{"id":136879,"date":"2022-07-30T10:14:02","date_gmt":"2022-07-30T08:14:02","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=136879"},"modified":"2022-10-04T15:44:12","modified_gmt":"2022-10-04T13:44:12","slug":"marcel-mann-jeden-tag-ein-kleines-coming-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/marcel-mann-jeden-tag-ein-kleines-coming-out\/","title":{"rendered":"Marcel Mann: Jeden Tag ein kleines Coming-out"},"content":{"rendered":"<h3>Homosexuelle Handlungen im Libanon sind strafbar, auch wenn das Land in der Region als vergleichsweise liberal gilt. Will man da trotzdem hinfliegen f\u00fcr einen Job, fragt sich unser Kolumnist.<\/h3>\n<p>Gerade komme ich von einem Casting f\u00fcr die Rolle in einer Werbekampagne eines Sandwich-Gastronomen und bin etwas nachdenklich. Beim Casting, bei dem ich mir vorstellen sollte, aus einem Traum gerissen zu werden, v\u00f6llig ausgehungert ein pl\u00f6tzlich erschienenes Sandwich auf meinem Nachttisch vorzufinden, reinzubeissen und dann wieder, taumelnd vor Gl\u00fcck, im Traumland zu verschwinden, wurde mir mitgeteilt, dass die Dreharbeiten dieser Werbekampagne in Beirut im <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lgbtiq-in-libanon-brauchen-obdach-und-lebensmittel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Libanon<\/a> stattfinden sollen.<\/p>\n<p>Mein erster Gedanke war: warum? Ich sehe dramaturgisch keinen Zusammenhang zum Nahen Osten oder eine Notwendigkeit f\u00fcr eine W\u00fcstenatmosph\u00e4re in besagter Szene. Mein zweiter Gedanke: das wird ja ein spassiger Ausflug. Der Libanon ist jetzt nicht unbedingt f\u00fcr seine LGBTIQ-Freundlichkeit bekannt. Bei Dreharbeiten w\u00fcrde ich mich schon gerne wohl und ungehemmt f\u00fchlen und nicht st\u00e4ndig dar\u00fcber nachdenken, wie schwul ich mich nun geben kann, ohne unangenehm aufzufallen.<\/p>\n<p>Diesen Gedanken, kennen, wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, die meisten. Einige w\u00fcrden jetzt meinen, ja gut, Dreharbeiten sind ja ein kleiner abgeschlossener Mikrokosmos, in dem in diesem Fall vermutlich viele aufgeschlossene Europ\u00e4er, die mitgereist sind, arbeiten. Aber der Grundgedanke bleibt. Will ich als Zugereister in einem Land arbeiten, bei dem ich definitiv weiss, dass ich als B\u00fcrger des selbigen, kein so freies Leben h\u00e4tte? Kann ich das moralisch mit mir vereinbaren? Ich kann ja nicht mal behaupten, es sei zumindest ein sehr nachhaltiger Dreh gewesen. Wir fliegen f\u00fcr eine Szene, die indoor (wir erinnern uns: an meinem Bett) spielt, also absolut keinen Bezug zum Drehort hat, Dutzende von Menschen in ein gar nicht mal so nah gelegenes Land. Es heisst zwar \u00abNaher Osten\u00bb, aber es ist ja nicht Chemnitz.<\/p>\n<p>Der Gedanke der potenziellen Homofeindlichkeit im Libanon l\u00e4sst mich aber nicht los. Ich hab ja schon genug mit der europ\u00e4ischen Homofeindlichkeit auf dem Zettel. Seit Jahren schon stehe ich auf der B\u00fchne, und im Grunde ist jeder Inhalt, den ich kreiere, auch irgendwie bunt eingef\u00e4rbt. Nun habe ich mich mittlerweile an eine ausschliessliche LGBTIQ-Stand-up-Nummer gewagt, welche ich auch manchmal vor einem rein heterosexuellen Publikum spiele. Und jedes Mal komme ich mir wieder vor als sei ich der einzige Schwule im Dorf. Ich h\u00e4tte geglaubt mit Mitte 30 im Jahre 2022 w\u00e4re ich so selbstbewusst, dass ich einfach dar\u00fcber erz\u00e4hle, wer ich bin und wen ich liebe.<\/p>\n<blockquote><p>Kann ich einen kleinen rosa Witz reissen, ohne Angst davor zu haben, dass ein vorbeilaufender Ton-Mann die Scharia-Polizei ruft?<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch ganz tief im Hinterkopf schlummert immer noch die Angst vor Ablehnung des \u00f6rtlichen Publikums. Und weil mich der Gedanke so trotzig macht, spiele ich sie jetzt extra oft. Ich glaube, man muss sich konditionieren. Die Angst vor Ablehnung steht \u00fcberhaupt in keinem Verh\u00e4ltnis zur wirklichen Ablehnung des Publikums. Meine Erfahrung: Die meisten lachen, haben noch einen kleinen Informationsgewinn und machen sich \u00fcberhaupt keine weiteren homophoben Gedanken. Wie s\u00e4he das aber im Libanon aus? Kann ich einen kleinen rosa Witz in der Maske reissen, ohne Angst davor zu haben, dass ein vorbeilaufender Ton-Mann die Scharia-Polizei ruft? Vielleicht l\u00e4cherlich. Aber die Gedanken sind frei. Oder werde ich schon von vorneherein aussortiert einfach nur aus dem Grund, dass der Kunde bzw. die Produktionsfirma nicht in \u00abSchwulit\u00e4ten\u00bb geraten will?<\/p>\n<p>Tja, dann ist das eben so. Es geht in meinem Fall nur um Brot mit Belag.<\/p>\n<p>Der letzte Satz meines Wikipedia Eintrags lautet: \u00abMann lebt offen homosexuell\u00bb. Allein schon die Vorstellung nicht offen zu leben, egal was, finde ich absurd. Also gilt f\u00fcr dieses Casting und den eventuell daraus resultierenden Job die Gebrauchtwagen Devise: gekauft wie gesehen. Jeder weiss \u00fcber meine Liebespr\u00e4ferenz Bescheid, soll sich sp\u00e4ter keiner am Zoll beschweren. Und wenn die mich im Libanon wollen, fliege ich in den Libanon. So schwul ich eben bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Homosexuelle Handlungen im #Libanon sind strafbar, auch wenn das Land in der Region als vergleichsweise #liberal gilt. 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