{"id":133745,"date":"2022-03-24T11:19:42","date_gmt":"2022-03-24T10:19:42","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=133745"},"modified":"2023-01-30T15:30:55","modified_gmt":"2023-01-30T14:30:55","slug":"wir-akzeptieren-nicht-mehr-dass-man-uns-mit-mitleid-begegnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wir-akzeptieren-nicht-mehr-dass-man-uns-mit-mitleid-begegnet\/","title":{"rendered":"\u00abWir akzeptieren nicht mehr, dass man uns mit Mitleid begegnet\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Der Schweizer Autor und Theologe Pierre Stutz ist Mitinitiant der Aktion #OutInChurch. Im Interview mit MANNSCHAFT+ spricht er \u00fcber sein eigenes Coming-out und erkl\u00e4rt, weshalb die sexuelle Orientierung eben nicht nur Privatsache ist.<\/h3>\n<p>Pierre Stutz (68) geh\u00f6rt zu den Initiant*innen von #OutInChurch: 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche in Deutschland outeten sich dabei als LGBTIQ (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/125-mitarbeiterinnen-der-katholischen-kirche-outen-sich-als-queer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>). Der Schweizer Autor und Theologe selbst hatte sein Coming-out bereits vor 20 Jahren \u2013 und legte damals gleichzeitig sein Priesteramt nieder. Heute lebt er mit seinem Mann in Osnabr\u00fcck. 2020 erhielt Pierre den Preis der Herbert-Haag-Stiftung, der jeweils an Menschen und Institutionen geht, die sich durch freie Meinungs\u00e4usserung und mutiges Handeln im christlichen Diskurs exponieren.<\/p>\n<p><strong>MANNSCHAFT: Weshalb braucht es #OutInChurch?<br \/>\n<\/strong>Pierre: Die Aktion war \u00fcberf\u00e4llig, weil im religi\u00f6s-spirituellen, wie im k\u00fcnstlerischen Bereich \u00fcberdurchschnittlich viele queere Menschen t\u00e4tig sind. Es wird angenommen, dass mehr als ein Drittel der Priester schwul ist und nicht wenige pastorale Mitarbeitende sind LGBTIQ-Personen, die sehr darunter leiden, in einem Klima der Angst leben und arbeiten zu m\u00fcssen. Dabei geh\u00f6rt es zur Kernaussage meines Lebensfreundes aus Nazareth, Menschen zu ermutigen, der Angst nicht mehr die Regie im Leben zu \u00fcberlassen und mit Zivilcourage den aufrechten Gang zu gehen.<\/p>\n<p><strong>Was sind eure Ziele?<\/strong><br \/>\nIn unseren <a href=\"https:\/\/outinchurch.de\/manifest\/forderungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sieben Kernforderungen<\/a> protestieren wir gegen die homophob-diskriminierenden Dokumente aus dem Vatikan. Und wir verlangen, dass das kirchliche Arbeitsrecht ge\u00e4ndert wird, damit niemand mehr aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identit\u00e4t und der Lebensform entlassen werden kann. Wir haben in der Basisgruppe seit Juni 2021 intensiv in Zoom-Konferenzen und Untergruppen an diesem Manifest gearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Bist du mit den bisherigen Auswirkungen zufrieden?<\/strong><br \/>\nDie Resonanz \u00fcbertrifft all unsere Erwartungen. Es zeigt erfreulicherweise, dass sich auf der Ebene der Gemeinden sehr viel ge\u00e4ndert hat und queere Menschen meist willkommen sind. So wurden trotz des Verbots aus Rom im Mai 2021 \u00fcber 100 <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/liebegewinnt-segnungsgottesdienste-fuer-lgbtiq-gehen-in-2-runde\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Segensfeiern f\u00fcr alle<\/a> gestaltet und nun sind viele Bist\u00fcmer bereit, ihr Arbeitsrecht zu korrigieren.