrund der vermehrten Aktivit\u00e4t hat das Gehirn seinen Prozessor kurzzeitig wieder hochgefahren. ADHSler*innen tun dies fast ununterbrochen bei allem, was erh\u00f6hte Aufmerksamkeit \u2013 zum Beispiel eine schwierige Aufgabe \u2013 erfordert. ADS-Gehirne, also die ohne hyperaktive, impulsive Tendenzen, nutzen hingegen die Strategie, vermehrt in den Energie-Sparmodus (Tagtr\u00e4ume, Wegdriften, leeres Starren) abzutauchen. Es sind also quasi zwei unterschiedliche L\u00f6sungen f\u00fcr ein und dasselbe Problem.<\/p>\n<p><strong>Typische Beeintr\u00e4chtigungen im Erwachsenenalter<\/strong><br \/>\nStudien gehen davon aus, dass mindestens 2,8\u2006% aller Erwachsenen weltweit an AD(H)S leiden. Die Dunkelziffer liegt aber wesentlich h\u00f6her, da das diagnostische Angebot unzureichend ist und viele Erwachsene gelernt haben, mit ihren Beeintr\u00e4chtigungen zu leben, sodass sie keine Hilfen in Anspruch nehmen und somit nicht in die Statistiken einfliessen. Wir Fachleute gehen davon aus, dass AD(H)S chronisch ist, sprich, Betroffene ein Leben lang begleitet. Genetische Ursachen, also eine Vererbung der AD(H)S, gelten derweil als plausibelster Ausl\u00f6ser.<\/p>\n<figure id=\"attachment_137615\" aria-describedby=\"caption-attachment-137615\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-137615\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 600 765'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder.jpg\" alt=\"Kathryn Rohweder\" width=\"600\" height=\"765\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder.jpg 600w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-235x300.jpg 235w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-425x542.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-561x715.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-265x338.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-531x677.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-364x464.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-38x48.jpg 38w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-75x96.jpg 75w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/kathryn-rohweder-400x510.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-137615\" class=\"wp-caption-text\">In ihrem Podcast \u00abADHS Perspektiven\u00bb erz\u00e4hlt Kathryn Rohweder aus ihrem Leben als offen lesbische Frau mit ADHS. (Bild: zvg)<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00abAD(H)S ist so individuell wie jede Person f\u00fcr sich genommen auch\u00bb, sagt Kathryn, \u00abdaher zeigt sie sich im Leben der Menschen auch unterschiedlich.\u00bb H\u00e4ufige Lebensthemen von Erwachsenen mit AD(H)S seien die Schwierigkeit, sich zu organisieren, zu priorisieren und Entscheidungen zu f\u00e4llen. Auch, bei einer einzigen Sache zu bleiben, sie durchzuziehen und nicht aufzuschieben, falle AD(H)Sl*erinnen besonders schwer, erkl\u00e4rt die 43-J\u00e4hrige, die bei ihren Aussagen neben Erlebnissen mit Klient*innen auch immer auf die eigene Geschichte zur\u00fcckgreifen kann. Die Haushaltsf\u00fchrung erweise sich oft ebenfalls als B\u00fcrde. S\u00e4mtliche T\u00e4tigkeiten erfordern einen erh\u00f6hten Energieaufwand, der der Aussenwelt kaum bewusst ist. Kommen dann noch Stress-Faktoren hinzu, ist das Durcheinander komplett. \u00abViele erleben ein st\u00e4ndiges Chaos. Die Mehrheit der Menschen, die mit AD(H)S diagnostiziert sind, haben Schwierigkeiten, Emotionen zu regulieren. Das wird bei Stress noch schlimmer und wirkt gleichzeitig wieder auf den empfundenen Stress ein.\u00bb Ein Teufelskreis, der dann nur schwer zu durchbrechen sei.