{"id":134937,"date":"2022-04-09T15:03:21","date_gmt":"2022-04-09T13:03:21","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=134937"},"modified":"2022-04-11T16:40:14","modified_gmt":"2022-04-11T14:40:14","slug":"lgbtiq-in-tschetschenien-droht-weiter-gewalt-folter-vergewaltigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/lgbtiq-in-tschetschenien-droht-weiter-gewalt-folter-vergewaltigung\/","title":{"rendered":"LGBTIQ in Tschetschenien droht weiter Gewalt, Folter, Vergewaltigung"},"content":{"rendered":"<h3>Der Ukraine-Krieg ruft uns auch die Lage der LGBTIQ-Community in Tschetschenien in Erinnerung, wo Russland zweimal einmarschierte. Dort gehen die Verfolgungen durch die Beh\u00f6rden auch f\u00fcnf Jahre nach der ersten grossen Verhaftungswelle weiter. Sie operieren systematischer, versteckter. Die Organisation North Caucasus SOS Crisis Group arbeitet unerm\u00fcdlich daran, Personen aus der autonomen Republik zu retten.<\/h3>\n<p>Krieg. Sanktionen. Humanit\u00e4re Katastrophen und Menschen auf der Flucht. Geht es in den Medien um Russland, so drehen sich die Inhalte fast ausschliesslich um die Invasion der Ukraine. In Tschetschenien sind LGBTIQ-Personen nach wie vor Zielscheibe der Beh\u00f6rden. Erste Festnahmen gab es bereits 2011, im Februar 2017 fanden die ersten Massenverhaftungen von \u00fcber 100 schwulen M\u00e4nnern statt, die kurze Zeit sp\u00e4ter von der Zeitung Nowaja Gaseta publik gemacht wurden <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/schwulenverfolgung-in-tschetschenien-wir-brauchen-die-unterstuetzung-der-internationalen-community\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Mit der Ver\u00f6ffentlichung <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/erste-doku-ueber-verfolgung-in-tschetschenien\/\">des Dokumentarfilms \u00abWelcome to Chechnya\u00bb<\/a> erreichte die Medienaufmerksamkeit im Sommer 2020 einen H\u00f6hepunkt. Der Film begleitete das Russian LGBT Network und den Aktivisten David Isteew bei der Rettung von M\u00e4nnern und Frauen aus Tschetschenien. Dabei setzte der Regisseur David France neue Technologien ein und verfremdete die Stimmen und Gesichter der gefilmten Personen, um ihre Identit\u00e4t zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>\u00abIn den meisten F\u00e4llen konnte der Film sie unkenntlich machen. Zwei Personen mussten wir nachtr\u00e4glich nochmals verlegen, da die Beh\u00f6rden sie aufgrund der Informationen aus dem Film identifizieren konnten. Wir hatten also einen doppelten Aufwand\u00bb, sagt David im Januar im Gespr\u00e4ch mit MANNSCHAFT. F\u00fcr einen Anlass der LGBTIQ-Reihe \u00abVerzaubert\u00bb ist der 40-J\u00e4hrige nach Z\u00fcrich gereist, um \u00fcber die aktuelle Situation in Tschetschenien zu sprechen. Eine Dolmetscherin \u00fcbersetzt seine Antworten auf Deutsch.<\/p>\n<p>David ist nicht b\u00f6se, dass im Film die Anonymit\u00e4t der Gefl\u00fcchteten nicht ganz gewahrt wurde. Im Gegenteil: Er ist gl\u00fccklich, dass die Arbeit des Russian LGBT Network zug\u00e4nglich gemacht werden konnte, und bezeichnet den Film als \u00abKunstwerk\u00bb. \u00abEs ist nur schade, dass wir nicht alles zeigen konnten.\u00bb David spricht die Videos an, die die gefl\u00fcchteten Tschetschen*innen auf ihren Handys haben. Diese zeigen grausame Gewalt, brutale Folterungen und Vergewaltigungen. Dem Publikum habe man dies ersparen wollen.