{"id":130436,"date":"2022-02-12T12:21:37","date_gmt":"2022-02-12T11:21:37","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=130436"},"modified":"2022-02-12T12:21:37","modified_gmt":"2022-02-12T11:21:37","slug":"olympia-2022-es-reicht-nicht-den-fernseher-auszuschalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/olympia-2022-es-reicht-nicht-den-fernseher-auszuschalten\/","title":{"rendered":"Olympia 2022: \u00abEs reicht nicht, den Fernseher auszuschalten\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Ebenso wie 1936 bieten die Olympischen Spiele einem Unrechtsstaat eine internationale B\u00fchne, schreibt Ahima Beerlage in ihrem Samstagskommentar*. Der Motor f\u00fcr diesen Missstand sei die Kommerzialisierung des internationalen Sports.<\/h3>\n<p>\u00abAlle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde und Rechten geboren.\u00bb Mit diesem Satz beginnt der erste Artikel der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Dieses 30 Artikel umfassende Dokument war zwischen 1946 und 1948 von der UN-Menschenrechtskommission zusammengesetzt aus 18 Staaten erarbeitet worden. Den Vorsitz hatte immerhin die Menschenrechtsaktivistin Eleanor Roosevelt, die viele f\u00fcr bisexuell halten.<\/p>\n<p><strong>Ziel war einst V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung<\/strong><br \/>\nUnter dem Eindruck der verheerenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg und dem weiter schwelenden Konflikt zwischen Ost und West sollte die Erkl\u00e4rung einen v\u00f6lkerrechtlichen Leitfaden darstellen, der eine Art Weltfrieden schaffen sollte.<\/p>\n<p>Doch schon damals waren die Gr\u00e4ben tief, so dass die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte nicht als Vertrag, sondern lediglich als allgemeine unverbindliche Erkl\u00e4rung der Menschenrechte verabschiedet wurde. Mit der Verabschiedung der Erkl\u00e4rung keimte in vielen L\u00e4ndern jedoch die Hoffnung auf, dass diese Menschenrechtserkl\u00e4rung zu einer Verbesserung rund um den Globus f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Doch die Realit\u00e4t im Jahr 2022 sieht anders aus. Die <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/umfrage-der-woche-olympia-schauen-oder-boykottieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Olympischen Winterspiele<\/a> finden in <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/china-dating-app-grindr-aus-app-stores-gestrichen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">China<\/a> statt. Die Idee der Olympischen Spiele sollte die Menschen friedlich zusammenbringen. Das st\u00e4rkste Signal sollte die weltweite Waffenruhe w\u00e4hrend der Spiele sein. Pierre Coubertin, der P\u00e4dagoge und Initiator der modernen Spiele, sah darin eine M\u00f6glichkeit zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p><strong>Gigantomanie und Profitorientierun<\/strong>g<br \/>\nDas olympische Komitee der Jetztzeit interessiert sich weniger f\u00fcr solche Ideen. Gebeutelt von diversen Korruptionsvorw\u00fcrfen, geblendet von Gigantomanie und Profitorientierung wurden die Spiele 2015 an China vergeben. Viele demokratische Staaten hatten zuvor abgewunken, weil die Spiele heute vor allem Umweltsch\u00e4den und Millionenverluste durch gigantische Sportst\u00e4tten, die sp\u00e4ter niemand mehr braucht, bedeutet.<\/p>\n<p>China sieht in den Spielen eine Chance zur Verbesserung seines Images und ist daher gern bereit, gigantische Summen auszugeben, um Sportst\u00e4tten auch gern einmal in Naturschutzgebieten und unter Verdr\u00e4ngung der Bev\u00f6lkerung zu bauen. Das Volk hat darin keine Stimme und wird ausgeschlossen. Die weltweite Pandemie spielt den Machthabern in China sogar in die H\u00e4nde, denn Corona erlaubt es dem Regime, die Spitzensportler*innen und ihre Betreuenden von der Bev\u00f6lkerung fern zu halten. Mit der ganzen H\u00e4rte eines autorit\u00e4ren Regimes werden Kontrollsysteme aufgebaut, Journalist*innen eng \u00fcberwacht, den Sporttreibenden unverhohlen gedroht, die Konsequenzen zu tragen, wenn sie frei ihre Meinung \u00e4ussern.