{"id":129940,"date":"2022-02-08T08:16:00","date_gmt":"2022-02-08T07:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mannschaft.com\/?p=129940"},"modified":"2024-09-23T15:43:55","modified_gmt":"2024-09-23T13:43:55","slug":"lima-sex-und-mein-schwuler-onkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/lima-sex-und-mein-schwuler-onkel\/","title":{"rendered":"Lima, Sex und mein schwuler Onkel"},"content":{"rendered":"<h3>Schriftsteller Donat Blum nimmt dich auf eine pers\u00f6nliche Reise nach Lima zu seinem Onkel, der seinen queeren Horizont erweiterte.<\/h3>\n<p>Text: Donat Blum<\/p>\n<p><em>Geschichten sind f\u00fcr uns Queers von besonderer Bedeutung. Doch wir lernen, sie nicht zu erz\u00e4hlen, wachsen auf in einer Gesellschaft, die uns manchmal wortw\u00f6rtlich sagt und \u00f6fter nur suggeriert, wir sollten unser sogenanntes Privatleben, unsere Sexualit\u00e4t, unsere Geschlechtsidentit\u00e4t, unsere Gendersternchen und unsere Lust nicht an die grosse Glocke h\u00e4ngen. <\/em><\/p>\n<p><em>Im folgenden Text werde ich daher das Gegenteil tun. Ich werde queere Geschichte erz\u00e4hlen und ich werde pers\u00f6nlich. Ich mache das, was Michelle Obama in der Dokumentation \u00abBecoming\u00bb einer Gruppe marginalisierter Jugendlichen r\u00e4t: \u00abShare our stories, our real stories, that\u2019s what breaks down barriers. But in order to do that you have to believe it has value and dare to be vulnerable.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Vor drei Jahren bin ich zum ersten Mal nach Peru gereist. Mein Beziehungsmensch-seit-10-Jahren hatte mich dazu \u00fcberredet: \u00abLass uns deinen Onkel besuchen, solange es noch geht!\u00bb<\/p>\n<p>Seit den 80er-Jahren lebt mein Onkel in Peru. In der Schweiz haben wir uns nur einige wenige Male getroffen. Die Beziehung blieb distanziert. Nach S\u00fcdamerika hat es mich nie gezogen. Erst recht nicht nach Peru.<\/p>\n<p>Meine inneren Bilder von jenem Land waren braun, wie die Alpakapullover und Fotos, die uns mein Onkel an Weihnachten schickte, als ich noch ein Kind war und Braun von verfaulten Fr\u00fcchten kannte oder den Momenten, in denen ich beim Malen die Geduld verlor und alle Farben durcheinanderpampte.<\/p>\n<p>Und die inneren Bilder von <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/peru-lgbtiq-das-land-ist-auf-dem-richtigen-weg\/\">Peru<\/a> rochen muffig. So muffig, wie es aus seinem Koffer roch und aus den Weihnachtspaketen, die uns mein Onkel schickte. Ein Geruch von feuchter Erde, von Keller oder von ungewaschenen Hundehaaren.<\/p>\n<p>Meine Nahbeziehung-seit-10-Jahren schlug also einen Besuch bei meinem Onkel und seinem Partner vor, und ich stimmte zu, weil ich wusste, dass sich Bilder ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, wenn man sich dem Befremdlichen stellt.<\/p>\n<p>Ein Vorgang, der mich sp\u00e4testens seit dem Coming-out faszinierte: Selten ist etwas tats\u00e4chlich so, wie man es erwartet hat, wie es einem verinnerlichte Normen diktieren. Macht man sich dann die M\u00fche, verinnerlichten Bilder durch neue zu ersetzen, die besser passen, winkt als Belohnung die Kraft der Befreiung, die Lust der Emanzipation.<\/p>\n<p>Lange dachte ich beispielsweise, ich k\u00f6nne nur einen Menschen lieben und nur eine Beziehung f\u00fchren, bis ich mir das Gegenteil erlaubte. Oder ich k\u00f6nne gar nicht schwul sein, weil ich doch einmal Frau und Kind haben wolle. Oder ich dachte, zum Schwulsein geh\u00f6re die Trauer dar\u00fcber dazu, im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit allein im Schaukelstuhl vor dem Fernseher zu sitzen. Eine queere Urangst, die niemand so sch\u00f6n besungen hat, wie Anohi als Antony and the Johnson in \u00abHope there\u2019s someone\u00bb.<\/p>\n<p>Aber dann kam die erste von drei Reisen nach Lima.