{"id":130212,"date":"2022-02-09T11:49:36","date_gmt":"2022-02-09T10:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=130212"},"modified":"2022-02-11T11:55:48","modified_gmt":"2022-02-11T10:55:48","slug":"geflohen-aus-russland-ein-priester-wuenschte-ihm-den-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/geflohen-aus-russland-ein-priester-wuenschte-ihm-den-tod\/","title":{"rendered":"Geflohen aus Russland: Ein Priester w\u00fcnschte ihm den Tod"},"content":{"rendered":"<h3>Das Verh\u00e4ltnis des Westens zu Russland ist extrem angespannt. Aber auch im Land selbst rumort es. Jeder f\u00fcnfte Russe m\u00f6chte laut Umfragen im Ausland leben. Viele Intellektuelle zieht es vor allem nach Berlin. Wie Nikolai, der von Petersburg nach Pankow kam.<\/h3>\n<p>Von Anne-B\u00e9atrice Clasmann und Verena Schmitt-Roschmann, dpa<\/p>\n<p>Es war nach Beginn der Ukraine-Krise 2014, als sich die Reihen um Nikolai Ivanov lichteten. \u00abEines Tages fiel mir auf, dass fast mein gesamter Bekanntenkreis weg war &#8211; vielleicht 80 Leute, alle ausgewandert nach Frankreich, in die USA, nach Deutschland, Israel, Kanada, Australien\u00bb, sagt der 48-j\u00e4hrige Kunsthistoriker aus St.Petersburg. \u00abDann habe ich mich selbst entschlossen, nach Deutschland zu ziehen, und ich fand alle, die ich in St. Petersburg verloren hatte, hier in Berlin wieder.\u00bb<\/p>\n<p>Journalisten, Schriftsteller, Theatermacher, K\u00fcnstler, Soziologen, IT-Fachleute &#8211; Nikolai kennt nach eigenen Worten Hunderte Russen, die wie er selbst wegen politischen Drucks oder eines vergifteten Klimas unter Pr\u00e4sident Wladimir Putin nach Deutschland zogen, vor allem nach Berlin. Die j\u00fcngste Zuspitzung in der Ukraine-Krise und neue Repressalien gegen Oppositionelle wie Alexej Nawalny oder die Organisation Memorial k\u00f6nnten die Zahlen weiter in die H\u00f6he treiben, sagt die Soziologin Daria Skibo, die die \u00abneue politische Immigration\u00bb in einer Studie beleuchtet hat.<\/p>\n<p>Schon sprechen einige von einem Exodus der russischen Elite. Vergleiche werden gezogen zu den 1920er Jahren, als es nach der Oktoberrevolution Zehntausende aus der Sowjetunion ins Berliner Exil zog und sich Charlottenburg in \u00abCharlottengrad\u00bb verwandelte. \u00abJunge<br \/>\nMenschen haben heute in Russland nur noch zwei M\u00f6glichkeiten: auswandern oder still sein\u00bb, sagte die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Herta M\u00fcller gerade dem <em>Spiegel.<\/em> In einer Erhebung des Lewada-Instituts von 2021 \u00e4usserten 22 Prozent der befragten Russen den Wunsch, dauerhaft im Ausland zu leben. Bei den 18- bis 24-J\u00e4hrigen waren es sogar 48 Prozent. Aber wie viele gehen wirklich und warum?<\/p>\n<p>Offizielle Statistiken sagen dazu wenig. Die Zahl der Asylbewerber aus der Russischen F\u00f6deration ist sogar gesunken. Stellten 2018 noch 5282 russische Staatsb\u00fcrger in Deutschland einen Asylantrag, so waren es im Jahr darauf nur noch 4464. Im Pandemiejahr 2020 z\u00e4hlte das Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge gerade mal 146 Antr\u00e4ge. Im vergangenen Jahr, als die Einreise wieder etwas einfacher war, waren es 2314 Antr\u00e4ge.<\/p>\n<p>In Berlin melden sich seit 2012 &#8211; dem Jahr grosser Anti-Putin-Proteste in Russland &#8211; j\u00e4hrlich etwa 2000 Russen neu an, mit leichten Schwankungen. 2019 kamen 2079. Insgesamt sind nach Angaben des Landesstatistikamts knapp 28 000 russische Staatsb\u00fcrger in Berlin gemeldet. Ist das der \u00abPutin-Exodus\u00bb, den der Atlantic Council schon 2019 beschrieb?