<\/p>\n<p>Nach chinesischem Recht k\u00f6nnen sie daf\u00fcr in Haft genommen werden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Artikel f\u00fcr Artikel verst\u00f6sst China gegen die Menschenrechte. Sie verfolgen Menschen aufgrund ihrer Herkunft, politischer Anschauungen oder Religion. Berichte \u00fcber die Unterdr\u00fcckung der muslimischen Minderheit der Uigur*innen und ihr Eingreifen in Tibet und Hongkong sind die offensichtlichen Verst\u00f6sse. In den letzten Jahren ist die Unterdr\u00fcckung der Meinungsfreiheit immer unverhohlener Praxis. Willk\u00fcrlich werden Andersdenkende verfolgt, Internet und Presse zensiert.<\/p>\n<p>Freiheitsrechte wie die Versammlungs-, Vereinigungs-, Religions- und Reisefreiheit sind stark eingeschr\u00e4nkt. Folter ist zwar offiziell verboten, aber es gibt durch Amnesty International belegte Berichte, dass Polizist*innen Gest\u00e4ndnisse durch Folter erzwingen. Andersdenkenden droht sogar die Todesstrafe.<\/p>\n<p><strong>Schwierige Lage f\u00fcr LGBTIQ<\/strong><br \/>\nF\u00fcr die LGBTIQ-Community ist der Alltag ebenso nicht sicher. Zwar ist Homosexualit\u00e4t nicht offiziell illegal und sie wurde 2001 auch von der Liste der psychischen Krankheiten genommen. Da das Regime aber alle Menschen, die von der Norm abweichen, misstrauisch be\u00e4ugt und auch unter ihre Kontrolle bringen will, werden zunehmend queere Medien verboten.<\/p>\n<p>Die Internetplattform \u00abLGBT Rights Advocacy China\u00bb ging im November 2021 offline (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/lgbtiq-organisation-in-china-stellt-den-betrieb-ein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>). Sie vertrat die Rechte schwuler, lesbischer, bisexueller und transgeschlechtlicher Chines*innen. Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen Vorgang wagten die Betroffenen nicht. Unternehmen wie Coca-Cola, Starbucks, H&amp;M, L\u2019Or\u00e9al und TikTok, die in anderen L\u00e4ndern durchaus eine Politik der Vielfalt und Inklusion f\u00fcr ihre Mitarbeitenden eingef\u00fchrt haben, lassen sich von den riesigen Gewinnchancen blenden und verzichten auf diese Freiheiten f\u00fcr ihre Niederlassungen in diesem Land.<\/p>\n<p>In China sind LGBTIQ-Personen besonders heftigen Diskriminierungen ausgesetzt. Hauptsponsoren der Olympischen Spiele wie Coca-Cola dulden das widerspruchslos.\u00a0 Die Kampagne \u00abAll Out\u00bb \u2013 eine globale Bewegung, die sich f\u00fcr LGBTIQ-Rechte einsetzt \u2013 hat sich mit chinesischen Aktivist*innen zusammengetan, um die Weltunternehmen \u00f6ffentlich an ihre Sorgfaltspflicht gegen\u00fcber ihren LGBTIQ-Besch\u00e4ftigten zu erinnern, denn diese international agierenden Unternehmen k\u00f6nnten den Weg ebnen, die harte Linie der chinesischen Gesellschaft und der politischen F\u00fchrung gegen\u00fcber LGBTIQ-Personen aufzuweichen. Denn diese Atmosph\u00e4re der Angst f\u00fcr diese Personen f\u00fchrt dazu, dass sich nur wenige Menschen aus der LGBTIQ-Community gegen\u00fcber ihrer Familie outen und noch weniger von ihnen sich am Arbeitsplatz zu ihrem Anderssein bekennen.<\/p>\n<p><strong>Athlet*innen zahlen Preis<\/strong><br \/>\nWir wissen davon. Es reicht also nicht, den Fernseher auszuschalten, wenn das Logo der Olympischen Spiele auftaucht. Ebenso wie 1936 bieten die Olympischen Spiele einem Unrechtsstaat eine internationale B\u00fchne. Der Motor f\u00fcr diesen Missstand ist die Kommerzialisierung des internationalen Sports. Dem olympischen Komitee und der Sportartikelindustrie sowie anderen weltweit operierenden Unternehmen ist es offensichtlich wichtiger, einen riesigen neuen Markt zu erschliessen.