<\/p>\n<p>Lima liegt am Meer und mitten in der W\u00fcste, daher die hohe Feuchtigkeit, die Pullover und Fotos muffeln liess. Es ist tats\u00e4chlich eine braune Stadt. Schaut man jedoch genauer hin, lassen sich mit jedem neuen Blick weitere Farben erkennen, aus denen sich das Braun zusammensetzt: ein \u00fcber hundertj\u00e4hriger Park voller Olivenb\u00e4ume, Pyramiden, auf denen das Matriarchat zelebriert wurde, und viele, viele Menschen, die mit ihrer Stadt nicht angeben, aber sie auf eine unaufgeregte Art durchaus lieben. Die H\u00e4lfte des Jahres wird die Stadt von einer Nebeldecke bedeckt, die aber leicht und flauschig ist und sowohl vor Hitze als auch vor K\u00e4lte sch\u00fctzt. Es wird wohl deutlich: Lima fehlt mir mittlerweile, sobald ich die Stadt verlassen habe, wie die Geborgenheit der Daunendecke, wenn ich morgens zu fr\u00fch aus dem Bett gerissen werde. Ich will nichts so sehr, wie zur\u00fcck. Die Sehnsucht packt mich im Moment, da ich ins Flugzeug zur\u00fcck nach Europa steige. W\u00e4re es nicht mein Onkel, w\u00fcrde ich sagen, ich habe mich verliebt. In die Stadt. Und in ihn:<\/p>\n<p>Kaum je habe ich einen Menschen seines Alters so oft lachen gesehen oder schelmisch schmunzeln, wenn er sich \u00fcber altbackene Leute oder die Schweiz lustig machte, in der die Norm zu gelten schien, dass man sp\u00e4testens nach der Geburt des zweiten Kindes nichts mehr zu lachen haben solle. Oder sich \u00fcbers ganze Gesicht strahlend freuen: \u00dcber eine Fischplatte, die viel zu \u00fcppig war f\u00fcr den schm\u00e4chtigen 75-j\u00e4hrigen Mann. Oder \u00fcber das Wiedersehen mit dem Kellner, der ihn und seinen Partner mit Namen begr\u00fcsste. \u00dcber den Pisco Sour und die Ceviche, die in der N\u00e4he des Hafens von Lima, in Callao, noch einen Tick frischer war als sonst. \u00dcber den Wein, der nur selten gut ist in Peru. Und \u00fcber den Umstand, mit seinem Neffen und dessen Lover, den er erst gerade kennen gelernt hatte, in seinem Lieblingsrestaurant im alten Hafen von Callao zu sitzen.<\/p>\n<p>Oder \u00fcber das Kunstzentrum, das nebenan von einer Gruppe junger Architekt*innen er\u00f6ffnet worden war, in einem alten Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4ude mit einer Jugendstil\u00adgalerie nach Pariser Art, dessen L\u00e4den zu Ausstellungsr\u00e4umen und Ateliers umfunktioniert worden waren: Der Aufbruch, der von dem lebendigen Kunsthaus inmitten der heruntergekommenen Gegend des alten Hafens ausging, sprang ungefiltert auf meinen Onkel \u00fcber, der durch die Ausstellungsr\u00e4ume tippelte, von Bild zu Bild, von Atelier zu Atelier, und sich vor Staunen nicht mehr einkriegen konnte. Ein 75-j\u00e4hriger Mann mit strahlendem Gesicht, ganz aus dem H\u00e4uschen, erfasst von einer Freude, die ich so bisher nur von Kindern kannte. Eine Freude, die vor dem Hintergrund, dass sein Leben eigentlich genug Anlass zum Gegenteil geboten h\u00e4tte, noch st\u00e4rker wirkte:<\/p>\n<p>Sein erster langj\u00e4hriger Freund, mit dem er in den peruanischen Anden, als \u00abonly gay in the village\u00bb, zusammengelebt hatte, war \u00fcber Nacht verschwunden, weil er sich in seiner Abwesenheit mit HIV infiziert hatte, wie meine Onkel erst Monate sp\u00e4ter erfuhr, als der Freund an AIDS starb. Mein Onkel war in ein Land ausgewandert, in dem damals mehr als 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Armut lebten. Und auch mein Onkel, Mitarbeiter bei einer NGO, verdiente nicht mehr als 100 bis 200 Franken im Monat. Geld, das aufgrund der Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Inflation, \u00fcber Nacht seinen ganzen Wert verlieren konnte. Reichte es an einem Tag f\u00fcr die Mahlzeiten des ganzen Monats, liess sich am n\u00e4chsten Tag damit nicht mal mehr eine Gl\u00fchbirne erwerben. Aber das ist noch nicht alles: Neben einem Diktator hatten es gleich zwei Terrororganisation auf alle, die mit der Regierung zusammenarbeiteten, abgesehen. Insbesondere auch auf ausl\u00e4ndische Mitarbeiter von NGOs, Homosexuelle und trans Menschen, die sie