<\/p>\n<p>\u00abVon denjenigen, die nach 2012 gekommen sind, wird der Mangel an politischer Freiheit h\u00e4ufiger als Grund genannt\u00bb, sagt F\u00e9lix Krawatzek vom Zentrum f\u00fcr Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin. Das gelte nicht nur f\u00fcr Asylbewerber, sondern auch f\u00fcr Migrationsentscheidungen von Wissenschaftlern, Studierenden oder Russen, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen.<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe eine Menge verloren &#8211; Geld, meine Sprache.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00abDas Aufkommen politischer russischer Migranten wird wahrscheinlich untersch\u00e4tzt\u00bb, weiss auch die Soziologin Skibo. \u00abGrund sind die unkonventionellen Wege der Immigration, etwa \u00fcber Berufs- oder Bildungsvisa, die sp\u00e4ter in dauerhaftes Bleiben umgewandelt werden.\u00bb Die 31-J\u00e4hrige kam selbst 2019 als Stipendiatin der Humboldt-Stiftung nach Deutschland. Jetzt hat sie ein Master-Studium an der Freien Universit\u00e4t begonnen. Zur\u00fcck gehen werde sie wohl nicht, sagt Skibo.<\/p>\n<p>Nikolai Ivanov zog vor vier Jahren nach Berlin und erhielt nach eigenen Worten gleich eine Aufenthaltsgenehmigung als Freiberufler. Der Kunsthistoriker schreibt hier Kataloge f\u00fcr russische Museen, Artikel, Gutachten f\u00fcr russische K\u00fcnstler, die in der Heimat wegen ihrer Kunst mit dem Gesetz in Konflikt geraten. \u00abIch habe eine Menge verloren &#8211; Geld, meine Sprache\u00bb, sagt Nikolai beim Treffen in einem Charlottenburger Caf\u00e9. Aber nostalgische Gef\u00fchle? \u00ab\u00dcberhaupt nicht.\u00bb<\/p>\n<p>Es war das politische Klima, das ihn zum Aufbruch bewog. Der Nationalismus nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014. Die von ihm so empfundene Selbstzensur an der Uni, wo er als Dozent arbeitete. Die Anfeindungen gegen ihn als Homosexuellen. 2013 kam in Russland das Gesetz gegen sogenannte homosexuelle Propaganda. (<a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/europarats-gremium-kritisiert-russlands-homosexuellen-gesetze-scharf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>) (Die Ehe f\u00fcr homosexuelle Paare ist in dem Land verboten \u2013\u00a0 <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/parlamentarierin-bezeichnet-putins-eheverbot-als-irrsinnig\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MANNSCHAFT berichtete<\/a>)<\/p>\n<p>Eines Tages, so berichtet es Nikolai, h\u00e4tten Nachbarn \u00abP\u00e4derast\u00bb auf seine T\u00fcr geschmiert. Bekannte h\u00e4tten sich abgewandt, ein fr\u00fcher befreundeter Priester ihm sogar den Tod gew\u00fcnscht. \u00abDas ist ein Grund, warum ich Russland verlassen habe.\u00bb<\/p>\n<p>Dmitri Stratievski vom Osteuropa-Zentrum Berlin weiss, dass politische und wirtschaftliche Gr\u00fcnde nicht leicht zu trennen sind. Aber: \u00abSelbst einige &#8218;Politikferne&#8216; verbinden inzwischen ihre Unzufriedenheit mit der innen- und au\u00dfenpolitischen Entwicklung des Landes, mit dem schlechten Management und Verwaltungsgeschick der Regierenden und treffen einmal ihre Entscheidung, Russland den R\u00fccken zu kehren.\u00bb<\/p>\n<blockquote><p>Die Atmosph\u00e4re wurde wirklich schlimm.