<\/p>\n<p><strong>Statt Lager ein Folterkeller<\/strong><br \/>\nDer Film l\u00f6ste im Westen grosse Anteilnahme aus und generierte Spenden f\u00fcr das Russian LGBT Network. Dieses Interesse sei mittlerweile wieder abgeflacht und sei vergleichbar mit der Zeit vor der Ver\u00f6ffentlichung des Films, so David. Er nimmt das niemandem \u00fcbel. \u00abWir k\u00f6nnen nicht jeden Tag \u00fcber Folter sprechen\u00bb, sagt er. \u00abDie Menschen sollen im Leben auch noch gl\u00fcckliche Dinge haben. Wichtig ist, dass wir weitermachen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p>Der Film war Fluch und Segen zugleich. \u00d6ffnete er international mehrere T\u00fcren und verschaffte der Organisation bedeutende Kontakte im Westen, so erschwerte er ihre Arbeit vor Ort in Russland und Tschetschenien. Der gesamte im Film gezeigte Evakuierungsablauf musste neu strukturiert werden, David selbst kann heute nicht mehr in die autonome Republik reisen. Zu prominent war er im Film vertreten und zu gross das Risiko, in Tschetschenien festgenommen zu werden. Einen Grund dazu ben\u00f6tigten die Beh\u00f6rden nicht, erkl\u00e4rt die Dolmetscherin. Die Polizei k\u00f6nne ihm Drogen ins Gep\u00e4ck schmuggeln und ihn aufgrund des Besitzes illegaler Substanzen dann verhaften. David agiert nun als Leiter der North Caucasus SOS Crisis Group (NC SOS), eine neu gegr\u00fcndete Fachgruppe des Russian LGBT Networks, und spricht im Westen \u00fcber ihre Arbeit. Ein achtk\u00f6pfiges Team k\u00fcmmert sich um die Evakuierung und Betreuung von Menschen aus Tschetschenien.<\/p>\n<p>Doch selbst die tschetschenischen Beh\u00f6rden haben seit dem Publikwerden der Festnahmen ihr Vorgehen ge\u00e4ndert. Statt Massenverhaftungen konzentrieren sie sich auf eine bis zwei Festnahmen im Monat. Auch die Lager von 2017, in denen sie gem\u00e4ss David Gefangene \u00abwie Vieh hineintrieben\u00bb sowie schlugen oder mit Holzst\u00f6cken vergewaltigten, gibt es heute nicht mehr. Stattdessen bauten die Beh\u00f6rden ein Netzwerk von Kellern mit Folterkammern auf, etwa in verlassenen Geb\u00e4uden, unterhalb von Fitnesszentren oder gar von Polizeiposten. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. David kennt die Standorte auswendig.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIn Tschetschenien ist die Frau kein Mensch, sondern ein teurer Gegenstand.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abDie Beh\u00f6rden h\u00e4tten nie erwartet, dass die Verfolgungen weltweit derart f\u00fcr Schlagzeilen sorgen w\u00fcrden\u00bb, sagt er. \u00abSie sind viel diskreter geworden. 2011 sagten sie ihren Opfern noch, dass man sie verhafte, weil sie LGBTIQ seien. Heute k\u00f6nnen sie das nicht mehr.\u00bb Der Grund daf\u00fcr ist, dass in Tschetschenien das russische Strafrecht gilt und homosexuelle Handlungen in Russland nicht strafbar sind. Nun versuchten die Beh\u00f6rden, ihren Opfern Drogen unterzujubeln oder ihnen ein Verbrechen anzukreiden, um sie festnehmen zu k\u00f6nnen. Ihr Ziel ist seit Jahren dasselbe: Die \u00abS\u00e4uberung\u00bb der tschetschenischen Gesellschaft von LGBTIQ-Menschen.