gerne \u00f6ffentlichkeitswirksam inhaftierten, folterten und grausam hinrichteten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_129949\" aria-describedby=\"caption-attachment-129949\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel.jpg\"><img data-expand=\"600\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"lazyload size-full wp-image-129949\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 900 600'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/mannschaft.com\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel.jpg 900w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-300x200.jpg 300w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-425x283.jpg 425w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-768x512.jpg 768w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-180x120.jpg 180w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-561x374.jpg 561w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-265x177.jpg 265w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-531x354.jpg 531w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-364x243.jpg 364w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-728x485.jpg 728w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-608x405.jpg 608w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-758x505.jpg 758w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-72x48.jpg 72w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-144x96.jpg 144w, https:\/\/alte.mannschaft.lgbt\/bimber\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/lima-sex-mein-onkel-400x267.jpg 400w\" data-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-129949\" class=\"wp-caption-text\">Im queeren Alltag vermisst Donat Blum Lebensentw\u00fcrfe wie derjenige seines Onkels. (Illustration: Sascha D\u00fcvel)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was mich ber\u00fchrte, was aber nicht nur, dass sich mein Onkel trotz allen Widrigkeiten seine kindliche Freude bewahrt zu haben schien, sondern noch etwas ganz Anderes: Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der er mich zu verstehen schien und mich nahm, wie ich war \u2013 etwas, das ich davor so noch nie bei irgendeiner Person erlebt hatte.<\/p>\n<p>Das mag insofern wenig erstaunen, als sich mein Onkel und ich doch einen Grossteil unserer Sozialisierung teilen: Seine Eltern nahmen als meine Grosseltern einen wichtigen Platz in meinem Leben ein, sein Bruder ist mein Vater, und der hier entscheidende Punkt: Wir sind beide schwul, beide queer, und haben uns entschlossen, das weitgehend ohne Scham und so gut es geht mit Freude auszuleben.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz \u00fcberkam mich auch ihm gegen\u00fcber Scham, als meine Nahbeziehung und ich auf der ersten Reise nach Lima auch das Datingleben der Stadt erkunden wollten. Wir konnten zwar davon ausgehen, dass mein Onkel wusste, dass wir promisk und gegebenenfalls <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/polyamorie-es-fing-damit-an-dass-ich-merkte-dass-ich-bisexuell-bin\/\">polyamor lebten<\/a>, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass das jemand aus meiner Geburtsfamilie wertfrei akzeptieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Also stahlen wir uns wie Teenager aus der Wohnung meines Onkels, um uns mit einem Date in einem Stundenhotel zu treffen. Ein d\u00fcsterer Ort, wo der Rezeptionist hinter einer Panzerglasscheibe sass, die so dick war, dass nicht mal sein Gesicht zu erkennen war, geschweige denn, ob er guthiess, dass hier drei in seinen Augen M\u00e4nner eincheckten. Der Zimmerboden war noch feucht vom Nasswischen. Offenbar hatten sich erst vor wenigen Minuten noch andere G\u00e4ste im Zimmer und auf der roten Latexmatratze vergn\u00fcgt, die immer weiter unter dem Bettlaken zum Vorschein kam, das nach wenigen zaghaften Bewegungen so weit verrutscht war, dass ich, mittlerweile durch und durch von Scham gel\u00e4hmt, Forfait erkl\u00e4ren musste.