{"id":136645,"date":"2022-04-29T08:51:21","date_gmt":"2022-04-29T06:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=136645"},"modified":"2022-04-29T09:34:57","modified_gmt":"2022-04-29T07:34:57","slug":"es-gibt-nach-wie-vor-die-angst-vor-liebesverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/es-gibt-nach-wie-vor-die-angst-vor-liebesverlust\/","title":{"rendered":"\u00abEs gibt nach wie vor die Angst vor Liebesverlust\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Was f\u00fcr ein Skandal: Vor 50 Jahren demonstrierten erstmals Homosexuelle in der Bundesrepublik f\u00fcr ihre Rechte. Und das ausgerechnet im mehrheitlich katholischen M\u00fcnster. Einer der Zeitzeugen war dann doch nicht dabei &#8211; eine Ironie der Geschichte.<\/h3>\n<p>Von Carsten Linnhoff, dpa<\/p>\n<p>Ist ein Zeitzeuge ein guter Zeitzeuge, auch wenn er bei dem historischen Moment nicht dabei war? Im Fall von Sigmar Fischer muss diese Frage mit Ja beantwortet werden. Fischer hatte sich als Student in M\u00fcnster an der Organisation der ersten Demonstration Homosexueller in Deutschland im Jahr 1972 beteiligt. Ein paar Tage vor der Demo klingelte das Telefon der Vermieterin seiner Studentenbude: Sein Vater beorderte Fischer nach Hause. Er hatte einen eindeutigen Weihnachtsgruss entdeckt. Es folgte sein Coming-out vor den Eltern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_136648\" aria-describedby=\"caption-attachment-136648\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Homosexuellen-Demo-73613598.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-large wp-image-136648\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 425 277'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Homosexuellen-Demo-73613598-425x277.jpg\" alt=\"Homosexuellen-Demo\" width=\"425\" height=\"277\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-136648\" class=\"wp-caption-text\">Die Einladung zur Demonstration (Foto: Friso Gentsch\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und so erfuhr Fischer erst von seinen Mitstreitern, was sich in M\u00fcnster abgespielt hatte. In der mehrheitlich katholischen Stadt mit einer liberalen Uni waren zwischen 150 und 200 Homosexuelle durch die Innenstadt gezogen. Darunter auch ein oder zwei Lesben. Aus ganz Deutschland waren etwa zehn Gruppen f\u00fcr die Demo angereist, um sich f\u00fcr ihre Rechte und Anerkennung einzusetzen. \u00dcber die exakte Zahl der Teilnehmer gehen die Sch\u00e4tzungen auseinander.<\/p>\n<p>Vorbild war die Schwulenbewegung in den USA. Von der Demo in Westfalen selber gibt es nur Fotos, keine Fernsehbilder. Die Teilnehmer bewerten die Demo heute als ersten vorsichtigen Schritt f\u00fcr mehr Toleranz. Mitorganisator Rainer Plein hatte im Vorfeld gesagt: \u00abDa wir mit Information allein nicht weiterkommen, m\u00fcssen wir provozieren.\u00bb Der 1976 verstorbene Plein hatte 1971 die Gruppe Homophile Studenten M\u00fcnster (HSM) mitgegr\u00fcndet. Ein Jahr sp\u00e4ter sollte mit der Demo Geburtstag gefeiert werden.<\/p>\n<p>Provokation ist mit der Demo gelungen. \u00abDie Reaktion der Leute: Sie waren irritiert. Sie wussten zum einen nicht, worum es \u00fcberhaupt geht. Sie waren ersch\u00fcttert\u00bb, erz\u00e4hlt Martin Dannecker. Der Sexualtherapeut und Autor war bei der Demo dabei. \u00abIm Vorfeld gab es Angst vor aggressiven Reaktionen. Ich hab gesagt, die deutsche Hausfrau schl\u00e4gt doch nicht mit ihrer Handtasche\u00bb, sagt der 79-J\u00e4hrige, der in Berlin lebt. \u00abDie Menschen am Stra\u00dfenrand haben verhaltene Abscheu gezeigt. Sie waren aber nicht bedrohlich.\u00bb Dannecker erlangte als Mitautor des Films \u00abNicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt\u00bb bundesweite Bekanntheit. Rosa von Praunheim hatte das 1971 ausgestrahlte Werk gedreht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_136647\" aria-describedby=\"caption-attachment-136647\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Homosexuellen-Demo-_73613597-e1651214687930.