<\/p>\n<p><strong>Du kennst ja sowohl die Schweiz als auch Deutschland sehr gut. Gibt es zwischen den beiden L\u00e4ndern Unterschiede, was den Umgang mit LGBTIQ-Menschen in der Kirche betrifft?<br \/>\n<\/strong>Die Schweiz ist in vielen Bereichen \u2013 je nach Bistum \u2013 viel liberaler. Durch die Vielfalt der verschiedenen Kirchenordnungen in den Kantonen werden die Mitarbeitenden in der Kirche nicht wie in Deutschland direkt vom Bischof bezahlt, sondern von den Kirchgemeinden. So haben die Bisch\u00f6fe in der Schweiz weniger Macht, was sehr gut ist. In beiden L\u00e4ndern hat sich auf der Ebene der Pfarreien viel ver\u00e4ndert, die Tabuisierung der Homosexualit\u00e4t wird immer mehr aufgebrochen. Es gibt jedoch noch viel zu tun, um eine menschenw\u00fcrdige Gleichberechtigung zu erhalten.<\/p>\n<p><strong>Kann ein #OutInChurch wie in Deutschland jetzt auch in der Schweiz stattfinden?<\/strong><br \/>\nIch hoffe sehr, dass #OutInChurch in der Schweiz und auch vielen anderen L\u00e4ndern \u2013 \u00d6sterreich, Frankreich, Italien \u2013 weitergef\u00fchrt wird. Ich bedaure, dass sich in der Schweiz so wenige Priester und pastorale Mitarbeitende outen, weil ich die Meinung nicht teile, dass dies Privatsache sei. Wir h\u00e4tten niemals die Ehe f\u00fcr alle, wenn nicht jahrzehntelang Menschen f\u00fcr dieses Recht \u00f6ffentlich gek\u00e4mpft h\u00e4tten&#8230;<\/p>\n<p><strong>Nun zu deiner pers\u00f6nlichen Geschichte: Wie kam es, dass du vor 20 Jahren dein Amt als Priester niedergelegt hast?<br \/>\n<\/strong>Der Leidensdruck war gewaltig. \u00c4usserlich war ich immer sehr erfolgreich und ich konnte in meinem Leben viele meiner Tr\u00e4ume verwirklichen: Buchautor sein, ein offenes Kloster gr\u00fcnden. Mein Inneres liess sich nicht von meinem Erfolg blenden und schrie immer lauter durch psychosomatische Beschwerden. Ich wurde immer depressiver, lebensm\u00fcde, gekr\u00fcmmt in meinem Gehen. In meiner Verzweiflung schrieb ich meistens nachts in den vielen schlaflosen Stunden an einem Buch mit dem Titel \u00abVerwundet bin ich und aufgehoben\u00bb \u2013 in der Hoffnung durch das Schreiben nochmals die Kurve zu kriegen, um meinem Coming-out entgehen zu k\u00f6nnen! Das Gegenteil trat ein.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/P3vAEcgev_A\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Du hast dann die Amtsniederlegung mit einem \u00f6ffentlichen Coming-out verbunden.<\/strong><br \/>\nIch wagte in einem Mutanfall \u00f6ffentlich zu sagen, dass ich immer schon mit der tiefen Sehnsucht unterwegs war, das Geschenk der Liebe mit einem Mann erleben zu d\u00fcrfen. Kurz vor diesem Schritt waren meine \u00c4ngste nochmals sehr gross. Als ich es zuerst dem Team mitteilte, hoffte ich einen kurzen Moment, durch einen Herzschlag verschont zu werden vor den Worten: \u00abIch bin schwul, weil die g\u00f6ttliche Sch\u00f6pferkraft mich so wunderbar geschaffen hat.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Welche Reaktion hast du auf das Coming-out erhalten?