<\/p>\n<p><strong>Die Rettung von Frauen ist besonders schwierig<\/strong><br \/>\n2021 retteten David und sein Team 62 Personen aus Tschetschenien, doch Anfragen hatten sie weit \u00fcber 100. Aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden schleust die NC SOS Crisis Group heute nur noch diejenigen Personen aus der Republik heraus, die am dringendsten Hilfe ben\u00f6tigen: Wenn sie bereits verhaftet und gefoltert wurden, wenn sie geistig oder k\u00f6rperlich am Ende sind, wenn die Gefahr besteht, dass die Beh\u00f6rden sie bald wieder festnehmen werden. Je nach Fall und wie kritisch die Lage ist, gibt es zwei M\u00f6glichkeiten, queere Personen aus Tschetschenien zu schaffen: mit dem Flugzeug oder \u00fcber komplizierte Landrouten. Eine Gefahr f\u00fcr queere Menschen sind nicht nur die Beh\u00f6rden, sondern oftmals die eigenen Angeh\u00f6rigen, die in der LGBTIQ-Identit\u00e4t eine Schande f\u00fcr die ganzen Familie sehen. So kann es auch zu sogenannten Ehrenmorden an queeren Familienmitgliedern kommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_134947\" aria-describedby=\"caption-attachment-134947\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-134947\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien.jpg\" alt=\"kadyrow\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/kadyrow-tschetschenien-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-134947\" class=\"wp-caption-text\">Starre Geschlechterrollen: Pr\u00e4sident Ramsan Kadyrow (gross) will die Gesellschaft Tschetscheniens von LGBTIQ-Personen \u00abs\u00e4ubern\u00bb. (Bild: Foto: Musa Sadulayev\/AP\/dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die gr\u00f6sste Herausforderung f\u00fcr die NC SOS Crisis Group ist es, Frauen aus Tschetschenien zu bringen. Im Gegensatz zu M\u00e4nnern, die sich in der islamisch gepr\u00e4gten Gesellschaft frei bewegen k\u00f6nnen, sind Frauen eher ans Haus gebunden. \u00abIn Tschetschenien ist die Frau kein Mensch, sondern ein teurer Gegenstand. Nimmst du einer Familie diesen Gegenstand weg, wird sie dich verfolgen. Bis zum Flughafen versuchen sie, ihre Verwandten wieder zur\u00fcckzubekommen\u00bb, sagt David. Der Fall einer jungen Frau schmerzt ihn besonders. Die Rettung schlug fehl und die Polizei brachte sie zu ihrer Familie zur\u00fcck, zwei Wochen sp\u00e4ter war sie tot. Die offizielle Todesursache: Nierenversagen. \u00abWir k\u00f6nnen lange dar\u00fcber spekulieren, was der wirkliche Grund war\u00bb, sagt er.<\/p>\n<p>Gelingt die Flucht aus Tschetschenien, so bringt die NC SOS Crisis Group die queere Person an einen sicheren Standort in Russland. Wer besonders gef\u00e4hrdet ist, wird in ein Nachbarland gebracht, sofern kein Visum erforderlich ist. Dann heisst es erst einmal abwarten, bis ein Zielland gefunden wird, was zwischen zwei Monaten und anderthalb Jahren dauern kann. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden kommt es vor, dass das Team die Person mehrmals verlegen muss, etwa wenn die tschetschenischen Beh\u00f6rden sie zur Fahndung ausgeschrieben haben und die russische Bundespolizei die Suche aufnimmt. Zu den L\u00e4ndern, die tschetschenische Fl\u00fcchtlinge aufnehmen, geh\u00f6ren Deutschland, Litauen, die Niederlande und Kanada. Die Schweiz und \u00d6sterreich sind nicht dabei.<\/p>\n<p>Mit einer Flucht in den Westen ist f\u00fcr die geretteten Tschetschen*innen die Vergangenheit jedoch noch lange nicht abgeschlossen. \u00abDer Assimilationsprozess dauert durchschnittlich zwei Jahre, oft sind jedoch so viele psychologische Traumata vorhanden, dass es f\u00fcr viele Gefl\u00fcchtete viel l\u00e4nger dauert, nach all den Jahren der Verfolgung irgendwo anzukommen\u00bb, sagt David. Doch es gibt auch viele Erfolgsgeschichten. Stolz erz\u00e4hlt er von einer Frau, die jetzt als Kinderg\u00e4rtnerin arbeitet und von Leuten, die heute in Kanada studierten.