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-large wp-image-136647\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 425 275'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Homosexuellen-Demo-_73613597-425x275.jpg\" alt=\"Homosexuellen-Demo\" width=\"425\" height=\"275\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-136647\" class=\"wp-caption-text\">Sigmar Fischer (Foto: Friso Gentsch\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00abEs war f\u00fcr viele von uns die wichtige Erfahrung: Man kann den Schritt in die \u00d6ffentlichkeit tats\u00e4chlich gehen\u00bb, sagt Dannecker heute. Fischer erg\u00e4nzt: \u00abWir hatten und gefragt, ob es Anfeindungen geben wird. Aber die gab es nicht. Die \u00d6ffentlichkeit war wohl \u00fcberrumpelt.\u00bb Der heute in Bielefeld lebende 73-J\u00e4hrige erinnert sich: \u00abIn der Uni machte mir das nichts aus \u00fcber das Thema zu reden. Ich war in einer SPD-nahen Hochschulgruppe aktiv. Da wurde meine Homosexualit\u00e4t voll akzeptiert.\u00bb<\/p>\n<p>Demos seien in der Zeit ja selbstverst\u00e4ndlich gewesen. \u00abDemos waren mir vertraut. Ich habe mich aber gefragt: Was machst Du eigentlich, wenn Dich ein konservativer Prof auf der Demo sieht?\u00bb, berichtet Fischer 50 Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Dannecker war durch seine Mitarbeit an dem Praunheim-Film bundesweit geoutet. \u00abDurch die Gesetzgebung gab es bis Ende 1969 eine st\u00e4ndige latente Bedrohung, weil viele wegen ihrer Homosexualit\u00e4t angezeigt und verurteilt wurden\u00bb, schilderte Dannecker die Stimmung. \u00abEs gab die Angst vor der sozialen Kontrolle, Ablehnung und Hass. Anders sein war zu der damaligen Zeit kein Zuckerschlecken. Meine Auffassung war: Ein Coming-out ist unabdingbar. Verstecken und Verleugnen erfordert zu viel psychische Energie.\u00bb<\/p>\n<p>Er sei immer konfrontativ gewesen, \u00abwollte den Kritikern mit dem Aussprechen immer den Wind aus den Segeln nehmen\u00bb, sagt Dannecker. \u00abIn der Familie wurde es hingenommen. Mein Vater hat aber heftig reagiert. Er f\u00fchlte sich in die \u00d6ffentlichkeit gezerrt. Es kam zum Bruch mit ihm.\u00bb Dannecker wuchs in einem kleinen Dorf im Schwarzwald auf. Zum Jahrestag am 29. April haben das KCM Schwulenzentrum M\u00fcnster und die Stadt gemeinsam zu einem Empfang ins historische Rathaus geladen. 1972 habe niemand gedacht, dass der Ministerpr\u00e4sident von Nordrhein-Westfalen und CDU-Politiker Hendrik W\u00fcst 50 Jahre sp\u00e4ter zu dieser Veranstaltung kommt, sagt Dannecker der Deutschen Presse-Agentur. \u00abUnd die Ehe f\u00fcr alle war damals undenkbar.\u00bb<\/p>\n<p>Und heute? \u00abDas Coming-out ist f\u00fcr meine Generation eine lebenslange Aufgabe &#8211; noch im Pflegeheim. Schliesslich wollen wir auch dort unsere Identit\u00e4t nicht an der Garderobe abgeben\u00bb, sagt Fischer. \u00abAuf den Christopher Street Day in Bielefeld bin ich erst nach meiner Pensionierung gegangen.\u00bb Denn zuletzt sei er verantwortlich gewesen f\u00fcr eine Gesellschaft der au\u00dferbetrieblichen Ausbildung. \u00abDa wusste es zwar die Belegschaft. Aber die Kolleginnen und Kollegen bef\u00fcrchteten, dass die Azubis, vor allem die aus anderen Kulturen, mir Schwulsein als Schw\u00e4che auslegen w\u00fcrden. Ich sollte f\u00fcr die schlie\u00dflich die \u00abletzte Instanz\u00bb sein, wenn es ernst wurde.\u00bb<\/p>\n<p>Auch heute gebe es nach wie vor Diskriminierungs\u00e4ngste. \u00abEs gibt nach wie vor die Angst, abgelehnt zu werden. Also die Angst vor Liebesverlust. Das ist zwar im Laufe der Jahre milder geworfen, aber nicht verschwunden\u00bb, beschreibt Dannecker die Situation seiner Generation heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Skandal: Vor 50 Jahren demonstrierten erstmals #Homosexuelle in Deutschland f\u00fcr ihre Rechte. 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