<\/p>\n<p>Mit zunehmendem Vertrauen wurde ich meinem Onkel gegen\u00fcber aber immer lockerer. Zu Beginn der zweiten Reise beendete ich S\u00e4tze, die R\u00fcckschl\u00fcsse auf mein <a href=\"https:\/\/mannschaft.com\/tag\/dating\/\">Datingverhalten<\/a> zuliessen, zwar noch mit einem Punkt: \u00abIch gehe tanzen. Punkt.\u00bb Damit ich nicht in die Situation kommen w\u00fcrde, erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen mit wem und wie ich diese Person kennen gelernt hatte (online, auf Grindr oder Tinder). Erz\u00e4hlte meinem Onkel aber schliesslich von Jean, als ich mit diesem einige Tage in eine Oase ausserhalb der Stadt fahren wollte. Worauf mein Onkel ohne zu Z\u00f6gern und ohne jegliche Skepsis so reagierte, wie ich es niemals von einer 40 Jahre \u00e4lteren Person erwartet h\u00e4tte: Er begann mir Tipps zu geben, wie der Ausflug besonders romantisch werden k\u00f6nnte. Und schlug nach meiner R\u00fcckkehr nach Lima vor, doch auch Jean zum oben beschriebenen Ausflug in den alten Hafen von Callao einzuladen, falls das stimmig sein sollte f\u00fcr die Art, wie er und ich uns treffen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Callao ist die mit Lima verschmolzenen Nachbarstadt, vor der die kleine Halbinsel La Punta in den Atlantik ragt. An deren Spitze befindet sich zwar ein Milit\u00e4rsperrgebiet, wo in einem Keller, \u2013 \u00abeinem Loch\u00bb, wie mein Onkel betonte \u2013 Guzman bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen geschmort hatte. Guzman war der Anf\u00fchrer der sekten\u00e4hnlichen kommunistisch-nationalistischen Terrororganisation \u00abSendero Luminoso\u00bb, vor der auch mein Onkel als schwuler Ausl\u00e4nder \u00fcber Nacht aus den Anden hatte fl\u00fcchten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Lange galt die Gegend um den alten Hafen als eine der gef\u00e4hrlichsten Grosslimas. Was in den heruntergekommenen Gassen, die vom zentralen, heute gut gepflegten Platz abgehen, noch gut an den abgebrannten und ausgeweideten Autos zu erkennen ist. An den eingeschlagenen Fenstern. Den br\u00f6ckelnden Fassaden. Und an den Holz\u00aderkern, die verwittert und niedergeschlagen dicht \u00fcber dem Abgrund h\u00e4ngen. Abgesehen von dem Fischrestaurant und dem neu er\u00f6ffneten Ausstellungsgeb\u00e4ude herrscht noch immer eine d\u00fcstere Atmosph\u00e4re wie aus Abenteuerromanen, wo H\u00e4fen die liederlichsten Gegenden der St\u00e4dte sind, wo Saufkumpane von Kneipe zu Kneipe ziehen, bevor sie in einem Bordell landen oder sich einen Anker auf den Arm t\u00e4towieren lassen.<\/p>\n<p>Heute ist das Zentrum um dieses Restaurant und das neue Ausstellungsgeb\u00e4ude eine der sch\u00f6nsten Gegenden Grosslimas. Und zusammen mit der Halbinsel La Punta eines der Lieblingsausflugsziele meines Onkels und seines Partners. Auf der einem Seite der Halbinsel pl\u00e4tschert der sonst sehr raue Pazifik lieblich sanft an einen Badestrand, w\u00e4hrend die andere, wildere Seite zum Naturschutzgebiet erkl\u00e4rt worden ist, in dem V\u00f6gel aus der ganzen Welt einen ruhigen, friedlichen Ort zum Innehalten finden mitten im Chaos und Staub der Stadt.<\/p>\n<p>Als wir dort zu viert den V\u00f6geln zuschauten, nahm mein Onkel seinen Partner pl\u00f6tzlich unauff\u00e4llig an der Hand und setzte sich mit ein paar schnelleren Schritten so von Jean und mir ab, dass auch wir uns an der Hand nehmen und mit Blick auf den Pazifik k\u00fcssen konnten.<\/p>\n<p>Es waren solche kleine Gesten, die mich ganz f\u00fcr meinen Onkel einnahmen, weil ich mich von ihm als das gesehen f\u00fchlte, was ich war und lebte. Ohne nachzufragen schien er zu sp\u00fcren, was ich brauchte, was wir brauchten. Und er schien offensichtlich zu wissen, dass es auch bei einer aller Wahrscheinlichkeit nach zeitlich begrenzten schwulen Beziehung nicht zwingend nur um Sex, sondern durchaus auch um Romantik und Liebe gehen konnte.