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Mikhail Kaluzhskii kam der Bruch ebenfalls zu Beginn der Ukraine-Krise 2014. \u00abMeine Frau und ich entschlossen uns wegzugehen, weil die Atmosph\u00e4re wirklich schlimm wurde\u00bb, sagt der 54-j\u00e4hrige Journalist. In Moskau hatte er f\u00fcr ein Theaterprogramm des Sacharow-Zentrums gearbeitet, das \u00fcber Repression zu Sowjetzeiten aufkl\u00e4rt. Dort habe es \u00abst\u00e4ndige Anfeindungen\u00bb gegeben, sagt Mikhail. Als das K\u00fcnstlervisum f\u00fcr Berlin auf sich warten liess, siedelte das j\u00fcdische Paar zun\u00e4chst nach Israel \u00fcber. 2015 erhielt seine Frau die Einladung zu einem Wissenschaftsprojekt an der FU Berlin. So landeten sie in Friedrichshain.<\/p>\n<p>Sohn und Tochter seien voll integriert und spr\u00e4chen fliessend deutsch, sagt Mikhail. Er selbst f\u00fchrt das Gespr\u00e4ch lieber auf Englisch. Seine Arbeit als freier Journalist ist nicht gerade einfach, manchmal plagen ihn Geldsorgen. \u00abAber jedes Mal, wenn ich klagen m\u00f6chte, sage ich mir, daf\u00fcr gibt es keinen Grund.\u00bb Die Frage sei doch: \u00abWas w\u00fcrde ich jetzt in Moskau tun?\u00bb<\/p>\n<p>ZOiS-Experte Krawatzek best\u00e4tigt, dass etliche Migranten aus Russland sich in Deutschland schwer tun. Die Gruppe ist auch alles andere als einheitlich: etwa 1,2 Millionen Menschen, darunter auch Sp\u00e4taussiedler, j\u00fcdische Zuwanderer und Arbeitsmigranten. Viele kommen \u00fcber den Weg der Familienzusammenf\u00fchrung. Wenn Sprachkenntnisse oder Qualifikationen fehlten, l\u00e4gen berufliche Pl\u00e4ne oft brach, sagt Krawatzek. Oft bleiben Niedriglohnsektor oder Minijobs. Rund 90 000 russische Staatsb\u00fcrger sind in Deutschland sozialversicherungspflichtig besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><strong>Russ*innen unter 25 sollen ohne Visa kommen d\u00fcrfen<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr Intellektuelle und Studierende ist Deutschland aber trotz der Sprachbarriere Zielland Nummer eins, vor Tschechien, den USA und Grossbritannien. K\u00fcnftig k\u00f6nnte es f\u00fcr junge Leute einfacher werden, denn die Ampel-Koalition will f\u00fcr Russen unter 25 die Visapflicht abschaffen. Laut offizieller Statistik sind \u00fcbrigens mehr als zwei Drittel der russischen Bildungsmigranten weiblich.<\/p>\n<p>Dass schon viele Landsleute hier sind, macht es gerade in Berlin leichter. Russische Superm\u00e4rkte, Kulturzentren, Theater: Die Russkij Berlin City Map zeigt ein dichtes Netz. Auch muss, wer nach Deutschland \u00fcbersiedelt, sich nicht v\u00f6llig von der Heimat trennen. Moskau oder St. Petersburg sind nur zwei bis drei Flugstunden entfernt.<\/p>\n<p>Nikolai Ivanov fliegt regelm\u00e4ssig zur\u00fcck, um seine Mutter zu besuchen. \u00abIch habe den Eindruck, ich lebe immer noch in St. Petersburg\u00bb, sagt der Russe aus Pankow, \u00abnur in einem sehr entlegenen Bezirk.\u00bb<\/p>\n<p><strong>LGBT-Set hilft queeren Menschen, setzt sich f\u00fcr Aufkl\u00e4rung ein und sammelt Beweise in F\u00e4llen von Diskriminierung der Community. K\u00fcrzlich wurden sie vom russischen Justizministerium als \u00abausl\u00e4ndischer Agent\u00bb eingestuft <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/russland-stuft-lgbtiq-verein-als-auslaendischen-agent-ein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(MANNSCHAFT berichtete)<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis des Westens zu #Russland ist extrem angespannt. Aber auch im Land selbst rumort es. Jeder 5. m\u00f6chte im Ausland leben. 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