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abMit der Kombination LGBTIQ und AD(H)S sind wir doppelt anders.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>LGBTIQ und AD(H)S<\/strong><br \/>\nAls lesbische Frau liegt Kathryn Rohweder ein weiterer Schwerpunkt am Herzen. N\u00e4mlich zu bedenken, was passiert, wenn die Verwirrung, die AD(H)S im Leben stiften kann, auf die einer ausgedehnten Identit\u00e4tssuche trifft. Was also, wenn die Buchstabenkette LGBTIQ mit A, D, H und S erweitert werden muss? \u00abMit dieser Kombination sind wir doppelt anders. Und anders zu sein, kann je nach Selbstwert und Umfeld mit Scham einhergehen. Bei AD(H)S kommt beispielsweise Scham auf, wenn man sich immer verzettelt, Dinge vergisst oder einfachste T\u00e4tigkeiten nicht gebacken bekommt. Oder, wenn man Schwierigkeiten hat, angemessen in Kontakt mit anderen zu treten\u00bb, sagt Kathryn. Wenn dann noch das Schamgef\u00fchl dazukomme, nicht cis oder hetero zu sein, k\u00f6nne dies durchaus einen besonderen emotionalen Ballast bedeuten. Beziehungsweise eine Herausforderung, je nachdem, ob man das Glas eher als halb leer oder halb voll betrachte.<\/p>\n<p>\u00abSich mit dieser doppelten Schambelastung auseinandersetzen zu m\u00fcssen, kann f\u00fcr das Verstehen und die Akzeptanz der eigenen Biografie sehr hilfreich sein\u00bb, erg\u00e4nzt die Mutter eines Sohnes, den sie zusammen mit ihrer Ex-Partnerin aufzieht. \u00abMenschen mit ADHS haben nicht immer das effizienteste Probleml\u00f6severhalten und oft Angst vor wahrgenommener Ablehnung und Kritik. All das wirkt sich nat\u00fcrlich auch darauf aus, wie man dann mit der Entdeckung der eigenen Gender- oder sexuellen Identit\u00e4t umgeht.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Von Vorteil<\/strong><br \/>\nVielleicht macht es den Anschein, als sei AD(H)S ein Magnet f\u00fcr Schwierigkeiten. Doch hat jede Thematik zwei Seiten und so lassen sich durchaus auch positive Aspekte an der AD(H)S entdecken. \u00abMenschen mit AD(H)S sind vielseitig interessiert. Sie blicken \u00fcber den Tellerrand hinaus und k\u00f6nnen durch ihren Ideenreichtum und ihre Begeisterungsf\u00e4higkeit oft unglaubliche Sachen schaffen. Viele berichten, sie seien in Krisenzeiten richtig effizient\u00bb, berichtet Kathryn. Psychologisch l\u00e4sst sich das zum einen damit erkl\u00e4ren, dass ADHSler*innen bei manchen Anforderungen in einen so genannten Hyperfokus einzutauchen verm\u00f6gen. Das bedeutet, dass sie kurzfristig alles um sich herum ausblenden und vollkommen in einer Sache aufgehen, wodurch sie extrem effizient werden. Besonders in Bereichen, die ihnen Antrieb verleihen. Denn nichts ist f\u00fcr Betroffene schwieriger auszuhalten als Monotonie und Langeweile. Auf l\u00e4ngere Sicht k\u00f6nnten Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol dazu f\u00fchren, dass Betroffene st\u00e4rker aktiviert und damit leistungsf\u00e4higer sind. Was Menschen mit AD(H)S zudem einzigartig macht, ist laut Kathryn ihre starke Loyalit\u00e4t, ihr ausgepr\u00e4gter Gerechtigkeitssinn und ihre Lebendigkeit. Alles Eigenschaften, die sich f\u00fcr Karrieren im Showbusiness, der Politik, dem Sport oder anderen durchaus fordernden Berufszweigen wie der P\u00e4dagogik eignen.<\/p>\n<p>Man muss sich als AD(H)Sler*in nur der besonderen Funktionsweise des eigenen Gehirns bewusst sein. Genauso wie der Tatsache, dass man Pausen braucht, wenngleich der Impuls, immerzu Vollgas geben zu wollen, nur schwer zu unterdr\u00fccken ist. Oder, dass man sich als ADSler*in zwischendurch aktivierende Bewegungseinheiten in den Alltag einbaut, um nicht abzuschalten. Feststeht, dass eine AD(H)S-Diagnose keinesfalls damit gleichzusetzen ist, dass man gesteckte Ziele nicht erreichen kann.