{"id":134565,"date":"2022-04-05T09:12:34","date_gmt":"2022-04-05T07:12:34","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=134565"},"modified":"2022-04-09T08:22:18","modified_gmt":"2022-04-09T06:22:18","slug":"ich-habe-ja-nichts-gegen-trans-personen-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/ich-habe-ja-nichts-gegen-trans-personen-aber\/","title":{"rendered":"Ich habe ja nichts gegen trans Personen, aber \u2026"},"content":{"rendered":"<h3>K\u00fcrzlich ist \u00abTranssexualit\u00e4t \u2013 Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?\u00bb erschienen, eine Streitschrift von Alice Schwarzer. Unsere trans Kolumnistin Anastasia Biefang hat das Buch gelesen. Hier ihre Meinung*.<\/h3>\n<p>Die Existenz von trans Frauen und deren Recht auf Selbstbestimmung bedroht vermeintlich die cis Frau, nimmt ihr Schutzr\u00e4ume und liefert diese an triebgesteuerte trans Frauen mit oder ohne Penis aus. Das Ganze wird anscheinend bef\u00f6rdert von einer zunehmend verst\u00e4ndnisvollen, begutachtungsfreien Gesetzgebung zum Personenstand und einer medizinischen Kaste, die gef\u00e4llige Gutachten schreibt und keinen Therapiezwang mehr f\u00fcr trans Menschen fordert, sondern einfach \u2013 um nicht transphob zu gelten \u2013 dem selbstbestimmten Drang von einem Heer an trans Menschen nachgibt und diese selbstverst\u00e4ndlich als Frau oder Mann in ihrem empfundenen Geschlecht anerkennt. Dem Missbrauch von cis Frauen wird hier durch die staatlichen Institutionen Vorschub geleistet. Selbstbestimmung, so Alice Schwarzer, muss einfach Grenzen haben. Und diese zieht Schwarzer ganz klar bei trans Menschen.<\/p>\n<p>Bereits vor mehr als einem Jahr habe ich in meiner <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/anastasia-biefang-selbstbestimmung-ist-keine-dekadenz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kolumne \u00abDie trans Perspektive\u00bb<\/a> \u00fcber die uns\u00e4gliche Debatte und die verk\u00fcrzten und vereinfachten Bilder darin geschrieben. Ich f\u00fchlte mich damals bereits in meiner Existenz angegriffen und nach dem Lesen des aktuellen Buches von Schwarzer erneut. Sie tritt an mit einer sogenannten Streitschrift, einem literarisch erhitzenden Aufguss, um endlich die notwendige, gesellschaftliche Debatte zu f\u00fchren, was ein Mann und eine Frau ist. Um endlich all denen Geh\u00f6r zu verschaffen, die in den letzten Jahren nicht geh\u00f6rt wurden, die durch die \u201eGenderideologen\u00bb stumm gemacht wurden. Und das Buch erscheint dann auch noch zum Tag der Sichtbarkeit von trans Menschen, dem Transgender Day of Visibility <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/alice-schwarzer-kann-nicht-beurteilen-was-trans-menschen-bewegt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/p>\n<p>In ihrem Buch bespricht Schwarzer eine Vielzahl von Aspekten zum Thema Trans, verbleibt inhaltlich aber an der Oberfl\u00e4che und verirrt sich einseitig in ihrer Anti-trans-Argumentationskette. Ein zunehmender Hype um Transsexualit\u00e4t, politisch, medizinisch und medial wird ausgemacht, der dazu f\u00fchrt, dass unreife Jugendliche sich auf einen irreversiblen Weg der Geschlechtsangleichung begeben, dass junge M\u00e4dchen sich massenhaft als trans outen, weil diese die spezifischen sozialen Rollenerwartungen an ihr Geschlecht nicht erf\u00fcllen und in der Geschlechtsangleichung den einzigen Ausweg sehen. Und nat\u00fcrlich, dass das (noch immer nicht) umgesetzte Reformvorhaben zum weiterhin in Deutschland bestehenden Transsexuellengesetz (TSG), dem Selbstbestimmungsgesetz, diesem weiter Vorschub leisten wird <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/40-jahre-transsexuellengesetz-gruene-fordern-entschaedigung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a> .