{"id":131634,"date":"2022-02-26T10:08:27","date_gmt":"2022-02-26T09:08:27","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=131634"},"modified":"2022-02-26T11:12:06","modified_gmt":"2022-02-26T10:12:06","slug":"erneute-reformation-der-kirche-als-jahrhundert-ereignis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/erneute-reformation-der-kirche-als-jahrhundert-ereignis\/","title":{"rendered":"Erneute Reformation der Kirche w\u00e4re ein Jahrhundert-Ereignis"},"content":{"rendered":"<h3>Eine \u00c4nderung der katholischen Lehre h\u00e4tte globalen Einfluss auf die Verfolgungssituation von LGBTIQ. Denn sie wird nicht selten auch mit der Lehrmeinung der gr\u00f6ssten religi\u00f6sen Institution der Welt begr\u00fcndet, schreibt unser Autor in seinem Kommentar*.<\/h3>\n<p>Es hat Jahrzehnte gedauert bis nicht-heterosexuelle Menschen in Deutschland die gleichen staatlichen Rechte erhalten haben, wie heterosexuelle Menschen. Diese Entwicklung dauerte jeweils Legislaturen und Verfahrensverl\u00e4ufe bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Politik handelt in Wahlperioden, die katholische Kirche in Jahrhunderten, hat mir mal ein Priester erkl\u00e4rt. Nun scheint das Jahrhundert-Ereignis nah.<\/p>\n<p>\u00abNur die d\u00fcmmsten K\u00e4lber w\u00e4hlen ihren Schlachter selber\u201c, mussten sich Schwule oder Lesben, die sich der katholischen Kirche und dem christlichen Glauben verbunden f\u00fchlten, oft anh\u00f6ren. Zu klar waren die Regeln der Verurteilung und Ausgrenzung innerhalb der Kirche. Gelebte Homosexualit\u00e4t (also sexuell aktive) war eine schwere S\u00fcnde, und wurden in der Heiligen Schrift als schwere Verirrungen verurteilt und als die traurige Folge einer Zur\u00fcckweisung Gottes. Als Grundlage dieser Einordnung galt, ob ein Sexualakt \u00abnat\u00fcrlich\u00bb oder \u00abunnat\u00fcrlich\u00bb ist. Und Homosexualit\u00e4t war \u00abunnat\u00fcrlich\u00bb. Davon konnten auch die vielen Belege von homosexuellen Verhalten in der Natur, wer kennt nicht die Geschichten von den <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/schwule-pinguine-sorgen-fuer-nachwuchs-in-indianapolis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schwulen Pinguinen<\/a>, die Sitten- und Glaubensw\u00e4chter nicht abbringen.<\/p>\n<p>Die katholische Definition der \u00abmenschlichen Natur\u00bb beruht auf der mittelalterlichen Scholastik und damit war Homosexualit\u00e4t \u00abunnat\u00fcrlich\u00bb. Immerhin waren Schwule und Lesben mit dieser Einsortierung nach der katholischen Sexualmoral nicht allein. Das grosse katholische Pfui galt ebenso au\u00dfereheliche Geschlechtsverkehr, Masturbation und Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung. Selbst ehelicher Sex hatte nur einen Grund: Kinder zu zeugen. Spass sollte das auf keinen Fall machen.<\/p>\n<p>Der Kampf innerhalb der katholischen Kirche war dabei lange Zeit eigentlich unm\u00f6glich. Diejenigen, die etwas \u00e4ndern wollten, bekamen Schwierigkeiten innerhalb der Kirche und ernteten Unverst\u00e4ndnis von ausserhalb. Gesch\u00fctzt von einem staatlichen Antidiskriminierungsrecht, das den Kirchen als Tendenzbetrieben eine Sonderstellung einr\u00e4umte, konnte \u00c4rzten, die sich scheiden liessen, in katholischen Krankenh\u00e4usern ebenso rechtm\u00e4ssig gek\u00fcndigt werden, wie dem schwulen Krankenpfleger oder der lesbischen Krankenpflegerin. Gleiches galt f\u00fcr Schulen und Kinderg\u00e4rten bei denen die katholische Kirche als Tr\u00e4ger fungierte. Obwohl weder die \u00c4rzteschaft, Pflegepersonal, Lehrer*innen oder Kinderg\u00e4rtner*innen etwas mit dem \u201eVerk\u00fcndungsauftrag\u00bb oder theologischer Auslegung zu tun hatten, war dabei egal. Die katholische Kirche machte von ihren Sonderrechten gnadenlos Gebrauch.<\/p>\n<p>Und dabei beliess es die katholische Kirche ja nicht. Man brachte sich klar und deutlich in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Verurteilte jede Politik, die eine Gleichstellung und Gleichberechtigung vorantrieb oder einer Liberalisierung das Wort redete. Es ging schliesslich um den Erhalt des christlichen Abendlandes, das durch die staatliche Legalisierung von Homosexualit\u00e4t ja dem Untergang entgegen wankte. Da wurde eifrig lobbyiert, Stimmung gemacht und mit aller Macht und Deutlichkeit verurteilt.