{"id":131665,"date":"2022-03-04T13:00:17","date_gmt":"2022-03-04T12:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=131665"},"modified":"2022-03-06T19:25:51","modified_gmt":"2022-03-06T18:25:51","slug":"zum-100-pier-paolo-pasolini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/zum-100-pier-paolo-pasolini\/","title":{"rendered":"\u00abDie 120 Tage von Sodom\u00bb \u2013 Wer t\u00f6tete Pier Paolo Pasolini?"},"content":{"rendered":"<h3>Am 5. M\u00e4rz 2022 w\u00e4re der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini 100 Jahre alt geworden. Bis heute gibt seine Ermordung im Jahr 1975 R\u00e4tsel auf. Eine W\u00fcrdigung von Sabine G\u00f6ttel und Olaf Neumann<\/h3>\n<p>Am 5. M\u00e4rz w\u00e4re Pasolini 100 Jahre alt geworden: \u00abPPP 100\u00bb steht auf Bildschirmen an Flugh\u00e4fen, es gibt Sonderbeilagen in den Zeitungen, ihm gewidmete Sendungen im Fernsehen. Gut 46 Jahre nach seinem Tod feiert Italien einen seiner pr\u00e4gendsten Intellektuellen. \u00abEs wundert mich nicht, dass er noch so bekannt ist. So eine intellektuelle Figur gibt es in Italien nicht mehr\u00bb, sagt der deutsche Regisseur und Oscar-Preistr\u00e4ger Pepe Danquart (\u00abSchwarzfahrer\u00bb). Er drehte 2017 die Pasolini-Doku \u00abVor mir der S\u00fcden\u00bb &#8211; eine Auto-Reise um den italienischen Stiefel auf den Spuren Pasolinis. Danquart nennt Pasolini einen Helden: \u00abEr stand zu dem, was er von der Welt hielt.\u00bb<\/p>\n<p>Aufgewachsen im Nordosten Italiens, wo er zun\u00e4chst als Lehrer arbeitete, zog er sp\u00e4ter nach Rom. Er habe sich immer n\u00e4her beim Subproletariat, also denen, die in der Gesellschaft unter den schlechtesten Bedingungen leben, gesehen, sagt Danquart. Mit der Bourgeoisie habe Pasolini nichts anfangen k\u00f6nnen. Er war Kommunist, wegen seiner Homosexualit\u00e4t schloss ihn die Partei jedoch aus. Im Fernsehen sagte er einmal, die Menschen, die er wohl am meisten m\u00f6ge, seien die, die nicht mal die vierte Klasse geschafft h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der Tod und das Nachdenken dar\u00fcber begleiteten Pasolini seit seiner Jugend. F\u00fcr ihn bedeutete Sterben \u00abnicht die Unm\u00f6glichkeit zu kommunizieren, sondern nicht mehr verstanden zu werden&#8220;. Liebe und Verst\u00e4ndnis findet der am 5. M\u00e4rz 1922 in Bologna geborene Sohn eines Leutnants und einer Grundschullehrerin vor allem bei der Mutter, zu der er zeitlebens eine symbiotische Beziehung pflegte. Zu ihr fl\u00fcchtet sich der fr\u00fch Begabte vor der Strenge des Vaters und den Zumutungen st\u00e4ndiger Umz\u00fcge und Entwurzelungen. Bei ihr und in Casarsa, einem kleinen Ort im Friaul, wo die Grosseltern m\u00fctterlicherseits leben, findet Pier Paolo so etwas wie Heimat und Gl\u00fcck. Hier entstehen die ersten Verse, hier lernt er, die Furlanische Sprache zu lieben, und hier sollte er sp\u00e4ter begraben werden. Bereits mit 17 Jahren &#8211; in Italien herrschen Mussolini und seine faschistischen Schergen &#8211; schreibt er sich an der Universit\u00e4t ein, gr\u00fcndet Literatenzirkel, schreibt Artikel und ver\u00f6ffentlicht seinen ersten Lyrikband \u00abGedichte in Casarsa\u00bb. Das Buch wird von der Zensur verboten; das Furlanische gilt den Faschisten als Form des Widerstands.<\/p>\n<p>Im Krieg \u00fcberschlagen sich die Ereignisse: 1943 desertiert Pasolini aus der Armee und fl\u00fcchtet nach Casarsa; 1945 wird sein j\u00fcngerer Bruder und Herzensfreund Guido nach innerparteilichen Partisanenk\u00e4mpfen hingerichtet &#8211; ein Verlust, der Pasolinis Leben fortan pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Bereits vor 1945 hat Pasolini Sch\u00fcler unterrichtet; nach dem Krieg und der Erfahrung des Faschismus wird er vollends zum \u00fcberzeugten P\u00e4dagogen und fordert eine antitotalit\u00e4te, an der Pers\u00f6nlichkeit des einzelnen Kindes orientierte Erziehung. In Udine arbeitet Pasolini zun\u00e4chst als Mittelschullehrer und beginnt, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. 