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIn Tschetschenien sind Familien sehr eng gestrickt. Wer das Land verl\u00e4sst, ist auf sich alleine gestellt\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Besteht Hoffnung?<\/strong><br \/>\nEine Person aus Tschetschenien zu retten ist f\u00fcr David und sein Team eine komplizierte Operation, die mit vielen H\u00fcrden, b\u00fcrokratischem Aufwand und auch mit einigen Gefahren verbunden ist. Manchmal scheitert das Ganze nicht an den Beh\u00f6rden oder der Familie, sondern an der gefl\u00fcchteten Person selbst. Kurz vor Silvester entschied sich eine queere Person freiwillig nach Tschetschenien zur\u00fcckzukehren. Die ganze Arbeit der NC SOS Crisis Group war umsonst. \u00abIn Tschetschenien sind Familien sehr eng gestrickt. Wer das Land verl\u00e4sst, ist auf sich alleine gestellt\u00bb, sagt David. \u00abDiese Person konnte nicht ohne ihre Familie sein. Das hat mich unglaublich demotiviert.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr den Westen scheint die Situation in Tschetschenien ausweglos zu sein, doch David stellt einen Fortschritt fest. Fr\u00fcher h\u00e4tten schwule M\u00e4nner fast ausschliesslich ein Doppelleben gef\u00fchrt, eine Frau geheiratet und im Ausland ihre Aff\u00e4ren gehabt. Heute sehen sie \u2013 unter anderem auch durch Kontakte mit Personen, die ins Ausland gefl\u00fcchtet sind \u2013, dass ein anderes Leben m\u00f6glich ist. \u00abSie wollen offen zu ihrer Sexualit\u00e4t stehen und mit einem Partner zusammenleben\u00bb, sagt David.<\/p>\n<p>Eine weitere Motivation seien die Gerichtsprozesse. 2021 konnte die NC SOS Crisis Group drei Klagen gegen die tschetschenischen Beh\u00f6rden einreichen, 2017 gab es noch gar keine. Das Ziel der Organisation ist es, die widerrechtlichen Festnahmen und fabrizierten Anschuldigungen zu beweisen. Gem\u00e4ss David versucht das russische Justizsystem, die NC SOS Crisis Group mit Schikanen auszuschalten, indem es ihnen etwa b\u00fcrokratische H\u00fcrden in den Weg legt, gekaufte Zeug*innen vorsprechen l\u00e4sst oder Gerichtstermine fr\u00fchmorgens auf einen Feiertag ansetzt. \u00abIch weiss, dass diese Klagen nichts bringen\u00bb, sagt David. \u00abDass wir aber in Russland Gerichtsprozesse gegen tschetschenische Beh\u00f6rden am Laufen haben, ist nicht zu untersch\u00e4tzen.\u00bb Die NC SOS Crisis Group hofft, dadurch eine legale Basis zu schaffen, um die Verantwortlichen vielleicht doch eines Tages zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn nicht in Russland, dann vielleicht im Ausland, wenn sie Verwandte oder Bekannte besuchen.<\/p>\n<p><strong>Die Br\u00fcder Magamadow und Isaew<\/strong><br \/>\nDer j\u00fcngste Schuldspruch beweist, dass die tschetschenischen Beh\u00f6rden immer noch am l\u00e4ngeren Hebel sitzen. Am 22. Februar 2022 verurteilte ein Gericht in Atschchoi-Martan die beiden Br\u00fcder Salekh Magamadow, 21, und Ismail Isaew, 19, zu achteinhalb beziehungsweise sechs Jahren Gef\u00e4ngnis und Straflager <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/tschetschenien-queere-brueder-muessen-jahrelang-ins-gefaengnis\/\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Salekh ist trans, Ismail schwul.<\/p>\n<figure id=\"attachment_134949\" aria-describedby=\"caption-attachment-134949\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-134949\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 675'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow.jpg\" alt=\"magamadow ismaew\" width=\"900\" height=\"675\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-300x225.