<\/p>\n<p>Und das alles, obwohl gerade der schwule Anteil unter den katholischen Priestern im Vergleich zum sonstigen gesellschaftlichen Durchschnitt extrem hoch war. Nat\u00fcrlich nutzten viele diese berufliche \u00abNische\u00bb, wo man nicht erkl\u00e4ren musste, warum man nicht verheiratet war. So entstand wohl auch die ber\u00fchmte Homolobby im Vatikan, der eine st\u00e4ndige Unterwanderung der katholischen Sexualmoral unterstellt wurde. Nur dass sich an dieser nichts \u00e4nderte. Das alles war verdeckt, geheim und schon deshalb macht- und erfolglos. Aus dem einzigen Grund: Entdeckung bedeutete das Aus im kirchlichen Dienst. Ich selbst kenne noch die Zeiten, als innerhalb der Organisation Homosexuelle und Kirche (HuK) keine Klarnamen im Mailverkehr benutzt werden durften. Das machte die Zusammenarbeit manchmal schon etwas schwierig.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, dass sich im 21. Jahrhundert endlich etwas an der Haltung der katholischen Kirche \u00e4ndert, bekam sp\u00e4testens mit Papst Franziskus neue Nahrung. Allerdings waren die Signale, die von ihm ausgesendet wurden, immer widerspr\u00fcchlich. In seiner Unfehlbarkeit ging auch dieser Pontifex einen Schritt vor und wieder zwei zur\u00fcck, bei diesem Thema. Zu wahrer Begeisterung unter seiner homosexuellen Anh\u00e4ngerschaft f\u00fchrten seine Aussagen im Jahr 2020: \u00abHomosexuelle Menschen haben das Recht darauf, in einer Familie zu sein. Sie sind Kinder Gottes \u2026 Was wir brauchen, ist ein Gesetz zur eingetragenen Partnerschaft; dadurch sind sie rechtlich abgesichert.\u00bb Und w\u00e4hrend er nat\u00fcrlich Widerspruch und Emp\u00f6rung bei den konservativen Katholiken erntete, wurde fleissig interpretiert und ger\u00e4tselt, was er damit eigentlich genau sagen wollte. Machte der Heilige Vater endlich den Weg frei, f\u00fcr gleichgeschlechtliche kirchliche Hochzeiten? Hatte er sich mit seinem Chef abgestimmt, w\u00fcrde es also Gottes Segen auch f\u00fcr s\u00fcndige, gleichgeschlechtlich-liebende Menschen geben?<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter wissen wir, dass er das nicht getan hat. Ganz nach der Aussage seines anderen Chefs Jesus: \u00abGebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist\u00bb. Sollen die staatlichen Stellen Gesetze machen die gleichgeschlechtliche Ehen erm\u00f6glichen, aber nicht in der katholischen Kirche. Ein Jahr nach dieser \u00c4usserung stellt er denn auch klar, dass es in der katholischen Kirche selbstverst\u00e4ndliche keine \u00d6ffnung des Ehesakraments f\u00fcr homosexuelle Paare gibt, um im Nachsatz nat\u00fcrlich davor zu warnen, dass man Homosexuelle nicht diskriminieren darf. W\u00e4re die Echternacher Springprozession nicht schon erfunden, m\u00fcsste man sie nach diesem Papst benennen.<\/p>\n<p>Nun machen sich aber gerade im Kernland der Reformation neue T\u00f6ne breit, und zwar von innerhalb des Kirchenkreises. Mit-Ausl\u00f6ser oder Verst\u00e4rker ist ohne Zweifel das Thema sexueller Missbrauch in der r\u00f6misch-katholischen Kirche. Neben dem System der jahrzehntelangen Verschleierung, unverantwortlichen Bagatellisierung im Umgang mit den T\u00e4tern und ignorierendem Totschweigen der Anliegen der Betroffenen und Opfer, war der fahrl\u00e4ssige Umgang mit der Aufarbeitung der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte. Mit dem synodalen Weg, der direkt aus der Emp\u00f6rung der Gl\u00e4ubigen daraus entstanden ist, sollte als eines der drei Hauptthemen die Sexualmoral der Kirche auf moderne Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften gebracht werden.