1947 tritt er in die Kommunistische Partei Italiens ein. Dort hat er einen schweren Stand; er ist homosexuell und er dr\u00fcckt sich bewusst in der Sprache des einfachen Volkes statt in den Theoremen des sozialistischen Realismus aus. Die Anschuldigung, er habe sich an zwei minderj\u00e4hrigen Jungen vergangen, f\u00fchrt 1949 schliesslich zum Parteiausschluss und zum Verlust seines Lehramts. Pasolini hat sich einem langwierigen und besch\u00e4menden Gerichtsverfahren zu unterziehen, unter dessen Eindruck er Zeit seines Lebens steht. An der Seite seiner Mutter zieht der als Schwuler Gebrandmarkte nach Rom, um ein neues Leben zu beginnen.<\/p>\n<p>Als er mit 31 Jahren in der Filmszene Fuss fasst, werden diese Erfahrungen zum Zentrum seiner cineastischen Visionen. Sie kreisen um Welten, so schreibt Pasolini sp\u00e4ter, in denen \u00abchristliche Verhaltensweisen wie Vergebung, Unterw\u00fcrfigkeit usw. g\u00e4nzlich unbekannt sind und der Egoismus legitime, m\u00e4nnliche Gestalt annimmt.\u00bb<\/p>\n<p>Im Jahr 1955 wird Pasolinis bei Kritik und Lesern gleichermassen gefeiertes Romandebut \u00abRagazzi di vita\u201c ein Jahr lang aus den Buchhandlungen verbannt; sein Autor wird wegen Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften angeklagt. Zur Zielscheibe der Presse gewordern, sieht sich Pasolini den absurdesten Verd\u00e4chtigungen ausgesetzt; so soll er etwa an einem bewaffneten Raub\u00fcberfall auf eine Bar teilgenommen haben. Seine k\u00fcnstlerische Karriere jedoch ist unaufhaltsam: Als Drehbuchautor arbeitet er zun\u00e4chst mit Kino-Koryph\u00e4en wie Federico Fellini und Franco Rossi zusammen, bis er sich dazu entschliesst, selbst Regie zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Immer wieder muss sich der Regisseur wegen seiner seiner Werke vor Gericht verantworten: \u00abLa Ricotta\u00bb aus dem Jahr 1963 wird als blasphemisch gebrandmarkt und eine zeitlang verboten; \u00abTeorema \u2013 Geometrie der Liebe\u00bb von 1968 zieht Proteste des Vatikans nach sich. 1972 erh\u00e4lt er f\u00fcr \u00abPasolinis tolldreiste Geschichten\u00bb den Goldenen B\u00e4ren der Berlinale; aber der Film wird vor\u00fcbergehend beschlagnahmt, weil sich ein katholischer Orden verleumdet f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Rom, am 2. November 1975: In den fr\u00fchen Morgenstunden findet die Hausfrau Maria Teresa Lollobrigida die Leiche Pier Paolo Pasolinis auf einem unbebauten Grundst\u00fcck an der r\u00f6mischen K\u00fcste bei Ostia. Der 53-J\u00e4hrige wurde erschlagen und danach mehrfach mit seinem eigenen Wagen \u00fcberfahren. Bald darauf verhaftet die Polizei den 17-j\u00e4hrigen Stricher Guiseppe Pelosi. Der gesteht die Tat, wird wegen Mordes verurteilt und sitzt bis 1982 im Gef\u00e4ngnis. 2005 widerruft er sein Gest\u00e4ndnis und gibt an, von den eigentlichen M\u00f6rdern, die er nicht kenne, zum Stillschweigen gezwungen worden zu sein. Pier Paolo Pasolini sei nicht von ihm, sondern von Unbekannten get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p>Bis heute wurden die wahren Umst\u00e4nde des Todes eines der bedeutendsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts nicht aufgekl\u00e4rt. Bei der r\u00f6mischen Staatsanwaltschaft liegt noch immer ein Gesuch nach Wiederaufnahme des Falls &#8211; bisher ohne Erfolg. Einige seiner Anh\u00e4nger beharren auf der Vermutung, Pasolini sei Opfer eines Auftragsmordes geworden, weil er kurz vor seinem Tod Hinweise \u00fcber kriminelle Machenschaften des italienischen Geheimdienstes gesammelt habe. Diese Spekulationen werden gen\u00e4hrt von der Tatsache, dass der Regisseur wegen seines letzten Films \u00abDie 120 Tage von Sodom\u00bb Todesdrohungen von rechtsextremen Organisationen erhalten hatte.<\/p>\n<p><em>(mit dpa)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. M\u00e4rz 2022 w\u00e4re der #schwule Filmemacher Pier Paolo #Pasolini 100 Jahre alt geworden. 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