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-425x319.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-768x576.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-192x144.jpg 192w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-384x288.jpg 384w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-90x67.jpg 90w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-180x135.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-561x421.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-265x199.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-531x398.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-364x273.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-728x546.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-608x456.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-758x569.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-64x48.jpg 64w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-128x96.jpg 128w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/ismaew-magamadow-400x300.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-134949\" class=\"wp-caption-text\">Salekh Magamadow (links) und Ismail Isaew wurden im Februar 2022 zu mehreren Jahren Straflager verurteilt. (Foto: Amnesty International)<\/figcaption><\/figure>\n<p>2019 hatten tschetschenische Beh\u00f6rden beim damals 16-j\u00e4hrigen Ismail schwule Anime-Comics auf dem Smartphone gefunden und ihn verhaftet. Nachdem seine Mutter sich f\u00fcr ihn eingesetzt und ein Schmiergeld von 300 000 Rubel (damals rund 3600 Euro) bezahlt hatte, liessen sie ihn wieder frei. Ismail fl\u00fcchtete nach St. Petersburg, wo er mit seinem Bruder einen Telegram-Kanal er\u00f6ffnete, auf denen sie sich als Atheisten bezeichneten und den tschetschenischen Pr\u00e4sidenten Ramsan Kadyrow und die Beh\u00f6rden kritisierten.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2020 wurde Ismail verhaftet und gemeinsam mit seinem Bruder Salekh in die tschetschenische Hauptstadt Grosny gebracht. David erz\u00e4hlt, wie Ismail an Corona erkrankt war und 39 Grad Fieber hatte. \u00abDas war den Beh\u00f6rden egal. Aus Angst sich zu infizieren, zogen sie eine Maske an und leerten Desinfektionsmittel \u00fcber seinen K\u00f6rper, bevor sie ihn zusammenschlugen\u00bb, sagt David. In den folgenden zwei Monaten mussten die beiden Br\u00fcder immer wieder Gewalt \u00fcber sich ergehen lassen und t\u00e4glich im Koran lesen. Nachdem die beiden im Sommer 2020 freigelassen wurden, brachte sie David in eine sichere Unterkunft in die russische Millionenmetropole Nischni Nowgorod, um die Flucht aus Russland vorzubereiten. Doch so weit kam es nicht. In Zusammenarbeit mit den tschetschenischen Beh\u00f6rden wurden Salekh und Ismail im Februar 2021 von der lokalen Polizei verhaftet und zur\u00fcck nach Tschetschenien gebracht.<\/p>\n<p>Das Gericht in Atschchoi-Martan sprach die beiden Br\u00fcder im Februar 2022 der Verschw\u00f6rung zum Terrorismus schuldig: Sie sollen Terorristen mit S\u00fcssigkeiten versorgt haben. David bezeichnet die Klage als \u00ababsurd\u00bb. \u00abDie Beweise waren komplett fabriziert, selbst die Zeug*innen gaben vor Gericht zu, dass man ihnen gesagt habe, welche Aussage sie zu machen h\u00e4tten\u00bb, sagt er und lobt den Mut von Salekh und Ismail. \u00abSie sind offen schwul und regimekritisch und stehen f\u00fcr ihren Glauben ein.