<\/strong><br \/>\nIch bekam \u00fcber 800 Briefe, in denen mir fast alle ihre Wertsch\u00e4tzung ausdr\u00fcckten. Kaum ein Dutzend verdammte mich (\u00abDu bist Judas\u00bb) und wollte mich in die H\u00f6lle schicken. Das konnte niemand, weil ich aus der H\u00f6lle kam! Indem ich mein Priesteramt niederlegte, wollte ich bewusst aus der Opferrolle hinaustreten. Statt \u00abIch kann nicht mehr\u00bb selbstbewusst sagen \u00abIch will nicht mehr\u00bb. Seither bin ich ein befreiter Mensch und seit ich ein Jahr nach meinem Coming-out die Liebe meines Lebens kennengelernt habe, bin ich endlich gl\u00fccklich, auch mit all den Herausforderungen, die zu einer Partnerschaft geh\u00f6ren. Im Januar 2013 haben wir im Standesamt in Lausanne unsere Partnerschaft eintragen lassen, im Juli 2018 haben wir im Standesamt in Osnabr\u00fcck geheiratet und nun k\u00f6nnen wir sogar am 1. Juli 2022 in der Schweiz nochmals heiraten.<\/p>\n<p><strong>Du hast k\u00fcrzlich in einem Interview gesagt, dass du weiterhin gegen \u00abdie homophobe Lehre im Katechismus\u00bb k\u00e4mpfst. Wie sieht dieser \u00abKampf\u00bb oder vielleicht besser dieses \u00abEngagement\u00bb aus?<br \/>\n<\/strong>Es bleibt noch sehr viel zu tun, solange in den offiziellen Dokumenten immer noch steht, dass queere Menschen keine gesunden Beziehungen leben k\u00f6nnen und dass es nicht gottgewollt sei, dass zwei Frauen, zwei M\u00e4nner sich lieben&#8230; N\u00e4chstes Jahr feiern wir das 75-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Verk\u00fcndigung der Menschenrechte, f\u00fcr die ich mich seit meiner Jugendzeit engagiere. Emp\u00f6rend ist, dass der Vatikanstaat sie immer noch nicht unterschrieben hat, deshalb k\u00e4mpfen wir weiter.<\/p>\n<p><strong>Welche Forderungen hast du noch an die Kirche?<br \/>\n<\/strong>Ich fordere nicht nur Segensfeiern f\u00fcr queere Menschen, sondern f\u00fcr jene, die es m\u00f6chten, auch die \u00abEhe f\u00fcr alle in der katholischen Kirche\u00bb, weil ich die Liebe mit meinem Mann als Sakrament, als etwas Heilendes und Heiliges erfahre. Sehr erfreulich ist, dass sich 30 katholische Verb\u00e4nde mit #OutInChurch \u00f6ffentlich solidarisieren, weil es ja um einen grossen Reformstau in der katholischen Kirche geht: neue Sexualethik, Priestertum der Frau, Teilung von Macht und so weiter. So versuche ich weiterhin, in k\u00e4mpferischer Gelassenheit mich mit vielen anderen f\u00fcr eine \u00f6kumenisch-interreligi\u00f6se Kirche zu engagieren, auch in der Haltung nicht alle Fr\u00fcchte ernten zu k\u00f6nnen. Dank der Erfahrungen mit #OutInChurch werden wir, die nicht mehr akzeptieren, dass uns \u00abmit Mitleid\u00bb begegnet werden soll, immer mehr. Dazu stehen wir nicht mehr zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Theologe Pierre Stutz ist Mitinitiant von #OutInChurch. Mit MANNSCHAFT+ spricht er \u00fcber sein eigenes #Comingout und erkl\u00e4rt, weshalb die sexuelle Orientierung eben nicht nur Privatsache ist. <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wir-akzeptieren-nicht-mehr-dass-man-uns-mit-mitleid-begegnet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":133746,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,4371],"tags":[5442,52,5512,56],"wps_subtitle":"Autor Pierre Stutz \u00fcber die Bewegung #OutInChurch","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133745"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133745"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133745\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":133751,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133745\/revisions\/133751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/133746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133745"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133745"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133745"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}