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich gesehen. Und ich sah ihn, einen schwulen, queeren Menschen, der an der Hand seinen Partners vor uns herging. Ich sah mich in ihm. Ich sah, wie ich und mein Leben in 40 Jahren aussehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen begannen wir mehr und mehr dar\u00fcber zu reden, wie er an diesen Punkt gekommen war, wie er fr\u00fcher gedatet hatte und vielleicht noch immer datete und was f\u00fcr ihn Liebe, Sex und Beziehung bedeuteten. Er erz\u00e4hlte vom Cruisen vor Schmuckl\u00e4den in Frankfurt. Von einen jungen Mann, der ihn an einem der ersten Tage in Lima auf offener Strasse angesprochen hatte und zu einem Date einlud, worauf er wusste, dass das Leben als schwuler Mann in Lima lebenswert sein w\u00fcrde. Und von der unausgesprochen offenen Beziehung, die er und sein Partner seit 30 Jahren lebten.<\/p>\n<p>Im Verlauf dieser Gespr\u00e4che wurde mir klar, dass ich das Leben meines Onkels als Ausgangslage f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Roman nehmen wollte. Ich wollte meine und seine queere Geschichte erz\u00e4hlen. Und so reiste ich, als es Corona endlich wieder erlaubte, vor wenigen Wochen zum dritten Mal nach Lima. Dabei traf ich auf die K\u00fcnstler*in Germa Machuca. Germa erz\u00e4hlte mir, wie sie als Kind bei einem Volksfest in den Anden, zum ersten Mal auf \u00abTravestis\u00bb gestossen sei: M\u00e4nner, oder im Alltag als solche gelesene Personen, die sich im Rahmen des Volksfestes den verehrten Figuren entsprechend in aufw\u00e4ndig bestickten, bunten Frauenkleidern und goldigen Masken pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Germa war dieser Moment ein wegweisender. Sie sah, dass es eine M\u00f6glichkeit war, als peruanischer Mann bin\u00e4re Geschlechterrollen zu verlassen. Daraus entstand eine Performance, in deren Rahmen sie im Goethe-Institut in Lima in eben jenen aufw\u00e4ndig geschm\u00fcckten Kleidern als peruanische Gottheit auftrat. Mit Tr\u00e4nen in den Augen erz\u00e4hlte sie mir danach, wie viel es ihr bedeuten w\u00fcrde, uns queere Menschen in die Geschichte Perus und die Geschichte Perus in ihren queeren K\u00f6rper einzuschreiben und damit sichtbar zu machen, dass auch in Peru vor der Kolonialisierung noch viel mehr m\u00f6glich war als eine simple Mann\/Frau-Binarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Geschichten sind eine Form, uns mit unseren Vor- und Nachfahren in Verbindung zu setzen. Germa erfuhr damals als Kind und erlebte nun auch in der Arbeit f\u00fcr diese Performance wieder, dass wir queere Menschen existieren, dass es uns gibt und schon immer gab. Die Erz\u00e4hlungen und die Erlebnisse mit meinem Onkel gaben mir ein Perspektive und Hoffnung darauf, auch in Zukunft mit meiner Realit\u00e4t Teil sein zu k\u00f6nnen von dieser Welt. Und er war mir Vorbild, dass auch mir ein gl\u00fcckliches Leben im Alter zuteil werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl, das wenige Tage sp\u00e4ter, noch st\u00e4rker wurde, als ich abends aus dem G\u00e4stezimmer kam und sah, wie mein Onkel und sein Partner auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen waren: Der Kopf des Partners auf dem Schoss meines Onkels. Beide zufrieden laut schnarchend. Ein Bild, das ich, bevor ich meinen Onkel besser kennen gelernt hatte, f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten hatte. Nicht, weil mir die Fantasie daf\u00fcr gefehlt h\u00e4tte, sondern das emotionale Wissen darum: Zwei M\u00e4nner, die sich im Alter liebten, die gegenseitig ihre N\u00e4he suchten, so etwas hatte ich davor schlicht und einfach noch nie mit all meinen Sinnen erfahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schriftsteller Donat Blum nimmt dich auf eine pers\u00f6nliche Reise nach #Lima zu seinem Onkel, der seinen queeren Horizont erweiterte. 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