\u00bb<\/p>\n<p>Mit einem Schuldspruch der beiden Br\u00fcder hatte David bereits w\u00e4hrend desInterviews mit MANNSCHAFT im Januar 2022 gerechnet. Der n\u00e4chste Schritt sei die Berufung und vielleicht der Start einer Petition, um den Druck der internationalen Gemeinschaft auf Russland zu erh\u00f6hen. Letzteres d\u00fcrfte im Angesicht des Kriegs in der Ukraine aussichtslos sein.<\/p>\n<p>\u00abDie Situation ist ein Desaster\u00bb, schreibt David per E-Mail kurz vor Redaktionsschluss im M\u00e4rz. Die Lage habe sich mit der Invasion der Ukraine und der Schliessung unabh\u00e4ngiger Medien stark verschlechtert \u2013 sowohl f\u00fcr Aktivist*innen als auch f\u00fcr die LGBTIQ-Community in ganz Russland. Wir werden von Anfragen \u00fcberflutet, t\u00e4glich erreichen uns neue Nachrichten. Trotz neuer Schwierigkeiten arbeiten und evakuieren wir weiter. Wir brauchen dringend Unterst\u00fctzung.\u00bb<\/p>\n<p>So kannst du die North Caucasus SOS Crisis Group bei ihrer Arbeit unterst\u00fctzen: <a href=\"http:\/\/sksos.org\/en\">sksos.org\/en<\/a><\/p>\n<h3 class=\"lavendeltitel\">Ein Blick zur\u00fcck<\/h3>\n<p class=\"lavendel\"><strong>1994<\/strong><br \/>\nNach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung Tschetscheniens kommt es zum Krieg: Russische Truppen r\u00fccken ein und erobern die Hauptstadt Grosny.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>1996<\/strong><br \/>\nTschetschenische Truppen erlangen wieder die Kontrolle \u00fcber Grosny und Russland zieht sich zur\u00fcck. Eine islamistische Gewaltherrschaft f\u00fchrt die Scharia ein.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>1999<\/strong><br \/>\nRusslands neuer Ministerpr\u00e4sident Wladimir Putin k\u00fcndigt milit\u00e4rische Aktionen an, um Tschetschenien wieder unter die vollst\u00e4ndige Kontrolle der russischen Zentralregierung zu stellen. Dieser zweite Krieg dauert bis 2009.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>2007<\/strong><br \/>\nDas tschetschenische Parlament w\u00e4hlt Ramsan Kadyrow auf Vorschlag von Putin zum Pr\u00e4sidenten. Personenkult, Korruption und Menschenrechts\u00adverletzungen zeichnen Kadyrows diktatorischen Amtsstil aus.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>2017<\/strong><br \/>\nAm 1. April berichtet die Zeitung Nowaja Gaseta \u00fcber systematische Verfolgungen von \u00fcber 100 schwulen M\u00e4nnern durch die tschetschenischen Beh\u00f6rden. Mindestens drei sollen gestorben sein. Menschenrechts\u00adorganisationen und westliche Regierungen fordern Russland auf, eine Untersuchung zu starten. In einem TV-Interview sagt Kadyrow, dass im Land keine LGBTIQ-Personen existierten.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>2018<\/strong><br \/>\nDie Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sowie die USA best\u00e4tigen in unabh\u00e4ngigen Berichten die Verhaftungswellen in Tschetschenien.<\/p>\n<p class=\"lavendel\"><strong>2019<\/strong><br \/>\nDas Russian LGBT Network berichtet von einer neuen Verhaftungswelle. Die Organisation l\u00e4sst sich f\u00fcr den Film \u00abWelcome to Chechnya\u00bb begleiten, der ein Jahr sp\u00e4ter erscheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der #Ukraine-Krieg ruft uns auch die Lage der #LGBTIQ-Community in #Tschetschenien in Erinnerung. Dort gehen die Verfolgungen auch 5 Jahre nach der ersten grossen Verhaftungswelle weiter. 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