<\/p>\n<p><strong>Hilfe zur Selbsthilfe<\/strong><br \/>\n\u00abEs gibt Wege aus dem Chaos\u00bb, ermutigt Kathryn. \u00abSich Unterst\u00fctzung aus dem Freundeskreis oder von Profis zu holen ist eine St\u00e4rke, keine Schw\u00e4che! Meine ADHS-Erkenntnis kam gleichzeitig mit meiner allgemeinen Suche nach mehr Zufriedenheit, innerer Ruhe und Freiheit\u00bb, erinnert sie sich. Forschungen belegen, dass die Tatsache, sich mit der Diagnose auseinanderzusetzen und strukturierende Unterst\u00fctzungen wie Psychotherapien oder Coachings wahrzunehmen, die Prognose massiv verbessert. Hinzu kommt \u2013 je nach Schweregrad \u2013 die Empfehlung einer medikament\u00f6sen Einstellung mithilfe unterschiedlicher Stimulanzien, die durch \u00c4rzt*innen wie Neurolog*innen und Psychiater*innen verschrieben werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00abF\u00fcr den Alltag sind Timer, Erinnerungen im Handy und Post-its hilfreich\u00bb, erkl\u00e4rt Kathryn. \u00abBei Aufgaben, die zu m\u00e4chtig wirken, macht es Sinn, sie aufzuteilen. Es ist wichtig zu \u00fcben, nicht immer an das grosse Ganze zu denken. Frag dich lieber, was dein allererster Schritt sein k\u00f6nnte. Und trenne das Planen vom Machen. Pausenzeiten und das Mittagessen trage ich mir zum Beispiel ins Smartphone ein, weil ich sie sonst vergesse und Termine dorthin lege. Ausserdem wirken sich ausreichend Bewegung, Schlaf und gute Ern\u00e4hrung positiv auf die AD(H)S-Symptomatik aus.\u00bb Am allerwichtigsten ist es laut Kathryn aber, Zug\u00e4nge dazu zu finden, sich selbst zu lieben und zu akzeptieren, denn das hilft, den Kampf gegen das eigene Gehirn einzustellen und stattdessen herauszufinden, was individuell f\u00fcr einen funktioniert und was nicht.<\/p>\n<p><strong>Versorgungs- und Wissensdefizit<\/strong><br \/>\nKathryn bem\u00e4ngelt, dass nach wie vor zu wenige Praxen eine kompetente Beratung und Versorgung anb\u00f6ten. Ein Eindruck, den ich selbst f\u00fcr Berlin, meine Heimat und einen Standort mit umfangreicher medizinischer Infrastruktur, best\u00e4tigen kann. Vor allem, wenn andere Krankheiten vorliegen, zum Beispiel <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/warum-reden-wir-nicht-ueber-depressionen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Depressionen<\/a>, \u00c4ngste oder Suchterkrankungen, f\u00e4llt es vielen Kolleg*innen schwer, eine AD(H)S als m\u00f6gliche Grunderkrankung in ihr Erkl\u00e4rungsmodell zu integrieren. Es f\u00fchrt zu weit, die Ursachen daf\u00fcr zu untersuchen, nur sei gesagt, dass die Diagnosestellung komplex und AD(H)S im Erwachsenenalter an den Universit\u00e4ten noch immer ein eher stiefm\u00fctterlich behandeltes Thema ist.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein anderer Aspekt, den Kathryn aufwirft: \u00abPersonen, die weiblich sozialisiert sind, werden oft in der Diagnostik \u00fcbersehen. Sie strengen sich h\u00e4ufig besonders an, ihre Schwierigkeiten zu verdecken und internalisieren ihre Probleme mehr. Auch der \u00d6strogenhaushalt wirkt sich sehr stark auf die Symptomatik von AD(H)S aus. Wenn im Monatszyklus oder durch die Menopause der \u00d6strogenspiegel niedrig ist, dann steigen die AD(H)S-Symptome. Wenn er h\u00f6her ist, werden sie weniger wahrgenommen. Das macht es komplizierter. Medikament\u00f6se Unterst\u00fctzungen sind auf Hormonschwankungen im biologischen Lebensverlauf nicht ausgerichtet. Ich habe mit einer trans Frau gesprochen, die berichtet, dass mit der \u00d6strogen-Einnahme ihre M\u00f6glichkeit, sich zu fokussieren, besser geworden sei. Das finde ich sehr interessant.