<\/p>\n<p>Der seit Mitte 2019 sattfindende Diskurs und Dialog wurde am 24. Januar durch die Initiative \u00ab#Out in Church \u2013 F\u00fcr eine Kirche ohne Angst\u201c aussergew\u00f6hnlich vorangetrieben <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/125-mitarbeiterinnen-der-katholischen-kirche-outen-sich-als-queer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Mit ihrem Manifest, verfasst von hauptamtlichen, ehrenamtlichen, potentiellen und ehemaligen Mitarbeiter*innen der r\u00f6misch-katholischen Kirche outeten sich 125 Kirchenmitarbeitende als lesbisch, schwul, bi, trans, inter, queer und non-bin\u00e4r. Wurde das Manifest zu seiner Ver\u00f6ffentlichung von 35 katholischen Verb\u00e4nden, darunter dem Zentralkomitee der Katholiken, unterzeichnet, bis Mitte Februar schlossen sich mehr als 70 Organisationen an. Was vorher noch zu arbeits- und kirchenrechtlichen Konsequenzen gef\u00fchrt hatte, blieb diesmal ohne Sanktionen f\u00fcr die geouteten Menschen. In f\u00fcr die Kirche ungewohnter Schnelligkeit erkl\u00e4rten deutsche Bisch\u00f6fe, dass man von jeglichen Bestrafungen absehe und vielmehr diese Menschen eine \u00abBereicherung\u00bb f\u00fcr die Kirche seien <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bistum-trier-setzt-arbeitsrechtliche-sanktionen-fuer-lgbtiq-aus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>. Und wer sich verwundert die Augen, rieb erlebte Anfang Februar den n\u00e4chsten Paukenschlag vom synodalen Weg. Mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit wurde dort beschlossen, dass die Kirche ihre Aussagen zur Homosexualit\u00e4t \u00e4ndern m\u00fcsse. Gleichgeschlechtliche Liebe soll zuk\u00fcnftig nicht anders beurteilt werden wie heterosexuelle. Und sogar noch weitergehend sollen zuk\u00fcnftig auch homosexuelle Paare ihre Beziehung in der Kirche segnen lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind das \u00abnur\u00bb Empfehlungen an den Papst, denn nur dieser kann diese Vorschl\u00e4ge kirchenrechtlich Realit\u00e4t werden lassen. Ob und wann er das tut, steht nicht fest, aber Franziskus ist gut beraten sich daran zu erinnern, was passierte, als ein Papst das letzte Mal Forderungen, die an deutsche Kirchent\u00fcren genagelt wurden, ignorierte.<\/p>\n<p>Nun werden alle Atheisten und Agnostiker sich fragen, wen es denn heute noch interessiert, was der Papst und die Kirche zum queeren Leben sagen und tun. Ganz einfach: Die queeren Gl\u00e4ubigen interessiert es, weil sie ihren Glauben diskriminierungs- und angstfrei leben wollen, nach Jahrhunderten der Ausgrenzung und Verfolgung. Und nat\u00fcrlich nicht nur queere Gl\u00e4ubige, sondern alle der \u00fcber 22 Millionen Katholiken in Deutschland und rund 1,3 Milliarden Katholiken in der Welt wird das interessieren. Eine \u00c4nderung der katholischen Lehre h\u00e4tte globalen Einfluss auf die Verfolgungssituation von LGBTIQ, die nicht selten auch mit der Lehrmeinung der gr\u00f6ssten religi\u00f6sen Institution der Welt begr\u00fcndet wird.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls w\u00fcnsche mir, dass diese erneute Reformation aus Deutschland mindestens so viel Erfolg hat wie die Erste. Und an dem Tag, an dem dies Wirklichkeit wird, werde ich mit einer Regenbogenfahne Richtung Himmel winken. Egal ob da einer sitzt, der es sieht oder nicht.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine \u00c4nderung der #katholischen Lehre etwa zum Segen f\u00fcr #homosexuelle Paare h\u00e4tte globalen Einfluss auf die Verfolgungssituation von #LGBTIQ. #Kommentar <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/erneute-reformation-der-kirche-als-jahrhundert-ereignis\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2181,"featured_media":110287,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3270],"tags":[5512],"wps_subtitle":"Warum der Papst die Vorschl\u00e4ge zum Kirchenrecht Realit\u00e4t werden lassen sollte","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/131634"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2181"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=131634"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/131634\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131654,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/131634\/revisions\/131654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/110287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=131634"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=131634"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=131634"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}