<\/p>\n<p>Einseitig, manipulierend und wenig bis gar nicht evidenzbasiert teilt sie gegen die Selbstbestimmung von trans Personen aus und kaut alte Artikel und Interviews aus der Zeitschrift <em>Emma<\/em> ohne entsprechende Einordnung wider. Die Summe der Teile soll ein wahrhaftig Ganzes ergeben. Schwarzer ist die H\u00fcterin der Wahrheit, einer unausgesprochenen und nat\u00fcrlich tabuisierten Wahrheit. Eine ausgewogene Streitschrift ist es wahrlich nicht. \u00abIch habe ja nichts gegen trans Personen, aber \u2026\u00bb w\u00e4re der wohl treffendere Titel dieses Buches. Und am Ende steht die Zuspitzung \u00fcber die Deutungshoheit von Geschlecht und Frausein. Auf der einen Seite ausgemachte radikale und ideologisierende (trans) Aktivist*innen und auf der anderen Seite aufrechte Feminist*innen, die gegen die Unsichtbarmachung und Ausl\u00f6schung der (cis) Frau mutig und gewissenhaft antreten.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ein jeder ihrer Argumente ist der vermeintliche Schutz von Kindern und Jugendlichen im Besonderen und von (cis) Frauen im Allgemeinen. Die (cis) Frau soll im gesellschaftlichen Diskurs verschwinden und sprachlich sowie tats\u00e4chlich unsichtbar gemacht werden. An die Stelle des Patriarchats tritt nun die \u00abGenderideologie\u00bb und dreht zur\u00fcck, was feministischer Kampf \u00fcber Jahrzehnte errungen hat. Die (cis) Frau wird weiter marginalisiert und in l\u00e4ngst \u00fcberholte Geschlechterrollen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und sogar ihr Schutzraum vor M\u00e4nnern durch trans Frauen gar genommen. Anstatt zwei marginalisierte Gruppen zu st\u00e4rken und die Gemeinsamkeiten im gesellschaftlichen Befreiungskampf aufzuzeigen, spielt Schwarzer diese gegeneinander aus und verk\u00fcrzt den Diskurs auf den Aspekt der Sicherheit.<\/p>\n<blockquote><p>Nicht immer wird es einfache L\u00f6sungen geben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Patriachat schaut sicherlich gelassen und am\u00fcsiert von der Seitenlinie auf dieses Spielfeld, auf dem sich cis und trans Frauen bekriegen. Damit m\u00f6chte ich keinesfalls den Blick f\u00fcr die Sicherheit von cis Frauen tr\u00fcben. Ich habe hier keinen blinden Fleck. Und ich bin mir bewusst, dass ich als trans Frau eine g\u00e4nzlich andere Sozialisation und Pr\u00e4gung erfahren habe als eine cis Frau. Das erkenne ich jeden Tag und gerne an. Aber auch ich habe meine Erfahrungen aufgrund meines Geschlechts, der Zuschreibung von Geschlecht an meine Person und den spezifischen Rollenerwartungen an mich und mein (vermeintliches) Geschlecht gemacht. Dort wo \u00c4ngste erwachsen, muss ein Raum f\u00fcr Kommunikation bestehen, muss Empathie als wesentliche verst\u00e4ndigende Leistung erbracht werden. Und nicht immer wird es einfache L\u00f6sungen geben.<\/p>\n<p>Es geht darum, aneinander anzuerkennen und sich gegenseitig respektvoll zuzuh\u00f6ren. Weder tats\u00e4chliches noch virtuelles Niederschreien ist hier ein zielf\u00fchrender Ansatz, noch verk\u00fcrzte und unzureichende Darstellungen der Realit\u00e4t. Umso mehr bin ich \u00fcberzeugt davon, dass wir insgesamt die normierenden Erwartungen und Haltungen an das Konstrukt Geschlecht gesellschaftlich dekonstruieren m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen den determinierenden Schleier herunter reissen und die Vielzahl geschlechtlichen Ausdrucks tats\u00e4chlich anerkennen und wertsch\u00e4tzen. Der gesellschaftliche reproduzierte Determinismus der geschlechtlichen Binarit\u00e4t muss endlich ein Ende finden. Das bedeutet aber noch lange nicht das Ende der cis-geschlechtlichen Kategorie von Mann und Frau, sondern nur der damit verbundenen Zuschreibungen und Mechanismen der einseitigen Unterdr\u00fcckung und in Folge das Ende des Patriarchats.