\u00bb<\/p>\n<p>Entgegen der \u00f6ffentlichen Kritik, bei AD(H)S handle es sich um eine Modediagnose, zeigt die Wissenschaft eine lange Historie, was die Untersuchung von Aufmerksamkeitsst\u00f6rungen betrifft. Dennoch bleiben viele Fragen ungekl\u00e4rt und bed\u00fcrfen weiterer Untersuchungen. Wichtig ist, dass die Gesellschaft besser auf das Thema AD(H)S sensibilisiert wird und Betroffene die Gewissheit erhalten, dass sie nicht alleine sind. Zudem sind spezifischere Hilfsangebote erforderlich. Denn das Chaos im Kopf l\u00e4sst sich bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<hr \/>\n<h3 class=\"lavendeltitel\">AD(H)S bei Erwachsenen<\/h3>\n<p class=\"lavendel\">Anders als im Kindesalter, in dem die Zeichen f\u00fcr AD(H)S noch greifbarer sind, sind sie im Erwachsenenalter eher diffus und betreffen s\u00e4mtliche Lebensbereiche. Die folgende Auflistung liefert einen \u00dcberblick, ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit. Mehr Informationen: <a href=\"http:\/\/zentrales-adhs-netz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zentrales-adhs-netz.de<\/a><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Desorganisation, Priorisierungsprobleme<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Schwierigkeiten, Entscheidungen zu f\u00e4llen<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">beeintr\u00e4chtigtes Zeitgef\u00fchl<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">herabgesetzte Selbstwahrnehmung<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Ablenkbarkeit<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">innere Unruhe, Gef\u00fchl von Getriebenheit<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Einschlaf- oder Durchschlafprobleme<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">vermehrtes Schwarz-weiss-\/Ganz-oder-gar-nicht-Denken<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Gr\u00fcbeln, \u00c4ngste<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">erh\u00f6hte Vergesslichkeit<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">Probleme in sozialen Interaktionen<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">starke Gef\u00fchle der \u00dcberforderung<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"lavendel\">h\u00e4ufige Jobwechsel und -verluste<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum eine psychiatrische Diagnose wurde mehr diskutiert, kritisiert u. angezweifelt als #ADS bzw. #ADHS. Gef\u00e4hrliches Halbwissen dominiert die Diskurse. Hier die #queere Perspektive (MANNSCHAFT+) <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/mit-der-kombination-lgbtiq-und-adhs-sind-wir-doppelt-anders\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":137613,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,4371],"tags":[5467],"wps_subtitle":"AD(H)S: Vier Buchstaben ausser Kontrolle","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/137605"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=137605"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/137605\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137637,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/137605\/revisions\/137637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/137613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=137605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=137605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=137605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}