<\/p>\n<p>Den Preis zahlen die Sportler*innen, die jahrelang hart trainieren, um in diesem einzigartigen internationalen Vergleich eine Medaille zu gewinnen. Sie m\u00fcssen sich nicht nur von wie Aliens verkleideten chinesischen \u00abBetreuenden\u00bb rumkommandieren und im Ernstfall in Hotelzimmer sperren lassen, sie geraten auch ideologisch zwischen die Fronten. Folgen sie ihrem Traum, verraten sie vermeintlich die gute Sache. Schliessen sie sich einem Boykott an, verlieren sie das Ziel ihres jahrelangen Trainings.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4mpfen bei der Vergabe<\/strong><br \/>\nDoch nicht die Athlet*innen sind die, die auf die Anklagebank geh\u00f6ren. Wenn die olympischen Funktion\u00e4r*innen aufh\u00f6ren w\u00fcrden, aus lauter Geld- und Prestigegier nach der Pfeife autorit\u00e4rer Herrscher zu tanzen, w\u00fcrden die Sporttreibenden auch nicht immer in dieses moralische Dilemma geraten, denn auch die Sporttreibenden haben Anspruch auf Artikel 7 der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte: \u00abAlle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen die Erkl\u00e4rung verst\u00f6sst, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.\u00bb<\/p>\n<p>Wenn wir auf die Situation der LGBTIQ-Community in China aufmerksam machen wollen, dann sollten wir genau darauf hinweisen und nicht mit dem Finger auf die Athlet*innen zeigen. Und bei der n\u00e4chsten Vergabe der Spiele sollten wir alle darum k\u00e4mpfen, dass diese in einem Land stattfinden, in dem die Menschenrechte und der Schutz von LGBTIQ-Personen mehr als nur auf dem Papier existieren, in dem der Sport betrieben werden kann, ohne Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben und die Natur zu zerst\u00f6ren und in dem im besten Fall die neuen Sportst\u00e4tten der Bev\u00f6lkerung zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Aber anfangen sollten wir damit, korrupte und LGBTIQ-feindliche Sportfunktion\u00e4r*innen aus ihrem Amt zu vertreiben.<\/p>\n<p><em>*Jeden Samstag ver\u00f6ffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsl\u00e4ufig die Meinung der Redaktion wider.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#Peking 2022: \u00abAnfangen sollten wir damit, korrupte und #LGBTIQ-feindliche Sportfunktion\u00e4r*innen aus ihren \u00c4mtern zu vertreiben\u00bb, schreibt Ahima Beerlage in ihrem Samstagskommentar.  <a class=\"g1-link g1-link-more\" href=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/olympia-2022-es-reicht-nicht-den-fernseher-auszuschalten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2215,"featured_media":130442,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3270],"tags":[414,5543],"wps_subtitle":"Ahima Beerlage macht sich Gedanken zu den Spielen in Peking","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130436"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2215"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=130436"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130436\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":130441,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130436\/revisions\/130441"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media\/130442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=130436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=130436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=130436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}