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Realit\u00e4t ist (zum Gl\u00fcck) bei weitem komplexer als die verk\u00fcrzte Schwarzer Dystopie. Meine Lebensrealit\u00e4t ist bereits deutlich komplexer und vielschichtiger als die von Schwarzer beschriebene. In meiner Realit\u00e4t leben cis, trans und non-bin\u00e4r miteinander und k\u00e4mpfen f\u00fcr Selbstbestimmung und Gleichberechtigung Seite an Seite. Und nicht nur am 8. M\u00e4rz, am Frauenkampftag, sondern an jedem einzelnen Tag. Denn an jedem dieser Tage treten wir an gegen ein weiterhin vorherrschendes patriarchales System, das versucht bin\u00e4re Vorstellungen von Geschlecht weiter zu zementieren und Normvorstellungen von Mann und Frau, von Liebe und Beziehungen zu definieren und gesellschaftlich zu kodieren. Deswegen ist u.a. die Reform des TSG auch so wichtig.<\/p>\n<p>Erst durch die verst\u00e4rkte Sichtbarkeit von trans Personen in der Gesellschaft, durch die fortschreitende Akzeptanz von nicht-heteronormativen Lebensentw\u00fcrfen und durch die Abkehr von kodierten Normvorstellungen ist das geplante Selbstbestimmungsgesetz erst m\u00f6glich geworden. Es ist ein deutlicher Schritt der Befreiung. Es zementiert eben nicht die bin\u00e4re Geschlechterordnung und es radiert auch cis Frauen nicht aus. Und es leistet auch keinen Vorschub f\u00fcr einen sogenannten \u00abTrans Hype\u00bb, der, so Schwarzer, in die unreflektierte Medikalisierung von insbesondere jungen M\u00e4dchen f\u00fchre. Denn, dies blendet Schwarzer gekonnt aus, das Selbstbestimmungsgesetz ist nicht der \u00abFreifahrtschein\u00bb in die medizinische Geschlechtsangleichung, sondern nur die Grundlage f\u00fcr die \u00c4nderung des Personenstandes. Ein Personenstand, der dann f\u00fcr alle Menschen neben dem m\u00e4nnlichen und weiblichen Geschlecht, auch den Geschlechtseintrag \u00abdivers\u00bb zulassen wird und zwar ohne medizinische Indikation einer Intersexualit\u00e4t. Die Vielfalt und Komplexit\u00e4t von Geschlecht werden hiermit anerkannt und gesetzlich festgeschrieben. Medizinische Massnahmen in Hinblick auf k\u00f6rperver\u00e4ndernde Prozeduren m\u00fcssen weiterhin einen medizinisch indizierten Leidensdruck aufweisen.<\/p>\n<p>Auch mit einem Selbstbestimmungsgesetz, sind f\u00fcr Betroffene weiterhin Kriterien im Rahmen einer qualifizierten medizinischen Diagnostik zu erf\u00fcllen. Dies ist sicherlich nicht die \u00abSchnellstrasse in die Transsexualit\u00e4t\u00bb wie von Schwarzer in ihrer \u00abStreitschrift\u00bb ausgemacht. Es ist weiterhin ein verantwortungsvoller medizinisch-psychologischer Umgang mit Betroffenen und trans Menschen, allerdings einer der (endlich) affirmativ das individuelle Leiden und den selbstbestimmten Willen des Individuums in den Mittelpunkt allen Handelns stellt und willk\u00fcrlich herrschaftserhaltende Massnahmen aus dem Verkehr zieht. Und dieser Weg dorthin, hat mehr als vierzig Jahre aktiver gesellschaftspolitischer Arbeit und Kampf gebraucht, ausgetragen auf dem R\u00fccken marginalisierter Gruppen.<\/p>\n<blockquote><p>Wir brauchen Schutz vor dem cis-heteronormativen Patriarchat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich stehe Seite an Seite mit meinen Schwestern f\u00fcr Gleichberechtigung. Wir erg\u00e4nzen uns in unseren Erfahrungen. Und meine Perspektive auf die Welt, insbesondere auf das Patriarchat, k\u00f6nnen den Feminismus st\u00e4rken. Wir m\u00fcssen uns nicht gegenseitig in Grabenk\u00e4mpfen beharken, um zu kl\u00e4ren, wer die \u00abbessere\u00bb Frau ist oder welche Erfahrungen unser Frausein begr\u00fcnden, welche Erfahrungen exklusive Frauenerfahrungen sind. Aber eins ist gewiss: Je mehr der Diskurs auf Ausgrenzung steuert, je mehr trans Personen entmenschlicht dargestellt werden, desto d\u00fcsterer wird es f\u00fcr unsere Sicherheit vor \u00dcbergriffen. Desto gr\u00f6sser wird unser Bed\u00fcrfnis nach Schutz. Desto mehr brauchen wir Schutz vor dem cis-heteronormativen Patriarchat.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen LGBTIQ-Thema. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende M\u00e4rz ist \u00abTranssexualit\u00e4t \u2013 Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?\u00bb erschienen, eine Streitschrift von Alice Schwarzer. 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